Kardinal Schönborn: Barmherzigkeit für alle? Die Möglichkeit der Hölle besteht

Letzte Katechese über die göttliche Barmherzigkeit im Wiener Stephansdom

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WIEN, 9. Juni 2008 (ZENIT.org).- Alle Menschen bedürfen der Barmherzigkeit Gottes, um erlöst zu werden. Kardinal Christoph Schönborn sprach gestern, Sonntag, im Wiener Stephansdom über Erlösung und Gericht.



„Barmherzigkeit für alle?“ war das Thema der letzten Katechese des Wiener Erzbischofs im Arbeitsjahr 2007/08 zum Jahresmotto der göttlichen Barmherzigkeit. „Gerade das Tagesevangelium ist sehr passend“, erklärte Kardinal Schönborn. In der Textstelle zum 10. Sonntag im Jahreskreis geht es um die Begegnung Jesu mit Matthäus, bei der auch viele Sünder und Zöllner dabei sind. Die Pharisäer wundern sich, doch Jesus sagt zu ihnen: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mt 9,12).

„Dieses Gastmahl provoziert die Frommen, doch es zeigt, dass Gott das Heil aller Menschen möchte“, kommentierte Kardinal Schönborn. Es gehe darum, dass sich alle Menschen bekehrten, schließlich könne selbst die Allmacht Gottes niemanden retten. „Denn die Barmherzigkeit ist nicht bedingungslos.“ Sie hänge von der Bekehrung eines Menschen ab, die eine Gnade sei. Der Mensch befindet sich nach Worten des Kardinals gewissermaßen in einem Kreis, und die Frage, die er sich stellt, lautet, wer die Gnade der Barmherzigkeit eigentlich erhalte.

Der heilige Augustinus habe darauf hingewiesen, dass alle Menschen verdienten, bestraft zu werden. Er sei nämlich davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Menschen verloren gehen würde. „Daher“, so der Erzbischof von Wien, „ist es eine Tatsache, dass wir die Erlösung brauchen“. Wir bedürften der Erlösung, und Gott wolle sich aller erbarmen. Für den Menschen gebe es Dinge, die unmöglich seien. „Doch für Gott ist nichts unmöglich.“

So wie der Mensch sich nicht selbst erschaffen habe, so könne sich auch niemand die Erlösung verdienen. Mit der Höllenpredigt sei bestimmt viel kaputt gemacht worden, doch in der heutigen Welt bestehe die gegenteilige Gefahr. Heute scheine das Gericht niemanden mehr zu schrecken; den Menschen gehe es vielmehr um die Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt. „Wer ist dieser Gott, der soviel Leid zulässt?“ Diese Frage stellten sich heute nicht wenige Menschen.

Das sei auch ein Gedanke, den Papst Benedikt in seiner Enzyklika Spe Salvi eingebracht habe. Der christliche Glaube werde heute individualistischer gelebt, die Weltgeschichte mit einem Fortschrittsdenken betrachtet. „Doch niemand kann auf das Leid der vergangen Jahrhunderte antworten – kein System“, betonte Kardinal Schönborn. Alle Antworten seien alleine in Gott zu finden.

Allerdings dürfe das Unrecht in der Geschichte nicht das letzte Wort haben. Gott werde den Schrei der Gequälten, Gefangenen und Leidenden nicht ungehört verschallen lassen. Es sei Verantwortung der Christen, das Gericht wieder in Erinnerung zu rufen. Kardinal Schönborn bekräftigte in diesem Zusammenhang mit Worten Benedikts XVI., dass das Gericht Hoffnung und Gnade zugleich sei. Denn niemand könne aus eigener Kraft bestehen.

Es sei wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Möglichkeit der Hölle besteht, betonte der Wiener Kardinal. Und man müsse sich die Frage stellen, wo man selbst stehe. Abermals mit Worten des Heiligen Vaters erklärte Schönborn: „Das Feuer ist Christus selbst. In der Begegnung mit ihm ist das Gericht.“

Die Kirche habe niemals von einer Person gesagt, dass sie in der Hölle sei. Umgekehrt habe sie von vielen gesagt, dass sie im Himmel seien – die Heiligen. „Denn die Liebe würde sich in der Hölle nicht halten können. Sie würde sie aufsagen.“, sagte der Kardinal am Ende seiner Katechese.

Von Juliana Abado