Kardinal Schönborn: Fides, Ratio, Scientia. Zur Evolutionismusdebatte

Vortrag des Wiener Erzbischofs beim Schülerkreistreffen in Castel Gandolfo (1.-3. September 2006)

| 943 klicks

ROM, 20. April 2007 (ZENIT.org).- Vor zwei Wochen ist im deutschsprachigen Raum das Buch „Schöpfung und Evolution. Eine Tagung mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo“ erschienen. Wir veröffentlichen aus diesem Anlass den Vortrag, den der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn beim Schülerkreistreffen in Castel Gandolfo gehalten hat.



Auf der Webseite der Erzdiözese Wien, www.stephanscom.at, wurden auch die einzelnen Vorträge zusammengetragen, die der Kardinal im Rahmen seiner Katechesenreihe zum Thema „Schöpfung und Evolution“ im Wiener Stephansdom hielt.

* * *



Isaac Newton vollendete 1686 seine Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, die im folgenden Jahr in London publiziert wurden. Der zweiten Ausgabe von 1713 fügte Newton ein "Scholium Generale" hinzu. Ein Hauptanliegen Newtons in seinen "Principia" war es, die Theorie der Planetenbewegungen des Descartes zu widerlegen, die er als materialistische Theorie ablehnte. Die Perfektion, die Regelmäßigkeit dieser Bewegungen können, so schreibt Newton, "nicht aus mechanischen Ursachen ihren Ursprung haben" (originem non habent ex causis mechanicis).

Vielmehr gelte: "Dieses uns sichtbare höchst erlesene Gefüge (elegantissima haecce ... compages) von Sonne, Planeten und Kometen konnte allein durch den Ratschluss und unter der Herrschaft eines intelligenten und mächtigen wahrhaft seienden Wesens entstehen (non nisi consilio et dominio entis intelligentis et potentis oriri potuit). Und wenn die Fixsterne die Mittelpunkte ähnlicher Systeme sein sollten, so wird dies alles, weil es nach einem ähnlichem Plan aufgebaut ist (simili consilio constructa), unter der Herrschaft des Einen stehen (suberunt Unius dominio) ... Und damit die Systeme der Fixsterne nicht durch ihre Schwere wechselseitig ineinander stürzen, dürfte Er dieselben in eine ungeheure Entfernung von einander gestellt haben. Er lenkt alles, nicht als Weltseele, sondern als der Herr aller Dinge (ut universorum dominus)".

Aber können wir Ihn, der "wegen Seiner Herrschaft Pantokrator genannt wird", erkennen? Von seiner Substanz, seinem Wesen, haben wir keine Idee, keine Vorstellung. "Wir erkennen ihn einzig und allein durch seine Wesenseigenschaften und Attribute (per proprietates ejus et attributa), sowie durch den höchst weisen und guten Plan und die Zweckursachen der Welt (per sapientissimas et optimas structuras et causas finales), und wir bewundern ihn wegen seiner Vollkommenheiten (et admiramur ob perfectiones)":

Und um diesen Aussagen noch eine letzte Klarheit und Entschiedenheit zu geben, fügt Newton ein energisches Wort gegen den schon damals grassierenden Deismus (d.h. die Reduktion des göttlichen Wirkens auf eine nur am Anfang stehende "Uhrmacher"-Tätigkeit) hinzu:

"Gott ohne Herrschaft, Vorsehung und Zweckursachen (deus sine dominio, providentia et causis finalibus) ist nichts anderes als blindes Schicksal und bloße Natur (nihil aliud est quam fatum et natura). Aus einer blinden metaphysischen Notwendigkeit (a caeca necessitate metaphysica), die ja immer und überall dieselbe ist, entsteht keine Veränderungsmöglichkeit der Dinge (nulla oritur rerum varitatio). Die ganze Vielfalt der nach Ort und Zeit geordneten Dinge konnte einzig und allein aus den Vorstellungen und dem Willen eines wahrhaften Seins, das notwendigerweise existiert, entstehen (tota rerum conditarum pro locis ac temporibus diversitas, ab ideis et voluntate entis necessario existentis solummodo oriri potuit)".

Lapidar schließt dieser Abschnitt des "Scholium Generale":

"Und soviel über Gott; über ihn auf der Grundlage von Naturerscheinungen Aussagen zu machen, gehört unbedingt zur Naturphilosophie (et haec de deo, de quo utique ex phaenomenis disserere, ad philosophiam naturalem pertinet)" (3. Newton, Philosophiae naturalis prinicipia mathematica, 3. Ausgabe, London 1726, 526-529; deutsche Übersetzung nach E. Dellian, in Meiners Philosophische Bibliothek, Hamburg 1988, 225-229).

Verzeihen Sie mir die etwas mühsamen und langen Zitate zu Beginn dieses Vortrags. Das berühmte Scholion Newtons enthält in nuce die wesentlichen Fragen, um die es noch heute geht, wenn über das Verhältnis von Wissenschaft, Vernunft und Glauben diskutiert wird. Die Leidenschaft, mit der die Debatte geführt wird, kam wieder einmal heftig zum Ausdruck, als ich am 7. Juli 2005 in der New York Times einen Artikel zum Thema veröffentlichte.

Warum werden diese Fragen seit Galilei und Newton mit solchem Einsatz, mit so viel Passion diskutiert? Es gab immer und wird auch weiterhin unter Gelehrten Streit geben. Die Debatte, ob ein neu entdecktes Manuskript ein echtes Werk des Hl. Augustinus enthält oder nicht, betrifft einen kleinen Kreis von Eingeweihten. Die Frage, ob das Universum, und in ihm unsere Erde, und auf ihr wir Menschen "blindem Schicksal" ihr Entstehen verdanken oder "einem höchst weisen und guten Plan", bewegt hingegen viele Menschen, weil es dabei um die Fragen geht, die jeder Mensch sich früher oder später stellt: "Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Lebens?"

