Kardinal Schönborn warnt vor biologistischer Ethik

Vortrag beim "Meeting für die Freundschaft der Völker" in Rimini

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RIMINI/WIEN, 23. August 2006 (ZENIT.org).- Vor dem Hintergrund der neuen EU-Forschungsrichtlinie, die das Experimentieren mit Embryonen fördert, hat Kardinal Christoph Schönborn am Mittwoch beim "Meeting für die Freundschaft der Völker" in Rimini vor der Dominanz einer neuen "biologistisch-eugenischen Ethik" gewarnt. Die Folgen der technischen Eingriffsmöglichkeiten im biomedizinischen Bereich würden heute deutlicher sichtbar, erinnerte der Wiener Erzbischof.



Die oft kritisierte Haltung der katholischen Kirche dazu erweise sich als "umso prophetischer", je länger die Entwicklung gehe, betonte Schönborn nach einem Bericht der Pressestelle der Erzdiözese Wien. Es gebe in diesem Bereich einen ethischen Dammbruch nach dem anderen: Hier werde von denen, die ein "intelligent design" – eine Zielgerichtetheit der Evolution – von Seiten Gottes ablehnen, "das 'intelligent design' der Biotechnik groß geschrieben".

Die Kirche halte demgegenüber "unbeirrt von aller oft massiven Kritik daran fest, dass es so etwas wie die 'Sprache des Schöpfers' in der Natur gibt", so der Wiener Erzbischof. Deshalb gebe es auch "eine sittlich verbindliche Schöpfungsordnung". Sie sei etwa in bioethischen Fragen die Richtschnur.

Das alljährliche "Meeting für die Freundschaft der Völker", das bis zum Samstag dauert, wird von der katholischen Bewegung "Comunione e liberazione" ("Gemeinschaft und Befreiung") veranstaltet.

Kardinal Schönborn erinnerte in Rimini daran, dass biologistische Vorstellungen heute nicht nur die Auffassung über den Ursprung des Lebens und seiner Entwicklung prägten. Sie bestimmten vielmehr auch in weiten Teilen das gesellschaftliche Leben. Die streng wissenschaftliche Evolutionsforschung, die ihre Schritte nachvollziehbar protokollieren könne, sei als Forschungszweig höchst respektabel. Doch "die Ausweitung auf alle Bereiche der Wirklichkeit, nach dem Motto 'Alles ist Evolution', ist nicht mehr wissenschaftlich gedeckt. Hier betreten wir den Boden der Weltanschauung, wenn nicht der Ideologie".

Der Wirtschaftswissenschaftler Professor Ewald Walterskirchen habe etwa auf den engen Zusammenhang zwischen Neodarwinismus und wirtschaftlichem Neoliberalismus hingewiesen. Beide Theorien gingen davon aus, dass zufällige Veränderungen – über Selektion bzw. Wettbewerb – den Entwicklungsprozess bestimmten. Der US-Ökonom Paul Krugmann schreibe, dass sich ein Lehrbuch der neoklassischen Mikroökonomie wie eine Einführung in die Mikrobiologie lese, so Kardinal Schönborn.

In der Ökonomie zeige sich die Nähe zur Biologie besonders in den Arbeiten Friedrich von Hayeks (1899-1992), der als einer der Väter des Neoliberalismus gilt. Der Spross einer Biologenfamilie spreche explizit von "Aussiebung durch den Markt". Hayek halte eine hohe Arbeitslosenquote – ähnlich wie einen Populationsüberschuss in der Tierwelt – für ökonomisch wünschenswert, damit die natürliche Selektion greifen könne.

Der Wiener Erzbischof ging in Rimini aber auch klar auf Distanz zum "Kreationismus", der auf einer wortwörtlichen Interpretation des biblischen Schöpfungsberichtes fußt. Er sei keine Alternative zur "Darwinschen Geschichte". Vielmehr gehe es um "das Miteinander von 'Darwinsleiter' und 'Jakobsleiter'".

Wörtlich erklärte der Kardinal, der dem Dominikanerorden angehört: "Es spricht vieles dafür, dass das Leben sich in einem langen, aufsteigenden Prozess aus einfachsten Anfängen bis zur Komplexität des Menschen aufsteigend entwickelt hat. Es ist etwas Wunderschönes, immer tiefer in die gemeinsamen Bausteine und damit in die Verwandtschaft allen Lebens einzudringen. Es ist aber nicht nur nicht notwendig, sondern geradezu unsinnig und jeder Vernunft widersprechend, diesen grandiosen Weg des Lebens bis hin zum Menschen als bloßen Zufallsprozess zu sehen."

Es sei die Vernunft, die das "design", die Zielgerichtetheit, den Plan und den Zweck in der Natur erkenne, fuhr er fort. "Je mehr wir wissen können, je umfassender, detaillierter die Kenntnisse über die Vorgänge des Lebens werden, desto größer müsste meines Erachtens das Staunen werden, desto fragwürdiger wird die Rede vom Zufall, desto unvernünftiger wird es, all das auf einen – wie ich in der 'New York Times' sagte – 'unguided, unplanned process of random variations and natural selection' (ziellosen, ungeplanten Vorgang zufälliger Veränderungen und natürlicher Selektion) zurückzuführen."

Neodarwinistische Prinzipien ortete Kardinal Schönborn schließlich auch in der Pädagogik und mahnte zu "Vorsicht vor einer übermäßigen Ökonomisierung der Bildungsfrage". Bildung werde heute weitgehend danach beurteilt, ob sie zur Anpassung an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes beitrage. Im Sinne der katholischen Soziallehre, dass der Mensch nicht in erster Linie für die Wirtschaft da ist, sondern dass die Wirtschaft für den Menschen da zu sein hat, brauche es aber auch ein entsprechendes weiter greifendes Bildungskonzept.

Eine Grundaufgabe von Schule und Bildung werde ausgeblendet, nämlich die Erziehung zur Widerstandsfähigkeit, erinnerte der Kardinal: "Wer werden in Zukunft die Menschen sein, die sich zu widersprechen trauen, die es nicht nur gelernt haben, sich möglichst flexibel anzupassen, sondern auch feste Standpunkte haben." Letztlich sei der Widerstand gegen einen ideologischen Evolutionismus eine der heutigen Formen, "Freiheit und Verantwortung zu leben, auch wenn das seinen Preis hat". In diesem Zusammenhang kam der Kardinal auf Papst Benedikt XVI. zu sprechen: "In seinem berühmten Vortrag an der Sorbonne in Paris hat Kardinal Ratzinger davon gesprochen, dass das Christentum 'durch seine Option für den Primat der Vernunft' heute 'Aufklärung' bedeutet, das heißt Befreiung von falschen Abhängigkeiten."

So könne auch die Haltung einer "staunenden Dankbarkeit" gefunden werden. Die biblische Genesis drücke in diesem Sinne aus, dass "Logos und Agape" – Vernunft und Liebe – der Stoff seien, "aus dem die Welt wurde und besteht und vollendet wird".