Kardinal Rodriguez Maradiaga: Die Hoffnung hilft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren

Interview mit dem internationalen Caritas-Präsident

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MADRID, 4. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Die zweite Enzyklika Benedikts XVI. über die christliche Hoffnung ist in den Augen von Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, dem internationalen Caritas-Präsidenten und Erzbischof von Tegucigalpa (Honduras), ein „kostbares Geschenk – vor allem jetzt, wo die Adventzeit beginnt. Denn die Hoffnung ist ja jene christliche Tugend, die uns lehrt, dass wir das Ziel nicht vergessen dürfen.“



Der Hirte war aus Anlass des 60. Jahrestages der Gründung von Caritas Spanien nach Madrid gereist, wo er auf dem „Internationalen Symposium für katholische Soziallehre“ zum 40. Jahrestag des Erscheinens der Enzyklika „Populorum Progressio“ die Abschlussrede hielt.

Im Gespräch mit ZENIT ermutigte der Kardinal, die neue Enzyklika und auch die übrigen kirchlichen Dokumente zu „durchbeten“. Zudem ging auf die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils und der ersten Sozialenzyklika nach dem Konzil (aus der Feder Pauls VI.) ein.

Kardinal Maradiaga liegt die Verbreitung der Katholischen Soziallehre in den Ausbildungsstätten für Priester besonders am Herzen.

ZENIT: Manche sind der Ansicht, das Zweite Vatikanische Konzil sei nicht genügend umgesetzt worden, andere wieder wünschen sich ein III. Ökumenisches Konzil. Was sagen Sie?

Kardinal Rodriguez Maradiaga: Das größte Problem ist, dass das Zweite Vatikanische Konzil schlichtweg nicht bekannt ist, und diese Ereignisse im Leben der Kirche gibt es als Dokument, aber sie sind ein Geist. Und der Geist ist es, der ihnen Leben einhaucht und der Schritt für Schritt Menschen bewegen muss.

Lassen sie mich das erklären: Bei der Veröffentlichung der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils gab es große Begeisterung, sie zu studieren oder zu lesen. Ich war damals Theologiestudent, und wir haben alles verschlungen, was das Konzil betraf.

Die nächste Generation hatte das Vatikanische Konzil zwar als Bezugspunkt, aber mit jedem Jahrzehnt, das verging, schien das Konzil immer weiter weg zu sein; und das Schlimmste daran: Es wurde weder gelesen noch studiert.

Ich halte nach wie vor Vorlesungen in Moraltheologie an meinem Seminar, und meine erste Frage in der ersten Unterrichtsstunde lautet: Jeder, der das gesamte Zweite Vatikanum gelesen hat, möge aufzeigen! Das sind sehr wenige. Und wenn das schon bei den Theologiestudenten so ist, wie ist es dann wohl im säkularen Umfeld?

Zudem gilt es, was die Pädagogik betrifft, Anstrengungen zu unternehmen, um – wie das Evangelium sagt – aus der Schatzkiste Altes und Neues hervorzuholen. Beim Dialog zwischen Tradition und Innovation geht es darum, die schwierige Balance im Dialog zu bewahren, ohne zu irgendeinem Extrem hin zu tendieren; eben dieses Gleichgewicht zu finden, das durch die beiden Pole bereichert wird. Ich denke, darum geht es hier.

ZENIT: Ein Drittes Vatikanum?

Kardinal Rodriguez Maradiaga: Es wird kommen, aber nur wenn das Zweite Vatikanum umgesetzt wird, und bis dahin ist noch viel zu tun.

ZENIT: Wir feiern jetzt 40 Jahre „Populorum Progresio“ und 20 Jahre „Sollicitudo Rei Socialis“, und mit diesen Enzykliken geht es uns ähnlich: Es gibt großartige Einsichten, die sehr anspruchsvoll sind, würden sie umgesetzt. Macht die Kirche etwa nur leere Worte?


Kardinal Rodriguez Maradiaga: Ich denke, ja, aber man darf nicht vergessen, das die leeren Worte nicht Schuld der Päpste ist, die diese so wertvollen Enzykliken erstellt haben, sonders es ist unsere Schuld, dass wir sie uns nicht genug in Erinnerung rufen.

Wir erleben gerade eine solche Beschleunigung von Geschichte, dass wir fast nur noch nach Neuigkeiten Ausschau halten. Da laufen wir Gefahr, die Grundanliegen dieser Enzykliken zu vergessen oder hintanzustellen.