Aber sollten diese Fragen nicht zuerst an die Religion gestellt werden? Ist es sinnvoll, von der (Natur-)Wissenschaft darauf Antwort zu erwarten? Ist damit die Wissenschaft nicht überfordert? Was aber, wenn Wissenschaftler auf Grund ihrer Erforschung der Natur zum Schluss kommen, alles zum Resultat eines blinden Spiels von Zufall und Notwendigkeit zu erklären? Wird dann die religiöse Antwort auf die Urfragen des Menschen nicht bodenlos, ohne Grund, eine frei schwebende Girlande, die grundlos, unbegründet, behauptet, es gäbe einen Sinn, einen Plan hinter allem, und alles habe auch ein letztes Ziel, das Gott gewollt hat und das er auch verwirklicht? Dazu kommt: wenn die Behauptung, die Welt zeuge von einem Plan, einer Zielsetzung durch den Schöpfer, als wissenschaftlich haltlos erwiesen wäre, dann wäre ein Glaube an einen Schöpfer und seine Vorsehung auch unvernünftig. Dann könnte der Schöpfungsglaube höchstens auf einem credo quia absurdum basieren. Doch wäre ein Glaube, der auf einem absurden Grund baut, kein Glaube, sondern eine Illusion. Ist der Glaube an einen Schöpfer eine Illusion, deren Zukunftslosigkeit etwa Sigmund Freud zu zeigen versuchte?

Newtons "Scholium Generale" ist Teil dieser Debatte. Für ihn ist das Ebenmaß der Planetenbahnen ein Phänomen, das sich "nicht aus mechanischen Ursachen heraus" erklären lässt. Dieses "elegantissime" Gefüge kann nur durch den Ratschluss und die Herrschaft einer höchsten Intelligenz entstanden sein. Aus den Naturphänomenen komme man zur Gewissheit über den Schöpfer.

Gibt es also einen "kosmologischen Gottesbeweis"? Sprechen manche besonders komplexe Phänomene nicht deutlich für ein "intelligent design" in der Natur? Newton geht weiter: aus dem blinden Spiel von Zufall und Notwendigkeit kann nicht die Vielfalt der Dinge entstehen. Genau das Gegenteil besagt die heute gängige Evolutionstheorie: die ganze Artenvielfalt ist aus dem unorientierten Spiel der Kräfte von Mutation und Selektion entstanden. Für Newton ist die ganze Vielfalt der Dinge einzig und allein "aus den Ideen und dem Willen" des höchsten Wesens entstanden. Und das ist für ihn eine Gewissheit, die er aus seinen Forschungen bezieht. Oder ist es insgeheim umgekehrt: dass sein Glaube an den Schöpfer ihn die Dinge in diesem Licht sehen ließ? Lassen wir diese Frage zunächst offen.

Vorerst sei die berühmte Anekdote erzählt, die Voltaire verbreitet hat: Newton saß eines Abends am elterlichen Bauernhof unter einem Apfelbaum. "Ein Apfel fiel herab. Newton sah dies und schaute auf den am Abendhimmel leuchtenden Mond. In diesem Augenblick stellte er die entscheidende Frage: 'Wenn der Apfel auf die Erde fällt, warum fällt nicht der Mond auf sie?' Die Schwerkraft, mit der die Erde den Apfel zu sich herabholt, müsste doch genauso gut auf den - zwar entfernteren, aber dennoch sich in Reichweite der Erde befindlichen - Mond wirken" (R. Taschner, Das Unendliche. Mathematiker ringen um einen Begriff, Berlin-Heidelberg 2006 2, S. 52). Nun stürzt der Mond aber nicht auf die Erde. Stünde er still, so geschähe dies. Da er sich aber gleichförmig bewegt, würde er sich ohne die Schwerkraft der Erde von dieser wegbewegen. Beide Kräfte wirken zusammen, die Bewegung des Mondes und die Schwerkraft der Erde (vg. Taschner, loc.cit., S. 53). Dieses Zusammenspiel hat Newton berechnet. Er war aber überzeugt, dass diese regelmäßigen Bewegungen nicht aus mechanischen Ursachen entstanden sein könnten, sondern "allein durch den Ratschluss" und die Herrschaft eines höchsten intelligenten Wesens, das wir Gott nennen.

Newton nahm dazu an, dass Gottes Vorsehung immer wieder eingriff, um die Stabilität der Planetenbahnen und des Sonnensystems sicherzustellen (vgl. St. Jaki, Intelligent Design? Port Huron, MI, USA, 2005, S. 12). Ohne eine solche wiederholte spezielle Intervention des Schöpfers schien die Ordnung der Planetenbahnen nicht erklärbar zu sein.

Leibnitz machte das Newton zum Vorwurf, dass nach dessen Lehre "Gott von Zeit zu Zeit seine Uhr aufziehen" müsse; "andernfalls bliebe sie stehen"; nach Newtons Ansicht sei Gottes Werk "derart unvollkommen, dass er es von Zeit zu Zeit durch einen außergewöhnlichen Eingriff reinigen und sogar flicken muss, wie ein Uhrmacher "sein Werk". Leibnitz hält das für eine Herabsetzung der Allmacht Gottes und setzt dem seine eigene Lehre von der "schönen prästabilierten Ordnung" entgegen, in der allein sich die Weisheit und Macht Gottes zeige (siehe Samuel Clarke, Briefwechsel mit G. W. Leibnitz von 1715/1716, Hrsg. Von E. Dellian, Hamburg 1990, 10f.; vgl. E. Dellian, Die Rehabilitierung des Galileo Galilei oder Wie die Wahrheit zu messen ist, Berlin 2006, Privatdruck, S. 326). Die Frage ist bis heute unvermindert akutell. Kommt der Schöpfer überhaupt in seinem Werk vor?

