Kardinal Sterzinsky: Pius XII. – „Der Papst, der Hitler trotzte“

Radioansprache des Hirten von Berlin

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BERLIN, 29. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky am Samstag, dem 25. Oktober, im RBB-Hörfunk gehalten hat. Alle 14 Tage wird auf diesem Radiosender ein „Wort des Bischofs“ ausgestrahlt.

Diesmal ging der Kardinal der höchst aktuellen Frage nach, ob Papst Pius XII. bei Hitler öffentlichen Protest hätte einlegen sollen oder eben nicht.

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Es ist schon erstaunlich, wie ein Theaterstück das Bild einer Persönlichkeit in der allgemeinen Öffentlichkeit prägt. Im Fall Pius’ XII. hat Rolf Hochhuth mit seinem Drama „Der Stellvertreter“ das Bild dieses Papstes für die Nachwelt okkupiert. Dabei war es nicht einmal ein gutes Drama. Doch Hochhuth hatte einen exzellenten Regisseur, den Kommunisten Erwin Piscator, der es für die Uraufführung an der Berliner Freien Volksbühne massenwirksam aufbereitete: ein „gefundenes Fressen“  für die traditionell antikatholische linksliberale Presse. Nach dem Tod des Papstes hatten weltweit bekannte Repräsentanten des Judentums erklärt: Niemand habe so viel für die Rettung der Juden getan wie dieser Papst.

Seit der Aufführung des Bühnenwerks 1963 gilt Pius XII. als Papst, der – obwohl sein Wort etwas galt – nicht den Mut hatte, Hitler in den Arm zu fallen. Hochhuth lieferte damit ein perfektes Alibi für die deutsche Mitläufergeneration: „Ja, wenn selbst der Papst angesichts des Naziterrors geschwiegen hat…?“

Bis heute werfen Gegner Pius XII. vor, dass er keine flammende Rede gegen den Holocaust gehalten hat. Die moralische Autorität des Papstes, sagen sie, hätte dem Morden doch Einhalt geboten. Hätte sein Wort das wirklich getan? Oder musste der Papst nicht fürchten, dass die Furie der Vernichtung noch schärfer wird?

Nein, ein öffentlicher Protest Pius’ XII. hätte nicht genutzt, er hätte geschadet. Darf eine moralische Instanz eine Schaden-Nutzen-Rechnung aufstellen?, fragen manche.

In der konkreten Situation war es der einzige Weg, geheim und diskret vorzugehen, um die größtmögliche Zahl von Juden zu retten. Der Papst hat direkt oder durch Weisung an Amtsträger und Einrichtungen der katholischen Kirche weltweit Hunderttausenden von Juden das Leben gerettet. Die Kirche muss Papst Pius XII. also nicht verstecken.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, einen gesegneten Sonntag.

[Von der Erzdiözese Berlin veröffentlichtes Original]