Kardinal Schönborn: Wir können nicht schweigen

Hirtenbrief des Wiener Erzbischofs

| 2231 klicks

WIEN, 3. November 2008 (ZENIT.org).- Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn ermutigt in seinem letzten Hirtenbrief die ihm anvertrauten Gläubigen, zu mutigen und frohen Zeugen Christi zu werden, zu wahrhaft Liebenden, die für ihre Mitmenschen ein Segen sind. Der erste Schritt dazu besteht nach seinen Worten darin, das Glück der Freundschaft Jesu kennen zu lernen.

***

Liebe Schwestern und Brüder!




Wir können nicht schweigen


„Unmöglich können wir schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Als man den Aposteln verbieten wollte, noch weiter von Jesus zu sprechen, gaben sie diese Antwort. Das war damals, „in jener Zeit“, am Anfang der Kirche, nach Pfingsten. Sie ließen sich nicht hindern, und die Hindernisse, die sich ihnen entgegenstellten, wurden nochmals zu Gelegenheiten, von dem zu sprechen, was sie mit Jesus erlebt hatten. Und so geschah Mission. Keine staatliche Macht half dabei. Kein gesellschaftlicher Druck drängte dazu, Christ zu werden. Das Christentum verbreitete sich durch das persönliche Zeugnis und durch das Wirken des Heiligen Geistes, der Herzen und Türen für das Evangelium öffnete.

Das blieb nicht immer so. Spätestens seit der „Konstantinischen Wende“ wurde es zum gesellschaftlichen Vorteil, Christ zu werden. Ganze Reiche, Völker, Stämme, Länder nahmen das Christentum an.

Heute, da diese Epoche der „Christenheit“ zu Ende geht und das Christentum kaum mehr „die offizielle Religion“ ist, sind wir erneut in einer Phase, die den Anfängen der Kirche ähnlich ist. Damals trat das Christentum als etwas Neues in die Welt. Für viele ist es auch heute etwas Neues, auch wenn wir in unserem Land und in ganz Europa immer noch eine große, starke christliche Tradition haben. Sie prägt die Landschaft, die Kultur, das soziale Netz, die Wertvorstellungen. Bewusst oder unbewusst ist vieles vom Evangelium durchtränkt, was die Lebensvollzüge auch derer beeinflusst, die ausdrücklich wenig mit Kirche zu tun haben.

In den langen Jahrhunderten der „Christenheit“ hat es nie am persönlichen Zeugnis derer gefehlt, die nicht nur aus Tradition Christen waren, sondern den überlieferten Glauben als Freundschaft mit Christus lebten. Sie waren immer der „Sauerteig“, der die Christenheit belebte und glaubwürdig machte. Sie sind es auch heute!


Wir sollten die Kraft des Christlichen in unserer Gesellschaft nicht kleinreden oder kleinmachen lassen.


In den dreizehn Jahren, in denen ich als Bischof der Erzdiözese Wien mit Euch auf dem Weg sein darf, bin ich immer wieder davon berührt, wie sehr diese Stadt und dieses Land vom Christentum durchtränkt ist. Da sind die unzähligen aus Stein und Holz gebauten Kirchen, Klöster, Kapellen, Bildstöcke und Wegkreuze, die nie zu übersehen sind, wenn man quer durch das ganze Land fährt – Denkmäler, die uns auf eine andere Wirklichkeit verweisen und einladen innezuhalten. Wie viel Mühe und Engagement steckt in der Erhaltung dieser sichtbaren Symbole und Zeichen christlichen Glaubens! Wie viele Männer und Frauen haben sie gebaut und liebevoll erhalten!


Noch viel mehr beeindruckt mich – gerade, weil ich als Bischof auch durch die Visitationen immer wieder Einblick in das Leben unserer Pfarren und Dekanate bekomme -, mit wie viel Selbstverständlichkeit Frauen und Männer am Aufbau unserer Gemeinden beteiligt sind. Ein feinmaschiges Netz an Gottes- und Nächstenliebe ist quer über die ganze Erzdiözese gespannt! – Weil Christinnen und Christen aufmerksam sehen, was zu tun ist, wo Not ist, und tatkräftig zupacken. Sei es in der Organisation von Sozialaktionen und Besuchsdiensten oder im Dienst an der Gemeinde, in der Liturgie, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Altenarbeit, in der Sakramentenvorbereitung oder in der Vorbereitung und Durchführung der Feste des Kirchenjahres, der Pfarrfeste, Basare und Flohmärkte bis hin zu den Finanz- und Verwaltungsaufgaben. In hoher fachlicher Professionalität werden kirchliche Grundvollzüge in katholischen Schulen und Krankenhäusern oder durch die Caritas tagtäglich gelebt.


