Kardinal Schönborn: Christen in die Politik!

Ergebnisse der Herbst-Vollversammlung der österreichischen Bischofskonferenz

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WIEN, 7. November 2008 (ZENIT.org).- In schwierigen Zeiten könne der „Blick auf Christus“ helfen, Resignation und Orientierungslosigkeit abzuschütteln, bekräftigen die österreichischen Bischöfe. Mit Blick auf die weltweite Finanzkrise und die „resignative Grundstimmung“, die in weiten Teilen der Bevölkerung zu spüren sei, danken sie allen, die sich in der Politik für den Dienst am Gemeinwesen engagieren, und appellieren an die Christen, selbst Hand anzulegen.



„Es braucht mehr als bisher Frauen und Männer, die aus christlicher Überzeugung politische Verantwortung übernehmen und auf diese Weise eine unverzichtbare Mission erfüllen“, heißt es in einem neuen „Wort der Bischöfe zur aktuellen Situation in Kirche und Gesellschaft“. Das Dokument ist ein Ergebnis der Herbst-Vollversammlung der österreichischen Hirten, die gestern, Donnerstag, zu Ende gegangen ist. Ihr Vorsitzender, Christoph Kardinal Schönborn, betonte heute bei einer Pressekonferenz in Wien, dass die kommenden Generation nicht länger durch das Nicht-Lösen von Problemen belastet werden dürften.

Anstatt sich die Frage zu stellen: „Was tut die Republik für mich?“, sollte man sich fragen: „Was tue ich für die Republik?“, hob Kardinal Schönborn hervor.

Angesichts der gegenwärtigen Verhandlungen über die Bildung einer neuen Regierung erinnerte der Kardinal an mehrere Anliegen der Kirche, die wesentlich seien. Er kritisierte, dass die kirchlichen Forderungen im Bereich des Lebensschutzes (vgl. flankierende Maßnahmen) und im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (Millenniums-Entwicklungsziele) von verschiedenen Regierungen zwar oft versprochen, aber nie verwirklicht worden seien. „Gerade in diesen Bereichen leistet die Kirche viel Hilfreiches für Staat und Gesellschaft, und sie bleibt ein verlässlicher Allianzpartner im Dienst für die Menschen und das Gemeinwohl.“

Andere wichtige Themen sind in den Augen von Kardinal Schönborn und den anderen österreichischen Bischöfen die Einführung der bedarfsorientierten Existenzsicherung, die Lösung des Pflegeproblems, die verstärkte Befassung mit Fragen der Integration und die Vorbereitung einer Steuerreform, die keine neue Schuldenlast nach sich zieht.

Besondere Dringlichkeit  sei angesichts der höchst bedrängenden demografischen Situation im Bereich des Lebensschutzes geboten. Es bedürfe „auch neuer Initiativen für ein unbedingtes ‚Ja zum Leben’ in allen Phasen. Dazu zählt die verstärkte materielle und immaterielle Unterstützung von Ehe und Familie als dauerhafte Gemeinschaft von Mann und Frau, die für Kinder offen ist.“

Große Aufgaben seien darüber hinaus die Förderung ganzheitlicher Bildungskonzepte unter Einbeziehung der religiös-ethischen Dimension, der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und die immer größer werdende Armut, der Einsatz für die europäische Integration, die internationale Solidarität und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung sowie der Einsatz für die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte.

Bezug nehmend auf eine andere bischöfliche Erklärung, die ebenfalls heute veröffentlicht wurde, verwies Kardinal Schönborn auf die grundlegende Bedeutung des arbeitsfreien Sonntags, der „ein Geschenk des Christentums an die europäische Kultur und Sozialordnung“ sei. Würde der Sonntag, wie es jetzt den Anschein habe, auf europäischer Ebene ausgehöhlt werden, ginge sehr viel an Menschlichkeit verloren, warnte Schönborn. Der arbeitsfreie Sonntag sorge dafür, „dass das Miteinander möglich ist“. Er forderte die Pressevertreter dazu auf, sich für den Schutz der Sonntagsruhe einzusetzen.

Bei ihrer Herbst-Vollversammlung setzten sich die österreichischen Hirten auch mit der Situation der bedrängten Christen im Irak auseinander. Bischof Scharl hatte ihnen von seiner Reise in den Nordirak berichtet (ZENIT berichtete). Da das Martyrium dieser Menschen bis heute andauere, dürfe man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. „Die internationale Gemeinschaft muss dafür sorgen, dass die Christen wie alle anderen Bürger in Mossul und im ganzen Irak wieder sicher leben können“, fordern die Bischöfe in einer dritten Erklärung.

Kardinal Schönborn erwähnte in diesem Zusammenhang auch die dramatischen Vorgänge im indischen Bundesstaat Orissa, wo bisher mehr als 500 Christen getötet worden sind (ZENIT berichtete).

Rund 50.000 Christen sind auf der Flucht, und viele von ihnen leben in einem der 15 Flüchtlingslager, in denen es an Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung mangelt. Unter den Christen herrscht nach Angaben der Päpstlichen Missionswerke in Österreich (Missio) eine „Atmosphäre des Schreckens“: Niemand wage die Rückkehr in die Heimatorte, tausende Häuser seien zerstört worden.

Kardinal Schönborn bat deshalb um Unterstützung der neuen Missio-Spendenaktion, die ein Projekt des Bischofs von Berhampur, Sarat Chandra Nayak, unterstützt. Seine bettelarme Diözese liegt in dem am schlimmsten von den Verfolgungen betroffenen Bundesstaat Orissa.

„Ziel unseres Projektes ist, die Gewalt zu verhindern und ein friedliches und harmonisches Zusammenleben zwischen den in der Diözese lebenden Menschen mit unterschiedlichen Religionsbekenntnissen zu erreichen“, erklärte der Bischof. Zu diesem Zweck werden so genannte „Peace Committees“ in den Dörfern und Pfarreien gegründet, die von Experten in Bezug auf Dialog und Gewaltvermeidung geschult werden. Von der Arbeit dieser „Friedenskomitee“ werden nach Worten von Bischof Nayak alle Menschen profitieren.

„Wir müssen handeln, sonst wird unser sonst so harmonisches Zusammenleben zwischen den religiösen Gruppen von einzelnen Radikalen zerstört. Das darf nicht passieren“, bekräftigte er. Die meisten Nicht-Christen hegten keine Vorurteile gegen Christen. Deshalb müsse man unter diesen Wohlwollenden ein Bewusstsein für die Situation von Minderheiten in ihrer Umgebung schaffen.

Von Dominik Hartig