Kardinal Tauran: „Der interreligiöse Dialog ist wie eine Pilgerreise“

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog

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ROM, 14. Februar 2008 (ZENIT.org).- „Der interreligiöse Dialog ist wie eine Pilgerreise und eine Infragestellung“, erklärt Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, im folgenden Gespräch mit ZENIT.



Der Kurienkardinal, der viele jahre hindurch als vatikanischer Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten, also sozusagen als „Außenminister“ Johannes Pauls II., in der internationalen Diplomatie tätig war, erläutert seine Hoffnungen hinsichtlich vertiefter Beziehungen mit dem Islam und erklärt, was er unter „Dialog der Spiritualitäten“ versteht.

Der 64-Jährige spricht auch vom Besuch der 138 muslimischen Würdenträger (die mittlerweile bereits 241 sind), Verfasser einer an Benedikt XVI. gerichteten Einladung zum gemeinsamen Dialog und Friedenseinatz. In seinem Antwortschreiben hatte Papst Benedikt den Vertretern des Islams vorgeschlagen, nach Rom zu kommen.

In Bezug auf seine französische Heimat sagt Kardinal Tauran etwas, was für die Christen in aller Welt gelten könnte: „In einer Gesellschaft, die sehr hart, manchmal unbarmherzig ist, haben wir diese Kraft des Herzens, säen Barmherzigkeit, bezeugen die Liebe Gottes für uns, die sich durch die geschwisterliche Liebe ausdrückt. Denn im Grunde zeigt man, dass Gott Vater ist, wenn man als Schwestern und Brüder lebt.“

ZENIT: Das Jahr 2008 wird, was den interreligiösen Dialog angeht, vom Europäischen „Jahr des interkulturellen Dialogs“ geprägt sein. Können Sie uns Näheres über die Initiative und das Engagement der Kirche in diesem Bereich sagen?

Kardinal Tauran: Wir haben noch nicht erkannt, wie weit diese Initiative gehen wird. Wichtig ist - das haben auch die europäischen Verantwortlichen hervorgehoben –, dass mehr als ein Drittel der Franzosen täglich mit Menschen anderer Rassen, anderer Religionen, anderer Kulturen zu tun haben. Sie sind also dazu „vergattert“ – wenn ich das so sagen darf –, Dialog zu führen, um sich kennen zu lernen, um miteinander zu leben.

Ich denke, wir müssen uns noch sehr anstrengen, um in diesem Dialog Fortschritte zu machen. Ich persönlich würde eine gemeinsame Initiative der Päpstlichen Räte für die Kultur und den Interreligiösen Dialog vorschlagen, um zu überlegen, wie man unseren Zeitgenossen bei einem gegenseitigen Kennenlernen, das vom Respekt für den jeweils anderen und die jeweils andere Identität getragen ist, helfen kann.

ZENIT: Welche Erwartungen und Hoffnungen haben Sie als Präsident des Päpstlichen Rates für dieses neue Jahr?

Kardinal Tauran: Was mich betrifft: Ich nehme diese Stelle erst seit September ein, befinde mich also sozusagen noch im „Noviziat“! Für mich wird dieses Jahr also ein Jahr der Entdeckungen sein.

Ich finde es sehr interessant, dass der interreligiöse Dialog ja nichts Neues ist. Seit dem Konzil wurde vieles schon realisiert, viel Weg schon zurückgelegt. Beispielsweise habe ich etwas Großartiges entdeckt: der interreligiöse Dialog zwischen den Klöstern, den Kontemplativen; katholische Mönche und Nonnen, die sich mit buddhistischen Mönchen und Nonnen getroffen haben, oder sogar mit Angehörigen des Sufismus. Das ist etwas, was mir sehr wichtig zu sein scheint, das nenne ich „Dialog der Spiritualitäten“: Dialog zwischen Menschen, deren Grund zu leben das Gebet ist, die ein radikales Leben führen, sei es in der christlichen Welt, in der asiatischen Tradition oder im Islam.

Meiner Meinung nach muss dieser Dialog der Spiritualitäten vertieft werden. Denn schließlich ist der Mensch, wenn er betet, am größten. Versuchen wir also, ihm zu begegnen, wenn er am Höhepunkt seiner Würde ist.

ZENIT: Der Dialog mit den Muslimen scheint mit dem geplanten Besuch islamischer Vertreter im Vatikan eröffnet worden zu sein, die ein weiteres Treffen vorbereiten. Es gibt aber Meinungsverschiedenheiten zu den anzusprechenden Themen. Was, denken Sie, sind die Prioritäten und die fruchtbarsten Punkte in der Diskussion?

Kardinal Tauran: Natürlich kann ich nicht voraussehen, was unsere muslimischen Freunde im Kopf haben, wenn sie hierher kommen werden, um mit uns zu diskutieren. Aber ich glaube, wir werden gemeinsame Überzeugungen teilen können: zum Beispiel die Anbetung des einzigen Gottes, die Heiligkeit des menschlichen Lebens, die Würde der Familie, die Sorge um die Erziehung der Jugend.

Und man muss natürlich über andere Probleme diskutieren, wie zum Beispiel die Interpretation der Menschenrechte, so wie sie von den internationalen Konventionen definiert werden, oder das Prinzip der Reziprozität, das im Kontext der religiösen Freiheit sehr wichtig ist. Über diese Probleme werden wir sprechen müssen.

