Kardinal Schönborn: Christentum, der Weg der Zukunft

Interview zum Besuch Benedikts XVI. in Österreich 2007

| 1175 klicks

WIEN, 28. August 2007 (ZENIT.org).- Die große Herausforderung besteht nach Worten des Wiener Erzbischofs Christoph Kardinal Schönborn heute darin, den christlichen Glauben „als eine Alternative zu leben“. In einer säkularisierten Umgebung sei es notwendig, „den Glauben als die wirkliche Alternative für die heutige Gesellschaft anzubieten“.



Mit Blick auf den bevorstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI. in Wien, Mariazell und Heiligenkreuz (7. - 9.September) spricht der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz im ZENIT-Interview über das Petrusamt und die menschliche Seite Benedikts XVI., die lebensnotwendige Bedeutung von kinderreichen Familien für die Zukunft Österreichs und Europas sowie über die Gegenwart Jesu in den Christen.

„Wenn Papst Benedikt spricht, muss man die Ohren spitzen, denn was er zu sagen hat, ist immer sehr klar… Ich weiß nicht, was er uns sagen wird. Es ist gut, dass wir uns öffnen dafür.“

ZENIT: Der Besuch von Papst Benedikt XVI. ist in aller Munde. Wer ist das eigentlich, der Heilige Vater?

-- Kardinal Schönborn: Ganz einfach: Er ist der Nachfolger des Apostels Petrus und damit für uns der Vicarius Christi, der Stellvertreter des Herrn hier auf Erden in der sichtbaren Kirche. That’s it. Das ist zugleich unfassbar und gewaltig, aber das ist letztlich das Geheimnis des Petrusamtes. Wer immer es inne hat, aus welchem Land er kommt, welche Sprache er spricht – das alles ist wichtig, aber es ist zweitrangig. Er ist zuerst für uns nach dem Glauben der Kirche eben Petrus in unserer Mitte, mit der ganzen Dichte, Größe und Stärke dessen, was Jesus dem Petrus verheißen hat, was er ihm als Auftrag gegeben hat und was als Auftrag auch bestehen bleibt über die historische Gestalt des Petrus hinaus.

ZENIT: Wie begegnet man einem Heiligen Vater?

-- Kardinal Schönborn: Nun, ganz normal. Er ist für mich der Mensch, den ich seit 35 Jahren kenne, bei dem ich studieren und mit dem ich viele Jahre zusammenarbeiten durfte, den ich im Lauf dieser Jahre ganz tief und in großer Verehrung und Bewunderung schätzen und kennen gelernt habe. Aber das alles ist noch nicht das, was eben seit dem 19. April 2005 in sein Leben und in unser Leben getreten ist: dass er zum Nachfolger Petri gewählt wurde.

Das ist natürlich eine neue Dimension, die auch in der Begegnung mit ihm ständig da ist. Er ist der altbekannte, vertraute Lehrer und Kardinal und Mensch, und zugleich ist er eben Petrus.

ZENIT: Sie kennen Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. schon lange und stellten in Rom auch seine Jesus-Biographie vor. Was zeichnet ihn als Mensch aus?

-- Kardinal Schönborn: Darüber lässt sich viel sagen. Er hat in seinen Erinnerungen sehr verhalten, aber auch sehr eindrucksvoll über sein Leben geschrieben. Er ist sehr sparsam in diesen persönlichen Dingen. Er erzählt nicht viel über sein Leben, aber man spürt die tiefe christliche Verwurzelung seines Lebens. Man spürt, wie sehr er aus einer zutiefst vom Glauben geprägten Familie kommt, einer Familie, die im Glauben und in der Liebe tief geeint ist.

Ich durfte seine Schwester Maria recht gut kennen lernen, die ja ganz plötzlich am 2. November 1991 verstorben ist. Die drei Geschwister waren immer sehr innig verbunden, und sie müssen ganz besonders prägende Eltern gehabt haben.

Wer ist der Papst von seiner Geschichte her? Er ist ein außergewöhnlich begabter, intelligenter Theologe. Ich zögere überhaupt nicht zu sagen, dass er der letzte der großen Theologen der Konzilsgeneration ist – De Lubac, Congar, Rahner, Balthasar. Er war der Jüngste in dieser großen Riege der Theologen, die das Zweite Vaticanum geprägt haben, und er ist sicher einer der ganz großen von ihnen, als geistige, theologische Kapazität.

