Kardinal Schönborn: „Wir müssen das vergessen, was uns entzweit – und das behalten, was uns verbindet“

Requiem für den österreichischen Altbundespräsidenten Kurt Waldheim

| 602 klicks

WIEN, 25. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am Samstag während des Requiems für Altbundespräsident Kurt Waldheim im Wiener Stephansdom gehalten hat.



Der Kardinal rief die Gläubigen dazu auf, einander zu vergeben, und bekräftigte: „Müsste nicht die Regel des Umgangs miteinander heißen: ‚Wie Gott mir, so ich dir‘? Wie Gott mich annimmt, so will ich es anderen gegenüber versuchen.“

In einer „gnadenlosen Beschuldigungsgesellschaft“ fehle der notwendige „Raum des Wohlwollens“, ohne den Selbstrechtfertigung zum Überlebenszwang werde. „Wie befreiend sind da die vom Glauben getragenen Worte des Verstorbenen: ‚Im Angesicht des Todes lösen sich alle Brüche des Lebens auf. Gutes und Böses, Helles und Dunkles, Verdienste und Fehler stehen nun vor einem Richter, der allein die Wahrheit kennt. Getrost trete ich vor ihn - im Wissen um seine Gerechtigkeit und seine Gnade‘.“

* * *

"Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist". Jesu Wort steht heute als ernste Aufforderung hier vor uns, als Wort, an dem nicht leicht vorbeizukommen ist. In seinem "letzten Wort" bittet der Verstorbene all jene, die ihm kritisch gegenübergestanden sind, ihre Motive noch einmal zu überdenken "und mir - wenn möglich - eine späte Versöhnung zu schenken". Und er fügt das berührende Wort hinzu: "Vielleicht ist auch dies durch meinen Weggang von dieser Erde leichter geworden".

Versöhnung hat Vorrang vor allem. Selbst der Dienst am Altar kommt später. Versöhne dich, bevor du vor Gott hintrittst! Die Sache der Versöhnung ist dringend. So groß ist ihr Stellenwert, dass die Sprache Jesu in der Bergpredigt, aus der das heutige Evangelium stammt, hart wird. Das ist nicht das Liebevolle, alles Verstehende, alles Verzeihende, das unser Gottesbild heute beherrscht. Da sind klare und aufs erste umbarmherzig klingende Worte zu hören: "Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein,...und wer zu ihm sagt: Du gottloser Narr! Soll dem Feuer der Hölle verfallen sein". Nicht nur den Mord verbietet die Tora, das göttliche Gesetz, sondern selbst den Zorn, die aburteilenden Worte, das verächtliche Reden über den anderen. Wie absolut notwendig Versöhnung ist, zeigt das Gewicht der Sanktionen, mit denen Jesus die Unversöhnlichkeit belegt: Gericht, Strafe, ja Feuerhölle! Ich meine, wir brauchen die Klarheit dieser Sprache. Denn kaum etwas fällt uns schwerer als die Versöhnung.

Vor uns liegt ein Mensch in seiner Vergänglichkeit, der uns dafür ein starkes Zeichen gesetzt hat: Am Ende seines Lebens hat er in einer fast beispiellosen Weise um Versöhnung gebeten. Wozu wollte er die Versöhnung? Nicht mehr, um damit sein Leben zu erleichtern. Nicht mehr, weil er sich davon etwas erwarten konnte. Nicht mehr, um Zustimmung, Sympathie, Lob heischend. Sondern aus dem Bedürfnis - schon unterwegs zu seinem Richter - dem tiefsten Gebot des christlichen Lebens zu entsprechen.

Er hat sein Versöhnungsangebot - nein, seine Versöhnungsbitte – nicht mit dem verbunden, was uns so nahe liegt. Mit einem letzten Angriff auf Andersdenkende oder mit persönlichen Freisprüchen. Aus seinem "Letzten Wort" wird ein tiefes Wissen um das spürbar, was unsere Welt heller machen könnte: Die bedingungslose, erwartungsfreie Versöhnung.

Schaffen wir das? Ist dieser Anspruch des Evangeliums nicht eine maßlose Überforderung? Ist er Kurt Waldheim gelungen? Was sagt uns ein Blick auf seinen Lebensweg? Zwei Besonderheiten fallen auf, die sein Leben herausgehoben, aber auch belastet haben:

- Da ist die große Spannweite seines Lebens - über alles Lichte und Dunkle von 89 Jahren hinweg. Er hat - wie er selbst am Ende seines Lebens schreibt - den Lebensbogen vom Krieg zum Frieden, von der Diktatur zur Freiheit, von Armut zum Wohlstand weiter ausgemessen - auszumessen gehabt - als es unter dem Schicksalsbogen eines Menschen gewöhnlich Platz findet.

- Und da ist andererseits das enorme Spannungsfeld der Interessen und Hoffnungen so vieler Völker, Nationen, Machtgruppen - auch zwischen den Fronten so vieler Konflikte -, in dem der Verstorbene wie kaum ein anderer Sohn dieses Landes exponiert und gefordert war. Inmitten dieser Widersprüche und Gegensätze zu leben und um Gerechtigkeit, Versöhnung, Frieden zu ringen - all das macht verwundbar, hinterlässt Wunden. Niemand lebt gefährlicher als der Vermittler, der Versöhner, der Friedenssucher.

