Kardinal Saraiva Martins über den neuen Seligen, Pater Antonio Rosmini

„Eine Gestalt, die vielen Christen nach ihm ein Trost und ein Vorbild war“

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ROM, 19. November 2007 (ZENIT.org).- „Es freut mich wirklich sehr, dass Antonio Rosmini endlich zur Ehre der Altäre erhoben wird. Es freut mich für die Kirche und – ehrlich gesagt – auch für mich selbst“, bekräftigt Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse.



Im vorliegenden Interview, das Gianni Cardinale für die September-Ausgabe von „30giorni“ geführt hat, geht der Kurienkardinal näher auf die Person des italienischen Priesters ein, der gestern, Sonntag, zur Ehre der Altäre erhoben wurde.

Eminenz, warum sind Sie so froh darüber, bei der Seligsprechung Rosminis den Vorsitz führen zu können?

Kardinal Saraiva Martins: Weil es sich bei ihm um einen vorbildlichen Priester handelt, der sich ganz Jesus und seiner Kirche geschenkt hat. Und der dafür gelitten hat. Eine Gestalt, die vielen Christen nach ihm ein Trost und ein Vorbild war. Christen aus intellektuellen Kreisen – immerhin war Rosmini ein großer Denker –, aber auch einfachen Gläubigen, die das Zeugnis der Ordensmänner und -frauen der von dem Abt aus Rovereto gegründeten Ordenskongregationen nicht unberührt gelassen hat. Rosmini war ein Christ, der die menschlichen und christlichen Tugenden wirklich zutiefst gelebt hat.

Und doch war es im Falle Rosminis nicht einfach, diese Tugenden auch zur Anerkennung zu bringen…

Kardinal Saraiva Martins: Ja, das stimmt, der Seligsprechungsprozess – denn auf den beziehen Sie sich wohl – war ganz besonders komplex. Und zwar aus verschiedenen Gründen.

Vor allem lehrmäßiger Natur...

Kardinal Saraiva Martins: In der Tat wurden die Werke Rosminis von anderen Kirchenmännern kritisiert. Und diese Kritiken gipfelten in dem Dekret Post obitum des damaligen Heiligen Offiziums, mit dem 40 seiner Sätze verurteilt wurden. Aber es handelte sich um eine posthume Verurteilung, nach seinem Tod, post obitum: Rosmini konnte sich also nicht verteidigen – und die kritisierten Sätze waren auch aus dem Zusammenhang gerissen und folglich vollkommen willkürlich interpretiert worden.

Zu den historischen „Feinden“ Rosminis gehörten die Jesuiten…

Kardinal Saraiva Martins: Ja, einige Vertreter der damaligen Gesellschaft Jesu waren ihm nicht gerade freundlich gesinnt. Aber die Jesuiten haben ihre Meinung schon lange geändert. Der derzeitige Jesuitengeneral Kolvenbach hat für die Zeitschrift „Filosofia oggi“ (Heft IV/1997) einen Artikel geschrieben, in dem Rosmini als eine Art Prophet des Dritten Jahrtausends erscheint. Darin schreibt Kolvenbach: „Zu seinen Lebzeiten veröffentlichten einige Jesuiten – um die Wahrheit zu sagen, nicht gerade, ‚herausragende Gestalten‘ –, Schmähschriften gegen ihn… Man darf aber nicht vergessen, dass diese Jesuiten, die die Regel des Gehorsams verletzt hatten, vom General, Pater Jan Roothaan, deswegen gerügt wurden.“

Die „Civiltà Cattolica“ veröffentlichte vor ein paar Jahren auch einen „Wiedergutmachungs“-Artikel des verstorbenen Rosminianer-Bischofs Clemente Riva – und das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die Artikel dieser zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift ausschließlich von Jesuitenpatres geschrieben werden.

Pater Cornelio Fabro – ein unbeugsamer Kritiker Rosminis – führte diese „Kursänderung“ der Jesuiten auf einen „tief sitzenden Schuldkomplex“ zurück

Kardinal Saraiva Martins: Es stimmt, dass der verstorbene Pater Fabro seine negative Meinung über Rosmini nie revidiert hat. Eine respektable Meinung, die aber doch inzwischen deutlich in der Minderheit ist.

Das Dekret Post obitum stellte jedenfalls später keinen Hinderungsgrund mehr dar.

