Kardinal Schönborn: Plädoyer für Menschlichkeit und Güte

Der Wiener Erzbischof ruft zur Solidarität mit leidenden Menschen auf

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WIEN, 17. März 2007 (ZENIT.org).- Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn hat davor gewarnt, Leiden und Schmerz aus der menschlichen Gesellschaft zu verdrängen, und zur Solidarität mit all jenen Menschen aufgerufen, „die ein körperliches, seelisches Leiden zu tragen haben“.



In der ORF-„Pressestunde“ nahm der Kardinal am Vormittag des Palmsonntags neuerlich auf das umstrittene Urteil des Obersten Gerichtshofes Bezug, das ein Krankenhaus zur Zahlung der gesamten Lebenserhaltskosten eines heute sechsjährigen Jungen mit Behinderung verurteilt hatte. „Auf den leisesten Verdacht einer Behinderung in der Schwangerschaft hin“ würden Ärzte nun gewissermaßen „aus Sicherheitsgründen“ zur Abtreibung raten oder zumindest darauf hinweisen, „denn man will nicht zu Schadenszahlungen verurteilt werden“.

Kardinal Schönborn rief den Gesetzgeber zum Handeln auf, betonte aber auch, dass es sich hierbei im Letzten um ein „grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft“ handle. „Es ist die Frage: Wie stehen wir zu den schweren Seiten unseres Lebens...? Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der Leid einfach eliminiert wird, einfach wegretouchiert wird aus der Öffentlichkeit? Jeder von uns kann jederzeit zu einem Menschen mit Behinderung werden – durch einen Unfall, durch eine Krankheit, etc. Wenn wir schon vor der Geburt beginnen – das wird zur Zeit praktiziert –, eugenische Praktiken durchzuführen, also wirklich auch etwas, was die Europäische Menschenrechtskonvention eindeutig verurteilt; wenn wir das schon vor der Geburt beginnen, wie muss sich dann ein Mensch mit Behinderung fühlen, wenn er als Schadensfall betrachtet wird und nicht als ein Mensch, dem meine Solidarität gilt?“

Der Wiener Erzbischof verwies in diesem Zusammenhang auf den Politiker und Autor Franz-Josef Huainigg, der sein Leben im Rollstuhl verbringt, und empfahl den Zusehern ausdrücklich dessen zuletzt erschienenes Buch. „Ich habe mit tiefer Bewegung sein letztes Buch gelesen“, so Schönborn. „Die Gedichte voller Humor, voller Menschlichkeit und Güte. Wenn das in unserer Gesellschaft nicht mehr Platz hat – diese Solidarität mit Menschen, die ein körperliches, seelisches Leiden zu tragen haben – und wenn wir es [das Leid, Anm. d. Red.] selber bei uns nicht mehr akzeptieren, dann wird unsere Gesellschaft kalt und inhuman.“

Huainigg selbst hatte sich über das OGH-Urteil erschüttert gezeigt und erklärt: „Der OGH bedenkt nicht die weitreichenden Konsequenzen seines Urteils, wenn er den Eltern nicht nur den Mehraufwand durch Pflege und Betreuung, sondern den gesamten Unterhalt zuerkennt. Damit wird die Lebensexistenz dieses Kindes aufgrund seiner Behinderung in Frage gestellt. Das hat natürlich ganz generell auch weitreichende Auswirkungen auf die Existenzberechtigung von Menschen mit Behinderung“, so der ÖVP-Behindertensprecher.

„Auch ein Mensch mit Behinderung stellt eine Bereicherung dar. Lebensfreude und Lebenskraft sind nicht nur von Menschen ohne Pflegebedarf gepachtet.“ Die OGH-Richter hätten sich offensichtlich nicht mit der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung auseinandergesetzt.

OGH-Präsidentin Irmgard Griss verteidigte im Gespräch mit der Wiener Kirchenzeitung (Ausgabe 16. März) die Folgerichtigkeit des Urteils, gab aber zu, „dass die Verknüpfung der Schadensersatzansprüche mit der Existenz des Kindes schwierige moralische Fragen aufwirft, die mit unserem Schadensersatzrecht nicht (jedenfalls nicht für alle) befriedigend beantwortet werden können. Hier ist daher der demokratisch legitimierte Gesetzgeber aufgerufen, die Ansprüche zu regeln.“

Von Dominik Hartig