Als Laplace keine 100 Jahre später sehr wohl eine "mechanische" Erklärung für die Planetenbahnen geben konnte, sagte er zu Napoleon, der ihn besorgt nach dem Platz Gottes in dieser Erklärung fragte, den berühmten Satz: "Je n'ai pas besoin de cette hypothèse".

Wo Gott die Lücken des Wissens füllen soll, da wird sein Platz mit jeder Entdeckung geringer, die wieder ein Stück des bisher Unerklärlichen aufklären konnte. Diese "Überlebensnischen" des Schöpfers wurden immer kleiner, und je erfolgreicher die Naturwissenschaften wurden, desto siegessicherer gaben sich viele in der scientific community, dass die "Hypothese Gott" eines Tages ganz unnötig werden wird.

Unter diesem Vorzeichen ist auch Charles Darwin angetreten. Wie Professor Stanley L. Jaki vielfach und sehr genau dokumentiert gezeigt hat, war Darwin von dem Willen "besessen", eine wissenschaftliche, plausible Erklärung des Ursprungs der Arten zu geben, der gänzlich auf eigene, gesonderte Schöpfungsakte Gottes verzichten kann. Seine "Deszendenztheorie", die erst später Evolutionstheorie genannt wurde, war ein einziges langes Argument für eine rein "innerweltliche", ja rein materielle, mechanische Erklärung der "Entstehung der Arten". Wo Newton noch sagte, aus blinder Notwendigkeit könne keine Veränderung und damit keine Vielfalt der Dinge entstehen, da dies alleine aus den göttlichen Ideen und dem göttlichen Willen möglich sei, ist bei Darwin das Gegenteil geworden: Die ganze Artenvielfalt hat ihren Ursprung in Zufallsmutationen und deren Überlebenschancen. Dazu bedarf es keiner besonderen Eingriffe des Schöpfers.

Nach den gründlichen Forschungen von Stanley Jaki bleibt kaum ein Zweifel, dass Darwin mit seiner Theorie dem Materialismus wissenschaftlich zum Sieg verhelfen wollte. In diesem Bemühen stand er ja weiss Gott im 19. Jahrhundert nicht alleine. Karl Marx und Friedrich Engels haben nicht zufällig Darwins Theorie begeistert als wissenschaftliche Grundlage für ihre eigene Theorie begrüßt.

Diese ideologische, weltanschaulich Komponente in Darwins Theorie ist wohl auch die Hauptursache dafür, dass bis heute über sie, über Evolution und Schöpfung, unvermindert intensiv diskutiert und passioniert gekämpft wird. Die Debatte der vergangenen Monate hat es wieder deutlich gezeigt. Daher halte ich es für die vorrangigste Aufgabe, mit den Mitteln der Naturphilosophie mehr Klarheit in die Debatte zu bringen. Das erfordert mehrere Schritte:

1. Wo ist in Darwins Theorie (und in ihren Weiterentwicklungen) wirkliche Wissenschaft am Werk, und wo handelt es sich um weltanschauliche, ideologische Elemente, die wissenschaftsfremd sind? Man muss Darwin vom Darwinismus lösen, ihn von den ideologischen Fesseln befreien. Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass das möglich ist.

2. Es muss erlaubt sein, an den ideologischen Seiten des Darwinismus sachliche Kritik zu üben. Es ist nicht einzusehen, warum es verboten sein soll (so die Debatte in den USA), die Gottesfrage im Wissenschaftsunterricht der Schule zu stellen, und nie die Frage zu stellen, ob der Materialismus (als höchst diskutable Weltanschauung) eigentlich zusammen mit Darwin`s Theorie gelehrt werden darf. Das muss nicht geschehen, wenn der Biologieunterricht nicht ideologisch mit sachfremden Elementen überladen wird. De facto geschieht es häufig, zum Schaden der Wissenschaft, der Vernunft und des Glaubens.

3. Das erfordert weiters eine große Freiheit im Diskutieren der offenen Fragen der Evolutionstheorie. Häufig wird in der scientific community jede Anfrage an die wissenschaftlichen Schwachpunkte der Theorie von vornherein abgeblockt. Hier herrscht zum Teil eine Art Zensur, wie man sie gerne der Kirche früher vorgeworfen hat.

4. Die entscheidende Frage liegt aber nicht auf der Ebene der Naturwissenschaften, auch nicht auf der der Theologie, sondern zwischen beiden: der Naturphilosophie. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die entscheidenden Fortschritte in der Debatte um die Evolutionstheorie auf der Ebene der Naturphilosophie, ja letztlich der Metaphysik liegen werden. Es wird uns allen gut tun, etwas genauer in die philosophischen Zusammenhänge unserer Debatte einzutreten.

5. Denn eines hat mir die Debatte der letzten Monate sehr deutlich gezeigt: Es ist eine Engführung, ja eine Karikatur, wenn alles auf einen Konflikt zwischen Evolutionisten und Kreationisten reduziert wird. Dadurch macht man sich die Sache zu leicht. Die "kreationistische" Position basiert auf einem Bibelverständnis, das die Katholische Kirche nicht teilt. Die erste Seite der Bibel ist nicht ein kosmologischer Traktat über die Weltentstehung in sechs Sonnentagen. Die Bibel lehrt uns nicht, "how the heavens go, but how to go to heaven" (St. Jaki, Darwin's Design, Port Huron, MI, USA, 2006, S. 4).

