Karfreitagspredigt im Petersdom: „Bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“

P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. über die Freude, die der Glaube schenkt

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ROM, 10. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., heute, am Karfreitag, im Petersdom gehalten hat.

„Herr, heute schenkst du uns dein Leben, schenkst uns dich selbst. Durchdringe uns mit deiner Liebe. Lass uns in deinem Heute leben. Mache uns zu Werkzeugen deines Friedens.“

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„Christus factus est pro nobis oboediens usque ad mortem, mortem autem crucis – Christus ist für uns gehorsam geworden bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ Im 2000. Geburtsjahr des Apostels Paulus wollen wir einige seiner flammenden Worte über das Geheimnis des Todes Christi hören, das wir feiern. Keiner kann uns besser helfen als er, dessen Bedeutung und Tragweite zu verstehen.

An die Korinther schreibt er in der Art eines Manifests: „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1,22-24). Der Tod Christi ist von universaler Tragweite: „Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben“ (2 Kor 5,14). Sein Tod hat dem Tod eines jeden Mannes und einer jeden Frau neuen Sinn verliehen.

In den Augen des Paulus nimmt das Kreuz eine kosmische Dimension an. An ihm hat Christus die Mauer der Spaltung niedergerissen, die Menschen mit Gott und untereinander versöhnt und so die Feindschaft vernichtet (vgl. Eph 2,14-16). Von diesem Begriff aus wird die erste Tradition das Thema des Kreuzes als das des kosmischen Baumes entfalten, der mit seinem vertikalen Stamm Himmel und Erde eint und mit seinem horizontalen Arm die verschiedenen Völker der Welt untereinander versöhnt. Ein kosmisches und zugleich höchst persönliches Ereignis: „Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben“ (Gal 2,20). Jeder Mensch, schreibt der Apostel, ist jemand, „für den Christus gestorben ist“ (Röm 14,15).

Aus alledem kommt der Sinn für das Kreuz, das nun nicht mehr als Sühne, Tadel oder Grund des Leidens gesehen wird, sondern als Verherrlichung und Stolz des Christen, das heißt als frohlockende Sicherheit, begleitet von bewegter Dankbarkeit, zu der der Mensch sich im Glauben erhebt: „Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen“ (Gal 6,14).

Paulus hat das Kreuz in den Mittelpunkt der Kirche als Großmast im Zentrum des Schiffes gepflanzt; er hat es zu deren Grund und Schwerpunkt von allem gemacht. Er hat für immer das Bild der christlichen Verkündigung festgelegt. Die Evangelien, die nach ihm verfasst worden sind, werden diesem Schema folgen und aus dem Bericht über das Leiden und Sterben Christi den Mittelpunkt machen, auf den hin alles ausgerichtet ist.

Man wundert sich nur angesichts des vom Apostel zu Ende gebrachten Unterfangens. Für uns heute ist es relativ leicht, die Dinge in diesem Licht zu sehen, nachdem das Kreuz Christi, wie Augustinus sagte, die Erde erfüllt hat und nun auf der Krone der Könige erglänzt (Augustinus, Enarr. in Psalmos, 54, 12; PL 36, 637). Als Paulus schrieb, war das Kreuz noch gleichbedeutend mit der größten Schmach, etwas, das unter wohlerzogenen Menschen nicht einmal genannt werden durfte.

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Das Ziel des Paulusjahres besteht nicht so sehr darin, das Denken des Apostel besser zu kennen (das tun die Gelehrten von jeher, unbedeschadet dessen, dass die wissenschaftliche Forschung mehr Zeit erfordert als nur ein Jahr); es geht vielmehr darum, wie der Heilige Vater bei mehreren Gelegenheiten daran erinnert hat, von Paulus zu lernen, wie auf die aktuellen Herausforderungen des Glaubens zu antworten ist.

