Kardinal Walter Kasper über die Assyrische Kirche des Ostens und ihre Beziehung zu Rom

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen

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ROM, 27. Juni 2007 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. empfing am Donnerstag, dem 21. Juni, den Katholikos Mar Dinkha IV., Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens, der am gleichen Tag in den Räumen des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen auch mit Kardinal Walter Kasper, dem Präfekten dieses Dikasteriums, zusammenkam.



Ein Mitarbeiter der englischsprachigen ZENIT-Redaktion interviewte aus diesem Anlass Kurienkardinal Kasper, der sich ausführlich zur Beziehung der beiden Kirchen äußerte.

ZENIT: Herr Kardinal, könnten Sie uns etwas zur einstigen und zur gegenwärtigen Situation der Assyrischen Kirche des Ostens sagen, von der man so selten hört?

-- Kardinal Kasper: Die Assyrische Kirche des Ostens gehört zahlenmäßig zu den kleineren Ostkirchen. Sie ist historisch in der Missionarstätigkeit der frühen Kirche verwurzelt, als diese sich gen Osten bewegte, weg vom Römischen Reich in Richtung Mesopotamien und des früheren Babylonien.

Mit den geographischen Begriffen von heute könnten wir sagen, dass der Irak das ursprüngliche Heimatland der meisten assyrischen Gläubigen ist. In jüngerer Zeit ist die große Mehrheit der assyrischen Gläubigen aufgrund der Zeiten der Verfolgung und Not, die aufeinander folgten, in den Westen ausgewandert.

Heutzutage hat die assyrische Kirche Diözesen in Europa, den USA, in Kanada und Australien. Der Patriarch selbst hat seinen Wohnsitz in Chicago. Wie auch die anderen Kirchen in und aus dem Nahen Osten, steht die Assyrische Kirche des Ostens vielen Herausforderungen gegenüber. Da ist zum Beispiel die dramatische Situation im Irak, wo die Existenz der Christen, die verschiedenen Kirchen angehören, ernsthaft bedroht ist. Dann sind die assyrischen Gläubigen in den verschiedensten Teilen der Welt verstreut, was die Seelsorge durch ihre eigenen Priester nicht überall möglich macht. Papst Benedikt XVI. hat einige dieser Herausforderungen in seiner Ansprache an Patriarch Mar Dinkha erwähnt. Er hat auch die Notwendigkeit und die Möglichkeit der weiteren Zusammenarbeit zwischen Katholiken und den assyrischen Gläubigen hervorgehoben.

ZENIT: In seiner Ansprache vor Patriarch Mar Dinkha IV. verwies Papst Benedikt auch auf die positiven Ergebnisse des Dialogs zwischen der katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens. Wie haben sich die Beziehungen zwischen diesen beiden Kirchen entwickelt?

-- Kardinal Kasper: 1994 wurde eine wichtige gemeinsame christologische Erklärung von Papst Johannes Paul II. und Patriarch Mar Dinkha IV. unterschrieben. Diese Erklärung hat einige lehrmäßige Kontroversen zwischen der katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens bereinigen können, die bis auf das Konzil von Ephesus (431 n. Chr.) zurückgehen.

Damals hatte die Kirche des Ostens das katholische Verständnis der Menschwerdung nicht annehmen können und daher auch den Titel abgelehnt, der die Jungfrau Maria als „Theotokos“, „Gottesmutter“, bezeichnet. In der Tat haben in dieser frühen Zeit der lehrmäßigen Entwicklung die syrische und die griechische Terminologie nicht die gleichen Konzepte mit denselben Begriffen ausgedrückt. Heutzutage jedoch erkennen die Katholiken und die Assyrer gegenseitig an, dass sie den gleichen Glauben an Jesus Christus teilen, den „wahren Gott und wahren Mensch“, der vollkommen ist in seiner Gottheit und vollkommen in seiner Menschheit.

Als Folge der Unterzeichnung der christologischen Erklärung wurde ein Gemeinsamer Ausschuss für den Theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Westens geschaffen. Dieser Ausschuss hat sich jedes Jahr zwischen 1994 und 2004 getroffen und bemerkenswerte Arbeit geleistet. In diesem Zeitraum hat der Ausschuss sich hauptsächlich mit Problemfragen bezüglich der Feier der Sakramente befasst. Unter den herausragendsten Ergebnissen dieses Dialogs möchte ich die Anerkennung der Gültigkeit der Anaphora von Addai und Mari [das am häufigsten verwendete Hochgebet der Assyrer, Anm. d. Red.] durch die katholische Kirche hervorheben sowie die Vorbereitung eines umfassenden Dokuments über das sakramentale Leben. Für dieses Dokuments ist fertig und muss nur noch offiziell bestätigt werden.