ZENIT: Eminenz, Sie standen lange im Dienst der vatikanischen Diplomatie. Inwieweit ist Ihnen diese Erfahrung heute nützlich?

Kardinal Tauran: Sie ist mir insofern nützlich, als in der Diplomatie der Dialog, das Zuhören, die Wahrnehmung der Nuancen und die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt in Wahrhaftigkeit darzulegen, zentral sind. Denn anders, als gemeinhin gedacht wird, geht es in der Diplomatie nicht um Lüge oder Mehrdeutigkeit, sondern um Wahrheit. Ziel ist es, die Verhandlungen so abzuschließen, dass es dahinter nicht noch eine zweite Absicht gibt. Ich denke aber, dass zwischen dem interreligiösen und dem diplomatischen Dialog unterschieden werden muss.

Der interreligiöse Dialog ist nicht einfach eine freundschaftliche Unterhaltung, in der man zum jeweils anderen freundlich sein möchte. Er ist aber auch keine Verhandlung, in der ein Problem gelöst werden muss und die sich dann durch die Lösung erübrigt.

Der interreligiöse Dialog ist wie eine Pilgerreise und eine Infragestellung. Bei einer Pilgerreise sind wir eingeladen, aus uns heraus zu gehen, um dem anderen zu begegnen; wir legen ein Stück Weg mit ihm zurück, um ihn besser kennen zu lernen. Und dann gibt es da ein Risiko, weil, wenn ich jemanden frage: „Wer ist denn dein Gott, wie lebst du deinen Glauben?“, setze ich mich auch dieser Person aus, die mir dieselbe Frage stellen kann. Ich bin genauso verpflichtet zu antworten. Es ist also Pilgerreise und Risiko zugleich.

ZENIT: Dieser interreligiöse Dialog führt mitunter sehr nahe an die Politik heran. Ist es da überhaupt möglich, auf der religiösen Ebene zu bleiben und sich nicht instrumentalisieren zu lassen?

Kardinal Tauran: Instrumentalisierung ist immer möglich. Aber ich glaube, man muss sich einerseits davor hüten, das Religiöse vom Politischen hermetisch zu trennen, andererseits sie zu verwechseln. Das Konzept der Unterscheidung ist hier sehr wichtig. Man kann zweifellos die Kirchen vom Staat trennen, es ist jedoch unmöglich, die Kirchen von der Gesellschaft zu trennen. Das ist unsere Erfahrung.

Wichtig ist, dass es Unterscheidung, aber auch Zusammenarbeit gibt, denn im Grunde kümmern sich die Regierung und der religiöse Verantwortliche um denselben Menschen, der zugleich Bürger und Gläubiger ist. Es gibt also zwangsläufig Kooperation und Unterscheidung der Kompetenzen. Kooperation, was das Gemeinwohl und was das Wohl dieser Person betrifft.

ZENIT: Sie haben die längste Zeit ihres Amtes außerhalb Frankreichs verbracht. Wie sehen Sie die Kirche dort heute?

Kardinal Tauran: Zweifellos hat die Kirche in Frankreich eine Krise durchlebt. Ich denke aber, dass es jetzt Zeichen einer Erholung gibt.

Ich bin immer sehr bewegt, wenn ich die Seminare besuche, wenn ich junge Priester sehe: Es gibt eine neue Generation, die sich sehr bemüht, spirituelle Erfahrung weiterzugeben. Man muss heute in Frankreich Christen sehen, die beten, die feiern, die auf den Vorposten der Liebe sind, die – so nenne ich das – die Kraft des Herzens ausüben.

In einer Gesellschaft, die sehr hart, manchmal unbarmherzig ist, haben wir diese Kraft des Herzens, säen Barmherzigkeit, bezeugen die Liebe Gottes für uns, die sich durch die geschwisterliche Liebe ausdrückt. Denn im Grunde zeigt man, dass Gott Vater ist, wenn man als Schwestern und Brüder lebt.

ZENIT: Erlauben Sie mir in der letzten Frage auf den Dialog mit den Muslimen zurückzukommen: Besteht nicht das Risiko, einfach einen netten Dialog zu führen, ohne auf die Probleme und Unstimmigkeiten einzugehen?

Kardinal Tauran: Ja, dieses Risiko besteht. Dennoch glaube ich, dass das Hauptinteresse dieses Treffens der 138 Vertreter, die nebenbei gesagt mittlerweile 241 sind, darin besteht, eine Dialogstruktur auf die Beine zu stellen - wie ein Kanal, der ständig geöffnet ist; ein Ort, an dem man sich treffen kann.

Das ist in etwa das, was ich gerne vorschlagen würde, damit dieser Dialog etwas Fortdauerndes ist, etwas Strukturiertes, damit eine gewisse Oberflächlichkeit vermieden wird. Wir sagen dabei nicht: „Alle Religionen sind gleich.“ Wir sagen vielmehr: „Alle Menschen, die Gott suchen, haben die gleiche Würde.“ Genau das ist interreligiöser Dialog und eben kein Synkretismus. Das heißt: „Alle, die auf der Suche nach Gott sind, haben die gleiche Würde, genießen die gleiche Freiheit, den gleichen Respekt.“

Übersetzung des französischen Originals von Sandra Kladler


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