Kardinal Schönborn plädiert auf Wiener Apostelkonzil für "fünfaches Ja!"

Evangelisierung ist möglich: Statt sich von Problemen lähmen zu lassen, gilt es auf die Glaubenserfahrung des anderen zu hören

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WIEN, 23. Oktober 2009 (ZENIT.org).- Das Ja zum Menschen und zum heutigen Kontext für die Mission der Gemeinden kann zusammen mit einem intensiven Hören auf die Glaubenserfahrung des anderen "zu einer so starken Gemeinsamkeit kommen wie damals in Jerusalem", mit diesen bewegenden Worten eröffnete Kardinal Schönborn gestern in Wiendas missionarische Erneuerungsprojekt „Apostelgeschichte 2010“ der Erzdiözese. Wir veröffentlichen seine Ansprache bei der ersten Diözesanversammlung, die gestern begann und bis Samstag dauern wird. Rund 1.200 Personen aus 500 Pfarreien werden im Wiener Stephansdom und in seiner unmittelbaren Umgebung zusammenkommen und sich darüber austauschen, wie man in der heutigen Zeit ungehindert und freimütig das Evangelium verkünden kann (vgl. Apg 28,31)(Zenit berichtete).

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Liebe Schwestern, liebe Brüder in Jesus Christus! Ich beginne mit einem Erlebnis, das mein Bischofsamt geprägt hat. 1992/93 habe ich das Dekanat Wien 4/5 visitiert. Es war meine erste Visitationserfahrung.

In der Pfarre „Auferstehung Christi“ kam ich mit Pfarrer Johann Pointner zum Vorgespräch zusammen. Er sagte mir in etwa: Sie werden also in die Pfarre kommen, es wird eine schöne Messe geben, Begegnung mit Pfarrmitgliedern, mit dem Pfarrgemeinderat. Und dann zeigte er mit der Hand auf die riesigen Gemeindebauten rundum und fragte: Und was werden die vielen Menschen, die da wohnen, von dieser Visitation merken?

Die Frage geht mir seither nicht aus dem Sinn. Ich habe sie für meine Bischofszeit als prägend erlebt. Denn ich glaube, die Zeit, in die meine Amtszeit als Bischof fällt, erlebt wahrscheinlich die größten Veränderungen und Umbrüche der Kirche (und auch unserer Gesellschaft) seit langem. Ich will aber diese tiefen Umbrüche bewusst mit Ihnen gemeinsam leben und gestalten.

Seit langem schwebt mir dabei als Modell das Apostelkonzil vor, wie es in Apg 15 beschrieben wird. auch damals ein gewaltiger Umbruch: Soll die junge Kirche in den Grenzen des Judentums bleiben oder sich auch den Heiden öffnen? Und sollen die Heiden, um Christen zu werden, das Gesetz übernehmen?

Statt in dieser dramatischen Frage sich von den Problemen, die riesig waren, lähmen zu lassen, haben die Apostel einen anderen Weg gewählt: Sie haben einander erzählt, was Gott in ihrer Mitte gewirkt hat: „Als ein heftiger Streit entstand (ob nämlich die Heidenchristen beschnitten werden müssen und ob sie am Gesetz des Mose festhalten müssen), erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: „Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei Euch die Entscheidung getroffen…“ Und dann erzählt er, was Gott gewirkt hat, wo er den Heiligen Geist am Werk erlebt hat, und was er daraus als den Weg und Willen Gottes erkannt hat. Nach Petrus hörte die Versammlung „Paulus und Barnabas zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte“. Schließlich ergreift Jakobus das Wort und zieht aus den Erfahrungsberichten die Schlussfolgerungen.

Gott selber hat so den Weg gezeigt, auf den sich schließlich das „Apostelkonzil“ geeinigt hat. Ähnliches wollen wir in unserer ersten Delegierten-versammlung tun: aufeinander hören: was habt ihr als Wirken des Herrn erlebt? Die Unterschiede in der Sichtweise zwischen den Jakobusleuten und Paulus konnten kaum größer sein. Auch zwischen uns gibt es große Unterschiede im Kirchenbild, in der Glaubensgeschichte, in den gesellschaftlichen Akzenten.