Kardinal Saraiva Martins: Ja, die Kongregation für die Glaubenslehre unter Leitung von Kardinal Ratzinger hat 2001, nach neuerlicher Auseinandersetzung mit dem Fall Rosmini, befunden, dass der Seligsprechung des Ordensmannes trotz des Dekrets Post obitum nichts mehr im Wege stünde.

Ein anderer Aspekt, der der Causa Rosmini schadete, war der politische: sein Bestreben um die Einheit Italiens und seine – auf Gegenseitigkeit beruhende – Aversion gegen die österreichischen Besatzer…

Kardinal Saraiva Martins: Politische Gedanken und Meinungen an sich sind für die Seligsprechung nicht ausschlaggebend. Schließlich hat die Kirche ja auch schon den Papst, Pius IX., zur Ehre der Altäre erhoben, der nach anfänglicher Übereinstimmung mit Rosmini im politischen Bereich später eine deutlich andere Meinung vertrat. Was man sagen kann ist, dass die Geschichte dann einfach ihren Lauf genommen hat – und einen, den Rosmini in einer gewissen Weise vorausgeahnt hatte.

Die Beziehung zu Pius IX. spielt im Leben Rosminis eine große Rolle. Zunächst sah es so aus, als wolle ihn Papst Mastai zum Kardinal kreieren, doch dann schien es mit der Harmonie plötzlich vorbei zu sein…

Kardinal Saraiva Martins: Es gibt in der Tat Zeugnisse dafür, wie sehr Pius IX. Rosmini schätzte, dass er ihn zum Kardinal machen, ja, sogar zum Staatssekretär ernennen wollte. Die politischen Turbulenzen und die Ausrufung der Römischen Republik 1849 machten diese Pläne dann aber zunichte. Wie einige Gelehrte herausgestellt haben, war Rosmini die Antipathie, um nicht zu sagen offene Feindschaft, die ihm einige Österreich-freundliche Kardinäle entgegenbrachten, alles andere als hilfreich – angefangen bei dem einflussreichen Giacomo Antonelli.

Wie standen die verschiedenen Päpste Rosmini gegenüber?

Kardinal Saraiva Martins: Normalerweise mit großer Wertschätzung. In der Positio sind zahlreiche diesbezügliche Dokumente und Zeugnisse aufgeführt. Ich möchte hier nur an das erinnern, was Paul VI. in verschiedenen Ansprachen über ihn sagte – oder daran, wie positiv sich Johannes Paul II. in der Enzyklika „Fides et ratio“ über ihn äußerte. Eine ganz besondere Beziehung hatte Johannes Paul I. zu ihm.

Inwiefern?

Kardinal Saraiva Martins: Der Diener Gottes Albino Luciani schrieb als junger Priester eine sehr kritische Abhandlung über Rosmini, auf die ihm ein junger Rosminianer, Pater Clemente Riva, antwortete, der spätere Weihbischof von Rom. 1978, als Luciani Papst wurde, kam es zu einer Begegnung mit dem Kardinalvikar und seinen Mitarbeitern. Als Riva an der Reihe war, sagte Johannes Paul I. zu Poletti: „Den kenne ich doch! …“. Aber er sagte es mit einem verschmitzten Lächeln, so dass Mons. Riva, der der Begegnung mit einigem Bangen entgegen gesehen hatte – wie er selbst erzählte –, sofort ein Stein vom Herzen fiel. Und dann muss man auch sagen, dass glaubwürdige Quellen bestätigen, dass sich Papst Luciani selbst um die Rehabilitierung Rosminis kümmern wollte.

Das wichtigste Werk Rosminis ist sicher „Die fünf Wunden der Kirche“, das zunächst auf den Index gesetzt wurde, aber vollkommen rehabilitiert werden konnte, noch bevor der kirchliche Index der verbotenen Bücher selbst abgeschafft wurde…

Kardinal Saraiva Martins: Es handelt sich um ein Buch, das man in einem gewissen Sinne als prophetisch, ja vorkämpferisch bezeichnen kann – vielleicht zu sehr für die damalige Zeit. Und ist es nicht oft das Schicksal der Propheten – in der Bibel, aber eben auch in der Kirchengeschichte – missverstanden, ja sogar verfolgt zu werden?