Ich glaube, niemand - nicht seine leidenschaftlichsten Kritiker - werden bestreiten, dass der Verstorbene nach den Erfahrungen von Diktatur und Krieg, von Tod und Elend, sein Leben ganz auf Versöhnung gesetzt hat. In seiner Berufsentscheidung, in seinem jahrzehntelangen Wirken für Österreich und die Völkergemeinschaft, das auch der Heilige Vater in seinem Kondolenztelegramm gewürdigt hat - und bis ins hohe Alter hinein. Er hat früher als andere erkannt, dass Friede und Gerechtigkeit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit untrennbar sind.

Es mag schon sein, dass er vielleicht auch dort noch zu versöhnen, zu verbinden und Belastendes auszuklammern versucht hat, wo Unversöhnliches gegeneinander steht und auch als unversöhnlich benannt werden muss. Aus dieser Leidenschaft ist ihm viel Leid gewachsen, das sein Leben überschattet hat.

Kurt Waldheim stand mit seinem eigenen Leben und seiner Aufgabe als Friedenssucher wie kaum ein Zweiter am Kreuzungspunkt einer menschlichen und politischen Grundfrage: Der Frage, wie viel Vergessen und wie viel Bewahren der Mensch braucht. Am Ende seines tragischen Weges sagt König Lear zu seiner wiedergefundenen Tochter Cordelia: "Pray you now, forget and forgive". "Ich bitte Euch nun, vergesst und vergebt". Braucht es wirklich beides? Ich glaube schon, aber im rechten Maß. Würden wir uns an alles Böse erinnern, das auf unserer Geschichte lastet, wir könnten nicht leben. In vielen Friedensverträgen der Vergangenheit ist deshalb den Gegnern das Vergessen aller Gräuel als Pflicht aufgetragen worden.

Umgekehrt aber gilt auch: Würden wir alles vergessen, was falsch und böse war, wir wären keine Menschen. Wir können nichts bedenken und nichts lernen. Wir hätten keine Vergangenheit - und damit auch keine Zukunft.

Es geht also wirklich um das rechte Maß. Wir müssen das vergessen, was uns entzweit - und das behalten, was uns verbindet. Versöhnung kann niemandem verordnet werden. Es ist kein Anruf, der von Außen erzwungen werden darf. Er muss von innen kommen. Und er braucht den Raum der Gnade.

Ja, ohne den Raum der Gnade ist Versöhnung nicht möglich. Der Apostel Paulus sagt es in der heutigen Lesung: "Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat". Weil uns schon vergeben ist, können wir vergeben. Weil wir im Glauben diese unvergleichlich tröstliche und stärkende Gewissheit haben können, dass wir "seine geliebten Kinder" sind, wie Paulus sagt, können wir ihm auch vertrauensvoll unser Versagen anvertrauen, unsere Schuld bekennen.

Wie oft habe ich in den letzten Jahren den Verstorbenen sagen hören: "Ich hätte das alles nicht ertragen können ohne den Glauben". Glauben aber heißt Vertrauen, Wissen um die Geborgenheit bei dem, von dem Paulus sagt, dass "er uns geliebt und sich für uns hingegeben hat".

Müsste nicht die Regel des Umgangs miteinander heißen: "Wie Gott mir, so ich dir"? Wie Gott mich annimmt, so will ich es anderen gegenüber versuchen. In einer gnadenlosen Beschuldigungsgesellschaft ist es so schwer, Schuld und Versagen ehrlich zu thematisieren, weil der notwendige Raum des Wohlwollens fehlt. Ohne ihn wird die Selbstrechtfertigung zum Überlebenszwang. Wie befreiend sind da die vom Glauben getragenen Worte des Verstorbenen: "Im Angesicht des Todes lösen sich alle Brüche des Lebens auf. Gutes und Böses, Helles und Dunkles, Verdienste und Fehler stehen nun vor einem Richter, der allein die Wahrheit kennt. Getrost trete ich vor ihn - im Wissen um seine Gerechtigkeit und seine Gnade".

Seine Gnade - er wird sie nun erfahren, sie wird ihn bergen nach allem Schönen und allem Bitteren seines Lebens. Darum beten wir in dieser Stunde. Wir beten auch für seine Witwe. Über ein halbes Jahrhundert lang waren sie ein vorbildliches Ehepaar, eine Familie, die einander Halt gegeben hat.

Ohne die Gnade dieser glücklichen Ehe wäre die Last der Ämter, noch mehr die Last ungerechter Beschuldigungen nicht zu ertragen gewesen. Es war ein schönes Zeichen der Gnade Gottes, dass Kurt Waldheim im Kreis seiner geliebten Familie sterben konnte. Seiner Witwe gilt meine besondere Anteilnahme und mein Gebet und ganz besonders die Anteilnahme des Heiligen Vaters.

So steht am Ende des irdischen Pilgerweges unseres Altbundespräsidenten vor allem Dankbarkeit. "Von Gott geführt, scheide ich mit großer Dankbarkeit aus diesem Leben", so beginnt sein "letztes Wort". In jenem Leben, dem ewigen, an das er geglaubt hat, in das er jetzt versöhnt und im Frieden heimgekehrt ist, wird er uns nicht vergessen, nicht sein "vielgeliebtes Österreich" und nicht die vielen Völker, und deren Nöte und Sorgen.

Uns aber, die wir noch pilgernd auf dem Weg sind, gilt der unbedingte Dauerauftrag zur gegenseitigen Versöhnung, zu der uns der Verstorbene nachdrücklich einlädt, gemäß dem drängenden Wort Jesu: "Schließe ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm auf dem Weg zum Gericht bist". Noch ist es Zeit!

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original; © Kardinal Christoph Schönborn]