Wie arm wäre unser Land, wenn es all das nicht gäbe! Wie sehr durchdringt dieses Engagement unzähliger Frauen, Männer und Jugendlicher unsere Gesellschaft und macht sie menschlicher und wärmer!


Als Bischof bin ich sehr dankbar dafür und immer wieder aufs Neue berührt von all dem, was an gelebtem Zeugnis leise und ohne großes Aufsehen geschieht – leider oft auch unbedankt und unbemerkt. Häufig ist dieses Engagement so selbstverständlich geworden, dass es gesellschaftlich kaum wahrgenommen wird.


Schmerzlich erleben wir aber auch, wie vieles an christlichem Lebensverständnis heute in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt wird. Wie wir nicht mehr gefragt werden, wie unsere Stimme sehr leise geworden ist unter all den vielen Stimmen, die heute vielfach den Ton angeben, wenn es um Lebens- und Gesellschaftsentwürfe geht. Eine rücksichtslose Globalisierung höhlt soziale Maßstäbe des wirtschaftlichen Lebens aus. Die Heiligkeit des Lebens wird an dessen Anfang und an dessen Ende massiv in Frage gestellt. Abtreibung und Euthanasie werden zu „Menschenrechten“ erklärt. Behinderte als untauglich für ein als Wettbewerb verstandenes Leben zur Tötung freigegeben. Biotechnologie will keine Grenzen anerkennen und das menschliche Leben frei manipulieren dürfen. Und uns als Kirche wird vorgeworfen, dass wir immer nur Nein sagen. Dabei wird selten gesehen, und womöglich schaffen wir es selber zu wenig, verständlich zu machen, dass wir unser Nein zu so manchen Entwicklungen sagen, weil es uns um das „Ja“ zum Leben geht, zu jenem Leben, das Jesus Christus uns in Fülle versprochen hat und das wir selber als sinnvoll und beglückend erfahren.

Das Glück der Freundschaft kennen lernen


Was ist es also, worüber wir unmöglich schweigen können?


Wenn ich darauf im Blick auf meine eigene Lebenserfahrung antworten darf, dann so, wie ich es auch in meinem Bischofsmotto ausdrücke: „Euch aber habe ich Freunde genannt“ (Joh 15,15). Wenn es eine Erfahrung gibt, die ich als die „Grundmelodie“ in meinem Leben betrachten darf, so ist es diese Freundschaft. Sie ist der rote Faden durch alle Phasen meines Lebens. Jesus lädt uns ein zur Freundschaft. Er macht uns zu Seinen Freunden. Und wir dürfen in diese Freundschaft hineinwachsen. Darüber kann ich nicht schweigen. Ich habe diese Freundschaft als den großen Schatz in meinem Leben entdeckt. Sie ist mir Trost und Freude. Sie hilft mir, mich selber anzunehmen, sie lädt mich ein, andere mit dem Blick der Freundschaft Jesu zu sehen. Sie prägt, so hoffe ich, meine Art, die Menschen und die Situationen zu sehen. Und sie weckt in mir immer neu den Wunsch, anderen von dieser Freundschaft zu erzählen. „Mission“ ist für mich kein abstraktes Wort. Mission ist für mich die Einladung, das Glück dieser Freundschaft kennenzulernen: „Kommt und seht!“ (vgl. Joh 1,39)


Christsein ist für mich vor allem: Ihm glauben, Ihm vertrauen, Sein Wort hören und betrachten, und Seine Gemeinschaft suchen, Sein Freund werden.


Freundschaft mit Jesus, das heißt zum einen: Zeit für die Begegnung, das hinhörende Stillsein in Seiner Gegenwart, bevorzugt in Seiner eucharistischen Gegenwart im Tabernakel. Freundschaft mit Jesus, das heißt zum anderen: eine wache Aufmerksamkeit für die, mit denen Er sich besonders identifiziert - die Armen, die Kranken, die Fremden, die Gefangenen, die Ausgestoßenen, die Sünder,… Freundschaft mit Jesus, das heißt schließlich: Mit Seinen Augen sehen lernen, mit Seinen Gedanken vertraut werden, Seinen Willen suchen und zu tun versuchen. Und vor allem: mit Seinem Herzen verbunden sein.


