Kardinal Woelki: Trotz der wachsenden Zahl von Ethik-Kommissionen und Ethik-Debatten brechen immer neue Dämme

Zahl der Lebensschützer beim Marsch für das Leben in Berlin gegenüber den Vorjahren stark gestiegen

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Von Jan Bentz

ROM, 24. September 2012 (ZENIT.org). - Unter dem Motto „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ hatte der Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), in dem 14 Lebensschutzorganisationen  zusammengeschlossen sind, am 22. September 2012  zu einem Schweigemarsch nach Berlin eingeladen. Nach Polizeiangaben nahmen über 3.000 Demonstranten teil, etwa 800 mehr als im Vorjahr. Nach der Eröffnungskundgebung vor dem Bundeskanzleramt zogen die Teilnehmer schweigend zur St. Hedwigskathedrale, vorbei  am Deutschen Bundestag , am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas und am Bundesrat. Die Demonstranten trugen weiße Kreuze, um ihre Trauer über die im Mutterleib getöteten Kinder auszudrücken. Den Abschluss bildete ein ökumenischer Gottesdienst in der St.-Hedwigs-Kathedrale.

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht, Martin Lohmann (Bonn), rief die Bundeskanzlerin dazu auf, nicht nur den Euro zu retten, sondern auch das Leben. Mit Blick auf die lautstarken Störversuche einer kleinen Demonstrantengruppe, halb so viel wie im letzten Jahr, forderte er, friedlich für die Wahrheit einzutreten und die Verfolger zu segnen. Christen müssten Verunglimpfung und Verleumdungen aushalten. Durch „dummes Gebrüll“ lasse sich die Wahrheit jedoch nicht verhindern. Lohmann: „Ein Mensch darf nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben, sondern – wenn die Sterbestunde gekommen ist – an der Hand des anderen Menschen.“

Gegen den „Marsch für das Leben“ hatte eine Initiative „Gegen christlichen Fundamentalismus und Abtreibungsverbot“ unter dem Motto „What the Fuck!“ zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Etwa 100 Demonstranten störten den Schweigemarsch der Lebensrechtler mit Trillerpfeifen und Sprechchören, etwa „Hätt’ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“ und „Deutschland stirbt aus, da klatschen wir Applaus“. Plakate zeigten unter dem Motto „Jesus, du Opfer“ ein gekreuzigtes Schwein und ein über ein Kreuz gestülptes Kondom mit dem Slogan „Gib Religion keine Chance“. Nach Angaben der Polizei blieb es bei den Protesten friedlich, die Teilnehmer ließen sich nicht provozieren.

In seiner „Berliner Erklärung“ forderte der Bundesverband Lebensrecht den Staat nochmals dazu auf, genetische Tests zum Zweck der tödlichen Selektion potenziell behinderter Menschen zu verbieten. Außerdem müsse das schwere Unrecht der Tötung ungeborener Kinder beim Namen genannt und der Propagierung eines angeblichen „Menschenrechts auf Abtreibung“ entgegengetreten werden. Es sei notwendig, die geltenden Abtreibungsgesetze und ihre Praxis zu überprüfen und zu korrigieren.

Der Bundesverband Lebensrecht tritt ferner für ein Ende der staatlichen Finanzierung von Abtreibungen ein, die die Länderkassen mit mehr als 40 Millionen Euro jährlich belasten. Statt Hilfe zum Töten gelte es, Schwangeren und Familien Hilfe zum Leben mit ihren Kindern zu bieten. Das Leid der Folgen einer Abtreibung für alle Beteiligten müsse vorurteilsfrei erforscht werden. Der Verband fordert des Weiteren, der Ausbreitung von Sterbehilfe und Euthanasie Einhalt zu gebieten. Jede organisierte Beihilfe zum Suizid  gehöre unter Strafe gestellt.

Zahlreiche Grußworte aus Politik und Kirche  hatten den Veranstalter für ihren „Marsch für das Leben“ erreicht. Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), forderte, sich besonders für die einzusetzen, die es nicht selber könnten: „Wir haben die Pflicht, uns für die einzusetzen, die dies selber für sich nicht tun können: die ungeborenen Kinder, die Kranken und die Menschen mit Behinderungen.“ Hüppe: „ Jeder Mensch, den wir retten, lohnt den Einsatz.“

Nach den Worten des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, wird in Deutschland jedem sechsten Kind das Leben verwehrt, weil es sich zur vermeintlich falschen Zeit oder in persönlichen Krisenzeiten anmelde. Durch die Möglichkeiten zur vorgeburtlichen Diagnostik wachse darüber hinaus ständig der Druck auf Eltern, mit aller Macht gesunde Kinder bekommen zu müssen.

Auch der Bundesvorsitzende der Jungen Union und CDU-Bundestagsabgeordnete, Philipp Mißfelder, erklärte dazu: „Wir dürfen es nicht zu einer Situation kommen lassen, in der sich Eltern dafür rechtfertigen müssen, dass sie ihr Kind am Leben gelassen haben.“

Man lege großen Wert darauf, „dass unser politisches Handeln auf einem christlichen Verständnis basiert und die Würde des Menschen – auch des ungeborenen und des sterbenden – ein unverrückbarer Eckpfeiler unserer Politik ist“, so der Bundesvorsitzende der Senioren-Union der CDU, Prof. Otto Wulff, der das Engagement des Verbandes ausdrücklich begrüßte.

In den Grüßen aus dem Vatikan dankte der neue Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, der Initiative und betonte,  der unbedingte Lebensschutz ergebe sich nicht nur aus dem Evangelium, sondern wurzele auch in der Würde des Menschen. Er sei grundlegend für die Ordnung des Staates und das gelingende Zusammenleben der Menschen.

Der Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Kardinal Woelki, bedauerte, dass trotz der wachsenden Zahl von Ethik-Kommissionen und Ethik-Debatten immer neue Dämme brächen, wie die Tests zur Feststellung von Behinderungen bei Ungeborenen und  erleichterte Möglichkeiten zum Suizid. Auch der Organspendeskandal gehöre in diesen Bereich. Eine angestrebte „Gesellschaft der perfekten Menschen“ werde schnell zu einer „Gesellschaft ohne menschliches Antlitz“.

Aus evangelischen Kreisen kam die Forderung, die Kirchen müssten für diejenigen zum Anwalt werden, die keine eigene Stimme hätten. Frauen, die sich vor der Entscheidung gestellt sähen, sich für oder gegen das Leben eines ungeborenen Kindes zu entscheiden, seien auf Hilfe angewiesen. Wenn Kinder als Belastung empfunden und werdende Mütter alleine gelassen würden, dann sei in der Gesellschaft etwas nicht in Ordnung. Darauf hinzuweisen, sei nicht besserwisserisch, sondern basiere auf Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.