Eine dieser Herausforderungen – vielleicht diejenige, die bis heute in der offensten Art vorgetragen wird – kommt auf einem Werbeslogan zum Ausdruck, der auf öffentlichen Verkehrsmitteln in London und anderen europäischen Städten zu sehen ist: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen, und genieß dein Leben“ („There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life.“

Das, was diesen Slogan so packend macht, ist nicht die Prämisse: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott“, sondern die Schlussfolgerung: „Genieße dein Leben!“ Die unterschwellige Botschaft lautet also, dass der Glaube an Gott ein Hindernis dafür wäre, das Leben genießen zu können, dass er ein Feind der Freude wäre. Ohne ihn gäbe es mehr Glück in der Welt! Paulus hilft uns, auf diese Herausforderung zu antworten, indem der den Ursprung und Sinn allen Leidens angefangen beim Leiden Christi erklärt.

Warum „musste der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk 24,26). Auf diese Frage wird bisweilen eine „schwache“ und in einem gewissen Sinn „beruhigende“ Antwort gegeben: Indem Christus die Wahrheit Gottes offenbart, ruft er notwendigerweise den Widerstand der Mächte des Bösen und der Finsternis hervor, und diese werden – wie es bei den Propheten geschehen ist – zu seiner Ablehnung und Beseitigung führen. Demnach müsste die Aussage: „Der Messias musste all das erleiden“ in diesem Sinn verstanden werden: „Es war unvermeidlich, dass der Messias all das erleidet.“

Paulus gibt eine „starke“ Antwort auf diese Frage. Die Notwendigkeit ergibt sich nicht aus der natürlichen, sondern aus der übernatürlichen Ordnung. In den Ländern, die auf eine lange christliche Tradition zurückblicken, wird fast immer die Vorstellung vom Leiden und Kreuz mit der des Opfers und der Sühne in Verbindung gebracht: Leiden, so denkt man, ist notwendig, um die Sünde zu sühnen und die Gerechtigkeit Gottes zufrieden zu stellen. Dies hat in der Moderne zur Zurückweisung jeglicher Vorstellung eines Opfers, das Gott dargebracht wird, und schließlich zur Zurückweisung der Vorstellung Gottes selbst geführt.

Es ist nicht zu leugnen, dass wir Christen manchmal diesen Vorwurf nähren. Es handelt sich jedoch um ein Missverständnis, das eine bessere Kenntnis des Denkens des heiligen Paulus mittlerweile endgültig geklärt hat. Er schreibt, dass Gott Christus „dazu bestimmt hat, Sühne zu leisten mit seinem Blut“ (Röm 3,25). Diese Sühne aber leistet er nicht, um Gott zufrieden zu stellen, sondern um die Sünde auszutilgen. „Man kann sagen, dass Gott selbst es ist, und nicht der Mensch, der die Sünde sühnt… Das Bild ähnelt mehr dem der Entfernung eines zernagenden Makels oder der Neutralisierung eines tödlichen Virus als dem eines durch Bestrafung besänftigen Zornes“ (J. Dunn, The Theology of Paul the Apostle, Eerdmans, 1998).

Christus hat der Idee des Opfers einen radikal neuen Inhalt gegeben. In ihm ist es nicht mehr der Mensch, der auf Gott Einfluss nimmt, damit dieser sich besänftigen lasse, sondern es ist vielmehr Gott, der handelt, damit der Mensch von seiner Feindseligkeit gegen ihn und den Nächsten ablasse. Das Heil beginnt nicht mit der Bitte um Versöhnung seitens des Menschen, sondern mit der Bitte Gottes: „Lasst euch mit ihm versöhnen“ (1 Kor 2,6ff.) (vgl. G. Theissen – A. Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen : Vandenhoeck und Ruprecht, 1996).

Es ist so, dass Paulus die Sünde ernst nimmt und sie nicht banalisiert. Die Sünde ist für ihn die Hauptursache für das Unglück der Menschen, das heißt die Ablehnung Gottes, nicht Gott! Sie verschließt den Menschen in der „Lüge“ und „Ungerechtigkeit“ (Röm 1,18ff; 3,23), sie verdammt den materiellen Kosmos zur „Vergänglichkeit“ und „Verlorenheit“ (Röm 8,19ff) und ist die letzte Ursache auch der sozialen Übel, die die Menschheit quälen.

