Kardinal Schönborn: Hirten nach dem Herzen Jesu

Priesterweihe im Wiener Stephansdom

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WIEN, 23. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am 15. Juni während der Heiligen Messe zur Weihe von sieben Priestern gehalten hat.



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Liebe Weihekandidaten!
Liebe Brüder und Schwestern!

Nur eines erwartet Jesus von Euch! Nur eines ist wirklich wichtig für die Kirche, für die Gemeinden, in denen ihr Dienst tun werdet, nur eines ist letztlich bedeutsam für eine Sendung zu den Menschen: dass ihr Hirten nach dem Herzen Jesu seid.

Das Presbyterium unserer Erzdiözese ist bunt. Da gibt es Diözesanpriester und Ordenspriester, im Verhältnis von etwa 55 zu 45 Prozent, und es gibt hier an die 60 verschiedenen männlichen Ordensgemeinschaften, etwa ebenso viele weibliche. Welch große Vielfalt an Charismen! Und nicht wenige gemeinsame Sorgen. Was wäre unsere Diözese ohne diesen großen bunten Garten an geistlichen Gemeinschaften! Dazu kommen die neuen geistlichen Bewegungen mit ihren geistlichen Früchten. Eine ist der neokatechumenale Weg, dem einer unserer Kandidaten seine Priesterberufung verdankt. Das Presbyterium ist auch bunt bezüglich der Herkunftsländer. Schon fast ein Drittel der Diözesan- und Ordenspriester kommen aus anderen Ländern, Sprachen und Kulturen. Aber auch eine weitere Buntheit zeigt sich bei uns: es gibt ehelose und verheiratete Priester. Die Priester des lateinischen Ritus sind ehelos, die der östlichen Riten sind zum Teil verheiratet. Unter den heutigen Weihekandidaten ist einer, der evangelischer Pfarrer war und der, wie das in den letzten Jahrzehnten immer wieder geschehen ist, vom Heiligen Vater die Zulassung zur Priesterweihe erhielt, wohl auch ein Zeichen dafür, dass sein langjähriges evangelisches Pfarramt von der Katholischen Kirche als geistliches Amt eine gewisse Anerkennung erfährt.

Ja, bunt ist auch die Gruppe unserer sieben Weihekandidaten: Österreich, Polen, Brasilien, unterschiedlichste Wege hin zum gemeinsamen Ziel.

Ist diese Vielfalt nicht auch verwirrend? Wohin führt der Weg unserer Kirche? Wird die Vielfalt noch größer? Dazu zwei Worte der Orientierung:

1.) Ja, die Vielfalt wird größer. Wir leben und erleben Weltkirche im Kleinen: die anderssprachigen Gemeinden sind in unserer Erzdiözese ein wachsender Anteil. Sie sind Teil der Kirche von Wien. Sie sind zum Teil die Zukunft der Kirche bei uns. Sie bringen uns viel. Sie empfangen auch manches von uns. Wir gehören zusammen und wollen mehr zusammenwachsen.

2.) Die Kirche kann nicht leben ohne Priester. Wir wollen Priester! Wir suchen sie und hoffen auf sie. Auch aus unseren Gemeinden. Auch aus unseren Familien. Ich hoffe auf Seminaristen auch aus unseren anderssprachigen Gemeinden.

Das allerwichtigste aber ist etwas anderes. Nicht In- oder Ausländer, Diözesan- oder Ordenspriester ist das Entscheidende. Auch nicht ob jung oder alt, Früh- oder Spätberufener. Nur eines ist wichtig: Dass er ein Hirte nach dem Herzen Jesu ist. Wenn er ein Hirte ist wie Jesus ihn sich wünscht, wird er die Sprache der Herzen finden, auch wenn sein Deutsch noch unvollkommen ist. Wenn er mit dem Herzen Jesu die Menschen sieht, wird er die Wege zu ihnen finden, auch wenn er aus einem anderen Kulturkreis kommt. Kulturen sind keine geschlossenen Welten. Sie sind zueinander offen. Vor allem aber: die Kultur, um die es geht, ist nicht ein vorgegebenes "Model", in das die "Fremden" hineingepresst werden müssen. Der Glaube schafft Kultur. Hirten nach dem Herzen Jesu bauen mit den Gläubigen eine andere Kultur, eine Kultur eines anderen Menschen- und Gemeinschaftsbildes. Immer deutlicher wird es: Christliche Gemeinschaften "kopieren" nicht eine bestehende Kultur, sondern "generieren" Kultur aus der Kraft des Glaubens.

