Kardinal Vanhoye: Durch seinen Tod hat Christus Gott in die Herzen der Menschen gebracht

Sechster Tag der Exerzitien im Vatikan, letzte Betrachtungen zum Hebräerbrief

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ROM, 15. Februar 2008 (ZENIT.org).- Am sechsten Tag beendete der diesjährige Exerzitienmeister der Fastenexerzitien im Vatikan, Kardinal Albert Vanhoye, seine Betrachtungen über den Hebräerbrief.



Im Alten Bund ist für Vanhoye eine vollkommene Kommunikation zwischen Gott und dem Menschen unmöglich gewesen, da Gott als unnahbare Macht wahrgenommen wurden sei. Mit seinem Tod für die Menschheit habe Christus es ihr gestattet, sich dem Haus des Vaters zu nähern. Seither bestehe der Weg dorthin im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.

Gegenüber dem Volk der Juden lebten die Christen seit jeher in einer privilegierten Situation. Diese bestehe darin, die Nähe und die Vaterschaft Gottes entdeckt zu haben. Der Kardinal erläuterte, dass die letzten Kapitel des Hebräerbriefs das Kernstück dieser Aussage enthielten.

Als Christen besäßen wir ein „Recht“ darauf, in das himmlische Heiligtum einzutreten. Das Recht, zur Familie Gottes zu gehören, welches im Blut gründe, das Christus für uns vergossen habe. Dies sei das höchste Opferangebot, das die tiefe Neuheit gegenüber den Juden des Alten Bundes ausmache, die mit ihrer steifen Ritualität zahlreiche Grade der Trennung zwischen Mensch und Gott gesetzt hätten.

Im Alten Bund habe es die Trennung zwischen dem Volk und den Priestern gegeben. Das Volk konnte nie den Tempel betreten. Allein den Priestern sei es gestattet gewesen, in das Allerheiligste vorzudringen. Dazu gesellten sich die Trennungen zwischen Hohenpriestern und Priestern, zwischen Priester und Opfer. Der Priester sei zu unwürdig gewesen, um sich selbst als Opfer darzubringen, und so habe er Tiere geopfert. Schließlich sei noch die Trennung zwischen Opfergabe und Gott vorhanden gewesen. Ein Tier könne jedoch nicht in Gemeinschaft mit Gott treten, so der Kardinal.

Durch das Opfer Christ hätten dagegen nun alle Gläubigen das Recht, in das Heiligtum einzutreten. Und dieses Heiligtum sei die Gemeinschaft mit Gott.

Der Neue Bund sei „neu“, da das, was der Tod Christi hervorgebracht hat, zuvor nicht existiert habe: der vertrauensvolle Umgang zwischen Gott und dem Menschen. Im Gegensatz zu den Juden bedeute es für Christen, den Willen Gottes zu suchen, nicht mehr, sich an einen festen Gesetzestext zu halten, sondern vielmehr eine kontinuierliche Schöpfung anzustreben. Vor allem jene, die in der Seelsorge Verantwortung tragen, sollten sich dieser Tatsache bewusst sein, mahnte der Kardinal.

Da die Neuheit des Christentums eine unerschöpfliche Quelle sei, müsse sie immerzu verkündet werden. Dabei sollten die drei Herzstücke – Glaube, Hoffnung und Liebe – beachtet und darauf geschaut werden, dass man nicht auf moralisierende Reden zurückgreife.

Manchmal komme es vor, dass die Prediger zu viele moralische und zu wenige theologale Mahnungen formulierten, die wichtiger wären. Dies ergebe sich aus dem Text, in dem Paulus die drei theologalen Tugenden erwähne, ohne sich auf die moralischen Kardinaltugenden Bezug zu nehmen, da diese in keiner direkten Beziehung zum Neuen Bund stünden.

„Die Juden sorgten sich vor allem darum, die Tradition und die Gebote gut zu beachten. Das Neue Testament hingegen besteht nicht so sehr auf dem Gesetz, das es zu beachten gilt, sondern es ermahnt dazu, Glaube, Hoffnung und Liebe zu haben.“

Die zweite Betrachtung des Vormittags konzentrierte sich auf den feierlichen Abschluss des Hebräerbriefes, in dessen Mittelpunkt die Auferstehung und der ewige Bund stehen.

Kardinal Vanhoye durchdrang die aufeinander folgenden Ebenen der Vertiefung der christlichen Lehre: vom anfänglichen Verstehen der Auferstehung Christi als einfacher Zurückerstattung des Lebens an den Sohn durch Gott hin zur Auferstehung als Frucht des Eingreifens des Heiligen Geistes. Vanhoye nahm die Beziehung zwischen dem Leben spendenden Geist und dem Blut in den Blick, das schon die Alten als Träger des Atems des Lebens angesehen hatten.

So wie der Mensch die Luft einatme, um das Blut mit Sauserstoff zu versorgen und den Leib zu beleben, so habe Christus in seinem Leiden durch ein inniges Gebet den Heiligen Geist eingeatmet. „Um die Todesangst zu besiegen, hat er gebetet, hat er gefleht, und er hat den Heiligen Geist empfangen, der in ihn eingetreten ist und ihn dazu drängte, sein Leben als Geschenk der Liebe anzubieten.“ Im Leiden sei das Blut Christi von Heiligem Geist durchtränkt worden. So habe es die Fähigkeit angenommen, neues Leben zu schenken und einen Neuen Bund zu stiften.

Der heilige Paulus bringe eine Wahrheit des Christentums zum Ausdruck, die vor ihm nie formuliert worden sei. Paulus wünsche den Christen nicht nur, dass sie den Willen Gottes tun, sondern dass Gott in ihnen das wirke, was ihm wohl gefällt. Dies sei das tiefste Element des Neuen Bundes: die Tatsache, das wir in uns das Wirken Gottes selbst empfangen.

Im Alten Bund habe Gott seinen Willen durch ein äußeres Gesetz vorgeschrieben. „Diese Art von Bund hat nicht funktioniert“, so der Kardinal, „da der Mensch allein aus seiner eigenen Kraft heraus nicht fähig ist, den Willen Gottes zu erfüllen.“ Deshalb wollte der Herr den Neuen Bund stiften: Er habe versprochen, sein Gesetz in das Herz des Menschen einzuschreiben, ihm ein neues Herz und seinen Geist zu geben. Der Neue Bund bestehe somit nicht nur darin, die Gesetze Gottes in der Tiefe unseres Herzens anzunehmen, sondern vor allem auch, das Wirken Gottes in uns selbst.

Zum Schluss erinnerte Kardinal Vanhoye daran, dass Christus die Werke auch im Johannesevangelium „Geschenke des Vaters“ bezeichne. Dasselbe gelte für die Christen, die seit der Gründung der Kirche von der von Jesus zum Ausdruck gebrachten Gewissheit getragen würden, auch größere Werke als er vollbringen zu können, das heißt: Werke, die von Christus gewirkt werden – durch die Vernunft, Großherzigkeit und Hingabe der Menschen.

Die Fastenexerzitien werden morgen, Samstag, gegen Mittag ausklingen. Am Sonntag wird Papst Benedikt XVI. wie gewohnt vom Fenster seines Arbeitszimmers aus mit den Gläubigen den Angelus beten.