Kardinal Poupard: Die Ursachen für die Entfremdung des Menschen von Gott (Teil 1)

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur

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BUDAPEST, 11. Januar 2006 (ZENIT.org).- „Die Gründe für die Entfremdung des Menschen von Gott und somit für die Säkularisierung müssen im Inneren des menschlichen Herzens gesucht werden und nicht in den Errungenschaften der Menschheit“, erläuterte Kardinal Paul Poupard.



Der Präsident der Päpstlichen Räte für die Kultur und den Interreligiösen Dialog gewährte ZENIT Mitte Dezember am Rande eines internationalen Kongresses zum Thema „Europa in einer sich wandelnden Welt“ in der ungarischen Hauptstadt Budapest das folgende Interview.

Der erste Teil handelt von der Säkularisierung, der Beziehung zwischen der westlichen Zivilisation und der islamischen Welt und vom Türkeibesuch Benedikts XVI.

ZENIT: Der Niedergang der großen Religionen im 20. Jahrhundert und der große technische Fortschritt haben zum Verfall vieler Werte geführt, auf denen das spirituelle Gebäude der westlichen Welt errichtet worden war. Glauben Sie nicht, dass die Säkularisierung, die heute in ganz Europa gegenwärtig ist, das Gefüge dieser Gesellschaft schwächen wird?

--Kardinal Poupard: Wenn sie vom Niedergang der großen Religionen im 20. Jahrhundert sprechen, beziehen sie sich wahrscheinlich auf das Konzept des totalitären Staates. Zuallererst möchte ich eine kleine Bemerkung voranschicken: Es besteht die große Gefahr, sich einer bestimmten Terminologie auf unangemessene Weise zu bedienen und grundlegende Begriffe zu verwechseln, zum Beispiel, indem man Ideologie und Religion gleichsetzt. Unter „Religion“ versteht man eine Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Dabei handelt es sich um eine reale und existenzielle Beziehung, die persönlich und intersubjektiv ist, bewusst und frei eingegangen wird und außerdem dynamisch und notwendig ist und den Menschen vervollkommnet. Die Ideologien, vor allem die des 20. Jahrhunderts, bestehen dagegen in der Verleugnung dieser Gottesbeziehung und sie tragen, wie man sehen konnte, nicht zur Vervollkommnung des Menschen bei, sondern haben die Tendenz, ihn vollständig zu unterdrücken – so sehr, dass sie „Totalitarismen“ genannt werden.

Ich glaube nicht, dass die Werte des spirituellen Gebäudes des Westens durch den Niedergang der totalitären Systeme oder durch den technischen Fortschritt in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ich würde eher sagen, dass die Veränderungen, die sich ereignet haben, das Aufblühen dieser Werte objektiv begünstigt haben. In zahlreichen Ländern wurden die Verbote für den Gottesdienst und die Meinungsfreiheit abgeschafft, und gleichzeitig haben sich neue Möglichkeiten aufgetan, um persönlich und als Gemeinschaft zu wachsen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg viele europäische Ländern mehr als 50 Jahre lang eine marxistisch-leninistische Indoktrinierung erfahren mussten, die ihre Geschichte zutiefst geprägt und eine Wertekrise verursacht hat, deren Folgen auf der Hand liegen. Ich spreche von Entwicklungen, die sogar Haltungen im menschlichen Verhalten veränderten, und zwar so sehr, dass sie den „homo sovieticus“ hervorbrachten.

Letzterer war nicht ein Kommunist, sondern ein Massenmensch, der in seiner individuellen Dimension außer Kraft gesetzt war, passiv und misstrauisch, ängstlich, häufig mit dem Hang, andere zu denunzieren, abhängig vom Kollektiv, dem er angehören musste, da er ja nicht allein sein durfte. Aber genau das war er, ein von jeglichem inneren Antrieb beraubter und zutiefst erniedrigter Mensch. Es fällt schwer zu glauben, dass sich nach einer langen Zeit der Unterdrückung eine neue Sicht des eigenen Lebens leicht zurückerobern und verinnerlichen ließe.