Hirten nach dem Herzen Jesu werden aber auch auf die Herzenstöne der Kultur unseres Landes achten und sie aufgreifen.

Ja, Hirten nach den Herzen Jesu: das ist die wirkliche Herausforderung an uns Priester und auch an Euch, liebe Gläubige. Diese Hirten wachsen aus dem Glaubenszeugnis ihrer Familien, aus dem Vorbild anderer Priester, aus den Erfahrungen mit den Menschen und vor allem aus dem immer tieferen Hinhören auf den guten Hirten. "Auf Christus schauen" - das ist das Motto des Papstbesuches. Auf Christus schauen - das ist der Weg zu einer erfüllten, gelebten Hirtenschaft nach dem Herzen Jesu.

Gerne würde ich mit Euch, liebe Weihekandidaten, jetzt ausführlicher über den Hirtendienst nach Jesu Herz betrachten. Aber die große Hitze heute mahnt mich zur Barmherzigkeit. So will ich Euch eine "Hausaufgabe" mitgeben: das so starke und klare Kapitel von "Josef Ratzinger - Benedikt XVI., Jesus von Nazareth" über den Hirten zu lesen (317-331).

Auch ein Bischof darf für seine Predigt beim Papst Anleihen machen, was ich nun auch tue, indem ich nur abschließend Euch drei Betrachtungspunkte mitgebe:

1. Jesu große Hirtenrede beginnt mit dem überraschenden Wort: "Amen, Amen: Ich sage Euch: ich bin die Tür zu den Schafen" (Joh. 10,7). Der Hl. Vater schließt daraus: "Ob jemand ein wirklicher Hirte ist, zeigt sich darin, dass er durch Jesus als die Tür eintritt" (S. 321). Wer als Hirte der Herde Jesu vorangehen will, muss selber Jesus „nachfolgen" (Joh. 21,19).

2. Hirte und Herde müssen einander kennen: "… die Schafe folgen ihm, sie kennen seine Stimme" (Joh. 10,31). Die Herde ist nicht Eigentum des Hirten im Sinne Jesu. Je lebendiger die Gemeinschaft mit Christus, desto weniger "Klerikalismus" auf Seiten der Hirten, oder auch auf Seiten der Laien. Je deutlicher die Stimme des Hirten nicht seine, sondern die Christi ist, desto vertrauter klingt sie den Menschen.

3. Jesus ist Hirte und Lamm in eins: Sein Geheimnis ist, dass er nicht Leben nimmt, sondern gibt. Er hat uns geliebt, als wir noch Feinde waren, sagt Paulus heute. Es gibt kein Hirtenamt ohne das Kreuz Jesu und unsere Kreuzesnachfolge Jesu. Das ist wohl das schwerste am Hirtenamt nach dem Herzen Jesu. Es ist aber auch das Glaubwürdigste und das Stärkste, das Wirksamste! Nie ist Jesus mehr Hirte als am Kreuz, da er, von der Erde erhöht, alle an sich zieht. Fürchtet Euch deshalb nicht vor dem Kreuz in Eurem Hirtenleben. Es ist oft der Schlüssel zum pastoralen Erfolg. Es bildet in uns das Herz nach dem Herzen Jesu. Nichts braucht unsere Zeit so sehr als wirkliche Hirten nach den Herzen Jesu. Wir bitten jetzt den Hl. Geist, dass er Euch dazu präge. Amen.

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original; © Kardinal Christoph Schönborn]