Kardinal Schönborn: Gesellschaft und Staat leben von Familien und Kindern

Predigt bei der Fronleichnamsprozession 2008

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WIEN, 31. Mai 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am 22. Mai bei der diesjährigen Fronleichnamsprozession durch die Wiener Innenstadt gehalten hat.

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Einleitung im Dom

Liebe Brüder und Schwestern,

"Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde". Dieses Wort eines großen chinesischen Weisen, des Konfuzius, stelle ich heute an den Anfang unseres Festes, zu dem uns die Kirche geladen hat. Die Dinge beim Namen zu nennen, die Worte sagen zu lassen, was sie sagen: das ist stets neu die Kraft des Wortes Gottes. Deshalb richtet es auf und rückt das schief Gewordene wieder zurecht, im Weltlichen wie im Geistlichen.

So auch die drei Worte der Heiligen Schrift, die wir jetzt hören werden und zu denen ich kurz hinführen will. Die alttestamentliche Lesung blickt auf die 40 Jahre Wüstenzeit Israels zurück. Sie nennt Ägypten, was es für das Volk Gottes war: ein Sklavenhaus. Sie nennt die Wüste das, was sie war: harte Wüstenerfahrung. Und den Auszug aus Ägypten das, was er war: wunderbare Rettung durch Gott.

Die zweite Lesung aus dem Ersten Korinther-Brief spricht von der Gemeinschaft der Gläubigen. Sie macht keine moralischen Appelle an die Gemeinschaft, sondern nennt deren wahren Grund: "Ein Brot ist es, das wir brechen - darum sind wir vielen ein Leib".

Im Evangelium schließlich, aus der Rede Jesu in der Synagoge von Kapharnaum, ist es die Klarheit der Worte Jesu, an der Anstoß genommen wird: "Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut wahrhaft ein Trank...Wer mich isst, wird durch mich leben".

Diese Wirklichkeit, den wahren Leib des Herrn, feiern wir heute. Möge dieses Fest uns helfen, in der Wahrheit zu bleiben und aus ihr zu leben".

Fronleichnamsprozession - Predigt auf dem Josefsplatz

Mt 14,13-21

Liebe Brüder und Schwestern!

"Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde".

Diese Worte des chinesischen Weisen Konfuzius stelle ich auch hier, am Josephsplatz, an den Anfang, wie schon im Dom. Worte weltlicher und geistlicher Weisheit. Ja, der Staat geht zugrunde, wenn Worte verschleiern statt zu enthüllen, wenn sie vernebeln statt zu klären. Keine Gesellschaft hält das auf die Dauer aus. Und auch nicht die Kirche. Löst sie sich vom klaren Wort der Offenbarung, dann deutelt sie am Wort Gottes so lange herum, bis es harmlos, zum bloßen und blassen Menschenwort geworden ist, seine innerste Kraft verloren hat.

Ich liebe dieses Evangelium, weil es so klar den Kontrast zwischen der Klarheit Jesu und der Ratlosigkeit der Jünger Jesu zum Ausdruck bringt.

Die Ratlosigkeit der Jünger sagt: "Schick die Leute weg, dass sie sich zu essen besorgen!" Die Klarheit Jesu sagt: "Sie brauchen nicht weg zu gehen. Gebt ihr ihnen zu essen!"

Jesus spricht eine Notwendigkeit an, und eine Überforderung aus: Brot wird dringend gebraucht. Und die, die es geben sollen, haben viel zu wenig davon!

An diese Notwendigkeit und gleichzeitige Überforderung muss ich denken, wenn ich an die Situation unserer Gesellschaft und der Kirche in ihr denke.

Notwendig wie das Brot ist für die Gesellschaft und ihr Leben und Überleben das Ja zum Leben.

Wovon lebt unsere Gesellschaft, unser Staat? Es sind Familien und es sind die Kinder! Und sie verdanken ihr Dasein zum großen Teil der Ehe, der für das Leben offenen Gemeinschaft von Mann und Frau. Dieses einmalige Biotop (im ganz wörtlichen Sinn) von Ehe und Familie ist so notwendig wie das Brot zum Leben notwendig ist. Ohne lebensoffene Familie gibt es keine Zukunft. Um das zu sehen, braucht es keine prophetischen Gaben, es genügt ein Blick auf die Demografie unseres Landes.

Ratlos aber sind wir vor der Tatsache, dass Ehe und Familie heute in höchstem Maß zerbrechlich sind. Wie kann der Familie geholfen werden? Wie kann sie ermutigt, gestärkt werden? Angesichts der Trends, die so massiv gegen die Familie laufen, fühlen sich viele entmutigt, sie haben oft das Gefühl, ohnmächtig einem Lauf der Dinge zuzusehen, der in den Abgrund führt.

Gerade in der letzten Zeit wird man nun aber besonders nachdenklich, wenn man sieht, wie in einem Gesetzentwurf die Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare der Institution Ehe möglichst gleichgestellt werden soll. Der Entwurf folgt insgesamt dem Ehegesetz, der Ort des Eingehens von solchen Lebenspartnerschaften soll das Standesamt sein, gerade die Adoption von Kindern ist noch (!) nicht vorgesehen. Die Ankündigung, dass in einem weiteren Schritt sogar das Ehegesetz an das Lebenspartnerschaftsgesetz angeglichen werden soll, lässt eine noch weitere Gleichstellung des Instituts der Ehe mit dieser Lebenspartnerschaft erwarten.