Die Möglichkeit, dass der Schöpfer sich auch des Instrumentes der Evolution bedient, ist für den Katholischen Glauben annehmbar. Die Frage ist vielmehr, ob der Evolutionismus (als weltanschauliches Konzept) mit dem Glauben an einen Schöpfer vereinbar ist. Diese Frage setzt wiederum voraus, dass zwischen der wissenschaftlichen Theorie der Evolution und ihren weltanschaulichen bzw. philosophischen Deutungen unterschieden wird. Das wiederum setzt voraus, dass es zu einer Klärung der denkerischen, philosophischen Voraussetzungen der ganzen Evolutionsdebatte kommt.

Sind Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie vereinbar? Der heute weit verbreitete "Konkordismus" meint, "dass die Theologie und die Evolutionstheorie nie in Konflikt geraten können, weil die beiden Disziplinen sich in zwei völlig getrennten Bereichen bewegen" (A. Walker, Schöpfung und Evolution Jenseits des Konkordismus, in: Intern. Kath. Zeitschrift Communio H 35/2006). Dieses von Stephen Gould als NOMA-Prinzip (Non-Overlaping Magisteria) bezeichnete Verhältnis ist m. E. nicht haltbar. Es muss zwischen Theologie und Naturwissenschaften, zwischen Glauben, Denken und Forschen, "Überschneidungen" geben. Der Glaube an einen Schöpfer, an Seinen Plan, Seine "Weltregierung", seine Hinführung der Welt auf ein von Ihm gesetztes Ziel kann nicht ohne Berührungspunkte mit der konkreten Erforschung der Welt bleiben. Daher gilt: nicht jede Variante der Evolutionstheorie ist mit dem Schöpfungsglauben vereinbar.

Dazu Adrian Walker (John Paul II. - Institute, Washington):

"Ein Musterbeispiel für eine solche problematische Spielart der Evolutionstheorie ist das, was ich den strikten Darwinismus nenne: die These, dass das Zusammenspiel von (genetischer) Mutation und natürlicher Selektion eine hinreichende Erklärung der Entstehung neuer Lebensformen sei. Denn wenn Mutation und Selektion ausreichen, um diese Entstehung zu erklären, gibt es eigentlich keinen Grund warum blinde Materie der erste Ursprung des Lebens nicht sein könnte - eine These, die ... mit der christlichen Schöpfungslehre unvereinbar ist" (ebd., S 55f).

Oft wird der Ausweg gesucht, dass man sagt, die Biologie bzw. generell die Naturwissenschaften seien n u r methodologisch materialistisch, ohne deshalb einem weltanschaulichen Materialismus zu huldigen. Selbst wenn dem so wäre, bleibt immer noch klar, dass diese methodologische Option ein geistiger Akt ist, der Vernunft, Wille, Freiheit voraussetzt. Schon allein das genügt, um zu zeigen, dass die Begrenzung der naturwissenschaftlichen Methode auf rein materielle Vorgänge nicht dem Ganzen der Wirklichkeit gerecht werden kann.

Newtons Satz behält nach wie vor sein volles Recht, dass es Aufgabe der Naturphilosophie sei, ex phaenomenis, ausgehend von den Naturerscheinungen, über Gott Aussagen zu machen. Der Katholische Glaube hält, mit der Bibel des alten und des neuen Bundes, daran fest, dass die Vernunft die Existenz des Schöpfers aus seinen Spuren in der Schöpfung mit Gewissheit, wenn auch nicht ohne Mühe erkennen kann.

Was kann also die Vernunft erkennen? Zuerst einmal, dass es sie gibt, und dass sie mehr ist als ihre materiellen Bedingungen.

Lassen Sie mich das an einem anschaulichen, anekdotischen Beispiel erläutern:

Der deutsch-amerikanisch-jüdische Philosoph Hans Jonas hat al ein bedeutendes Spätwerk eine "Ethik der Verantwortung" geschrieben. Dabei war ihm klar, dass es keinen Sinn hat, von Ethik und Verantwortung zu sprechen, wenn es nicht den Geist, die Seele, die Vernunft und den freien Willen gibt. Gene übernehmen keine Verantwortung. Sie werden ja auch nicht vor Gericht gestellt, wenn sie Krebszellen produzieren. Auch Tiere werden nicht zur Verantwortung gezogen. Nur Menschen tragen Verantwortung und müssen (spätestens vor dem Gericht Gottes) für ihr Tun Rechenschaft ablegen. Der Alltag ist eine ständige Widerlegung des Materialismus. In der Wirtschaft z. B. muss ich Verantwortung tragen. Die Bienen und die Ameisen leisten Unglaubliches, aber ihr Verhalten ist instinktgeleitet, weshalb sie auch für keine Fehler verantwortlich sind. Nur freie Wesen sind für ihre Fehler verantwortlich. Obwohl der Alltag die materialistische Sicht ständig widerlegt, fallen auch sehr gescheite Menschen auf diesen Irrtum herein. Hans Jonas beschloss also, seiner "Ethik der Verantwortung" eine philosophische Widerlegung des Materialismus voranzuschicken. Er nannte das Büchlein "Macht und Ohnmacht der Subjektivität" (Frankfurt 1981). Gleich zu Beginn nun folgende Anekdote: Drei junge Naturwissenschaftler, die alle später berühmte Gelehrte werden sollten, taten sich 1845 in Berlin zusammen und "verschworen sich ... die Wahrheit geltend zu machen, dass im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind als die gemein physikalisch-chemischen". Die drei blieben ihrem "Eid" ein Leben lang treu. Hans Jonas bemerkt dazu: "In der Tatsache des Gelöbnisses trauten sie einem ganz und gar Nicht-physischen, ihrem Verhältnis zur Wahrheit, eben die Macht über das Benehmen ihrer Gehirne zu, die sie im Inhalt des Gelöbnisses generell verneinten" (ebd., S 13f).

