Kardinal Ruini verlangt von Pfarreien „Bekehrung zur Mission“

Der Generalvikar des Bischofs von Rom präsentiert Richtlinien für eine „integrierte Pastoral“

| 931 klicks

ROM, 6. Februrar 2008 (ZENIT.org).- Der Vikar des Heiligen Vaters für die Diözese Rom, Kardinal Camillo Ruini, forderte am Donnerstag von den Pfarreien eine „Bekehrung zur Mission“.



Der Aufruf des früheren Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz war am 1. Februar im Rahmen der von der Gemeinschaft Emmanuel gemeinsam mit dem päpstlichen Institut „Redemptor Hominis“ veranstalteten Fachtagung über Pfarrei und Evangelisation. Er wolle nicht „beruhigen oder trösten“, erklärte der Kardinal, vielmehr gehe es darum, begreiflich zu machen, dass „die wesentliche Frage die Haltung betrifft, mit der eine Pfarrei sich der großen Herausforderung, die wir als ‚Bekehrung zur Mission’ bezeichnen, stellt.“

Deshalb sprach Kardinal Ruini die Einladung aus, nicht „gefangen“ zu bleiben in zwei Haltungen, die sich einerseits kontrastierten, andererseits aber beide wenig offen seien für einen missionarischen Geist. Genauerhin handle es sich dabei einerseits um die Tendenz, „sich als eine primär auf sich selbst ausgerichtete Gemeinschaft zu verstehen, in der es reicht, sich miteinander wohlzufühlen, sowie ferner um jene Haltung, die sich als ‚Dienstleistungsstation’ für die Verwaltung von Sakramenten sieht, die weiterhin an Menschen ausgeteilt werden, deren Glauben als gegeben vorausgesetzt wird, was aber oft nicht mehr der Fall ist“.

Integrierte Pastoral
Um eine solche Bekehrung im heutigen gesellschaftlichen Kontext zu verwirklichen, schlug der Würdenträger eine „integrierte Pastoral“ vor, die von den Pfarreien den Verzicht auf die „Versuchungen zur Selbstgenügsamkeit“ einfordert, „um an erster Stelle die Zusammenarbeit und Integration benachbarter Pfarreien zu intensivieren.“ So könnten „gemeinsam und ohne Misstöne in der gleichen Umgebung jene Aufmerksamkeit und pastoralen Aktivitäten entwickelt werden, die für gewöhnlich die Kapazität einer einzelnen Pfarrei übersteigen“, so der Kardinal.

Diese Zusammenarbeit und Integration werde zudem „von den verschiedenen religiösen Gemeinschaften bis hin zu Laienvereinigungen und -bewegungen mit den verschiedenen kirchlichen Wirklichkeiten verfolgt, die im jeweiligen Umfeld vorhanden sind.“

Der grundsätzliche Bezugsrahmen im Integrationsprozess sei klarerweise in der Diözese und vor allem in der Person des Bischofs und dessen pastoralen Anweisungen gegeben, aber auch in den kirchlichen Institutionen und ihren Vertretern, die die jeweiligen pastoralen Bereiche betreuten und selbst aufgerufen seien, gemäß der Logik von Zusammenarbeit und Integration zu agieren, so der Generalvikar.

Gemeinschaftliche Spiritualität
Die Diözese selbst sei im Übrigen, ohne ihre Natur und Eigenverantwortlichkeit als Teilkirche aufzugeben, „auf einer noch viel breiteren Ebene in den nämlichen Prozess der Zusammenarbeit und Integration eingebunden. Dies vor allem dadurch, dass pastorale Fragestellungen verstärkt nur mehr in einer regionalen und nationalen, um nicht zu sagen europäischen und weltweiten Perspektive adäquat beantwortet werden können“, führte Ruini weiter aus.

Erste Quelle und entscheidende Überlegung für diese „integrierte Pastoral“ seien dabei nicht die gesellschaftlichen Veränderungen, die derzeit stattfinden, sondern das Wesen des Mysteriums der Kirche selbst als Communio.

„Die kirchliche Gemeinschaft ist zuinnerst auf das Prinzip der Mission und die Weitergabe des Glaubens hin ausgerichtet“, bekräftigte Ruini. Dies müsse immer, aber ganz besonders unter den gegenwärtigen Umständen, das leitende Kriterium für jegliche Pastoral sein: Mission und Verkündigung seien nicht einfach seelsorgliche Erfordernisse unter vielen anderen, sondern „ihre zentrale Frage, ja in gewisser Weise die einzige und entscheidende Frage“.

Drei „Leitlinien“
Der Kardinal schlug drei „Leitlinien“ vor, die eine Pfarrei befähigen soll, konkret missionarische Gestalt anzunehmen.

An erster Stelle nannte er die Ausbildung von Christen, aber auch Priestern und Seminaristen aus den Gemeinden in einem bewusst missionarischen Glauben, der sich im täglichen Leben und nicht nur im pfarrlichen oder kirchlichen Raum bewährt.

Zweitens sei ein Weg zu beschreiten, der unterscheide, auswerte und die vielfältigen vorhandenen missionarischen Möglichkeiten weiterentwickle, die, wenn auch oft verborgen, in unserer gewohnten Seelsorge schon da seien: „in der Hilfeleistung für so viele Arme und Bedürftige in unseren Kirchen, auch für Menschen, die nicht glauben: Wenn wir uns ihnen im Geist des Evangeliums und mit missionarischem Schwung nähern, werden die Früchte nicht ausbleiben,“ ermutigte der Kardinal.

Auch eine dritte Wegweisung gab Ruini zu bedenken: Der Seelsorge für Erwachsene müsse besonders Raum gegeben werden, insbesondere für die Familien. Dabei müsse besonders auf die Arbeits- und Lebenswelt Erwachsener Rücksicht genommen werden.

Zu diesem Zweck rief der Vikar des Bischofs von Rom zur „Umgestaltung der pfarrlichen Lebensrhythmen“ auf, „so dass sie realistischerweise den Berufstätigen und Familien offen stehen“. Dazu verhelfe nicht so sehr die Organisation vieler Veranstaltungen, sondern vielmehr ein pastoraler Stil, der die Vertiefung und Kultivierung menschlicher Beziehungen in den Vordergrund stelle, ohne jene Unruhe, die aus nur spärlich verfügbarer Zeit komme. Dabei dürfe jedoch niemals die Erwachsenen- und Familienpastoral auf Kosten der Sorge um die junge Generation Schaden erleiden. Das wäre ein äußerst grober Fehler, warnte der Kardinal.

Seiner Meinung nach sei die Veränderung einer Pfarrei in Richtung Mission „keine unmögliche Herausforderung“. Und er fügte hinzu: „Wir müssen auf hohe See gehen“, wie es bereits Papst Johannes Paul II. in Novo Millennio Ineunte bekräftigt habe. Hierfür brauche es Vertrauen, schöpferische Kraft und apostolischen Mut, die allesamt dem Glauben entspringen und „in unseren Pfarreien die großen sichtbaren wie auch verborgenen Möglichkeiten hinsichtlich Gemeinschaft und Mission fruchtbar sein lassen werden.“

[Von Jesús Colina; Übertragung ins Deutsche von Monika Stadlbauer]