Ich möchte an dieser Stelle ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte des ungarischen Volkes anführen. Unter den zahlreichen Publikationen im Gedenken an den ungarischen Aufstand von 1956, der vom sowjetischen Regime tragisch niedergeschlagen worden war, wurde 2001 in Italien ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „1956... Dass es ein Zeichen bleibt“. Es enthält Fotografien von Bayer, einem mutigen Mann, der zwischen Oktober und November 1956 durch die Straßen und Gassen von Budapest ging und Fotos machte, auf dass sie zum Zeichen dienten. Die mehr als hundert Fotorollen sind aus Furcht jahrzehntelang auf dem Dachboden versteckt worden, fast zum Tod verurteilt – so wie derjenige, der sie gemacht hatte. Er ist gestorben. Auf den ersten Seiten dieses Buches wird kurz erzählt, dass sich die Witwe des Fotografen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schließlich zum Entschluss durchgerungen hatte, die Negative zur Publikation freizugeben, dies allerdings unter folgender Bedingung: „Weder ihr Name noch der ihres Mannes darf preisgegeben werden. ‚Denn wenn sie zurückkommen würden…‘.“

Dieses Beispiel offenbart nicht nur einen momentanen Gefühlszustand einer Person, sondern die Lebensrealität vieler Völker – geprägt von Furcht, vom erfahrenen Leid und von einer Verhinderung psychologischer Natur, ein Ergebnis der mehr als 50 Jahre währenden Unterdrückung und Verfolgung. Und das ist ein Umstand, der die Ausbreitung der Säkularisierung und den Verfall des spirituellen Gebäudes in Europa gefördert hat.

Wir dürfen natürlich auch nicht vergessen, dass der materielle Wohlstand, der dem technischen Fortschritt zu verdanken ist, die Sensibilität des Menschen irreführen und sogar „blind“ machen kann, aber der wissenschaftliche und technische Fortschritt und „der Tod“ der totalitären Systeme stellen nicht in sich eine Gefahr führ den Bestand der Gesellschaft dar. Gedanken von Kardinal Newman paraphrasierend, würde ich sagen: Die Gründe für die Entfremdung des Menschen von Gott und damit für die Säkularisierung müssen im Inneren des menschlichen Herzens gesucht werden und nicht in den Errungenschaften der Menschheit.

ZENIT: Zahlreiche Beobachter sehen hinsichtlich der Beziehung zwischen der westlichen Zivilisation und dem Islam die Gefahr eines Zusammenpralls zwischen einer säkularisierten Welt und einer Welt, die gewissermaßen noch vom Heiligen durchtränkt wird. Ist dieses Bild zutreffend?

--Kardinal Poupard: Diese Neigung, die sie ansprechen, also die Konzeption, nach der die westliche Zivilisation und der Islam in einer antagonistischen Beziehung zueinander stehen, zeugt von einer vereinfachten und zugleich verzerrten Sicht.

Ich war immer überzeugt davon, dass derartige Äußerungen meist nur eine Frucht von Vorurteilen und eines tiefen kulturellen Unverständnisses sind, die es noch immer gibt und mit großer Leichtfertigkeit verbreitet werden. Auf der einen Seite gibt es die Tendenz, jene Aspekte der westlichen Zivilisation zu betonen, die mit der Säkularisierung in Zusammenhnag stehen, und auf der anderen Seite wird der Islam gesehen, als gäbe es nur das Bild, das extremistische Gruppen und einige Spielarten des Fundamentalismus von ihm zeichnen. Beide Tendenzen sind falsch und schaden sowohl den Christen – wenn ich nämlich an die westliche Zivilisation denke, denke ich an ihre Wurzeln und ihre christliche Seele – als auch den Muslimen.