Welche Kraft ist da am Werk? Etwas versprechen können, sich bemühen, das Versprechen zu halten, mit der Gefahr, es auch brechen zu können: all das kann nicht die Wirkung von Kräften sein, die rein materieller Art sind. Die Entwicklung einer wissenschaftlichen Theorie ist ein geistiger Vorgang, selbst wenn diese Theorie materialistisch ist. Alfred N. Whitehead's ironische Bemerkung über jene Darwinisten, die jede Zielgerichtetheit der Natur ablehnen, ist bekannt: "Those who devote themselves to the purpose of proving that there is no purpose constitute an interesting subject for study" (The Function of Reason, Princeton 1929, 12) (Diejenigen, die sich ganz dem Zweck widmen, zu beweisen, dass es keinen Zweck gibt, stellen ein interessantes Studienobjekt dar). Der Mensch erlebt sich selbst als Zwecke und Ziele Setzender. Das menschliche Handeln ist gar nicht anders denkbar denn als zielorientiertes. Es gibt kaum ein Beispiel für ein zielorientierteres Handeln als die wissenschaftliche, und speziell die naturwissenschaftliche Arbeit.

Wie aber ist das bei der infrahumanen Welt? Wie bei den Tieren, bei den Pflanzen, in der anorganischen Natur, im Kosmos selbst? Gibt es da Zwecke? Wenn ja, wer setzt sie? Wer verfolgt Ziele, wo es keinen Willen gib, der sie sich vornimmt? Das ist wohl die Schlüsselfrage in der Debatte um Schöpfung und Evolution. Eine Bemerkung Darwins in einem Brief von 1870 an J. Hooker kann uns hier weiterhelfen: "I cannot look at the universe as a result of blind chance. Yet I can see no evidence of beneficent design, or indeed any design of any kind, in the detail" (More letters of Charles Darwin, ed. F. Darwin and A. C. Seward, New York 1903, vol. 1, p. 321).

Die Betrachtung der Natur, die Erforschung des Universums, der Erde, des Lebens spricht zu uns mit einer "overwhelming evidence" (so sagte ich in der New York Times) von Ordnung, Plan, Abstimmung (fine-tuning), Absicht und Zweck. Die Frage ist nur: wer erkennt das design? Und wie wird es erkannt? Darwin sagt, im Detail der Naturforschung könne er keinerlei Art von design erkennen. Mit der streng wissenschaftlichen, quantitativen, messenden Methode wird das wohl auch nicht möglich sein. Martin Rhonheimer sagt dazu: "Das, was wir in der Natur tatsächlich sehen und beobachten können, sind weder Pläne noch Absicht, sonder höchstens ... das Produkt davon. Wir sehen Teleologie, zielgerichtete Abläufe und eine zweckmäßige und auch schöne Ordnung der Natur. Ob das Wirkprinzip dieser Naturprozesse tatsächlich 'Absichten' und 'intelligente Pläne' sind, das können wir nicht beobachten. Was wir in der Natur sehen, ist nicht design, sondern etwas, das auf design beruhen muss" (Pro Manuscripto, S. 4).

Zwar sprechen wir ständig davon, "die Natur" habe dies so eingerichtet, jenes so organisiert, etc. , als wäre "die Natur" ein geistbegabtes Subjekt, das sich selber Ziele setzt und auf sie hin ausgerichtet handelt. Auch strikte Darwinisten, ja Darwin selber sprechen immer wieder in dieser "anthropomorphen" Weise von der Natur, auch wenn sie sich dann korrigieren und sagen, wie etwa Julian Huxley: "At first sight the biological sector seems full of purpose. Organisms are built as if purposely designed ... But as the genius of Darwin showed, the purpose is only an apparent one” (Evolution in Action, New York 1953, 7).

Tut "die Natur" nur so als hätte sie Ziele? Der Hl. Thomas v. Aquin hat in seiner "quinta via", dem fünften seiner "Gottesbeweise", einen denkerischen Weg gewiesen, der hier weiterführt. Die körperlichen Naturdinge, so sagt er, die selber keine Erkenntnis haben, handeln wie wir sehen können, zielorientiert, um das zu erreichen, was für sie gut ist. Sie erreichen ihr Ziel nicht zufällig, sondern absichtlich (non a casu, sed ex intentione). Aber dies erreichen sie nicht aus der eigenen Absicht, denn sie haben ja keine Erkenntnis, sondern durch einen Erkennenden, der sie auf das Ziel hinlenkt, wie ein Bogenschütze seinen Pfeil. Diesen Erkennenden, der alle natürlichen Dinge auf ihr Ziel hinlenkt, nennen wir Gott (SThI, q.2, a.3).

Es gibt einen faszinierenden Text des Hl. Thomas, der sehr anschaulich verdeutlicht, wie das Wirken des Schöpfers gedacht werden kann, wie Er der Natur ihre Finalität "einstiftet" (Ich danke Prof. M. Rhonheimer herzlich für den Hinweis auf diesen wichtigen Text): Der Text ist insofern besonders hilfreich, weil er Natur und Kunst bzw. Technik (so kann man ars übersetzen) vergleicht: "Die Natur unterscheidet sich von der Kunst/Technik nur darin, dass die Natur ein internes Wirkprinzip ist, während die Kunst/Technik ein externes Prinzip darstellt". Um das "interne Prinzip" "Natur" zu deuten, gebraucht Thomas einen Vergleich: "Wäre die Technik des Schiffbaues dem Holz immanent, dann würde die Natur (des Holzes) das Schiff hervorbringen, so wie es normalerweise durch die Technik geschieht." Und etwas weiter im Text verdeutlicht Thomas nochmals: "Die Natur ist nichts anderes als eine gewisse Kunst/Technik, nämlich die Kunst Gottes, die den Dingen eingegeben ist, und durch die die Dinge selber auf ihr bestimmtes Ziel hin ausgerichtet werden (natura nihil est aliud quam ratio cuiusdam artis, scilicet divinae, indita rebus, qua ipsae res moventur ad finem determinatum)." Und wieder verdeutlicht Thomas dies mit dem Bild des Schiffbaues: "es ist das so als wenn der Erbauer eines Schiffes den Hölzern die Fähigkeit verleihen könnte, dass sie aus sich selber heraus dazu bewegt würden, die Schiffsgestalt hervorzubringen" (In Physic. lib.2, e 14, n.8).

