Kardinal Sandri: Hilfe verhindert Exodus der Christen

Präfekt der Kongregation für die orientalischen Kirchen bittet um Unterstützung für das Heilige Land

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 1323 klicks

In einem heute vom Heiligen Stuhl veröffentlichten Brief an alle Hirten der Weltkirche hat der Präfekt der Kongregation für die orientalischen Kirchen, Leonardo Kardinal Sandri, zu den traditionellen Oster-Spenden für das Heilige Land aufgerufen.

***

[Wir dokumentieren das Schreiben in der offiziellen deutschen Übersetzung:]

Exzellenz,
hochwürdigster Herr Bischof,

Die Kompassion im Sinne des Evangeliums hilft zu verstehen, wie notwendig die Karfreitagskollekte für die Schwestern und Brüder ist, die gemeinsam mit ihren Hirten am Schauplatz des Erlösungswerks das Mysterium Christi des Gekreuzigten leben, der auferstanden ist zum Heil der Menschheit. Es handelt sich um eine altehrwürdige Pflicht, die wegen ihres einzigartigen kirchlichen Charakters immer wieder gerne erfüllt wird. Mit Blick auf das nahende Osterfest wird diese Tradition erneut aktuell und zu einem Ausdruck jenes Glaubens, den die derzeit von Papst Benedikt XVI. geleitete Kirche im 50. Jubiläumsjahr des II. Vatikanischen Konzils feiert. Jene Versammlung hat die Kirche der Welt geöffnet, indem sie sie noch tiefer in der Tradition verwurzelte, die ihrerseits ausgeht von den christlichen Ursprüngen. Das Heilige Land ist ein stiller Zeuge und lebendiger Hüter dieser Ursprünge, dank der Gemeinden des lateinischen Patriarchats von Jerusalem und der Franziskanerkustodie wie auch der dort wirkenden melkitischen, maronitischen, syrischen, armenischen, koptischen und chaldäischen Gemeinden. Aber das Heilige Land ist zugleich Zeuge geworden für den Durst ganzer Völker nach Würde und Gerechtigkeit, der dem Traum nach einem neuen „Frühling" Flügel verliehen hat. Wir wollten dessen Früchte sofort sehen, als ob der gewünschte Umbruch ohne eine Erneuerung der Herzen möglich wäre und ohne die Verantwortung gegenüber den Armen der Welt, die von uns allen getragen werden muss.

Eine der ersten Früchte des Konzils und ihres Anliegens ist die Enzyklika Pacem in Terris des seligen Johannes XXIII., die in diesem Jahr des Glaubens erneut zu einem flehentlichen Friedensappell wird, besonders für das Land Syrien, dessen Schicksal den ganzen Nahen Osten zu gefährden droht.

Die Lage im Nahen Osten scheint einzufordern, wovon die Enzyklika Populorum Progressio des Dieners Gottes Pauls VI. spricht. Angesichts der „materiellen Nöte derer, denen das Existenzminimum fehlt und der sittlichen Not derer, die vom Egoismus zerfressen sind…" (N. 21), legte Paul VI. dar, was „menschlicher" sei: „das deutlichere Wissen um die Würde des Menschen, das Ausrichten auf den Geist der Armut, die Zusammenarbeit zum Wohle aller, der Wille zum Frieden", und er forderte überdies „die Anerkennung letzter Werte von seiten des Menschen und die Anerkennung Gottes, ihrer Quelle und ihres Zieles" (ebd.) ein. Zu diesem Zweck zögerte der Papst nicht, vor allem den Glauben zu empfehlen, „der Gottes Gabe ist, angenommen durch des Menschen guten Willens, und die Einheit in der Liebe Christi." Mit dem Blick des Glaubens brach er 1964 in das Heilige Land zur ersten seiner großen Apostolischen Reisen auf. Der selige Johannes Paul II. folgte seinen Spuren im Jahre 2000 und bezeichnete seine Pilgerfahrt als einen Moment der Brüderlichkeit und des Friedens, „den ich als eine der schönsten Gaben des Jubiläums bewahren möchte", und er äußerte den Wunsch nach „einer baldigen und gerechten Lösung der noch immer offenen Probleme an jenen heiligen Stätten, die den Juden, den Christen als Jüngern Jesu und dem Islam gleichermaßen teuer sind." (Novo Millennio Ineunte, 13).