Es ist wichtig, fähig zu sein, die heutige Realität in den Blick zu nehmen, ohne die Wahrheit der Tatsachen zu vernachlässigen. Es stimmt schon, dass es Anzeichen für die Säkularisierung gibt, die nicht ignoriert oder versteckt werden dürfen und über deren Bedeutung wir uns gerade im Hinblick auf eine tiefgründige theoretisch-pastorale Reflexion im Klaren sind; sie sind bereits seit einigen Jahren Gegenstand der Untersuchungen des Päpstlichen Rates für die Kultur. Aber wird dürfen nicht vergessen, dass es auch eine Vielzahl von Anzeichen für das Wiederaufleben des Glaubens und des persönlichen und gemeinschaftlichen spirituellen Engagements gibt, vor allem unter den Jugendlichen, die sich danach sehnen, die echten Werte zu entdecken, Christus als Lebensmodell und Quelle der Inspiration.

Die großen Treffen mit unzähligen Teilnehmern wie etwa die Weltjugendtreffen oder die Taizé-Treffen, die Verbundenheit der Jugendlichen mit Bewegungen wie den Fokolaren, der Gemeinschaft Sant’Egidio und vielen anderen sind die Zeugnisse, die die fatalistischen Visionen jener Lügen strafen, die heute die „Propheten des Unglücks“ sind und nicht in der Lage, mit einer positiven und hoffnungsvollen Optik auf die Gegenwart und die Zukunft zu schauen.

Auf der anderen Seite kann nicht kategorisch behauptet werden, dass alle Eigenschaften der islamischen Welt Ausdrucksformen des Heiligen sind. Es gibt muslimische Staaten, die sich von dieser Dimension entfernen und sich weltliche Staaten nennen. Und dann gibt es Nationen, die den Koran als Gesetz haben, in denen die Dimension des Heiligen nicht immer eine persönliche Forderung aller Bürger ist, sondern eher eine Einführung der Legislative des Staates, der bestimmte Gewohnheiten und Bräuche vorschreibt, deren Missachtung verfolgt und bestraft werden kann, sogar mit dem Tod.

Nun will ich zur Frage über den Zusammenprall der Kulturen zurückkehren. Wie ich schon gesagt habe, handelt es sich bei dieser Sicht der wechselseitigen Beziehung oft um eine ungerechte Projektion, die nicht den Tatsachen entspricht und auf beiden Seiten Spannungen hervorruft. Um das zu veranschaulichen, greife ich auf eine Erfahrung zurück, die ich vor kurzem gemacht habe.

Wie Sie wissen, hatte ich das Glück und das Privileg, den Heiligen Vater auf seiner Reise in die Türkei zu begleiten. Wer die Nachrichten verfolgte, die vor der päpstlichen Pilgerfahrt in den Medien verbreitet worden waren, hatte eine Reise vor Augen, die von Furcht, Sorge und Verdächtigungen auf beiden Seiten begleitet sein würde. Die Realität der Tatsachen hat all diese Stimmen Lügen gestraft. Die Reise war von echter Herzlichkeit erfüllt, mit einer freundschaftlichen Aufnahme, die von einer Atmosphäre des Dialogs und der gegenseitigen Offenheit begleitet wurde, zu denen sich sehr positive Kommentare in den türkischen Medien hinzugesellten.

So ist dieses Ereignis, über das manche – sogar noch, ehe es soweit war – aus einer Sicht des Zusammenpralls der Kulturen heraus berichtet hatten, zu einem echt prophetischen Zeichen gegenseitiger Annahme geworden. Dieser Eindruck war so stark, dass der Heilige Vater nicht zögerte, den Wunsch zu äußern, dass die Türkei zu einer Brücke der Begegnung und des Dialogs zwischen Ost und West werden möge.

Ich bin nicht nur darüber glücklich, dass es den pessimistischen Stimmen nicht gelungen ist, das Klima dieser Reise zu bestimmen, sondern vor allem auch darüber, dass die göttliche Vorsehung die fatalistischen Vorhersagen jener überwindet und korrigiert, die heute in der Politik oder in den Medien den Prophetenberuf ausüben wollen.