Sünde ist darum: Seiner Freundschaft untreu sein, Ihn verraten, Ihn vor den anderen nicht kennen und bekennen. Sündenvergebung heißt nicht ein irgendwie gerichtlicher Freispruch, sondern Seinem Blick begegnen, wie Petrus Ihm begegnet ist, als Jesus ihn nach seinem Verrat ansah: dem einzigartigen Blick der Freundschaft, ohne Vorwurf, aber tief das Herz treffend, bis zu den Tränen der Reue (vgl. Lk 22,61f).


In den letzten Jahren ist mir eines immer mehr zur Gewissheit geworden: Mit Jesus verbunden sein, in Seiner Freundschaft leben, das heißt besonders - barmherzig werden, wie Er es ist. Darüber möchte ich nicht schweigen können. Auch wenn es mir oft nicht gelingt, es zu sagen, und vor allem: es zu leben. Aber eines weiß ich sicher: Ich habe die Barmherzigkeit Jesu erfahren, und ich wünsche mir, dass andere, alle, das auch erfahren.

Gerade bei Gesprächen mit Ausgetretenen, die ich immer wieder suche, sage ich meistens: „Wie gerne würde ich Ihnen meine Erfahrungen mit Jesus weitergeben! Und wie gerne würde ich Ihnen mitteilen, was für mich die Kirche bedeutet, wie sehr ich sie als Heimat erlebe und für sie dankbar bin!“


Die Freundschaft Jesu und Seine Barmherzigkeit: das ist für mich die Mitte meines Lebens und meines Hirtendienstes. Der Prozess „Apg 2010“, den ich Ihnen heute vorstelle und zu dem ich Sie einlade, kommt aus dieser Mitte.

Den Glauben kennen lernen


Wie können wir selber neu und stark die Freundschaft und die Barmherzigkeit Jesu kennen lernen, und das Erkannte anderen bezeugen?


„Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen“
, zitiert das Zweite Vatikanische Konzil (Dei Verbum, 25) den Heiligen Hieronymus. Zur Erfahrung der Freundschaft mit Christus ist darum das Lesen der Heiligen Schrift notwendig, vor allem das sich Einlassen auf und sich Berühren lassen durch das Leben und die Worte Jesu in den Evangelien.


Wir brauchen dringend auch die Auseinandersetzung mit der Lehre der Kirche, die im Katechismus zusammengefasst ist. Als „Redaktionssekretär des Weltkatechismus“, des „Katechismus der Katholischen Kirche“, durfte ich fünf Jahre lang intensiv an diesem großen Glaubensbuch mitarbeiten. Daran zu arbeiten war eine riesige Herausforderung, vor allem war es für mich eine Einübung in die Dankbarkeit für die Tradition und den Glaubensschatz unserer Kirche, für die vielen Frauen und Männer, Mystiker und Kirchenlehrer, durch die Gott unablässig durch alle Jahrhunderte zu uns gesprochen und sich auf so vielfältige Weise gezeigt hat. Wie sehr wünsche ich mir, dass Sie alle diese Erfahrung des Eintauchens in den großen Schatz der Glaubenslehre der Kirche machen.


Die Lehre ist wichtig. Wir brauchen sie dringend. Wir brauchen mehr Kenntnis unseres Glaubens, mehr Wissen über das, was unser Glaube lehrt. Wir müssen dringend „auskunftsfähiger“ werden, in der Lage sein, anderen, die es wissen wollen, Rechenschaft über unsere Hoffnung geben zu können (vgl. 1 Petr 3,15).

So wichtig das Glaubenswissen ist: Das Zeugnis des Lebens überzeugt. Es spricht für sich. Oft ohne Worte. Einfach durch das „Sein“ des Zeugen. „Ihr werdet meine Zeugen sein!“ (Apg 1,8): Diese Verheißung Jesu am Anfang der Kirche gilt auch heute. Zeugen sind gefragt. Die Bereitschaft zum Zeugnis ist gefragt.


Eines ist gewiss: Heute überzeugen mehr die Zeugen als die Lehrer.

Aufmerksamkeit für Veränderungen


Liebe Schwestern und Brüder! Wie sehen Sie die Lage des Glaubens, die Situation der Kirche, unserer Gemeinden in dieser Zeit? Jede und jeder von uns macht sich diesbezüglich Gedanken, Hoffnungen und Sorgen. Darüber brauchen wir den Austausch, die gegenseitige Ermutigung, das gemeinsame Nachdenken.