-- ZENIT: Bei Ihrer Begegnung mit Benedikt XVI. in Castel Gandolfo sprachen sie über Programmdetails zum bevorstehenden Besuch. Was erwartet sich der Heilige Vater von dieser Reise?

Kardinal Schönborn: Das wird er uns sagen, und ich glaube, es ist gut so. Wenn Papst Benedikt spricht, muss man die Ohren spitzen, denn was er zu sagen hat, ist immer sehr klar, gewichtig, eindringlich und sehr persönlich und ansprechend. Ich weiß nicht, was er uns sagen wird. Es ist gut, dass wir uns öffnen dafür.

Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass wir genügend Stoff zum weiteren Nachdenken bekommen werden.

ZENIT: Was für eine Kirche wird der Papst antreffen? Wie sehen Sie die Lage des Glaubens in Österreich?


-- Kardinal Schönborn: Wie die Lage des Glaubens ist, das kann letztlich nur der liebe Gott sagen, denn der Glaube richtet sich an ihn und ist in diesem Sinne auch das Geheimnis der Herzen in ihrer Beziehung zu Gott. Das kann keine Statistik erfassen. Aber natürlich leben wir in einer Zeit, in der die Religionssoziologie, die Religionspsychologie, die Statistik eine große Rolle spielt, und so wird immer wieder erforscht, wie es mit der Religiosität der Jugend steht, der Religiosität der mittleren Generation, der älteren Menschen.

Sicher hat sich zwischen heute und sagen wir den 50er-Jahren des letzen Jahrhunderts enorm viel verändert. Aber nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft. Wir leben in einer sehr veränderten Gesellschaft.

Ich nenne nur ein Beispiel unter vielen: In unserer Diözese haben wir ja einen ländlichen und einen städtischen Teil, die Großstadt Wien und dann die Teile um Wien herum, die zur Erzdiözese Wien gehören. Vor 50 Jahren waren diese ländlichen Teile bäuerliche Gebiete, heute sind sie großteils Wiener Vorstadt. Der Bauernstand ist extrem geschrumpft. Damit ist natürlich eine tiefgreifende Veränderung im beruflichen, gesellschaftlichen und familiären Leben vieler Menschen verbunden. Das wirkt sich auch auf die religiöse Haltung aus.

Ich denke, die Herausforderung ist heute, in einer stark säkularisierten Gesellschaft, das Christentum, den christlichen Glauben fast als eine Alternative zu leben, eine Kontrastgesellschaft. Nicht um sich sektiererisch abzusetzen, sondern um das Evangelium, den Glauben als die wirkliche Alternative für die heutige Gesellschaft anzubieten.

-- ZENIT: Das Motto des Papstbesuches lautet: „Auf Christus schauen“. In welchen Bereichen sollte Christus in den Christen präsenter werden?

Kardinal Schönborn: Ich denke, dass die Gegenwart Christi in unserer Mitte nicht schwächer ist als früher, sie ist vielleicht oft heute anonymer, weniger bewusst. Aber es gibt vor allem drei Bereiche, wo Christus uns in seiner Gegenwart lebendig wird. Das ist zuerst einmal sein Wort.

Papst Benedikt hat nicht umsonst ein Buch über Jesus geschrieben, das sich vor allem am Wort Jesu orientiert, an seiner Verkündigung, an seiner Lehre. Wir begegnen ihm in seinem Wort. Deshalb ist es eines der ganz großen Anliegen von Papst Benedikt, die Quellen der Heiligen Schrift für möglichst viele Menschen zu öffnen. Er hat deshalb auch die nächste Bischofssynode diesem Thema gewidmet. Sie wird über die Heilige Schrift, das Wort Gottes im Leben der Kirche, handeln.

