Kardinal Schönborn: Gott erweist sein Erbarmen gerade, wenn er „Klartext redet“

Zweite Katechese über die Göttliche Barmherzigkeit im Wiener Stephansdom

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12. November 2007 (ZENIT.org).- Der Schöpfungsakt, von dem das erste Buch der Bibel berichtet, ist eine Manifestation der Barmherzigkeit Gottes. Das bekräftigte der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am Sonntagabend im Wiener Stephansdom. Seine zweite Katechese zur göttlichen Barmherzigkeit, einem „Grundthema des Evangeliums“, widmete sich der Frage: „Das Alte Testament: der zornige oder der barmherzige Gott?“



Gott schafft die Schöpfung nach Worten des Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz nicht aus Notwendigkeit oder einem Mangel, sondern in einem souveränen Akt der Güte, die sich verschenken und mitteilen will. Die Schöpfung sei im eigentlichen Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit, nicht nur als eine Eigenschaft Gottes, vergleichbar einer menschlichen Gefühlsregung, sondern Grund für die Schöpfung überhaupt. Der gelehrte Theologe Thomas von Aquin wie auch die einfache Schwester Faustyna Kowalska bezeichneten sie daher als Gottes größte Eigenschaft.

Die scheinbare Grausamkeit Gottes, die viele Menschen auch heute im Alten Testament zu erkennen meinen und darin einen Widerspruch zur Verkündigung des Gottes Jesu Christi sehen, beruhe oft auf einer bedauerlichen mangelhaften Kenntnis des Alten Testaments. Oft wirkten orientalische Ausdrucksweisen und Einfärbungen, die sich aus dem historischen Kontext ergeben, befremdlich auf den heutigen Hörer. Das Alte Testament erschließe sich jedoch nur, wenn man es auch wirklich selber lese, so Kardinal Schönborn. Der Gott Israels, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist derselbe Gott wie der Gott und Vater Jesu Christi. Jesus selbst anerkenne das Alte Testament voll und ganz, indem er von sich selbst sagt, er sei gekommen, um Gesetz und Propheten zu erfüllen, nicht um diese aufzuheben. Und in der Tat kläre sich manches, was im Alten Testament bis heute zwiespältig bleibt, in der Person Jesu auf: Er ist „die Barmherzigkeit in Person“.

Ankündigungen von Strafgerichten Gottes seien nicht als Akte der Grausamkeit Gottes zu interpretieren, sondern entspringen der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu seinem Volk. Gott drohe zwar Strafen an, und diese würden oft einer „Roadmap zu einer Radikallösung“ gleichen, doch könne er Sünde und Vergehen aufgrund seiner leidenschaftlichen Liebe nicht einfach hinnehmen. Er klage sein Volk an, nenne die Sünde beim Namen. In keiner anderen Religion werde allerdings so scharfe Kritik am eigenen Volk geübt wie im Alten Testament. Doch nicht durch ein Verharmlosen von Vergehen oder durch Kleinreden von Fehlern, sondern gerade durch sein „Reden im Klartext“ zeige Gott Barmherzigkeit; sein nüchterner Realismus in der Sicht der Sünde mache ihre Größe noch deutlicher.

Die Erwählung ist, wie Kardinal Schönborn betonte, nach der Schöpfung ein zweiter Akt der Barmherzigkeit Gottes. Abraham werde erwählt auf dem Hintergrund der Erzählung von Sündenfall, Brudermord und Sintflut bis hin zum Turmbau zu Babel. Gott erwähle sich einen Menschen, um ihn zum Werkzeug seines Erbarmens zu machen. So könne auch die Erwählung des Volkes Israel richtig verstanden werden: nicht als eine Verwerfung der anderen Völker, sondern eine Wahl Gottes zur Verwirklichung seines Erbarmens für alle.

Es gehe Gott nicht darum, zu zerstören und zu strafen, sondern darum, dass wir Werkzeuge des göttlichen Erbarmens werden, unterstrich Kardinal Schönborn. Abraham werde zum Fürbitter, ja sogar zum Verhandler mit Gott. Und Mose werde in einer besonderen Weise zum Instrument von Gottes Barmherzigkeit. Aus der Bitte des Herrn an Mose, er möge ihn doch das Volk bestrafen lassen, würden viele Rabbiner auch heute noch den Wunsch Gottes nach Fürbitte des Mose für Israel herauslesen. Mose erfülle diesen Willen, indem er für das Volk eintritt und Gott an den Eid erinnert, den er selber geschworen hat. Die Abwendung des Zornes Gottes ist die Folge.

Abschließend hob Kardinal Schönborn hervor, wie „kostbar“ es doch sei, wenn es auch heute Menschen gibt, die sich ganz der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen und sie für das ganze Volk herabflehen; Menschen wie Franz Jägerstätter.

[Die nächste Katechese des Wiener Erzbischofs ist für den 9. Dezember 2007 angesetzt. Das Thema lautet: „Jesu strenge Barmherzigkeit“ (Beginn 20.00 Uhr)]