Martin Rhonheimer kommentiert: "Die Natur verhält sich zweckmässig (als ob sie planvoll und intelligent handelte); aber da in der Natur selbst keine intelligenten und intentional wirkenden Ursachen auszumachen sind, muss diese intelligente Ursache außerhalb der Natur liegen."

So wie das Schiff zur Frage führt: "Wer hat das konstruiert?" - so führt die evidente Erfahrung von Zweckmäßigkeit, Ordnung und Schönheit in der Natur zur Frage: "Woher kommen diese?" Die Evolutionstheorie mit ihrer naturwissenschaftlichen Methode kann darauf keine Antwort geben, sie kann nur die in der Natur empirisch feststellbaren und wirkenden Ursachen erforschen. "Deshalb kann sie auch nicht behaupten, die Evolutionstheorie beweise, dass es keinen planenden Gott gibt, dessen Geist die Ursache der Natur und ihrer Evolution ist." (M. Rhonheimer, Pro Manuscripto, S.11)

Ein oft zitiertes Wort von George G. Simpson sagt: "Man is the result of a purposeless and materialistic process that does non have him in mind. He was not planned" (The Meaning of Evolution, New Haven, 1949, 344). Wenn Simpson gesagt hätte: mit der rein quantitativ-mechanischen Methode naturwissenschaftlicher Forschung lässt sich kein Plan feststellen, nach dem der Mensch entstanden wäre, so könnte diese Aussage zutreffen. Aber diese Betrachtungsweise ist nicht "naturgegeben", sondern eine willentliche, methodische, höchst zielorientierte Option.

Die bewusste Einschränkung der Betrachtungsweise auf das Quantifizierbare, Zähl- und Messbare, auf die materiellen Bedingungen und Zusammenhänge hat die enormen Erfolge der Naturwissenschaften ermöglicht. Aber es wäre höchst problematisch, wollte man all das, was hier methodisch ausgeblendet wurde, einfach als nichtexistent erklären, angefangen von der Vernunft und dem freien Willen, die diese methodologische Wahl erst ermöglichen.

Es stimmt: der genetische Code des Menschen unterscheidet sich nur ganz geringfügig von dem des Schimpansen. Doch kann nur der Mensch auf die Idee kommen, seinen genetischen Code zu erforschen, und den des Schimpansen dazu!

Ich darf versuchen, an einem Beispiel zu erläutern, um was es bei der Frage der Grenzen der naturwissenschaftlichen Methode geht. In der "Zeit" vom 3. August 2006 erschien ein großes Dossier zur Frage Arzt und Patient. Tenor des Dossiers: die Technisierung der Medizin droht die humane Seite des Arztberufes verkümmern zu lassen. Ein altes Thema, das neu akut ist. Paul Tournier, der Genfer Arzt und Begründer der Ärztebewegung "Médecine de la Personne", pflegte zu sagen, der Arzt habe zwei Hände und müsse beide gebrauchen: die eine sei seine wissenschaftliche Kenntnis des Menschen, des Organismus und seines Funktionierens. Die andere sei die seines Herzens, seiner Intuition, seiner Empathie. Auf keine der beiden könne der Arzt verzichten, will er dem Patienten gerecht werden. Der Mensch ist keine Maschine, auch wenn der menschliche Körper in vieler Hinsicht aus komplexen, großartigen Mechanismen und materiellen Funktionen besteht. Kein guter Arzt wird aber den Menschen nur als solchen betrachten. Er wird auch seine Seele als Realität ernstnehmen. Mit Georges G. Simpsons Sicht vom Menschen alleine wird kein Arzt auskommen. Sie ist falsch, insofern sie sich als Gesamtaussage über den Menschen versteht.

Und nun die entscheidende Konsequenz aus dem Vergleich mit dem Arzt: Beide Hände, das naturwissenschaftliche Werkzeug des Arztes und seine aus Erfahrung, Einfühlung, Menschenkenntnis gewonnene Intuition, beide gehören zur ärztlichen Wissenschaft. Erst das Zusammenspiel beider macht den guten Arzt aus.

Kann uns dieses Modell nicht auch helfen, in der Debatte, um die es hier geht, klarer zu sehen? Gestatten Sie mir, in aller gebotenen Kürze dies an drei Beispielen zu erläutern, die typische Problembereiche der Debatte um den Evolutionismus ansprechen.

1. Das erste Beispiel ist der Begriff der Arten, der species. Darwin's berühmtes Werk heißt The origin of species. Aber gibt es sie überhaupt, die Arten? Kann eine rein quantitative Methode sie erfassen? Ist in der Evolutionstheorie überhaupt Platz für sie? Ist nicht alles, was wir Arten nennen, nur eine Momentaufnahme im breiten Fluss der Evolution? Sind die Begriffe wie Arten, Gattungen, Reiche (Tier- und Pflanzenreich) nicht nur nomina nuda, reine Worte ohne ihnen entsprechende Wirklichkeit? Auf der Ebene des Mess- und Quantifizierbaren sind species und genera leere Worte. Aber die Augen des Geistes erfassen sehr wohl, dass es die Art "Katze" gibt (dafür ist gerade der Hl. Vater, Papst Benedikt, als Katzenfreund ein sicherer Zeuge!). Ist deshalb die Unterscheidung von Hund und Katze schon unwissenschaftlich?