Wie wird die Kirche in der Stadt Wien, in den Landvikariaten in ein, zwei Generationen aussehen? Ganz nüchtern von der Bevölkerungsentwicklung her gesehen wird in der Stadt der Katholikenanteil – auch ohne Kirchenaustritte – weiter stark sinken. Es fehlen die Kinder. Bei einer Geburtenrate von knapp über ein Prozent ist die Prognose bitter und klar. Schon jetzt spüren wir, dass unseren Gemeinden die Kinder und die Jugend schmerzlich fehlen, nicht nur, weil sie wenig Bezug zur Kirche haben, sondern auch, weil es einfach deutlich weniger Kinder gibt.


Wir werden weniger, weil wir nicht mehr Kinder wollten – und weil unsere Gesellschaft oft dem Wunsch nach Kindern, dem großherzigen Ja zum Leben, entgegengesetzt war und ist.


Unsere Gemeinden sind fast überall geschrumpft. In den letzten zwanzig Jahren ist der regelmäßige Gottesdienstbesuch um fünfzig Prozent zurückgegangen. Viele Pfarrer und ihre Gemeinden erleben das, wenn sie sich die Wahrheit eingestehen, als große Last. Sie fragen sich: Was haben wir falsch gemacht? Was haben wir versäumt?

Es macht mich betroffen, wenn heute viele Eltern und Großeltern an sich selber zu zweifeln beginnen, was sie falsch gemacht haben, weil sie den Samen des Glaubens, den sie ausgesät haben, in der nächsten Generation nicht oder scheinbar zu wenig aufgehen sehen. Mit wie viel Einsatz haben sie versucht, ihren Glauben und ihre Werthaltungen weiterzugeben! Das schmerzt.


Wie sehr leiden viele Ordensgemeinschaften darunter, dass sich so wenige junge Menschen entscheiden können, diesen Weg zu gehen. Und das, obwohl ihr Dienst unsere Gesellschaft zum Guten verändert.


Ich sehe, mit wie viel Energie sich in unserer Diözese angestellte Frauen und Männer, Priester, Diakone, Religionslehrerinnen und Religionslehrer bemühen, neue Lösungen zu finden, wie wir uns besser organisieren können, wie wir mit weniger Ressourcen effektiver und effizienter pastoral flächendeckend tätig sein können.


Der Druck und die Erwartungen, die auf unseren Priestern und allen pastoral tätigen Frauen und Männern liegen, sind enorm hoch.


Vielleicht sind wir mittlerweile so weit, dass wir uns für diese Schwierigkeiten nicht mehr gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Es sind viele Faktoren, die zur gegenwärtigen Kirchensituation geführt haben und führen. Müßig ist, dafür eine einzige Ursache, einen „Hauptschuldigen“ ausmachen zu wollen. Viel wichtiger ist es, ehrlich und in demütiger Wahrhaftigkeit unsere Lage zu betrachten. Wichtiger ist es, in allen diesen Entwicklungen die Fingerzeige Gottes, die Wegweisungen des Heiligen Geistes zu entdecken. Dazu brauchen wir einander. Dazu müssen wir uns gegenseitig hören und miteinander den Willen Gottes für unsere Zeit zu erkennen suchen.

Nehmen wir uns gemeinsam die Zeit für ein Innehalten. Bekehrung ist kein einmaliges Ereignis, vielmehr ist sie ein lebenslanger, alltäglicher Prozess. Und vielleicht ist sie nicht nur eine individuelle Sache. Wir haben sie auch als Kirche, als Erzdiözese Wien immer wieder nötig. Suchen wir gemeinsam nach diesen neuen Wegen!


Wir brauchen Zeugen der Freude und der Barmherzigkeit


Auch heute haben die Menschen das „Recht“, das konkrete Zeugnis der Hoffnung kennen zu lernen. Herzstück jeder Mission muss es sein, zuerst diese verwandelnde Freude des Glaubens, die Freude an Gott, mit anderen zu teilen und gleichzeitig an der Gebrochenheit unserer Zeit mitzuleiden, die wir alle in uns tragen. Wie könnten wir schweigen über die Freude, bedingungslos geliebt zu sein, immer wieder Vergebung zu erfahren, über die Freude des Lebens, und dass es für Jesus keinen hoffnungslosen Fall gibt? Diese Freude kann jeder von uns ausdrücken. So vieles kann durch ein einfaches Zeugnis geschehen. Aber zugleich können wir nicht dem gegenüber gleichgültig bleiben, was um uns herum passiert. Ich ermutige uns alle, wie Jesus genau hinzuschauen und uns wirklich berühren zu lassen von den zahlreichen Nöten und „Erschöpfungen“ unserer Gesellschaft. Uns betreffen zu lassen von den vielen zerbrochenen Familien und Beziehungen, von der Not des Versagens und von begangener Schuld. „Nicht um zu richten, bin ich gekommen, sondern zu retten“, ruft uns der Herr zu! (vgl. Joh 12,47)


Wie sehr wird das ersehnt! Jesus will Seine heilende Umarmung durch uns erfahrbar machen. Wir können uns also nicht zurückziehen wie ein elitärer Rest in eine abgesicherte und wohlige Schutzzone. Nein, wir sollen wie die Jünger Jesu mutig hinausgehen und den Vielen, dem „Volk“, unsere scheinbar wenigen „Brote der Freude und des Erbarmens“ austeilen. Ich bin überzeugt, so viele werden aufatmen, sich daran sättigen und neue Orientierung finden.