<>Aber wenn wir wie im Apostelkonzil wirklich auf die Glaubenserfahrung des anderen hören, kann es zu einer so starken Gemeinsamkeit kommen wie damals in Jerusalem. So darf ich, ehe wir sieben Zeugnisse hören, selber sagen, was ich „gesehen und gehört habe und worüber ich unmöglich schweigen kann“. Es ist vor allem eines, das mich immer mehr bewegt, anzieht, ergreift: das Erbarmen Jesu! Für mich ist Markus 6 eine Schlüsselstelle. Jesus lädt seine Jünger nach ihrer ersten Missionserfahrung ein, mit ihm an einen einsamen Ort zu kommen, um ein wenig auszuruhen. Als sie mit dem Boot dort ankommen, erwartet sie statt der Ruhe eine riesige Menschenmenge, weit über 5.000 Menschen. Von Jesus sagt nun Markus: „Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, war er von Mitleid über sie ergriffen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange“ (Mk 6,34).

Meine Frage, meine Bitte an den Herrn: „Herr, wie siehst du die Menschen? Wie ist dein Blick? Dein Herz ihnen gegenüber?“ Es geht, so sehe ich das, vor allem darum, dass Jesus uns mit seinen Augen sehen, mit seinen Herzen lieben lehrt. Das ist für mich der Kern der Mission! Diese Frage bewegt mich seit Jahren.

Sie wurde mir zur Kernfrage meines Lebens: ich möchte die Menschen (und mich selber) so sehen können wie Jesus sie (und mich) sieht! In meiner Erfahrung ist daraus ein fünffaches Ja geworden, das ich als das Ja Jesu sehe, das Ja Gottes zu uns, zu unserer Zeit, und das möchte ich Ihnen kurz in Stichworten sagen.

1. Ja sagen zu unserer Zeit Ja sagen zu unserer Zeit, zum Heute, in der wir leben. Gott liebt diese Zeit, die Menschen heute. Mein täglicher Lieblingspsalm ist der Ps 95 (am Tagesbeginn): „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht…“ Und dieses Lieblingswort meiner Lieblingsheiligen, Thérèse v. Lisieux: „Pour t’aimer je n’ai que aujourd’hui“ (um dich zu lieben habe ich nur heute). Lassen wir die Nostalgie: wir leben nicht in den kirchenboomenden 50er Jahren, in den konzilsbegeisterten 60ern, in den stürmischen 68er Jahren. Wir leben heute. Sehen wir mit Jesu Augen diese Zeit. Lieben wir sie im Heute Jesu!

2. Ja sagen zu unserer Situation Ja sagen zu unserer Situation. Wir sind, besonders in Wien, gewaltig geschrumpft. Wir werden weiter schrumpfen (schon rein aus demographischen Gründen). Wir müssen Abschied nehmen von vielem, das uns lieb, wichtig, heilig war. Es wird vieles sterben. Wir müssen manches loslassen, was uns unersetzlich scheint. Gott liebt uns in dieser unserer Situation. Ja sagen auch zu dem, was wächst, was Förderung braucht, und was uns Gottes Weg in dieser Zeit zeigt. Trauen wir uns, gemeinsam hinzuschauen auf das, was wir loslassen müssen und das, was der Geist des Herrn uns für heute als neue Chancen zeigt.

3. Ja sagen zu unserer gemeinsamen Berufung als Getaufte und Gefirmte. Das wollte das II. Vatikanische Konzil allen bewusst machen: das tragende gemeinsame Fundament der Taufe, das uns verbindet und das unser gemeinsamer Auftrag ist. Der erste Satz der Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ des Konzils ist mir dazu besonders wichtig: „Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit zu erleuchten, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint. Deshalb verkündet sie allen Geschöpfen das Evangelium“ (LG 1).

Hier ist der ganze Missionsauftrag der Kirche angesprochen. Mich berührt dabei immer dieses „auf dem Antlitz der Kirche“: Die Kirche hat ein Antlitz. Sie hat mein Antlitz. Ich bin immer auch ein Gesicht der Kirche. Jede und Jeder von uns ist so Gesicht der Kirche, auf dem Christus, das Licht der Menschen, leuchtet. Und es leuchtet wirklich. Nicht immer ganz hell, aber doch. Wir alle sind Antlitz der Kirche für das Licht Christi. Daher ist der „Sendungsauftrag“ aller Getauften zuerst ein persönlicher. „Face to face“, von Angesicht zu Angesicht, so geht Mission. So ging es immer.