Die jetzige Weltwirtschaftskrise und deren Ursachen werden endlosen Analysen unterzogen, wer aber wagt es, das Problem von der Wurzel her anzugehen und von der Sünde zu sprechen? Der Apostel definiert die unersättliche Habsucht als einen „Götzendienst“, und er bezeichnet die zügellose Gier nach Geld als die „Wurzel allen Übels“ (1 Tim 6,10). Wie sollte man ihm da nicht Recht geben? Warum sind so viele Familien zu Grund und Boden gerichtet, warum sind Heerscharen von Arbeitern arbeitslos, wenn nicht aufgrund der unersättlichen Profitgier einiger weniger? Die Elite des Finanzwesens und der Weltwirtschaft war zu einer verrückt gewordenen Lokomotive geworden, die vorwärts rannte, ohne dabei an den Rest des Zuges zu denken, der in der Ferne auf den Gleisen stillstand. Wir alle waren die Einbahnstraße in die falsche Richtung gefahren.

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Mit seinem Tod hat Christus nicht nur die Sünde entlarvt und besiegt, sondern auch dem Leiden einen neuen Sinn gegeben – auch dem Leiden, das nicht von der Sünde abhängt. Er hat aus ihm ein Werkzeug des Heils gemacht, einen Weg zur Auferstehung und zum Leben. Sein Opfer wirkt nicht durch den Tod, sondern dank der Überwindung des Todes, das heißt dank der Auferstehung: „Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt“ (Röm 4,25): Diese beiden Ereignisse sind im Denken des Paulus und der Kirche nicht von einander zu trennen.

Es handelt sich um eine allgemeine menschliche Erfahrung: In diesem Leben folgen Freude und Schmerz mit derselben Regelmäßigkeit aufeinander, mit der eine Welle auf die andere folgt. Zwischen ihnen sind ein Tal und eine Leere, die den Schiffbrüchigen zurückwirft. „Denn mitten im Strudel der Freuden erhebt sich“, so schrieb der heidnische Dichter Lukrez, „plötzlich ein Wermutstropfen, der unter den Blumen ihn ängstet“ (Lucretius De rerum natura, IV, 1129 f.). Der Gebrauch von Drogen, der Missbrauch der Sexualität, die mörderische Gewalt verleihen für einen Augenblick die Trunkenheit der Lust, führen jedoch zur moralischen und oft auch physischen Zersetzung des Menschen.

Christus hat mit seinem Leiden und Sterben die Beziehung zwischen Freude und Schmerz umgestoßen. Er „hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen“ (Hebr 12,2). Nicht mehr eine Freude, die mit dem Leiden endet, sondern ein Leiden, das zum Leben und zur Freude führt. Es handelt sich nicht mehr nur um eine unterschiedliche Aufeinanderfolge der beiden Dinge. Die Freude ist es, die auf diese Weise das letzte Wort hat, nicht das Leiden, und es handelt sich um eine Freude, die ewig dauern wird. „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Röm 6,9). Und er wird sie auch nicht mehr über uns haben.

Diese neue Beziehung zwischen dem Leiden und der Freude spiegelt sich in der Art wider, wie die Zeit in der Bibel eingeteilt wird: Nach menschlicher Berechnung beginnt der Tag mit dem Morgen, und er endet mit der Nacht. Für die Bibel beginnt er mit der Nacht und endet mit dem Tag: „Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag“, so heißt es im Schöpfungsbericht (Gen 1,5). Es ist nicht bedeutungslos, dass Jesus am Abend gestorben und am Morgen auferstanden ist. Ohne Gott ist das Leben ein Tag, der in der Nacht endet; mit Gott ist es eine Nacht, die im Tag endet – einem Tag, der keinen Sonnenuntergang kennt.

Christus ist also nicht gekommen, um das Leiden des Menschen zu vermehren oder zu predigen, dass man angesichts des Leidens resignieren soll; er ist gekommen, um ihm einen Sinn zu geben und sein Ende und seine Überwindung zu verkünden. Jener Slogan auf den Bussen in London und anderen Städten wird auch von Eltern gelesen, die ein krankes Kind haben, von einsamen Menschen oder Leuten, die arbeitslos sind, von Asylanten, die vor den Schrecken eines Krieges geflohen sind, von Menschen, die im Leben schweres Unrecht erlitten haben… Ich versuche, mir ihre Reaktion vorzustellen, wenn sie die Worte lesen: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Jetzt höre auf, dir Sorgen zu machen, und genieße dein Leben.“ Womit?