Als eine der fünf Wunden bezeichnet Rosmini die Bischofsernennungen…

Kardinal Saraiva Martins: Die Bischofsernennungen sind ein heikler Punkt im Leben der Kirche. Das ist auch mir, als nun schon jahrelangem Mitglied der Kongregation für die Bischöfe, klar. Rosmini wollte den zusehends verderblichen Einfluss ausmerzen, den die weltlichen Mächte auf die Wahl der Bischöfe hatten. Er hoffte auf eine Rückkehr zum alten Brauchtum, nach dem die Bischöfe vom Klerus und vom Volk gewählt wurden.

Kann dieses Brauchtum wirklich wieder eingeführt werden?

Kardinal Saraiva Martins: Die Normen für die Wahl der Bischöfe sind nicht göttlichen Rechts, können also immer perfektioniert werden. Aber eine direkte Beteiligung der Laien bei der Wahl eines Bischofs – in dem Sinne, dass sie fast schon als Wähler auftreten – wäre heute undenkbar. Man muss hier nur an die Rolle denken, die die sozialen Kommunikationsmittel dabei spielen könnten. Zur Zeit Rosminis gab es noch kein Fernsehen…

Eine andere Wunde, von der Rosmini spricht, betrifft die Liturgie…

Kardinal Saraiva Martins: Rosmini hatte das Drama einer Liturgie erkannt, die für das Volk nicht mehr verständlich war – ja nicht einmal für die Zelebranten. Auch hier hat er praktisch das vorweg genommen, was mit der liturgischen Erneuerung erreicht werden sollte und auch von der Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ des II. Vatikanischen Konzils angesprochen wird.

Erlauben Sie mir eine vielleicht etwas gewagte Frage. Wie würde Rosmini heute zu dem motu proprio „Summorum pontificum“ stehen?

Kardinal Saraiva Martins: Mit „was wäre wenn…“ macht man nicht Geschichte. Aber ich glaube nicht, dass Rosmini, wenn er noch leben würde, gegen das fragliche motu proprio wäre. Er hatte nämlich einen sehr starken Sinn für die Freiheit. Und einen Papst, der den Anhängern einer Liturgie, die immerhin Jahrhunderte lang die offizielle Liturgie der Kirche war, die Freiheit zugesteht, diese zu bewahren, hätte er sicher zu schätzen gewusst. Man darf auch nicht vergessen, dass Rosmini sowohl dem Klerus als auch dem Volk die Liturgie nahe bringen wollte. Und dass er es deshalb als notwendig erachtete, die Liturgie eingehend zu studieren, und sie nicht nur – wie manche glauben – in die Landessprache zu übersetzen.

Welche anderen Aspekte des II. Vatikanischen Konzils wurden von Rosmini vorweg genommen?

Kardinal Saraiva Martins: Einer der Aspekte des letzten Konzils, bei dem Rosmini ganz sicher ein Vorläufer war, war der der Religionsfreiheit. Hier kann man Rosmini wirklich als unverstandenen Vorkämpfer bezeichnen. Die „Dignitatis humanae“ verdankt ihm viel.

Rosmini starb jung, noch keine 60 Jahre alt. Gerüchten zufolge soll er vergiftet worden sein…

Kardinal Saraiva Martins: In der von Pater Papa zusammengestellten Positio sind tatsächlich Zeugnisse enthalten, die glauben machen, dass auf Rosmini mehrere Giftattentate verübt wurden. Es gibt aber keine sicheren Beweise dafür. Dass man dem Abt aber durchaus nach dem Leben getrachtet haben kann, überrascht eigentlich nicht: er war sicher eine unbequeme Gestalt, vor allem für einige Kreise der politischen Macht.

Der Postulator der Causa Rosminis hat verraten, dass die Gesamtkosten der Causa und der Seligsprechungszeremonie relativ hoch sind. Erlauben Sie mir eine etwas respektlose Frage: wie teuer ist es, heilig zu werden?

Kardinal Saraiva Martins: Natürlich gibt es keine „Preisliste“ dafür, selig oder heilig gesprochen zu werden. Aber jeder Prozess löst unweigerlich Kosten aus: Papier und Druckkosten, das den Laiensachverständigen und Kirchenmännern zustehende Honorar, das für die Postulatoren und ihre Mitarbeiter. Hier möchte ich noch anfügen, dass für die so genannten „bedürftigen“ Causae ein Fonds zur Verfügung steht, aus dem geschöpft werden kann.

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