Kardinal Sodano und Kardinal Poletto antworten Hans Küng

Papst Benedikt will keine Kirche der „kleinen Herde"

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ROM, 27. Februar 2009 (ZENIT.org).- Der emeritierte Kardinalstaatssekretär und aktuelle Dekan des Kardinalkollegiums Angelo Sodano brachte gestern, am 26. Februar, seine Bestürzung über die Inhalte eines Interviews zum Ausdruck, das die französische Tageszeitung „Le Monde" mit dem „Kirchenkritiker" und 81-jährigen „Rebellen" Hans Küng geführt und unter dem Titel „Die Kirche läuft Gefahr, eine Sekte zu werden" („L'Eglise risque de devenir une secte") am 24. Februar veröffentlicht hatte.



Das Interview wurde am 25. Februar auch von der Turiner Tageszeitung „La Stampa" abgedruckt. Diese Tatsache veranlasste den Erzbischof von Turin, Kardinal Severino Poletto, seinerseits, persönlich und im Namen der piemontesischen Bischofskonferenz zu den Aussagen Küngs Stellung zu nehmen. In einem Beitrag, der heute im „Osservatore Romano" erschien, bittet Kardinal Poletto alle Gläubigen von Turin, ihr Gebet zu intensivieren, damit Gott dem Papst seinen Trost schenken und ihn die Nähe der Gläubigen Turins spüren lassen möge, eine Nähe „in vollkommener Übereinstimmung mit seinem Lehramt".

Der Kardinal verurteilte die Provokation von Leuten, die wie Hans Küng mit dem Anspruch aufträten, dem Papst sagen zu können, was er zum Wohl der Kirche tun müsse. Auf diese Weise würde die großherzige Hingabe verkannt, mit der Benedikt XVI. sein Petrusamt in Treue zur Heiligen Schrift und zum Zweiten Vatikanischen Konzil ausübe, „mit dem Willen, alle Gläubigen, auch jene, die ihr am fernsten stehen, in der einen Kirche Christi zu vereinen".

Auch die piemontesische Bischofskonferenz schloss sich der Stimme des Kardinals an und beklagte die ungerechtfertigten Kritiken, die Hans Küng gegenüber Benedikt XVI. vorgebracht hatte. In einem Pressekommuniqué wird diesbezüglich festgehalten, dass es sich um einen „unbegründeten Angriff" handle, der nur der Desinformation über den Papst und den Heiligen Stuhl Nahrung gebe, und zwar nicht allein hinsichtlich der polemischen Stimmen, die in jüngster Vergangenheit von den Medien verbreitet worden seien, sondern auch in Bezug auf die Person des Papstes selbst, seine theologische und kulturelle Bildung sowie das Zweite Vatikanische Konzil.

Hans Küng hatte sich in seinem Interview für „Le Monde" über die Aufhebung der Exkommunikation der vier lefebvrianischen Bischöfe durch Benedikt XVI. keineswegs überrascht gezeigt. Kardinal Ratzinger, so Küng, habe immer Umgang mit den Lefebvrianern gepflegt. Zur Frage des Skandals um die Holocaust-Leugnung durch Bischof Richard Williamson bescheinigte Küng dem Papst, dass dieser zwar kein Antisemit sei, dass doch aber jeder wisse, dass die vier traditionalistischen Bischöfe Antisemiten seien.

Die Aufhebung der Exkommunikation war nach Ansicht Küngs ein „Regierungsfehler des Vatikans", da das grundlegende Problem in einer mangelnden Auseinandersetzung der Traditionalisten mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sowie in deren Verweigerung einer neuen Beziehung zum Judentum zu sehen sei. Ein „deutscher Papst" hätte dies als grundlegende Schwierigkeit erkennen müssen.

Küng bezeichnete Benedikt XVI. als einen Mann, der vor allem in einem kirchlichen Umfeld gelebt habe und wenig gereist sei: „abgeriegelt" im Vatikan, wie man es sonst im Kreml sei. Benedikt XVI. sei von „den Konservativen" gewählt worden, und heute sei er es, der „Konservative" ernenne.

Küng beklagte, dass der Papst das Konzil nicht als „Bruch" erkenne, sondern es restriktiv in Einklang mit der „Tradition" interpretiere. Benedikt XVI. nehme gegenüber den Texten des Konzils eine „zweideutige Position" ein, insofern der Papst seine Schwierigkeiten mit der Moderne und der Reformation habe. Im Konzil sehe er, Küng, die „Integration des Paradigmas der Reformation und der Moderne in die katholische Kirche". Dies habe Lefebvre nie akzeptiert, wofür Benedikt XVI. eine gewissen Sympathie empfinde.

Der Papst wolle nach Worten Küngs der Nachwelt eine Kirche der „kleinen Herde" hinterlassen. „Die Kirche läuft Gefahr, zu einer Sekte zu werden." Viele Katholiken würden sich nichts mehr von diesem Papst erwarten: „Und das ist schmerzhaft."

In diesem Zusammenhang sprach sich Küng für ein „III. Vatikanisches Konzil" aus. So könnten jene Fragen angegangen werden, auf die das Zweite Vatikanum keine Antwort gegeben hätte. Zu diesen Fragen gehören nach Küng der Zölibat und die Geburtenkontrolle. Ein neues Konzil sollte sich nach Ansicht des Schweizer Theologen außerdem zur Methode der Bischofswahlen äußern.

Die aktuelle Krise in der Kirche habe eine „Widerstandsbewegung" in Gang gebracht, so Küng. Viele Menschen würden es ablehnen, „zum alten System zurückzukehren". Auch die Bischöfe seien „gezwungen" gewesen, die Politik des Vatikans zu kritisieren. „Das kann die Hierarchie nicht ignorieren."

Kardinal Sodano hatte sich bereits am 26. Februar über die Äußerungen Küngs entrüstet gezeigt. Sie seien undifferenziert und unbewiesen. „Ich persönlich bin ein Zeuge dafür, wie sehr sich der Heilige Vater dafür einsetzt, aus der Kirche eine Familie zu machen - eine Familie der Kinder Gottes", so Sodano gegenüber „Radio Vaticana". Der Dekan des Kardinalkollegiums äußerte auch seine Überraschung darüber, dass eine italienische Zeitung einen derartigen Text übernehme und ihm so zu weiterer Popularität verhelfe - wo sie doch besser über das Wirken des Papstes Bescheid wissen müsste.

Zu den Vorwürfen Küngs meinte Sodano, dass eine brüderliche Kritik in der Kirche immer möglich sei. Eine „bittere Kritik" jedoch, wie sie den undifferenzierten Worten Küngs zu entnehmen sei, trage nicht zur Einheit der Kirche bei. Gerade diese Einheit aber sei es, für die Papst Benedikt XVI. so sehr arbeite, ein Papst, der vom Heiligen Geist dazu ausersehen worden sei, die Kirche in diesem bedeutenden Moment ihrer Geschichte zu leiten und zu lenken.