Schnell ist von einem Anspruch auf Gleichbehandlung die Rede, als ob es irgendein Recht gäbe, dass zwei in vielfacher Hinsicht verschiedene Dinge gleich behandelt werden. Der Grundsatz der Gleichbehandlung hat eben zwei Dimensionen, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. In jedem Fall ist es Voraussetzung, vorher die Dinge klar zu benennen. Brot ist eben Brot und nichts anderes. Vermehrung ist eben Vermehrung und nichts anderes. Die Ehe zwischen Mann und Frau mit ihrer Offenheit für neues Leben und nur sie ist eben Ehe - auch mit ihren spezifischen Beiträgen für Staat und Gesellschaft, insbesondere für den Generationenvertrag. Gerade durch die angestrebte Gleichsetzung würde Ungleichbehandlung geschehen. Denn die generative Dimension der Ehe, Zeugung und Erziehung von Kindern, wird vernachlässigt, ihre Bedeutung dadurch bagatellisiert, ihre Beiträge letztlich gering geschätzt.

Wie lautet nochmals der Spruch des weisen Konfuzius? "Nennt das Runde rund und das Eckige eckig. Oder der Staat geht zugrunde".

Wir hoffen sehr, dass der Weg in diese gesellschaftspolitisch falsche Richtung doch nicht begangen wird. Wir hoffen, dass alle Einwände bedacht werden.

Wie schön wäre es, wenn die Maßnahmen und Unterstützungen verstärkt würden, die mancher Frau und mancher Familie ihr Ja zum Kind erleichtern würden! Alles, was hier in unserem Land bereits geschieht, kann nicht genug bedankt werden! Es wäre doch wirklich eine Herausforderung, alle Energien für junge Familien mit Kindern aufzuwenden, die heute allzu oft in die Nähe der Armutsgrenze kommen und auch noch gesellschaftlich gering geschätzt und an den Rand gedrängt werden. Dabei sind sie es, die durch manchen herben Verzicht und durch viele ganz reale Opfer unsere Zukunft sichern. Denn wer wird einmal Sorge für uns tragen, wenn wir alt und bedürftig sind? Wer sorgt für den sozialen Zusammenhalt im Land wenn nicht in erster Linie die Familien, die für das Leben offen sind?

Es soll durchaus auch für eine solide rechtliche Absicherung für Menschen gesorgt werden, die einander nahe sind, zusammen leben, sich gegenseitig helfen. Aber dazu bedarf es nicht eines anderen Gesellschaftsmodells, wie es zur Zeit von manchen angestrebt wird und mit großem Druck durchgesetzt werden soll.

Die Apostel waren von Jesus Auftrag überfordert: Gebt ihr den vielen Menschen zu essen! Aber dann erlebten sie, wie in ihren Händen das von Jesus gesegnete Brot nicht weniger wurde, für alle ausreichte.

Gott schenke unserem Land ein solches Wunder der Brotvermehrung: Ein neues Ja zum Leben, eine Zukunft, in der Kinder willkommen sind, und das Erstaunen über einen neuen starken Zusammenhalt, und die Freude, die aufkommt, wenn Verzicht und Opfer fruchtbar werden, sich als Segen erweisen. Ein Segen, der sichtbar unter uns ist: die Kinder, besonders die von der Volksschule Judenplatz, die so geduldig ausgeharrt haben! Amen.

Fronleichnamsprozession - Ansprache auf dem Petersplatz

Mt 11, 25-30

Das letzte Wort der Heiligen Schrift auf unserem Weg durch die Stadt mit dem Allerheiligsten, dem Leib Christi, dem Herrn selber, der hier real gegenwärtig ist, ist ein Wort des Trostes, voller Hoffnung und Ermutigung.

Sicher, für die "Klugen" und "Gescheiten", die "Kompetenten", ist es nicht schmeichelhaft. Jene, die sich für die großen Experten halten, sie kommen nicht gut weg. Aber ist es nicht die größere Weisheit, zu bekennen, wie wenig wir wissen? Uns, die wir uns gerne als "mündige Christen" betrachten, stellt Jesus die Unmündigen gegenüber.

"Unmündig" stehen wir vor dem Geheimnis. Nicht als Experten, sondern als Beschenkte! Ist nicht die eucharistische Gegenwart Jesu eine einzige Einladung, sich beschenken zu lassen?

"Kommt alle zu mir" - das ist die Einladung Jesu. Kommt, die ihr mühselig und beladen seid, euch plagt und schwere Lasten tragt!

Welches Mitgefühl spricht aus Jesu Worten! Nicht Anklage, sondern Erbarmen. Einladung, Ruhe für die unruhigen Herzen zu finden, jenes tiefe Ausruhen, nach dem sich die Seele so sehr sehnt, ob wir uns dessen ¿bewusst sind oder nicht, ein Ruhen in Gott, in Jesu heilender Gegenwart!

Ein Wort zum Schluss: Manchmal ist es wirklich ein Leiden, immer wieder Nein sagen zu müssen. Ist die Kirche immer nur die Nein-Sagerin? Nein zu so vielen Trends in unserer Zeit?

Das Nein ist nicht einfach nur ein Nein. Es ist ein Ja zu dem Ja, das Gott zu uns gesagt hat. Ein Ja zu Seinem Wort, ein Ja zu dem, was Er uns zeigt in Christus, Seinem Sohn. Ein Ja auch zu denen, die nur unser Nein hören, das nicht ihnen gilt, sondern dem, was wir als Irrweg bezeichnen müssen, ohne den Irrenden zu verachten. Ich habe anfangs Konfuzius zitiert. Bei der Dichterin Hilde Domin habe ich dieses Zitat gefunden. Von ihr stammt auch dieses andere Wort, mit dem ich schließe: "Dies ist unsere Freiheit/die richtigen Namen nennend/furchtlos mit der kleinen Stimme" (aus "Wort und Ding", zitiert bei Egon Kapellari: "Aber Bleibendes stiften die Dichter", Graz 2001).

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original]