Papst Benedikt schenkt uns bewundernswerte Beispiele für eben jenen Blick voller Mitgefühl. Ein ermutigendes Zeichen dafür sind der Pastoralbesuch im vergangenen September im Libanon aus Anlass der Unterzeichnung und Veröffentlichung der Apostolischen Exhortation Ecclesia in Medio Oriente; die Tatsache, dass er beim Angelus, bei den Generalaudienzen, in den Ansprachen vor wichtigen Persönlichkeiten und Institutionen immer wieder auf die Christen im Heiligen Land zu sprechen kommt; das Gebetsanliegen, das im Januar 2013 der ganzen Kirche ans Herz gelegt wurde: „auf dass die christlichen Gemeinden im Nahen Osten, die oft Verfolgung leiden, vom Heiligen Geist Glaubenskraft und Durchhaltevermögen geschenkt bekommen mögen"; die Einladung an zwei junge Maroniten aus dem Libanon, die Meditationen zum nächsten Kreuzweg am Karfreitag zu schreiben.

Die Christen in Israel und Palästina, Zypern, Libanon, Jordanien und Ägypten, die in einem weiteren Sinn das Heilige Land Jesu bilden, müssen auch in uns jenen Blick des Glaubens wiedererkennen.

Mit dankbarem Staunen sehen wir, was die Großzügigkeit der Katholiken bisher ermöglicht hat. Sie erlaubte es, die Heiligen Stätten zu unterhalten und die Gemeinden zu unterstützen, die sich dort zum Gottesdienst versammeln. Gemeinsam mit den Männer- und Frauenorden helfen die katholischen Gläubigen an vorderster Front, wenn es um die katastrophalen Folgen der Kriege und anderer Notlagen geht. Sie sind es, die mit einem Netzwerk an Einrichtungen in Pastoral, Schule und Gesundheitswesen einen ausgezeichneten Dienst leisten, um Familien beizustehen, bedrohtes Leben zu schützen, Alten, Kranken, Behinderten, Arbeitslosen und Jugendlichen auf der Suche nach Zukunft zu helfen; und dabei verteidigen sie immer die Menschenrechte, einschließlich der Religionsfreiheit. Wenn dann noch lobenswerte Initiativen im Bereich Ökumene und interreligiöser Dialog hinzukommen, wie zum Beispiel die Bemühungen, dem fortwährenden Exodus der Gläubigen aus ihrer Heimat im Orient Einhalt zu gebieten und die Hilfe für Vertriebene und Flüchtlinge, dann entsteht jenes „spezifisch Christliche", das jenseits allen Leids jene Region zu einem Ort macht, an dem Gott ohne Unterlass verherrlicht wird zum Segen der Menschheit.

Die Kongregation für die Ostkirchen appelliert daher erneut voller Überzeugung an die Gläubigen, jenen kirchlichen Liebesdienst zu Gunsten des Heiligen Landes zu leisten. Gemeinsam mit dem Papst dankt sie den Hirten und Gläubigen für jene betende und solidarische Umarmung mit den Christen im Heiligen Land an der Seite des Kreuzes unseres Herrn, und sie macht sich den Dank des Obersten Hirten gegenüber der dortigen Kirche zu eigen, die ihr christliches Zeugnis im Leiden unter Beweis stellt und deren Treue allen das tröstliche Versprechen des Auferstandenen in Erinnerung ruft: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird" (Joh 15,11).

Mit besten Wünschen zum bevorstehenden Osterfest

Leonardo Kardinal Sandri
Präfekt

Cyril Vasil, SI
Erzbischof - Sekretär

[© 2012 - Libreria Editrice Vaticana]