Dazu gehört das Studium der Rolle der katholischen Soziallehre. Aus diesem Grund hat die Kongregation für das Katholische Bildungswesen schon vor langer Zeit – wenn ich mich recht entsinne, eigentlich schon vor zwanzig Jahren – eine Instruktion mit der Forderung verfasst, dass man in allen Priesterseminaren die katholische Soziallehre studieren sollte.

Ich habe den gesamten lateinamerikanischen Kontinent bereist und bemerkt, dass man sie in vielen Seminaren nicht behandelt. Und mancherorts studiert man sie, aber in einer sehr oberflächlichen Weise. Und wenn wir jetzt noch die Ausbildungsstätten für Laien dazunehmen würden, was für ein Bild zeigte sich dann?

Gott sei Dank hat der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden es geschafft, als Klärung einer Bitte von Papst Johannes Paul II., der seinerseits auf eine entsprechende e Anfrage der Amerika-Synode antworten wollte, die Realisierung dieses schönen Projektes des Kompendiums für Kirchliche Soziallehre anzugehen. Jetzt ist es an uns, sie zu verbreiten und zu studieren. Und dabei mit der Umsetzung all dessen zu beginnen.

ZENIT: In diesem Symposium hier wurde eben erklärt, dass man gerade in der Lehre Gefahr laufe, mehr die pastorale Umsetzung als die prophetische Dimension zu betonen. Was meinen Sie?

Kardinal Rodriguez Maradiaga: Ich denke, jedes Mal, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät, funktioniert etwas nicht richtig. Und so Gott will, gilt es nicht dieses oder jenes voranzubringen, sondern dies und jenes – mit einer Balance, die garantiert, dass wir Fortschritte machen, als Antwort auf die Herausforderungen der Zeichen der Zeit.

Wer einen Aspekt der drei Dienstaufgaben unseres Herrn Jesus Christus übertreibt, läuft Gefahr, ein Verdikt zu bekommen, das niemand gerne hört: Unausgeglichener.

Es ist viel besser, dieses (nicht immer einfache) Gleichgewicht zu suchen, das, wie ich sagte, nicht immer leicht ist, aber genau das ist, was wirklich die Geschichte voranbringt.

ZENIT: Könnten sie uns ein Wort über die Enzyklika „Spes salvi“ von Papst Benedikt XVI. sagen?


Kardinal Rodriguez Maradiaga: Ich glaube, sie ist ein kostbares Geschenk – vor allem jetzt, wo die Adventzeit beginnt. Denn die Hoffnung ist ja jene christliche Tugend, die uns lehrt, dass wir das Ziel nicht vergessen dürfen.

Heute war ich ein bisschen traurig, als ich die Kommentare einiger Medien las, weil sie sich wirklich als Eigner aufspielen und Urteile von bereits vorgefertigten Positionen aus fällen, die in verschiedenen Ideologien verortet sind. Es ist wichtig, mit Aufrichtigkeit und Offenheit aus diesem Brunnen zu trinken, um die Botschaft zu empfangen, und wer das so angeht, der findet wirklich einen Schatz.

Ich bin sehr dankbar, dass Papst Benedikt XVI. die besondere Gabe hat, so tiefe Dinge mit einer solchen pädagogischen Sprache zu sagen. Und so unterhält er den Dialog mit der Welt der Kultur von tiefgründigen Positionen aus. Er kann sehr klar mit jedem sprechen, denn er ist wirklich ein Lehrer, ein Meister.

Ich denke, dass unsere Kirche aus dieser Sicht für das nächste Jahr, das gleichzeitig das Jahr des heiligen Paulus sein wird, ein wertvolles Werkzeug erhalten hat, um weiterzukommen, und ich appelliere an alle Getauften, das Dokument nicht nur durch die Schlagzeilen einer Zeitung wahrzunehmen, sondern es zu lesen, zu bedenken und zu durchbeten.

Dies Element gilt es nach wie vor noch ins geistliche Leben zu integrieren. Die Dokumente der Kirche sind nicht nur für das Gehirn, sondern auch für Herz und Seele. Sobald wir die Lehren der Kirche ins Gebet nehmen, werden sie zu einem enormen Reichtum.

[Das Interview führte Nieves San Martín. Übersetzung aus dem Spanischen von Angela Reddemann]