Kardinal Rodríguez Maradiaga über seine Priesterberufung

Der Erzbischof von Tegucigalpa und Präsident von Caritas International berichtet von seinem Priesteramt

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ROM, 17. November 2009 (ZENIT.org) .- „Ich bin Salesianer und vor 66 Jahren in Tegucigalpa, Honduras geboren", so beginnt Oscar Andrés Kardinal Rodríguez Maradiaga, Erzbischof von Tegucigalpa, seinen Berufungsbericht für die neue ZENIT-Serie zum Priesterjahr. Jeden Dienstag werden wir ihnen an dieser Stelle eine Berufungsgeschichte von Männern vorstellen, die erlebt haben, wie der Ruf Gottes sich in ihrem konkreten Wesen und Leben inkarniert.

Als Männer der Kirche sprechen sie über ihre unmittelbare Beziehung zu Gott, die sie ja mit ihrer Person über das empfangene priesterliche Dienstamt vermitteln wollen.

Kardinal Maradiaga spricht über die einschneidende Entscheidung seines Lebens: „Mit 16 trat ich der Ordensgemeinschaft der Salesianer bei. Dort begann ich meinem Werdegang als Erzieher und Lehrer. Im Jahr 1970 wurde ich zum Priester geweiht."

Bei den Salesianern wurde sein Wusch Priester zu werden wach und dort entfaltete sich auch seine priesterliche Berufung weiter, über die Kardinal Rodríguez Maradiaga mit ZENIT im Rahmen einer Berichterstattungsreihe sprach, in der Priester anlässlich des Priester-Jahres Zeugnisse über ihre Berufung geben. Die Reihe wurde mit dem Zeugnis von Tarcisio Kardinal Bertone, Staatssekretär von Papst Benedikt XVI., eröffnet.

„Meine Ordensvorgesetzten sandten mich zum Studium nach Rom. Dort studierte ich Moraltheologie sowie klinische Psychologie in Rom und auch in Innsbruck. Anschließend wurde ich nach Guatemala entsandt, wo ich zuerst als Studienpräfekt des theologischen Don-Bosco-Instituts, dann als Rektor des kleinen Priesterseminars für Philosophie tätig war."

„Am 8. Dezember 1978 wurde ich zum Weihbischof von Tegucigalpa geweiht. Später wurde ich Generalsekretär des Rates der Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen (CELAM) und lebte vier Jahre in Bogota. Vor 16 Jahren wurde ich zum Erzbischof von Tegucigalpa ernannt und im Konsistorium des Jahres 2001 durch Papst Johannes Paul II zum Kardinal bestellt. Vor zwei Jahren wurde ich zum Präsidenten von Caritas International gewählt."

Dies sind kurz gefasst die Höhepunkte seines Lebenslaufes. Aber für sich allein sind sie noch nicht sehr aussagekräftig. Deshalb möchten wir in diesem Interview die Beweggründe seiner Berufung sowie die schönsten und schwierigsten Momente seines Lebens aufzeigen.


ZENIT: Wie ereignete sich Ihre Berufung in die Nachfolge Christi? Wie haben Sie sich dazu entschieden, Priester zu werden?


- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Der Ruf kam vom Herrn vermittelt durch den Schulleiter, der ein Salesianerpater war. Ich war vom Leben der Salesianer begeistert: Seit meinem sechsten Lebensjahr besuchte ich die Grundschule der Salesianer. Die dortige Atmosphäre gefiel mir sehr. Ich war Ministrant und Lektor und gerade nach einer Schulmesse, die der Direktor der Maria-Hilf-Schule, der spätere Erzbischof von Tegucigalpa, gefeiert hatte, fragte dieser mich: „Möchtest du nicht Priester werden?" Und sofort antwortete ich: „Ja". Von diesem Moment an sah ich mich schon im Priesterseminar. Als ich im Alter von zwölf Jahren die Grundschule beendet hatte, gestand ich meinem Vater, dass ich als Kandidat in das Unterseminar der Salesianer eintreten wolle. Mein Vater erwiderte mir: „Du wird nirgendwo hingehen, weil du nicht allein zurechtkommst. Du bist sehr flegelhaft und man wird dich gleich am nächsten Tag wieder nach Hause schicken." In der Tat dachte ich später oft, 'recht hatte er'.

Also vergaß ich die Berufung und widmete mich mit Leib und Seele der Fliegerei. Als Kind schon lernte ich Englisch, um Bücher über die Luftfahrt lesen zu können, und mit 14 begann ich mit dem Fliegen. Gegen Ende meiner Schulzeit wurden an der Schule geistliche Einkehrtage gehalten. Der geistliche Leiter sagte uns: „Wenn Gott euch rufen sollte, dann seid keine Feiglinge." Das hallte in meinem Inneren wieder und ich dachte bei mir: „Gott ruft mich und ich will nicht feige sein." Deshalb wurde ich zunächst Anwärter bei den Salesianern und trat dann anschließend ins Noviziat ein.