Kirche braucht prophetische Kraft


Der Blick auf das, was uns gemeinsam gelungen ist, wo so viele Kräfte zusammengewirkt haben, baut auf und macht Mut weiterzugehen: Wenn ich an die große Stadtmission 2003 denke, an den Weinviertler Pilger- und Glaubensweg, an die „Lange Nacht der Kirchen“, die Kontakt- und Pfarrmissionswochen, an die Pfarrgemeinderatswahlen und nicht zuletzt an den Besuch des Hl. Vaters im Vorjahr – mit all dem haben wir bemerkenswerte Kapitel in die „Apostelgeschichte von heute“ geschrieben.


Es bleiben große Herausforderungen. Nicht nur der gesellschaftliche Wandel drängt uns, innezuhalten und manches zu überdenken. Was uns wirklich herausfordert, ist das Wesen der Kirche selbst. Es sind nicht nur die Zahlen, die uns zum Nachdenken bringen. Unser Grundauftrag als Kirche fordert uns heraus. Es ist die Gewissheit über die Sendung, die Mission der Kirche: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18f)


Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde von Korinth: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1Kor 9,16) Und er fügt hinzu, dass dies der Auftrag ist, der ihm anvertraut wurde. Dieser Auftrag gilt uns heute! Sind wir (noch) erfüllt von der Freude in Fülle, die ansteckt? Von der Freude, Gott zu erkennen und von Ihm erkannt zu werden, Ihn zu schauen und Ihm anzugehören?

Heute sammeln und senden


Wenn wir auf die Anfänge der Kirche schauen, werden wir ermutigt. Die Apostelgeschichte ist eine dynamische Geschichte der „Sammlung“ und der „Sendung“. Lassen wir uns davon inspirieren!


Ganz am Anfang, noch vor dem Pfingstereignis, versammeln sich die Apostel gemeinsam mit Maria und den Frauen (Apg 1,14) und dann immer wieder bis zum Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15). Sie versammeln sich, um einmütig zu beten, um zu erzählen, was sie erlebt haben, um sich zu ermutigen, um miteinander das Brot zu brechen (vgl. Apg 2,46f). Sie gehen von ihren Versammlungen bestärkt auseinander, um ihren Auftrag, ihre Sendung zu leben – in ihren Alltag, um das Evangelium zu verwirklichen und zu verkünden.


Daran will ich mit Euch anknüpfen: An der Versammlung und der Sendung. Lernen wir vom Geist des Apostelkonzils in Jerusalem (Apg 15). Damals haben die Apostel und ihre Gemeinden gemeinsam hingehört, was der Herr will. Welche Zeichen und Wunder Er gewirkt hat. Daraufhin wurden die Weichen gestellt. So geschah Sendung.


Wenn wir heute als Erzdiözese Wien innehalten und über unseren Auftrag nachdenken, dann ist der Blick auf das Werden der Kirche, wie er uns in der Apostelgeschichte überliefert ist, unumgänglich. Daran müssen wir uns orientieren.


In Apg 20,10 heißt es: „Paulus lief hinab, warf sich über ihn, umfasste ihn und sagte: Beunruhigt euch nicht: Er lebt!“ Diese Feststellung des Heiligen Paulus mache ich auch für die Kirche in der Erzdiözese Wien. Im Prozess „APG 2010“ werden wir uns versammeln aus allen Pfarren, kategorialen Einheiten, Orden, Gemeinschaften und Bewegungen, aus allen Ständen,… der Erzdiözese, um uns zu erzählen, was wir erleben, was wir sehen und hören, was der Herr in unseren Gemeinden und Gemeinschaften wirkt, wo unsere Nöte sind, was uns freut und Angst macht. Dass wir darüber gemeinsam nachdenken, diskutieren – wahrscheinlich auch streiten und ringen -, und dass wir gemeinsam beten, damit wir erkennen, was der Herr uns heute sagen will, wohin er uns senden will. Aber beunruhigen wir uns nicht: Unsere Kirche lebt!