Meiner Meinung nach haben diese Ergebnisse allerdings noch nicht jene Aufmerksamkeit und Antworten erfahren, die sie verdienen. Es geht nicht um die Unterzeichnung von Dokumenten, sondern darum, dass das, was bestätigt wurde, auch wirklich in der Gemeinschaft der Gläubigen angenommen wird.

ZENIT: Was geschah nach dem Jahr 2004? Auf welche Befürchtungen und Hindernisse hat sich Papst Benedikt in seiner Ansprache bezogen?

-- Kardinal Kasper: Im Jahr 2005 entschied sich die assyrische Kirche ganz unerwartet, den Dialog zu unterbrechen und das Dokument, das über das sakramentale Leben vorbereitet worden war, nicht zu unterzeichnen. Während einer Begegnung im November 2005 beschloss die Synode der assyrischen Kirche außerdem, eines seiner Mitglieder zu suspendieren: einen Bischof, der zu den Architekten des Dialogs mit der katholischen Kirche zählte und maßgeblich an dessen erfolgreicher Entwicklung beteiligt war.

Die katholische Kirche kann nicht in die inneren Angelegenheiten einer anderen Kirche eingreifen, bedauert aber zutiefst deren unglücklichen Verlauf. Niemandem wird mit weiteren Spaltungen in einer Gemeinschaft geholfen, die sich bereits so vielen Herausforderungen stellen muss, wie ich gesagt habe. Diese weiteren Zersplitterungen verursachen auch Schwierigkeiten für unseren ökumenischen Dialog, da sie von den assyrischen Medien in unangemessener Weise ausgenutzt werden, um die katholische Kirche und ihre wahren Absichten gegenüber der assyrischen Kirche fraglich erscheinen zu lassen; solche Polemik sollte eingestellt werden.

Wir hoffen und beten, dass es möglich sein wird, diese Probleme zu überwinden. Möge die Gelassenheit wieder einkehren und es dem Gemeinsamen Ausschuss für den Theologischen Dialog schließlich gestatten, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Das ist die Bedeutung des Appells, den Papst Benedikt XVI. an den Patriarchen Mar Dinkha IV. und alle Beteiligten richtete, dass wir gemeinsam die beste Lösung finden.

ZENIT: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Besuchs von Patriarch Mar Dinkha IV. für die Zukunft der Beziehungen zwischen der katholischen und der assyrischen Kirche?

-- Kardinal Kasper: Sofort nach der Wahl von Papst Benedikt XVI. hat Katholikos Mar Dinkha IV. den Wunsch geäußert, den neuen Papst zu besuchen und zu begrüßen. Das kann als ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft unserer Beziehungen gedeutet werden.

Überdies hege ich noch drei Erwartungen. Zunächst einmal, dass die Katholiken und die assyrischen Gläubigen in der ganzen Welt aufmerksamer gegenüber den Schwierigkeiten ihrer Brüder und Schwestern im Nahen Osten sind, insbesondere im Irak; diese Schwierigkeiten berühren das Leben von einzelnen Christen und ihren Familien direkt und rufen jeden zu Achtung und Wohlwollen auf.

Zweitens hoffe ich, dass die Ergebnisse unseres Dialogs weiter erörtert und erfasst werden, damit die katholischen und die assyrischen Gläubigen einander besser verstehen und einander helfen können.

Schließlich hoffe ich, dass wirksamere Formen des gemeinsamen Zeugnisses und der gemeinsamen Seelsorgetätigkeiten zwischen den katholischen und den assyrischen Gläubigen entwickelt werden können, ganz besonders im Westen, wo die Christen aller Konfessionen vor den gleichen pastoralen Herausforderungen stehen. Was können wir gemeinsam unternehmen, damit die jungen Generationen froh sein können, der Kirche anzugehören und für ihren Glauben an Christus Zeugnis zu geben? Das sind die Fragen, die ich gerne in den Mittelpunkt unserer zukünftigen Gespräche auch mit der Assyrischen Kirche des Ostens, stellen würde.

ZENIT: Sie begegneten dem Patriarchen und den Bischöfen, die ihn begleiteten. Sind bei diesen Gesprächen weitere Schritte oder Projekte festgelegt worden?

-- Kardinal Kasper: Während unseres Treffens bestand ich auf der Notwendigkeit, eine ernsthafte und aufrichtige Beziehung zu fördern. Ich habe auch meiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass es durch gerechte und kluge Entscheidungen möglich sein würde, weitere Zersplitterungen in der assyrischen Kirche abzuwenden.

Es wurde deutlich, dass ein vermehrter Kontakt des Patriarchen und der Synode der assyrischen Kirche mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen von großer Hilfe wäre. Wir haben daher beschlossen, eine dritte Phase unseres gemeinsamen theologischen Dialogs vorzubereiten. Auf diese Weise erhoffe ich mir, den Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens neuen Aufschwung zu geben.