Kardinal Scola: „Es liegt an uns, sein Zeugnis als Vermächtnis weiterzutragen“

Predigt des Patriarchen von Venedig beim Beerdigungsgottesdienst für Bischof Egger

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ROM, 22. August 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Kardinal Angelo Scola gestern, Donnerstag, beim Beerdingungsgottesdienst für den am Samstag verstorbenen Bischof von Brixen, Wilhelm Egger, im Dom zu Brixen gehalten hat.

Der Kardinal betonte, dass die Erschütterung über den plötzlichen Tod von Bischof Egger nicht das letzte Wort sei. „Der Tod hat unseren geliebten Bischof überrascht, aber er hat ihn uns nicht entrissen, um ihn gleichsam ins Nichts aufzulösen. Das lehrt uns sein Glaubenszeugnis, das jene unbedingte Verbindlichkeit kannte – bis zum Tod. Es liegt an uns, sein Zeugnis als Vermächtnis weiterzutragen, ihm, der bereits im Jenseits ist, in Gemeinschaft verbunden durch unseren eigenen tatkräftigen Glauben.“

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„Jetzt ist meine Seele erschüttert“ (Joh 12, 27). Wie uns dieser schmerzlichen Erfahrung entziehen, die Jesus selbst im Garten Getsemani durchlebt hat, wie uns ihr entziehen, angesichts des Todes, der unseren geliebten Bruder, Bischof Wilhelm, aus seinem irdischen Leben gerissen hat.?

Er war voll Leben: er hat den Aufenthalt Papst Benedikts als Geschenk empfunden und es war für alle offensichtlich, dass er sich darüber ganz unbändig, wie ein Kind gefreut hat. Beim Angelus Gebet am Sonntag, 10. August, haben wir uns umarmt. In seinem strahlenden Blick spiegelten sich die Empfindungen von euch allen wider, der Bevölkerung dieses herrlichen Landes. Es waren in diesem Blick Würde und Hochherzigkeit eingeschrieben, Früchte aus der prägenden Erfahrung einer reichen, wenn auch nicht selten leidvollen  Geschichte, die sich fähig erweist, Einheit zu stiften zwischen verschiedenen Völkern, Traditionen und Kulturen.

Trotzdem, Erschütterung ist nicht das letzte Wort, das wir angesichts der Beklemmung, die in dieser Stunde unser Herz gefangen hält, sagen können. Es steckt noch Tieferes im  Schmerz, der uns alle zeichnet, in besonderer Weise den Bruder und Mitbruder des Verstorbenen, die Angehörigen und Verwandten, das Presbyterium und das ganze Gottesvolk dieser Kirche von Bozen-Brixen.

Davon spricht aber eindringlich der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer, wenn er sagt: „Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (2.Lesung, Röm. 6,8). Wir werden mit ihm leben: Er, der von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt, gibt uns diese Gewissheit. Und an diesem Leben des Auferstandenen hat unser so geliebter Bischof Wilhelm gewissermaßen schon Anteil.

Denn die Herrlichkeit, um die Jesus den Vater bittet (vgl. Joh 12, 28) und die der Vater ihm bezeugt, besteht ja darin, für immer mit IHM Gemeinschaft zu haben, im lebendigen Herzen der heiligsten Dreifaltigkeit, wo der Auferstandene mit seiner Mutter Maria schon mit ihrem wahren Leib leben. Dort wo ER ist, Christus der Auferstandene, dort wird auch sein Diener sein (vgl. Evangelium Joh 23, 26).

„Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht“ (1. Lesung, Jes 25, 8). Liebe Gläubige, die Verheißung des Propheten ist nicht billige Vertröstung, um die Angst vor dem Tod zu vertreiben. Wenn wir immer wieder zueinander sagen, dass wir unseren geliebten Bischof wiedersehen werden, dass wir immer mit ihm sein werden, zusammen mit dem auferstandenen Herrn, dann sprechen wir gleichzeitig von der sicheren Hoffnung, die in dieser Stunde alle Glieder der Kirche von Bozen Brixen erfüllt. Eine Hoffnung, die aus dem lebendigen Glauben kommt, den uns unser geliebter Bischof verkündet hat, vor allem durch sein Beispiel, das er bewusst und entschieden sein ganzes Leben lang gegeben hat.