Einladung zu einer gemeinsamen Auseinandersetzung

Zu drei großen Diözesanversammlungen bis zum Jahr 2010 lade ich Euch heute schon ein. Vieles wird uns beschäftigen. Zu folgenden sieben Punkten erbitte ich eine besonders intensive Auseinandersetzung:


1.      „Vielmehr nenne ich euch Freunde“ (Joh 15,15)
oder: Wie leben wir die Freundschaft mit Christus?
Zum einen ist es eine ganz persönliche Beziehung, die jede und jeden betrifft. Sie ist aber immer eine Freundschaft in Gemeinschaft: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…“ (Mt 18,20). Es ist die Frage an uns als Gemeinde, als Gemeinschaft.
Wie beten wir zusammen, wie feiern wir Liturgie, die Sakramente? In welcher Haltung? Sind es ausgehöhlte, leere Rituale? Tun wir es, weil es irgendwie dazugehört oder womöglich „mein Job“ ist?
Welche Stellung hat die Eucharistie? Was ist mir die Heilige Messe wert?
Wie geht es uns mit dem Bußsakrament?
Ist unser Beten und Feiern aufbauend, ermutigend
?
Wie können wir uns neu auf diese Freundschaft einlassen?
Wie leben und pflegen wir diese Freundschaft?
Schöpfen wir aus der Pflege der Freundschaft mit Christus die Kraft des Lebens?



2.      „Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 4,20)
oder: Wie können wir heute Apostelgeschichte weiterschreiben?
Papst Benedikt XVI. hat unsere Pfarrgemeinderäte in Mariazell (8. Sept. 2007) gesandt mit den Worten: “Seid Sauerteig, Salz und Licht ... Schreibt die Apostelgeschichte weiter!“

Dieser Auftrag, diese Sendung gilt uns wohl allen!

Es ist wieder der Blick auf die Anfänge, die Ermutigung aus der Apostelgeschichte und den Briefen der Apostel: Kann ich jedem Rede und Antwort stehen, der mich nach der Hoffnung fragt, die mich beseelt...? (vgl. 1 Petr 3,15) Und ist mein Lebenszeugnis so, dass überhaupt jemand auf diese Frage kommt? Oder ist es mir vielleicht doch peinlich? Oder meine ich noch zu wenig „sattelfest“ zu sein, um Rede und Antwort zu stehen?

Wie können wir uns gegenseitig dazu ermutigen, Zeugen der Liebe Gottes in unserem Alltag zu sein? Übersetzen wir das Evangelium für unsere Mitmenschen in unsere Zeit hinein?



3.      „Was wir wissen, davon reden wir, und was wir gesehen haben, das bezeugen wir…“ (Joh 3,11) - Oder: Die Frage nach Glaube und Vernunft
Glaube braucht Bildung und vernünftige Formung, damit Zeugnis gelingt. Genauso muss in der Weitergabe von Glaubenswissen und Theologie die Frage nach der Zeugenschaft gestellt werden. Beides muss sich ergänzen. Und muss für Menschen jedes Alters und jedes Bildungsgrades zugänglich sein.
Nützen wir unsere Möglichkeiten der Fakultät, der Hochschule, der Einrichtungen der Erwachsenenbildung, des Religionsunterrichtes, der Katechese, der Predigt, der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit…, um Glauben zu erfahren, Glaubenswissen zu vermitteln und beide mit dem Anspruch der Vernunft zu verbinden? Ist unsere Vermittlung von Theologie dem Glauben dienlich oder stellt sie ihn nur mehr in Frage? Ist unsere Zeugenschaft nicht auch manchmal leeres Gerede ohne vernünftige Vertiefung und Reflexion?


4.      „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt…“ (Mt 25,40)
oder: Wie aufmerksam sind wir auf die Nöte unserer Mitmenschen?
Christus können wir im Nächsten erkennen, besonders im Leidenden.
Es liegt an uns, dem Evangelium ein konkretes Gesicht zu geben:
“Es ist schön, Menschen zu treffen, die versuchen, in unserer Gesellschaft der Botschaft des Evangeliums ein Gesicht zu geben ... Nächstenliebe ist nicht delegierbar ... Gott will Mitliebende ... ich muss ein Liebender werden, einer, dessen Herz der Erschütterung durch die Not des anderen offen steht. Dann finde ich meinen Nächsten, oder besser: dann werde ich von ihm gefunden.“ (Papst Benedikt XVI. am 9. Sept. 2007 im Wr. Konzerthaus)
Wie aufmerksam sind wir den Nöten unserer Mitmenschen gegenüber? Oder sind wir nicht vielfach in Versuchung, dieses Thema auf die Caritas und auf professionelle Organisationen abzuschieben, Nächstenliebe zu delegieren? Wie können wir uns gegenseitig ermutigen, Mitliebende zu sein?