2. Noch deutlicher wird die Notwendigkeit auf die "Augen des Geistes" zu vertrauen, wenn es um die Frage geht, die heute vielfach als "unwissenschaftlich", weil letztlich metaphysisch, jenseits des rein Materiellen liegend, abgelehnt wird: die Frage nach der Wesensform. "Während der gemeine Menschenverstand meint, dass Dinge wie Bäume oder Elefanten eben Dinge seien, eigenständige Wesen, die mehr als die bloße Summe ihrer materiellen Komponenten sind, reduziert die materialistische Evolutionstheorie diese ... auf bloße epiphänomenale Veränderungen der Materie, die dadurch die einzige wesenhafte Letztwirklichkeit innerhalb des Kosmos wird. Es gäbe also letztendlich keine Bäume und keine Elefanten, nur vorübergehende Aggregate materieller Eigenschaften", denen wir diese Namen beilegen (A. Walker, op.cit., 59).

Zur Überwindung der materialstischen Sicht des Evolutionismus gehört daher vordringlich die Wiedergewinnung des Form- oder Gestaltbegriffs (im Sinne des Aristoteles oder Goethes) für die Wissenschaft. Der große Schweizer Zoologe Adolf Portmann hat diesen Punkt in seiner Darwinismuskritik besonders hervorgehoben. Alles Lebendige zeigt sich als Gestalt, als Ausdruck einer Innerlichkeit, die mehr ist als ihre materiellen Komponenten. Die biochemische Detailforschung kann von der Frage nach der Form, der Gestalt, methodisch absehen, sie kann, will sie nicht zur blinden Wissenschaft werden, nicht auf die Dauer davon absehen, zu fragen, was denn die Pflanze, den Hund, zu dem machen, was sie selber sind.

Denn alles Messen und Quantifizieren setzt immer schon voraus, dass es das Lebewesen, diesen Menschen, dieses Tier, diese Pflanze, als eigene Ganzheit gibt, die auch vom menschlichen Geist erfasst werden kann.

Wie der Arzt den Kranken nicht als Leber, Herz, als irgendein isoliertes Organ betrachten darf, sondern als diesen Menschen, dessen Herz krank oder gesund ist, so wird der Biologe das Lebewesen, das er erforscht, immer auch als Ganzes zu sehen suchen, und alle seine Details als Elemente des lebendigen Ganzen. Er wird, um mit Hans Urs von Balthasar zu sprechen, sich um "die Schau der Gestalt" bemühen, ohne die sein messendes Instrumentar blind bleibt. "Die Schau der Gestalt" ist aber auch der Weg, die Spuren des Schöpfers zu erkennen.

3. Das bringt mich zu meinem dritten Beispiel. Die Spuren Gottes in der Schöpfung lesen: ist das Sache der Wissenschaft? Die Alten, von Kopernikus über Galilei bis Newton waren davon überzeugt. Neben dem Buch der Bibel kennen sie das Buch der Schöpfung, in dem der Schöpfer in lesbarer, vernehmbarer Sprache zu uns spricht (vgl. R. Schaeffler, Lesen im Buch der Welt. Ein Weg philosophischen Sprechens von Gott? In: Stimme der Zeit 2006, S. 363-378).

Was ein materialistisches Konzept von Wissenschaft übersieht, ist das Staunen über die "Lesbarkeit" der Wirklichkeit. Wissenschaftliches Erforschen der Natur ist nur möglich, weil sie uns Antwort gibt. Sie ist so "gebaut", dass unser Geist in ihre Baugesetze eindringen kann. Was ist naheliegender als die Annahme, dass die Erforschbarkeit und damit die (wenn auch mühsame und nur stückweise) Erkennbarkeit der Wirklichkeit daher rührt, dass sie die "Handschrift" ihres Autors trägt. Gott spricht in der Sprache seiner Schöpfung und unser Geist, der ebenfalls seine Schöpfung ist, vermag ihn zu vernehmen, zu hören, zu verstehen. Ist das letztlich der Grund, warum die moderne Wissenschaft gerade auf dem Mutterboden des jüdisch-christlichen Schöpfungsglaubens gewachsen ist? Das materialistisch verengte Wissenschaftsverständnis verwechselt die Buchstaben mit dem Text. Die materiellen Buchstaben zur erforschen, zu analysieren, ist die Voraussetzung dafür, dass der Text gelesen werden kann. Sie sind aber nicht der Text selber, sondern dessen materieller Träger. Auch hier zeigt sich wieder, wie beim Beispiel des Arztes: Wissenschaft, die sich nur auf die materiellen Bedingungen beschränkt, ist "einhändig" und damit "einseitig". Es fehlt ihr das, was eigentlich den Menschen als Menschen kennzeichnet: seine Gabe, sich mit Verstand und Intuition über die materiellen Bedingungen zu erheben und zum Sinn, zur Wahrheit, zur "Botschaft des Autors des Textes" vorzustoßen.

Ich komme zum Schluss dieser schon zu lange geratenen Überlegungen. Welche praktischen Forderungen ergeben sich aus den skizzierten Überlegungen? Aus der Fülle der möglichen weiterführenden Überlegungen wähle ich nur zwei aus.

1. Wieso ist der "Evolutionismus" mit seinem ideologischen Materialismus fast so etwas wie eine Ersatzreligion geworden? Wieso wird er oft so aggressiv und emotional vertreten? Ich wage die Behauptung, dass es z.Z. wohl keine wissenschaftliche Theorie gibt, gegen die es so viele schwerwiegende Einwände gibt und die dennoch von vielen als völlig sakrosankt verteidigt wird. Die gewichtigsten Einwände sind bekannt und oft vorgebracht worden:
o die "missing links", die fehlenden zahlreichen Übergangsformen zwischen den Arten, die es auch nach 150 Jahren intensiver Forschung einfach nicht gibt;
o die oft zugegebene Tatsache, dass bisher keine einzige artübergreifende Evolution wirklich nachgewiesen ist;
o die "systemtheoretische" Unmöglichkeit, dass ein lebendiges System (z.B. die Reptilien) durch zahllose Kleinstmutationen in ein anderes lebendiges System (z.B. die Vögel) umgebaut wird;
o die Problematik des Begriffs des "survival of the fittest". Marco Bersanelli hat an Beispielen gezeigt, dass Überleben oft eine "Glückssache", ein Zufall, eine Kontingenz ist, und kein Beweis für besondere "fitness". Die Dinosaurier - und viele andere Arten sind wegen Katastrophen untergegangen und nicht wegen Unangepasstheit.