Er hat jene Verpflichtung, die er bei seiner Bischofsweihe eingegangen war, voll in die Tat umgesetzt. Wie es der Weiheritus vorsieht, hatte ihn sein Vorgänger Joseph Gargitter gefragt: „Lieber Mitbruder, bist du bereit, mit der Gnade des Heiligen Geistes bis zum Tod in dem Amt zu dienen, das von den Aposteln auf uns gekommen ist und das wir dir heute durch Handauflegung übertragen?“ Der noch junge Bischof Wilhelm hatte geantwortet: „Ich bin bereit.“ Und er war sich bei dieser Antwort sehr wohl bewusst, welch tiefer Ernst in dem Ausdruck „bis zum Tod“ steckte.

Es wird sicher noch andere Gelegenheiten geben, das gesamte Wirken des Verstorbenen in seinem Dienst als Bischof zu würdigen. Es war geprägt von einer tiefen und lebendigen Verwurzelung im Wort Gottes und von der liebevollen Hirtensorge für das ihm anvertraute Gottesvolk.

Der Tod hat unseren geliebten Bischof überrascht, aber er hat ihn uns nicht entrissen, um ihn gleichsam ins Nichts aufzulösen. Das lehrt uns sein Glaubenszeugnis, das jene unbedingte Verbindlichkeit kannte – bis zum Tod. Es liegt an uns, sein Zeugnis als Vermächtnis weiterzutragen, ihm, der bereits im Jenseits ist, in Gemeinschaft verbunden durch unseren eigenen tatkräftigen Glauben.    

Dazu fordert uns nochmals und in unzweideutiger Weise der Apostel in seinem Brief an die Römer auf - er lässt uns keine Ausflucht: „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (2. Lesung, Röm 6,4).

Möge aus der Wunde, die dieser plötzliche und frühe Tod und geschlagen hat, jenes Wissen des Glaubens hervorbrechen, an das Paulus die Römer erinnert. Wir sind berufen, uns in allen alltäglichen Äußerungen unseres Lebens zu verwandeln. Der Auferstandene fordert uns heraus, als neue Menschen zu leben. Wenn wir uns der Macht des Auferstandenen ganz anheim geben, sind wir nicht mehr Sklaven der Sünde, müssen wir nicht mehr sündigen.

Herr, wir möchten ein lebendiges Opfer sein, das dir wohlgefällt. Unser geliebter Bischof hat uns dazu den Weg gewiesen. Sein unerwarteter Tod hat unser Herzen tief verwundet. Wir suchen heute Zuflucht bei jenem großen Paradox aus dem Johannesevangelium: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es, wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (Evangelium, Joh 12, 25).

Wird uns, o Herr, dieser Auftrag gelingen, wir, die wir jeden Tag alles tun, um dieses Leben nicht zu verlieren? Wird es uns gelingen, uns in Liebe unseren Verpflichtungen hinzugeben in Ehe und Familie, bei der Erziehung unserer Kinder, in der Arbeitswelt, immer im Blick auf das ewige Leben, in das unser geliebter Bischof schon eingegangen ist? Werden wir in der Lage sein, uns allen unseren Mitmenschen in den verschiedenen Situationen des Lebens immer uns als Frauen und Männer zu zeigen, die im Glauben überzeugt sind, dass der Tod keine Macht mehr über sie hat?

Die innige Gemeinschaft mit unserem verstorbenen Bischof Wilhelm, die wir erfahren, wenn wir für ihn beten und ihn um seine Fürsprache bitten, ist Gabe und Aufgabe zugleich. Die Menschheit, heute oft verwirrt und doch voll Sehnsucht, wartet auf unser Zeugnis.

So kann sich unsere Trauer schon jetzt, und wir spüren es bereits, in Freude verwandeln, gemäß jenem geradezu schwindelerregenden Wort des Apostels Paulus: „uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich“ (2Kor 6, 10).

[Von der Diözese Bozen-Brixen übermitteltes deutsches Original; Kardinal Scola hielt die Predigt
in deutscher, italienischer und ladinischer Sprache]