Kardinal Schönborn: Barmherzigkeit erweist sich dort, „wo sie der Herzenshärte begegnet“

Vierte Katechese im Wiener Stephansdom

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WIEN, 16. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die vierte Katechese im Zyklus der Barmherzigkeits-Katechesen von Kardinal Dr. Christoph Schönborn im Wiener Stephansdom am 13. Jänner 2008 stellte die Frage nach dem „mysterium iniquitatis“, dem Unverhältnis zwischen Güte und Hass, zwischen Barmherzigkeit und Verhärtung des Herzens.



Es gebe zwei Arten von Barmherzigkeit, die auf den ersten Blick schwer zu erkennen seien, erklärte der Kardinal: die vermeintliche „Barmherzigkeit“ der Jünger – etwa bei der Speisung der 5000 am See von Galiläa, die eigentlich ein versteckter Egoismus ist, der „vor allem Ruhe will“ –, oder die Barmherzigkeit Jesu, die auf den ersten Blick Härte ist, den Menschen aber zu einem großartigen Akt des Glaubens hinführt, was in der Erzählung von der heidnischen Frau deutlich wird, die Jesus um die Heilung ihrer Tochter anfleht, doch zuerst nur Härte und Abweisung von Jesus erfährt. Ihr Insistieren zeige, was Jesus sagt: „Frau, dein Glaube ist groß.“
Die Barmherzigkeit Jesu ist nach Worten des Kardinals nie billig; sie verlangt dem Menschen etwas ab, fordert ihn heraus, weil auch Jesus selbst den höchsten Preis für diese Barmherzigkeit bezahlt hat.
Das Gegenstück zur Barmherzigkeit Jesu ist die Herzensverhärtung, die ihm auf seinem Weg überall begegnet. Der Psalmvers „Ach, würdet ihr doch heute auf Seine Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba!“ (Ps 95,7), spreche dies schmerzlich an: „Herzensverhärtung ist Abfall von Gott und Unempfindlichkeit gegenüber dem Nächsten. Sie ist damit der tragische Verlust der eigenen Menschlichkeit.“

Warum aber lösen Liebe und Barmherzigkeit so oft Herzenshärte aus, fragte der Kardinal. Es ist ein Mysterium, vor dem selbst die Jünger des Herrn nicht gefeit waren. Die Evangelien sprechen offen davon. Bei Markus findet sich oft der Hinweis auf das „verstockte“ Herz der Jünger. Ist es vielleicht sogar so, dass „die Nähe, das Feuer der Gegenwart Gottes Ablehnung, Kälte und Versteinerung des Herzens“ auslösen, fragte Schönborn weiter. Schon Paulus beschreibt ja das „mysterium iniquitatis“, das „Geheimnis der Bosheit“ als ein Zeichen der Endzeit (2 Thess 2,7).

„Es ist, als fühle sich das Böse durch das Gute bedroht, als wolle es nicht zulassen, dass es doch das Gute gibt, und dass es letztlich stärker ist als alles Negative.“ Auch Menschen, die sich in der Nähe des „Heiligen“ aufhalten, seien stark der Gefahr ausgesetzt, vom „Gift der Herzensverhärtung“ erfasst zu werden, so der Kardinal. Schönborn sprach dabei besonders die Gefahr der Routine und Abstumpfung bei den Priestern an. Heilkraut dagegen sei einzig das Herz Jesu, so der Erzbischof unter Berufung auf ein Wort der heiligen Marguerite-Marie Alacoque.

Auch in der Ehe wirke dieses Gift mit großer Macht. Kinder seien die am meisten Leidtragenden einer Scheidung, was meist verschwiegen werde.

Das weit verbreitete Unverständnis, auf das die Kirche in puncto Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten Menschen stößt, war für den Kardinal Anlass zu einer weitergehenden Betrachtung: Wie kann der schuldig gewordene Mensch Barmherzigkeit erhoffen? Unter zwei Bedingungen: Reue und Bekenntnis, Eingeständnis der eigenen Schuld. Denn nichts verhärte das Herz so stark wie Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtfertigung. Das Eingeständnis eigenen Versagens ist der ausschlaggebende Schritt hin zur Wahrheit, die mit Jesu Barmherzigkeit untrennbar verbunden ist.

Die Geschichte der Samariterin, die, von ihrer Dorfgemeinschaft geächtet, in der Mittagshitze zum Brunnen kommt, um Wasser zu schöpfen und dort auf Jesus trifft, der ihr eine Frage stellt, die sie zur Erkenntnis der eigenen Situation und zum offenen Bekenntnis der eigenen Schuld führt, spiegle die innere Dynamik wider, die einen Menschen erfasst, der sich im Licht der Gegenwart Jesu der Wahrheit zu öffnen beginnt.

„Der Moment der Wahrheit ist die Stunde der Barmherzigkeit“, so der Kardinal. Er erinnerte an eine Begegnung mit einem Mann, der sich heftig gegen die „Unbarmherzigkeit“ der Kirche äußerte und durch einen Hinweis auf ein Wort Jesu auf eigenes Versagen hingewiesen wurde. Somit konnte der Prozess der Befreiung beginnen. „Ohne das Bekenntnis dieser Schuld hatte die Barmherzigkeit sozusagen noch keinen ‚Landeplatz‘ bei diesem Menschen gefunden. Deshalb mussten noch andere beschuldigt werden: ‚die Kirche‘ oder wer auch immer.“

Jesus verhilft der Frau am Jakobsbrunnen, die Wahrheit über sich selbst zu erkennen, und er tut dasselbe mit einem jeden Menschen, ohne ihn zu verachten und mit seiner Schuld zu identifizieren. Jesus liebt die Person und nicht etwas an ihr. Jesus sieht den Menschen in seiner ganzen Wahrheit. Im Fall der Samariterin könne man sehen, was diese Befreiung unmittelbar bewirkt: Die Frau eilt ins Dorf zurück und erzählt allen, was bisher Gegenstand des Tratsches hinter vorgehaltenen Händen war.

Was ist also nötig, damit sich das Herz der Barmherzigkeit öffnet, so die abschließende Frage dieser Katechese. Den Schlüssel zu dieser Frage bietet das Gleichnis vom Weinberg und den Winzern (Mk 12,1-12). Was bleibt wohl dem Weinbergbesitzer nach dem Mord an seinem Sohn noch anderes übrig, als an den mörderischen Winzern Rache zu nehmen?

„Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben“ (Mk 12,9). Diese Stelle hätten auch Christen zuweil als „Legitimation“ für ihr grausames Handeln an den Juden verstanden. Doch Jesus selbst handelt nicht so. Er wurde getötet, und hat seinen Henkern verziehen. Statt Rache übt er Barmherzigkeit. Durch sein Sterben schenkt er ihnen sogar sein Leben.

Gottes Barmherzigkeit geschieht im Voraus. „Sie ist nicht Folge unserer bereiten Herzen, sondern deren Ursache.“ Denn Jesus starb für uns, als wir noch Feinde waren (vgl. Röm 5,10). So offenbare sich die Barmherzigkeit in ihrem vollen Maß dort, „wo sie der Herzenshärte begegnet“.

Nichts könne das Herz des Menschen tiefer bewegen, als der Anblick der Ohnmacht und Selbstentäußerung Gottes, so der Kardinal in Anlehnung an ein Zitat Maximus des Bekenners. Dies ist auch der Inhalt des Nachtgesprächs Jesu mit Nikodemus: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an glaubt nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16).

Gott hat in Jesus an den Menschen barmherzig gehandelt. „Werden wir dieser Vorgabe entsprechen?“

Von Monika Stadlbauer