Die zweite Gegenwart Christi ist die im Sakrament, in den Zeichen, die Christus uns gegeben hat, um mit ihm in Verbindung zu treten. Das ist die Taufe, das ist die Salbung mit dem Heiligen Geist – die Firmung –, das sind die Sakramente der Lebensspende – Ehe, Weihe – und das sind die Sakramente der Heilung, der seelischen Heilung – das Bußsakrament – und der leiblichen Heilung in der Krankensalbung. Und alles mündet in das große Sakrament seiner wirklichen Gegenwart in der Eucharistie.

Dieser Kranz der Sakramente ist deshalb so wichtig und für das Leben des Glaubens so prägend, weil er alle Lebensbereiche, Lebenswenden und Lebensetappen berührt und mit Christus in Verbindung bringt.

Und die dritte Form der Begegnung Christi – „Auf Christus schauen“ – ist die Begegnung mit Christus in den Armen, denen er sich besonderes gegenwärtig zeigt, mit denen er sich ausdrücklich identifiziert: Ich war krank, und du hast mir geholfen. Ich war im Gefängnis, und du bist zu mir gekommen. Ich war nackt, und du hast mich bekleidet; hungrig, und du hast mir zu essen gegeben. Christus identifiziert sich mit dem Armen, mit dem Notleidenden, und deshalb begegnen wir ihm dort in besonderer Weise.

Der Papst wird uns darauf hinweisen, wenn er uns sagt, wie wir auf Christus schauen sollen.

ZENIT: Der Heilige Vater kommt ja in erster Linie nicht nach Österreich, sondern er pilgert nach Mariazell. Welche Bedeutung hat Maria im christlichen Leben?


-- Kardinal Schönborn: Das Motto „Auf Christus schauen“ ist ja eigentlich ganz stark inspiriert von Mariazell. Wenn man die Gnadenstatue von Mariazell, die kleine 850 Jahre alte Lindenholz-Statue ohne das Festgewand betrachtet, ohne die Prunkgewänder, mit denen man sie meistens bekleidet sieht, dann sieht man eine schlichte Gestalt dieser geheimnisvoll lächelnden Mutter Gottes und auf ihrem Schoß das Kind mit dem Apfel in der Hand, dem Reichssymbol der Gottesherrschaft. Und Maria zeigt ganz deutlich mit der Hand auf das Kind. Das heißt, sie sagt uns, was sie in Kana gesagt hat – „Tut, was er euch sagt“ –, und sie lehrt uns, auf Christus zu schauen.

Sie schaut uns an, aber sie zeigt auf Christus. Sie ruft uns gewissermaßen an: „Schau dorthin, schau auf meinen Sohn.“ Und ich denke, dass ist das, was Papst Johannes Paul II. als Lebensmotto wirklich für sein ganzes Leben und speziell für seinen Dienst als Papst gewählt hat. Das „Totus tuus“ ist ja: durch Maria zu Christus. Sie zeigt den Weg. Deshalb beginnen wir den Pilgerweg des Heiligen Vaters und mit dem Heiligen Vater nach Mariazell ja auch ganz bewusst am Platz Am Hof bei der Mariensäule.

Am 8. Dezember 2006, am Fest der Immaculata, der unbefleckt Empfangenen, haben wir die große Novene begonnen, die uns bis zum 8. September begleitet, die große Novene der Vorbereitung auf das Patrozinium, auf das Fest von Mariazell und auf den Besuch des Heiligen Vaters.

ZENIT: Sie haben unlängst darauf hingewiesen, dass der Mangel an Kindern ein ernstes Problem darstellt. Wie könnte die Gesellschaft kinderfreundlich werden?


-- Kardinal Schönborn: Es ist zunächst einmal wirklich ein gewaltiges Problem einer Gesellschaft, die einfach ihre Zukunft verbaut, indem sie zuwenige Kinder hat. Wir wissen es: Fast ganz Europa hat das Problem eines Bevölkerungsschwundes, der durch starke Zuwanderung aufgefangen wird. Das ist eine Entscheidung, die eine ganze Gesellschaft betrifft und schon mit etwas wie „No Future“ zu tun hat.

Warum ist das so, gerade wo es uns so gut geht hier in Österreich, wo die Familien fördernden Maßnahmen besser sind als je zuvor in diesem Land. In keinem Moment der Geschichte hat es eine Karenzregelung gegeben, wie es sie heute gibt. Und trotzdem hatten die Menschen früher viel mehr Kinder als heute.

