Kardinal Schönborn: In Castel Gandolfo ging es um Evolution, Schöpfung und Vernunft

Treffen des "Ratzinger-Schülerkreises" mit Papst Benedikt

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CASTEL GANDOLFO/WIEN, 4. September 2006 (ZENIT.org).- Im Mittelpunkt der dreitägigen Begegnung Papst Benedikts XVI. mit rund 40 seiner ehemaligen Studenten in Castel Gandolfo stand in diesem Jahr das Thema der Evolution.



"Es war eine wichtige Begegnung auf höchstem akademischem Niveau", beschrieb Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag im Gespräch mit "Kathpress" das jüngste Treffen des "Ratzinger-Schülerkreises", das seit 1979 jedes Jahr stattfindet. Inhaltlich sei das Verhältnis von Evolutionstheorie, Schöpfungstheologie und Vernunft im Mittelpunkt der Gespräche gestanden. Wie es bei dieser Art Begegnungen Tradition ist, berichtete der jetzige Papst seinen ehemaligen Studenten auch von seinen verschiedenen Initiativen, insbesondere von seiner Bemühung um eine friedliche Lösung im Nahen Osten.

Kardinal Schönborn kündigte an, dass die Vorträge und Diskussionen der vergangenen Tage als Sammelband erscheinen werden, auf Deutsch voraussichtlich schon im November. Das Gesprächsklima in Castel Gandolfo bezeichnete der Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz als "sehr gut und offen". Papst Benedikt und die anderen Theologen hätten "dankbar und interessiert" die Berichte über neueste Entwicklungen im Bereich der biologischen Forschung gehört.

Das Hauptreferat hielt der Wiener Chemiker und designierte Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Peter Schuster. Die beiden Koreferate lieferten der Stuttgarter Philosoph Robert Spaemann und der Münchner Jesuit P. Paul Erbrich. Kardinal Schönborn leitete mit seinem Referat über "Glaube, Vernunft und Wissenschaft" zur theologischen Auseinandersetzung über die Evolutionsdebatte weiter.

Der Wiener Erzbischof hatte erst vor wenigen Tagen bei zwei großen Vorträgen in Rimini und in Alpbach Grundgedanken zu diesem Thema dargelegt. Dabei machte der Kardinal deutlich, dass es nicht um einen Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft geht, sondern um die Verteidigung der Vernunft gegen Ansprüche des "Evolutionismus", der die Theorie Darwins ideologisch überhöht. Der Wiener Erzbischof wies zudem darauf hin, dass die katholische Kirche den "Kreationismus" ablehnt, der von einer wörtlichen Interpretation des biblischen Schöpfungsberichts ausgeht.

Kardinal Schönborn führte in Rimini und Alpbach Impulse des heutigen Papstes weiter, die dieser als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation im November 1999 bei seinem Aufsehen erregenden Vortrag an der Sorbonne formuliert hatte. Kardinal Ratzinger hatte damals aufgezeigt, dass die Evolutionstheorie immer mehr zu einer "allumfassenden Erklärung der Wirklichkeit" geworden sei, eine Art "erste Philosophie", die sozusagen die Basis für ein "aufgeklärtes" Verständnis der Welt darstelle. Die zentrale Frage sei aber, ob Vernunft und Rationalität am Beginn aller Dinge stehen oder "Zufall und Notwendigkeit", also Irrationalität. Das Christentum und seine Philosophie seien überzeugt, dass am Beginn aller Dinge "die schöpferische Kraft der Vernunft steht".