Kardinal Wetter: Sterben – die letzte große Aufgabe des Menschen

Wort zur Eröffnung der Münchner Ausstellung „Noch mal leben vor dem Tod“

| 1267 klicks

MÜNCHEN, 20. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Kardinal Friedrich Wetter am Donnerstagabend bei der Eröffnung der Foto-Ausstellung „Noch mal leben vor dem Tod“ in der ehemaligen Münchner Karmeliterkirche gehalten hat (vgl. ZENIT-Vorschau vom 15. Oktober).



Der Kardinal rief dazu auf, sich mit den Bildern und Texten von Walter Schels und Beate Lakotta auseinanderzusetzen und „nachdenklich in das Antlitz des Lebens und des Todes zu schauen“. Wer sich vom Geheimnis des Lebens und Todes berühren lasse, könne auch den Gedanken an ein christliches Sterben und einen christlichen Tod neu fassen. Die „Kunst zu sterben“ erwachse aus der „Kunst zu leben“.

* * *



In den Bildern dieser Ausstellung, die uns hier in der ehemaligen Karmeliterkirche umgeben, schauen wir in das Angesicht von Menschen. Menschen, die schon von der Hand des Todes berührt sind, schauen uns an, und neben diesen Bildern der noch Lebenden sehen wir ihr Antlitz, nachdem sie hinübergegangen sind. Da werden Fragen wach, Fragen, wie wir mit dem Leben und wie wir mit dem Tod umgehen.

Der Tod ist in unserer Welt allgegenwärtig. Er hat in der Öffentlichkeit einen festen Platz. Die Nachrichten sprechen täglich vom Tod durch Krieg, Katastrophen, Unfall, Mord.

Da geht es um den Tod anderer. Aber auch in unserem persönlichen Leben ist der Tod allzeit gegenwärtig. Vor dem großen Tod am Ende gibt es die vielen kleinen Tode, das Sterben auf Raten. Jedes Abschiednehmen trägt die Züge des Sterbens an sich.

Die Beziehung zwischen dem großen Tod am Ende und den kleinen Toden während des Lebens zeigt, wie Leben und Sterben zueinander gehören. Wie die kleinen Tode von Menschen getan werden, so ist auch der große Tod, das Sterben, die letzte Tat, die der Mensch vollbringen muss. Denn der Mensch wird nicht gestorben, er stirbt; das ist seine letzte große Aufgabe.

Das haben bereits die Heiden erkannt. Schon Cicero spricht von der „ars moriendi“, der Kunst des Sterbens; und sie wächst heraus aus der „ars vivendi“, der Kunst zu leben.

So ist es gut, dass wir uns einmal die Zeit nehmen, in den Bildern dieser Ausstellung nachdenklich in das Antlitz des Lebens und des Todes zu schauen. Das Geheimnis, das jedes Leben und jeden Tod umgibt, werden wir nicht durchdringen. Aber wir können uns von diesem Geheimnis berühren lassen und auch den Gedanken an ein christliches Sterben und einen christlichen Tod neu fassen.

Wir bezeichnen die letzte Phase des Lebens als Agonie, als Todeskampf. Darin zeigt sich der Wille zum Leben. Der Mensch ringt mit dem Tod, weil er leben will. Aber er kann ihn nicht niederringen. Und das ist gut so. Denn der Tod hat keine Macht, uns auszulöschen. Seine Aufgabe ist es, uns die Tür zum Leben zu öffnen, das wir alle ersehnen; das ist das ewige Leben. Auf den Tod folgt das Leben, das wahre, endgültige Leben; das Leben in Fülle ohne Ende.

Die Kirche nennt den Todestag eines Heiligen „dies natalis“, Geburtstag. Tatsächlich besteht eine Analogie zwischen der Geburt und dem Sterben. Bei der Geburt kommt der Mensch aus dem dunklen Mutterschoß ans Licht der Welt. Im Sterben tritt er aus dem Dunkel unserer vergänglichen Welt ein in das unverhüllte Licht Gottes. Das ist die Geburt für den Himmel.

Dass dies so ist, wissen wir von Jesus Christus. Ohne ihn wäre der Tod ein unlösbares Rätsel, das uns nur niederdrücken könnte. Denn wenn mit dem Tod alles aus wäre, welchen Sinn hätte dann noch das Leben. Der Tod muss einen Sinn haben, damit das Leben Sinn erhält.

Dies wird uns offenbar durch Jesus Christus. Er hat den Tod bezwungen, nicht dass er ihn aus der Welt geschafft hätte. Aber er hat ihn zu einem Tor gemacht, das uns zu Gott führt, und er hat in seiner Auferstehung dieses Tor für uns geöffnet.

So fallen Strahlen der Hoffnung durch dieses uns von Jesus Christus geöffnete Tor aus der Ewigkeit in unser zeitliches Leben und gibt uns Hoffnung auf das ewige Leben, wo unser Menschsein zur vollen Entfaltung kommt.

Gestern begingen wir das Fest des hl. Bischofs Ignatius von Antiochien in Syrien. Auf dem Weg als Gefangener zum Martyrium in Rom schreibt er einen Brief an die römische Gemeinde und schickt ihn voraus. Darin schreibt er über den Tod, der ihm bevorsteht: „Schön ist es, von der Welt unterzugehen zu Gott, damit ich bei ihm aufgehe“ (2,2). … „Dort angekommen, werde ich Mensch sein“ (6,2).

Möge diese Ausstellung vielen das Herz rühren, die Augen öffnen für das Geheimnis des Lebens und des Sterbens und in ihnen Hoffnung wecken auf ein Leben in Fülle vor dem Angesicht Gottes.

[Vom Erzbischöflichen Ordinariat München veröffentlichtes Original]