5.      „Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht.“ (Phil 1,27)
Oder: Wie werden unsere Gemeinden zu Orten gelebter Gastfreundschaft?
Wir nehmen schmerzlich wahr, wie unsere Kirchen leerer werden, wie Priester, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter dem Druck, allen Anforderungen gerecht zu werden, den Mut verlieren. Das gegebene Programm (die Feste im Jahreskreis, Sakramentenvorbereitung plus Sternsingeraktion, Haussammlungen, Pfarrbriefe – eventuell noch Pfarrfest, Flohmarkt,…) wird mit viel Liebe gestaltet, bindet aber oft auch fast alle Zeit und Energie der pfarrlichen Haupt- und Ehrenamtlichen, sodass schon ein bloßes Innehalten zur Herausforderung wird. Menschen, die sich bereits bis an ihre Grenzen engagieren, erschrecken bei dem Gedanken, es könnte noch etwas dazu kommen.
Gleichzeitig entstanden und entstehen Netzwerke und Bewegungen, die Pfarrgrenzen sprengen und als scheinbare Konkurrenz zum territorialen Pastoralkonzept stehen.
Sind unsere Pfarren Gemeinden im Sinn des Evangeliums?
Was macht unsere Gemeinde aus? Was prägt und trägt unsere Gemeinden? Wie flexibel sind wir als Gemeinde? Wie offen für Veränderung? Wie leben und erleben wir Gastfreundschaft?
Leben wir als Gemeinde so, dass es für andere anziehend sein kann? Wie tragen wir als Priester und Laien gemeinsam Verantwortung in der Kirche?


6.      „Kommt und seht…“ (Joh 1,39)
oder: Wie erheben wir unsere Stimme in der Gesellschaft?
Wenn ich an die demographische Entwicklung unseres Landes denke, dann wundert es mich nicht, dass die Zukunft trist scheint. Was tun wir dafür, dass es heute möglich ist, das JA zum Leben zu sagen? Wie fördern wir eine lebensbejahende und lebensfreundliche Gesellschaft, in der gerade auch das scheinbar schwache Leben als wertvoll und bereichernd anerkannt wird?
„Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“
(Lk 9,25)
Nur der Liebende findet das Leben! Leben wir als Kirche in der Welt so, dass wir sagen können „Kommt und seht!“?
Oder haben wir Wünsche und Forderungen an die Gesellschaft, an die Politik, an die Wirtschaft…, die wir selber nicht einhalten?
Wie fördern und feiern wir die Kultur des Sonntags? Wie planen und gestalten wir Zeiten des Ausruhens und Auftankens – gerade auch für diejenigen, die sonst nicht mehr mitkommen, weil das Tempo zu schnell und die Anforderungen zu hoch sind? Brauchen wir nicht gemeinsame Zeiten des Feierns, für die Pflege von Beziehungen, Zeiten der Ruhe und der Ausgelassenheit?


7.      „… damit sie das Leben in Fülle haben!“ (vgl. Joh 10,10)
oder: Wie helfen wir uns gegenseitig, unsere Lebensberufung zu leben?
Das Leben in Fülle haben wir dann, wenn wir in Beziehung und Gemeinschaft leben. Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, damit sie einander lieben und sich ergänzen. Das ist die Grundlage jeder Gesellschaft, nur so kann Leben weitergegeben werden. Daraus wächst die Hoffnung. Eine Gemeinde, eine Gesellschaft verliert an Lebenskraft, wenn es keine oder zu wenige Kinder gibt. Was tun wir dafür, dass sich heute junge Menschen für die Ehe entscheiden können? Und dass die Liebe, die sie füreinander empfinden, tragfähig wird für neues Leben? Wie stehen wir jungen Familien bei? Wo erheben wir unsere Stimme, dass Familien politisch und wirtschaftlich nicht an den Rand gedrängt werden, sondern gewichtigster Teil der Gesellschaft sind?
Wie stehen wir all denen bei, die darunter leiden, dass sie Ehe und Familie nicht leben können?
Wie leben wir Gemeinschaft mit Alleinstehenden?
In unserer Kirche verzichten Männer und Frauen bewusst auf Ehe und Familie, um sich ganz in die Verfügbarkeit Gottes zu stellen, als Priester oder im geweihten Lebensstand, sei es für den Dienst an der Gemeinde, im Dienst für die Mitmenschen oder im Dienst des Gebetes für die Anliegen der Welt. Sind wir als Gemeinden „Nährboden“, damit Menschen sich für diese Form des Lebens entscheiden können? Tragen wir diese speziellen Berufungen dankbar mit?
Sind wir unseren jeweiligen Versprechen, unseren spezifischen Aufträgen treu?
Dienen wir oder lassen wir uns bedienen?