Das sind nur einige der gewichtigsten Schwierigkeiten der Theorie. Warum sie als wissenschaftliche Theorie dennoch so etabliert ist? Weil es keine bisher andere, bessere gibt. Und weil sie als wissenschaftliche Theorie einfach und "ästhetisch" ist.

Warum aber wird sie so sehr ideologisch befrachtet und zum materialistischen "shibolet" gemacht? Weil die weltanschauliche Alternative der Schöpfungsglaube ist. Wer Schöpfung sagt, sagt auch Anspruch des Schöpfers. Wenn es eine lesbare Sprache des Schöpfers gibt, dann ist sie auch Anrede, Anspruch. Dann folgt aus ihr ein Sollen, eine ethische Ordnung, etwa in der Frage der Ordnung der Geschlechter oder dem Schutz des Lebens. Mit dem ambienten Materialismus und Relativismus ist eine materialistische Sicht der Evolution leichter zu verbinden. Der ideologische Evolutionismus war nicht umsonst die wissenschaftliche Verbrämung sowohl des Kommunismus wie des Nationalsozialismus. Sie ist es heute für den wirtschaftlichen Sozialdarwinismus, der einen schrankenlosen wirtschaftlichen "Kampf ums Dasein" rechtfertigt.

Es ist erfreulich unlogisch, wenn Richard Dawkins, der für den ideologischen Darwinismus federführend ist, in einem Interview sagt, er möchte nicht in einer darwinistischen Gesellschaft leben, sie sei zu inhuman.

2. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, der den Darwinismus plausibel macht. Der Glaube an einen guten Schöpfer, an sein "progetto intelligente del Cosmos" (Papst Benedikt XVI, Generalaudienz am 13.11.06), wird durch die schier endlosen Grausamkeiten in Frage gestellt:
o warum dieser mühevolle Weg der Evolution, mit zahllosen Versuchen, Sackgassen, mit den Milliarden von Jahren an Zeit und Expansion des Universums; die gigantischen Explosionen der Supernovae, das Kochen der Elemente in den Kernfusionen der Sterne, die Knochenmühle der Evolution mit ihren endlosen Anläufen und Vernichtungen, ihren Katastrophen und Grausamkeiten, bis hin zu den unfassbaren Brutalitäten des Lebens und Überlebens. Ist es da nicht sinnvoller, das Ganze als das blinde Spiel von Zufällen einer planlosen Natur zu sehen? Ist das nicht ehrlicher als die Theodizee-Versuche eines Leibnitz, die in große Argumentationsnot kommen? Ist es nicht plausibler, einfach zu sagen: ja, so grausam ist die Welt eben?

Eines sollte am Schluss unserer Überlegungen stehen: versuchen wir nicht vorschnell, apologetisch überall das "intelligent design" zeigen zu wollen. Wie Hiob wissen wir die Antwort auf das Leid nicht. Wir haben nur eine Antwort bekommen. Die hat Gott selber gegeben. Der Logos, durch den und in dem alles geschaffen ist, hat Fleisch angenommen, und damit die ganze Geschichte des Universums, der Evolution, mit ihren grandiosen und ihren grauenhaften Seiten. Die ganze Negativität von Leid, Zerstörung und vor allem des moralisch Bösen hat er auf sich genommen. Das Kreuz ist der Schlüssel zu Gottes Plan und Ratschluss. So wichtig, so unerlässlich eine erneute, vertiefte Anstrengung in Sachen Naturphilosophie ist, das Wort vom Kreuz ist Gottes letzte Weisheit. Denn durch sein Heiliges Kreuz hat er die ganze Welt versöhnt. Das Kreuz aber ist das Tor zur Auferstehung.

In seiner ersten Osterpredigt hat Papst Benedikt heuer gesagt: "Christi Auferstehung... ist - wenn wir einmal die Sprache der Evolutionslehre benützen dürfen - die größte 'Mutation', der absolut entscheidende Sprung in ein ganz Neues hinein, der in der langen Geschichte des Lebens und seiner Entwicklungen geschehen ist: ein Sprung in eine ganz neue Ordnung, der uns angeht und die ganze Geschichte betrifft...Es ist ein Durchbruch in der Geschichte 'der Evolution' und des Lebens überhaupt zu einem neuen künftigen Leben; zu einer neuen Welt, die von Christus her immerfort schon in diese unsere Welt eindringt, sie umgestaltet und an sich zieht" (Predigt in der Osternachtsvirgil, 15.4.2006).

Wenn die Auferstehung Christi sozusagen "die größte Mutation", oder wie Papst Benedikt in derselben Predigt sagt, die "Explosion der Liebe" ist, die das bislang unauflösbare Geflecht von 'Stirb und Werde' aufgelöst hat", dann dürfen wir auch sagen: hier ist der Zielpunkt "der Evolution". Von ihrem Ende, ihrer Vollendung her zeigt sich auch ihr Sinn. Mag sie in den einzelnen Schritten ziel- und richtungslos erscheinen, von Ostern her hat der lange Weg einen Sinn gehabt. Nicht "der Weg ist das Ziel", sondern die Auferstehung ist der Sinn des Weges.

Danke!

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original]