Das Leiden bleibt gewiss ein Geheimnis für alle, besonders das Leiden der Unschuldigen, aber ohne den Glauben an Gott wird es unendlich absurder. Es wird ihm auch die letzte Hoffnung auf Befreiung genommen. Der Atheismus ist ein Luxus, den sich nur die im Leben Privilegierten erlauben können, diejenigen, die alles gehabt haben, einschließlich der Möglichkeit, sich dem Studium und der Forschung zu widmen.

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Es ist dies nicht die einzige Unstimmigkeit dieses Werbegags. „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott“: Es könnte ihn also auch geben, es ist nicht völlig auszuschließen, dass es ihn gibt. Aber, lieber ungläubiger Bruder, wenn es Gott nicht gibt, so habe ich nichts verloren; wenn es ihn aber gibt, hast du alles verloren! Wir sollten fast demjenigen danken, der diese Webekampagne gefördert hat. Sie hat der Sache Gottes einen größeren Dienst erwiesen als viele unserer apologetischen Argumente. Sie hat die Armut ihrer Gründe aufgezeigt und dazu beigetragen, an vielen eingeschlafenen Gewissen zu rütteln.

Gott aber hat ein Urteilsmaß, das anders ist als das unsrige, und wenn er den guten Glauben oder ein schuldloses Nichtwissen sieht, rettet er auch den, der sich im Leben darum bemüht hat, ihn zu bekämpfen. Wir Gläubigen müssen uns diesbezüglich auf Überraschungen vorbereiten. „Wie viele Schafe sind draußen vor dem Stall“, ruft Augustinus aus, „und wie viele Wölfe drinnen!“ – „Quam multae oves foris, quam multi lupi intus!“ (Augustinus, In Ioh. Evang. 45,12).

Gott ist in der Lage, aus seinen hartnäckigsten Leugnern seine leidenschaftlichsten Zeugen zu machen. Paulus ist der Beweis dafür. Was hatte Saulus von Tarsus getan, um jene außerordentliche Begegnung mit Christus zu verdienen? Was hatte er geglaubt, gehofft, gelitten? Auch für ihn gilt das, was Augustinus zu jeder göttlichen Erwählung sagte: „Suche den Verdienst, suche die Gerechtigkeit, denke nach, und sieh zu, ob du anderes als Gnade findest“ (Augustinus, Die Vorherbestimmung der Heiligen, 30, PL 44, 981). So erklärte Paulus seine Berufung: „Ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,9-10).

Das Kreuz Christi ist Anlass zur Hoffnung für alle, und das Paulusjahr ist eine Gelegenheit der Gnade auch für den, der nicht glaubt und auf der Suche ist. Etwas spricht vor Gott zu ihren Gunsten: das Leiden! Wie der Rest der Menschheit, leiden auch die Atheisten im Leben, und seit der Sohn Gottes es auf sich genommen hat, hat das Leiden eine erlösende, gleichsam sakramentale Kraft. Es ist ein Kanal, so schrieb Johannes Paul II. in Salvifici doloris, durch den die Heil bringenden Kräfte des Kreuzes Christi der Menschheit angeboten werden (vgl. 23).

Der Aufforderung, für diejenigen zu beten, „die nicht an Gott glauben“, wird jetzt bald ein berührendes Gebet auf Latein des Heiligen Vaters folgen. Übersetzt lautet es so: „Allmächtiger und ewiger Gott, du hast in die Herzen der Menschen ein so tiefes Heimweh nach dir gelegt, dass sie nur dann, wenn sie dich finden, Frieden haben: Lass sie jenseits aller Hindernisse die Zeichen deiner Güte erkennen und schenke ihnen – angeregt durch das Zeugnis unseres Lebens – die Freude, an dich zu glauben, den einen wahren Gott und Vater aller Menschen. Durch Christus unseren Herrn. Amen.“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]