Gegenseitig ermutigen im Heiligen Geist


Über diese sieben Punkte werden wir gemeinsam nachdenken, uns austauschen und uns in allen Gremien damit auseinandersetzen. Im Hinblick auf die Diözesanversammlungen werden wir gemeinsam hinhören, „was der Geist den Gemeinden sagen will“ (vgl. Offb 3,6), welche Zeichen und Wunder Er bereits unter uns gewirkt hat und wirkt.


Haben wir Mut mit Engagement daran teilzunehmen, uns herausfordern zu lassen und uns vor allem überraschen zu lassen von dem, was der Herr mit uns vorhat!


Probieren wir in verschiedensten Projekten aus, neue Wege in der Verkündigung zu gehen! Machen wir uns gegenseitig Mut, bringen wir uns gegenseitig auf neue Ideen! Lernen wir, über unseren Glauben, die Hoffnung, die uns beseelt, zu reden!

Das Team, das ich für diesen Prozess Apg 2010 eingerichtet habe, wird dazu in Absprache mit mir Impulse und Initiativen anbieten.


Im Mai werden wir eine gemeinsame Wallfahrt nach Rom machen, um in die Fußstapfen des Hl. Paulus zu treten, um von ihm zu lernen. Um uns ermutigen zu lassen, in allem Freimut das Evangelium zu verkünden.


Alle diese Schritte sollen uns dazu hinführen, im Mai 2010 eine gemeinsame Woche der Mission in der ganzen Erzdiözese zu machen - bis an die Grenzen unserer Diözese!

Ich erwarte mir viel von diesem gemeinsamen Weg, weil ich mich auf Sie alle, mit Ihren Fähigkeiten und Ihrem Engagement, mit Ihren Ideen und Ihrer Kreativität und mit Ihrer Liebe zu Christus und Ihrem Beheimatet-Sein in der Kirche, verlassen kann.

Selbst wenn es stimmt: „Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische.“ (Mt 14,13-21) - Die müssen wir geben! Ja, es schmerzt, wie viel lieber hätten wir mehr in der Hand. Aber diese fünf Brote und zwei Fische, wenn wir die zu geben bereit sind - dann kann Er, Christus, so viel mehr daraus machen. Deshalb bin ich voll Vertrauen und Zuversicht, dass wir eine neue Strahlkraft haben werden mitten in unserer Welt. Wir sind ja Gottes Volk, Sein einladendes Zelt steht mitten unter uns (vgl. Offb 21,3).


Lernen wir von Maria, der Mutter Jesu, die uns im Gnadenbild von Mariazell Christus zeigt und uns zu Ihm führt! Papst Benedikt XVI. nennt in seiner ersten Enzyklika das Programm ihres Lebens: „…nicht sich in den Mittelpunkt stellen, sondern Raum schaffen für Gott, dem sie sowohl im Gebet als auch im Dienst am Nächsten begegnet – nur dann wird die Welt gut.“ (Deus Caritas Est, 41)

Lassen wir uns also überraschen vom Wirken des Heiligen Geistes – heute – hier bei uns und auch bei denen, wo wir es vielleicht nicht vermuten...

Beten wir gemeinsam um den Heiligen Geist, dass er uns führt und uns die Kraft gibt, Seinen Weg zu gehen:


Herr Jesus Christus,
du bietest uns deine Freundschaft an.
Durch deine Gegenwart
schenkst du uns Freude in Fülle
und gibst uns Hoffnung.
Du hast uns durch die Taufe
in deine Gemeinschaft gerufen.
Wir sind bereit deine Zeugen in unserer Welt zu sein.
Im Vertrauen auf deine Liebe und Barmherzigkeit
lassen wir uns senden.
Stärke uns mit deinem Heiligen Geist!
Lass dein Licht durch uns leuchten,
damit wir als wahrhaft Liebende Licht der Welt sein können
und so zum Segen für unsere Mitmenschen werden.
Amen.

Euch in Christus verbunden

+ Christoph Kardinal Schönborn
Erzbischof von Wien

Wien, am 1.Oktober 2008, dem Fest der Hl. Therese von Lisieux.

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original]