ZENIT: Sie haben uns über Ihre Begeisterung für die Fliegerei berichtet. Für viele sind Sie auch wegen Ihrer Liebe zur Musik bekannt.

- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Ja. Seit meiner Jugend wurde bei uns zu Hause viel Musik gemacht: Mein Vater liebte die Musik, meine ältere Schwester und meine anderen Geschwister spielten Klavier. Schon als Kind begann ich mit dem Klavierspielen. Als ich der Ordensgemeinschaft beitrat, wurde sah man mich dazu aus, Musiklehrer zu werden. Ich absolvierte ein Studium an der Musikhochschule und unterrichtete viele Jahre geistliche Musik und gregorianischen Gesang, den ich sehr liebe. Außerdem leitete ich Orchester und Musikgruppen in den Schulen, wo ich tätig war. So lernte ich mehrere Instrumente spielen.


- Mehrere Instrumente? Welche zum Beispiel?

- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Saxofon, Akkordeon, Orgel, Klavier, Schlagzeug, Bass, Klarinette, .... Dies hat mein Leben schön klingen lassen.


- Gab es Menschen, die eine wichtige Rolle bei ihrer Entscheidung, Jesus zu folgen, gespielt haben?

- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Ja, ganz gewiss. Dazu gehören der Direktor meiner Schule und der heilige Johannes Bosco. Im Jahr vor meiner Priesterweihe vertraute mir meine Mutter etwas für mich bis dahin Unbekanntes an: Ich war als Frühgeburt zur Welt gekommen und der Arzt sagte, dass ich nicht überleben würde. Da begann meine Mutter jeden Tag den Rosenkranz für meine Gesundheit zu beten, und versprach, dass, wenn Gott mich rufen würde, sie mich dem Herrn darbringen würde. Ich hatte dies nie gewusst, und hier haben Sie nun das Ergebnis vor sich.


- Welches waren einige der glücklichsten Momente, seit Sie dem Herrn Ihr Ja gegeben haben?

- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Es gab sehr viele. Selbstverständlich gehören meine ersten Gelübde als Salesianer dazu. Die ganze Zeit hatte ich davon geträumt, ein Salesianer zu sein und als es dann soweit war, war es für mich eine ungeheuerliche Freude. Natürlich war für mich die Priesterweihe der glücklichste und entscheidendste Moment meines Lebens, es ist ja die größte Gnade Gottes, die einem Menschen nach der Taufe zuteilwerden kann. Später hatte ich vor dem Bischofsamt eher Angst und ich erachtete, dass dies nicht meine Berufung war. Jedoch nahm ich das Amt gläubig an, weil Don Bosco sagt: „Der Wunsch des Papstes ist für einen Salesianer ein Befehl". Und der Herr hat mir während meines 31-jährigen Bischofsamtes viel Freude und Glücksmomente geschenkt. Als mich Johannes Paul II. zum Kardinal ernennen wollte, war dies für mich eine Überraschung. Ich hätte mir dies nie auch nur erträumt, da es in Honduras nie einen Kardinal gegeben hatte. Es hat mich gefreut, wegen der Freude, die es meinem Volk bereitete.


- Und einige Ihrer schwierigsten Momente?

- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Der Herr sagt uns ja: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." Zu diesen schwierigen Momenten gehörte der Tod meines Vaters gerade am Anfang meines Weges im zweiten Jahr der Philosophie. Gelegentlich hatte ich auch einige gesundheitliche Probleme. Mehrere Jahre litt ich an Asthma, von dem mich auf wundersame Weise die Jungfrau Maria während meines ersten Jahres im Theologiestudium geheilt hat. In der Folgezeit gab es außerdem viele Probleme aufgrund der Situation Mittelamerikas. Als apostolischer Administrator war ich Bischof in einer Diözese an der Grenze zu Guatemala und El Salvador. Wir hatten viele Flüchtlinge. Das waren Zeiten der Guerilla und natürlich war alles sehr schwierig. Ein weiterer sehr trauriger Moment war der Tod von Johannes Paul II..

- Warum?

- Kardinal Rodriguez Maradiaga: Weil ich ihn sehr gern hatte. Er war mir wie ein Vater und brachte mir immer ein großes Vertrauen und eine große Zuneigung entgegen. Natürlich sahen wir, wie sein Zustand sich verschlechterte, aber ich hätte nie gedacht, dass er so bald sterben würde. Ich erlebte seinen Tod genauso wie den meines Vaters.


[Das Interview führte Mercedes de la Torre. Aus dem Spanischen übersetzt von Iria Staat ]