Kardinal Schönborn: Evangelisieren können wir nur, wenn wir uns selber evangelisieren lassen

Auf das Überraschende vertrauen

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Von Jan Bentz

VATIKANSTADT, 27. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn nimmt als Synodenvater an der Bischofssynode zur Neuevangelisierung teil. ZENIT hatte nach der Generalkongregation mit Papst Benedikt 27. Oktober die Gelegenheit, mit ihm über das zu sprechen, was für ihn die wichtigsten inhaltlichen Elemente dieses Welttreffens waren.

ZENIT: Eminenz, die wievielte Bischofssynode ist das für Sie? Welche Aufgaben hatten Sie bei den vorherigen?

Kardinal Schönborn: Es ist die dritte Synode, an der ich teilnehme. Die erste war im Jahr 1985, als ich als theologischer Mitarbeiter geholfen habe, oben in der letzten Reihe. Die nächtliche Arbeit, die der Heilige Vater vorhin ansprach, ist mir da noch sehr gut in Erinnerung. Die „Propositiones“ in Ordnung zu bringen, die Reden zu sortieren, die Themen herauszufiltern. Es war meine erste Synoden-Erfahrung. Es gab dort eine sehr entscheidende Synodensitzung, bei der der Heilige Vater gebeten wurde, den Katechismus zu erstellen. An dieser Synode durfte ich also als Theologe teilnehmen. Die zweite Synode, an der ich teilgenommen habe, war die Europa-Synode im Jahr 1999 als Vorbereitung auf das Jubiläum; diese war nun die dritte.

ZENIT: Welche Anregungen nehmen Sie nach Österreich mit, was hat Sie am meisten berührt?

Kardinal Schönborn: Das Erste und Wichtigste, das wie ein „cantus firmus“ durch sehr viele Ansprachen verlief, war das Thema: „Wir müssen bei uns selber anfangen“. Es hat mich sehr berührt, wie viele Bischöfe davon gesprochen haben, evangelisieren können wir nur, wenn wir uns selber evangelisieren lassen. Dies war eine sehr schöne Korrektur: Wir können uns nicht selber evangelisieren, wir müssen uns evangelisieren lassen, wie es auch im Katechismus an einer wichtigen Stelle heißt: Niemand kann sich selber das Evangelium geben. Wir müssen es empfangen. Dazu gehört das Thema Bekehrung, ein ganz häufiges Thema in den Wortmeldungen der Bischöfe. Es stimmt mich sehr hoffnungsvoll, dass wir nicht nur davon reden, was die anderen tun sollen, sondern vielmehr, wie schon Paul VI. in „Evangelii nuntiandi“ gesagt hat: Wir müssen bei uns selber anfangen.

Das Zweite ist die ganz große Bedeutung der kleinen christlichen Gemeinden. Das betrifft nämlich auch alle Kontinente und entspricht ganz der urchristlichen Erfahrung. Wir müssen in Gemeinschaft praktizieren. Da ist die gewöhnliche Pfarrei als solche zwar der Ort, aber alleine reicht sie nicht, dieser geforderten Dichte des gelebten christlichen Zeugnisses Platz zu geben. Wir versuchen in der Diözese Wien mit langfristiger Perspektive größere Pfarreien, natürlich keine Mega-Pfarreien – davon sind wir weit entfernt -, aber größer als die 200-300 Menschen-Pfarreien einzurichten. Was schon vielfach in den Pfarreien, Familienrunden, Arbeitsrunden existiert, das müssen wirkliche  Gemeinschaften werden, die Träger der Evangelisierung werden können.

Ein dritter Punkt ist die Ermutigung. Der Wind bläst uns oft entgegen, aber der Hauch des Heiligen Geistes ist auch spürbar. Der Heilige Vater hat uns zwei Beispiele gegeben, das der Kirche in Kambodscha, die zur Zeit des Genozids fast vollständig vernichtet worden war. Dort beginnt sie wieder zu blühen, sie wächst und gedeiht. Da spürt man die Kraft des Auferstandenen Herrn, der durch seine Kraft wieder aufbaut. Das zweite Beispiel war das Zeugnis des Bischofs aus Norwegen, einem ganz säkularisierten Land, der ganz überraschende Berichte darüber vorgelegt hat, wie die Kirche dort wieder aufblüht. Am Schluss versicherte er uns, dass wir auf das Überraschende vertrauen können. Das ist auch für mich in Österreich wichtig, neben allen Schwierigkeiten, die wir haben. Das Schöne wird immer viel zu wenig gesehen und berichtet. Wir müssen immer für das Überraschende offen sein. Wer hat wohl damals 1850 gedacht, dass in Lourdes eine Quelle entspringen würde, die vielen Millionen von Menschen eine Quelle der Hoffnung und der Kraft sein würde?

Wir können nur darum bitten, aber es liegt letztendlich nicht in unserer Hand. Wir können nur wie Maria im Abendmahlssaal harren und auf Gott warten. Wir müssen viel beten und dann viel Vertrauen haben.

ZENIT: Sie sind Dominikaner. Hat uns der Heilige Thomas von Aquin, der berühmteste Dominikaner, für die Neuevangelisierung heute noch etwas zu sagen?

Kardinal Schönborn: Der heilige Thomas ist ein Meister der Neuevangelisierung, weil er in ganz unvergleichlicher Weise und ich würde sagen, fast in einsamer Meisterschaft, vergleichbar nur mit einigen Meistern unserer Tage -zu denen ausdrücklich unser Heiliger Vater Benedikt XVI. gehört-, die Gabe hat, die Dinge in aller Einfachheit und Klarheit in das Licht der Vernunft zu stellen. Man wird dabei nicht „overpowered“, überwältigt, sondern die Sache beginnt, von sich aus zu leuchten. Die Wahrheit scheint durch die Dinge hindurch, das helfende Wort des denkenden und glaubenden Meisters, der die Sachverhalte in das Licht der Wahrheit stellen kann und zum Strahlen bringt. Ich kenne niemanden -und ich habe lange Jahre selber doziert-, der diese Gabe so hat wie unser Heiliger Vater. Zu seiner Zeit hatte es eben der heilige Thomas auf außergewöhnliche Weise.