Da spielt sicher das Drama der Abtreibung eine ganz große Rolle. Aber dazu kommt auch das Nicht-Kinder-haben-Wollen, das Nein zu Kindern, mit der Empfängnisverhütung.

Europa hat in den letzten 40 Jahren drei Mal Nein gesagt zu seiner Zukunft: Das erste Mal mit der Pille, das zweite Mal mit der Abtreibung und das dritte Mal mit der Homo-Ehe. Ganz unabhängig von der moralischen Beurteilung aller dieser Phänomene ist es einfach de facto ein Nein zur Zukunft.

Das Ja zur Zukunft kann nur heißen: Ja zu Kindern. Und ich denke, es beginnt allmählich bei vielen Menschen in Europa ein Aufwachen, ein Bewusstwerden, dass man sich hier entscheiden muss. Und das Ja zur Zukunft ist schon etwas Schönes, wenn man glaubt, dass die Zukunft eine Hoffnung hat.

ZENIT: In der Erzdiözese Köln gibt es seit jüngster Zeit so genannte „Familienzentren“. Welche konkreten Initiativen zur Förderung der Familien gibt es in der Erzdiözese Wien?

-- Kardinal Schönborn: Natürlich gibt es viele Familieninitiativen wie beispielsweise den Familienverband oder das Familienwerk. Verschiedene geistliche Bewegungen haben Familienorganisationen, etwa die Schönstattbewegung. Alle geistlichen Erneuerungsbewegungen sind immer sehr stark auch Familienbewegungen. Aber ich glaube, es geht um etwas ganz anderes. Es geht um das Sehen.

Jesus hat den ersten Jüngern gesagt: „Kommt und seht!“ Man muss es sehen, man muss es berühren können – sonst erlebt man es nicht.

Ich habe ein paar Tage meiner Ferien mit einer jungen Familie verbracht, die jetzt das sechste Kind bekommen hat. Natürlich ist das ein Leben voller Entbehrungen, aber es ist ein unvergleichlich lebendigeres Leben, als wenn man Angst hat vor jedem neuen Leben. Ich denke, es braucht das Erleben von solchen Familien, die ganz bewusst Ja sagen, auch wenn das mit enormen Widerständen aus der Umgebung verbunden ist, „Ihr Wahnsinnigen! Passt Ihr nicht auf?“, und die einfach, durch das Leben, bezeugen können, dass es schön und dass es gut ist, Kinder zu haben.

Natürlich ist es mühsam. Aber es ist sehr erfüllend, sehr lohnend. Und ich denke, das Erleben solcher Familien ermutigt andere, Ähnliches zu wagen. Und erstaunlicherweise handelt es sich hierbei nicht um eine Frage der Finanzen, der finanziellen Möglichkeiten.

Natürlich ist es schwierig mit sechs Kindern. Und Gott sei Dank gibt es in Österreich eine gute Förderung für Familien. Es könnte manches noch besser sein, noch konstruktiver, aber das Entscheidende ist, das selber zu erleben und erfahrbar zu machen für andere: „Kommt und seht!“

Ich sehe das bei einer ganzen Reihe junger Familien, die drei, vier, fünf, sechs und mehr Kinder haben. Und man hat den Eindruck: Da ist Zukunft, da ist Hoffnung, da ist Leben. Da sind die Grundhaltungen, von denen die Gesellschaft lebt: Solidarität, gegenseitige Rücksichtnahme, gegenseitige Hilfe; die selbstverständliche Erfahrung, dass man auch auf manches verzichten muss.

Alle Werte, die wir notwendigst brauchen, damit eine Gesellschaft eine lebens- und liebenswerte Gesellschaft ist, finden wir dort. Die lernt man dort! Und wehe einer Gesellschaft, in der diese Werte verloren gehen, denn das wird eine schlimme, eine grausame Gesellschaft.

ZENIT: Was erhoffen Sie sich vom Papstbesuch?

-- Kardinal Schönborn: Stärkung im Glauben, Freude am Glauben; Ermutigung, den Weg des Glaubens zu gehen und ihn mit der Kirche und in der Kirche zu gehen, und nicht auf einem selbstgestrickten Weg.