So, und nur so geht es heute: persönlich, „von Mensch zu Mensch“; „face to face“. So soll auch unsere Diözesanversammlung verstanden werden: nicht zuerst Papiere produzieren, sondern einander „face to face“ begegnen. Auch ein „Face book“ kann das nicht ersetzen. Alle die Strukturfragen, die uns zu Recht bewegen, die institutionellen Entwicklungen, gehen von da aus und bekommen von daher ihren Sinn: Wie können wir „nahe bei den Menschen“ bleiben bzw. näherkommen. Wie bleibt die Kirche „auf Rufweite“? Wie können wir „face to face“ die erreichen, die der Herr mit seinem Evangelium erreichen will?

Das 4. und 5. „Ja“ dienen dieser Nähe zu den Menschen aus der Nähe zu Jesus.

4. Ja zur Stellvertretung Ja zur Stellvertretung: Dass wir wenige sind, soll uns nicht schrecken. Jeder, der glaubt, steht für viele. Niemand glaubt für sich alleine, wie auch niemand für sich alleine lebt. Als aktive Minderheit in unserer Gesellschaft (und selbst unter den treu ihren Kirchenbeitrag leistenden Getauften), wird es immer wichtiger, dass wir das Prinzip „Stellvertretung“ leben und annehmen: Wir tragen im Glauben, in unserem Beten und Feiern viele andere mit: Sagen wir es ihnen auch gelegentlich! Wenn Du am Sonntag in die Kirche gehst und der Nachbar gerade Rasen mäht, sag‘ ihm: „Ich bete auch für dich!“ „Ich nehme deine Sorgen und anliegen mit in die Messe!“ „Ich gehe für dich!“ Mission heißt immer auch Stellvertretung: Einer für den anderen!

5. Ja zum gesellschaftlichen Auftrag Ja zum gesellschaftlichen Auftrag: Unsere Pfarren, Gemeinden, Gemeinschaften und kirchlichen Einrichtungen bilden ein großes Netzwerk der Nächstenliebe! Wir sind in einer spannungsreichen Situation: einerseits werden unsere Mittel und Möglichkeiten weniger, andererseits werden die Nöte und Herausforderungen größer. Je dünner die sozialen Netze werden, desto mehr ist unsere Phantasie der Nächstenliebe gefordert. Es ist beeindruckend, was hier in unseren kirchlichen Einrichtungen geleistet wird, von Ihnen allen! Die vielen kleinen Dinge, unscheinbare, gelebte Nächstenliebe. Und die großen Einsätze für Menschen in den verschiedenen Nöten. Das Ja zu unserem gesellschaftlichen Auftrag ist ein wesentlicher Teil unserer Mission.

Ich komme zurück auf den Anfang: Die Pfarre „Auferstehung Christi“ – zehn Jahre später. Inzwischen ist Franz Scharl dort Pfarrer. Ich feiere Gottesdienst mit der schwarzafrikanischen Gemeinde. Die Kirche ist randvoll. Es wird gesungen, getanzt. Ein Gottesdienst voll afrikanischer Temperamente, mitten in Wien. Wien hat sich enorm verändert. Die Kirche Wiens spiegelt die Weltkirche wider.

In der Stadt natürlich deutlich mehr als in den beiden „Landesvikariaten“. Sie wird sich weiter stark wandeln. Fast 30 Prozent der Priester im Diözesandienst haben eine nicht-österreichische Herkunft. Die andersprachigen Gemeinden in Wien bilden bereits einen erheblichen Teil der Kirche Wiens. Sie sind Kirche! Sie sind Kirche Wiens. Im Industrieviertel geht es zum Teil in ähnlichen Bahnen. Das ist nur ein Aspekt unter anderen betreffend die großen Umbrüche, die wir erleben. Sie sind Chancen, sie sind mit Schmerzen und Abschieden, aber auch mit Geburtswehen verbunden. Ich bin gespannt, ob es uns gelingt, gemeinsam auf das zu hören, was der Geist heute der Kirche sagt, unserer Kirche, uns persönlich, uns allen. Ja, komm, Heiliger Geist, komm und zeigen uns Deine Wege!

+ Christoph Kardinal Schönborn Erzbischof von Wien