Karl Leisner (1915-1945) - Widersteht der Kultur des Hasses und des Todes

Priester, Märtyrer und Seliger

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 404 klicks

„Hier schreib ich’s nieder: Ich will der Liebe leben, ich will die Liebe leben, ich will durch und mit der Liebe leben“, so Karl Leisner in einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 1936.

Karl Leisners Wirken ist bis in unsere heutige Zeit von erschreckender Aktualität. So erinnerte der heilige Johannes Paul II. bei der Seligsprechung vor allem die jungen Gläubigen an das Wirken des Seligen für Liebe und Gerechtigkeit: „Sein Glaubensmut und seine Begeisterung für Christus sollen vor allem den jungen Menschen, die in einem weithin von Unglauben und Gleichgültigkeit geprägten Umfeld leben, Anstoß und Vorbild sein. … Widersteht der Kultur des Hasses und des Todes, unter welchem Gewand sie auch immer auftritt. Und werdet nicht müde, Euch gerade für die einzusetzen, deren Leben und Lebenswürde bedroht ist: die Ungeborenen, die Schwerstkranken, die Alten und die vielen Notleidenden unserer Welt.“

Karl Leisner wurde am 28. Februar 1915 in Rees am Niederrhein geboren. Schon als Jugendlicher schloss er sich in Kleve, seiner Heimatstadt, der katholischen Jugendbewegung an und wurde schnell zum Leiter der Jugendgruppen. Sein großer Enthusiasmus und seine Begeisterung übertrugen sich auf die Jugendlichen, die er mit einem starken Glauben gegen den Nationalsozialismus feien wollte. Nachdem Leisner 1934 sein Abitur abgelegt hatte, entschied er sich für ein gottgeweihtes Leben und trat in das Priesterseminar ein. Die Jugendarbeit setzte er auch während des Theologiestudiums fort und wurde Bezirks- und Diözesanjungscharführer.

Seine Entscheidung für ein gottgeweihtes Leben wurde aber während des Semesters 1936/1937 in Freiburg auf eine harte Probe gestellt. In dieser Zeit verliebte er sich und dachte sogar daran, das Mädchen zu heiraten. Nach schwerem inneren Ringen entschied er sich schließlich, den bereits eingeschlagenen Weg fortzusetzen und wurde im Frühjahr 1939 zum Diakon geweiht.

Eine gravierende Tuberkuloseerkrankung zwang Leisner zu einem Sanatoriumsaufenthalt in St. Blasien im Schwarzwald. Die geplante Priesterweihe musste aufgeschoben werden.

Leisner scheute sich nicht, seine ablehnende Haltung gegenüber dem Nazi-Regime zu bekunden, was ihm zum Verhängnis werden sollte. Nachdem am 9. November 1939 das Attentat auf Hitler misslungen war, äußerte er einem Freund gegenüber: „Schade, dass der Füh­rer nicht dabei war.“ Die Äußerung wurde der Gestapo bekannt, Leisner daraufhin verhaftet. Bereits 1937 hatte die Gestapo seine Tagebücher beschlagnahmt. Nach einer Inhaftierung im Gefängnis in Freiburg wurde er 1940 zunächst ins Gefängnis nach Mannheim, dann am 16. März 1940 als Schutzhäftling Nr. 17520 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Am 14. Dezember 1940 erfolgte seine Einlieferung ins KZ Dachau, wo er als Schutzhäftling Nr. 22356 im Priesterblock untergebracht wurde. Während der Haftzeit schloss er Freundschaft mit dem Jesuitenpater Otto Pies SJ, der ihm bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden und sein Begleiter blieb.

Unter den widrigen Haftbedingungen erlitt Leisner 1942 einen Rückfall seiner Tuberkuloseerkrankung und musste in die Krankenstation, deren schlechte Unterkunftsbedingungen einer Heilung nicht förderlich waren. Sein schlechter gesundheitlicher Zustand hielt Leisner nicht davon ab, seine Mitgefangenen seelsorgerisch zu betreuen und die Eucharistie zu spenden. Das Allerheiligste hielt er unter seinem Kopfkissen versteckt.

Leisners Lebenstraum, die Priesterweihe zu erhalten, schien jedoch unter den gegebenen Umständen unmöglich. Außerdem war es fraglich, ob er wegen seines schwachen Gesundheitszustandes das Kriegsende erleben würde. Sein Freund, Pater Pies, organisierte deshalb eine heimliche Priesterweihe am 17. Dezember 1944, die der französische Bischof Gabriel Piguet von Clermont-Ferrand erteilte. Dieser war im September 1944 in Dachau eingeliefert worden. Einige Tage später, am 26. Dezember 1944, fand die Primizfeier statt. Danach verschlechterte sich der Gesundheitszustand Leisners derart, dass er das Krankenlager nicht mehr verlassen konnte. Die Befreiung des Konzentrationslagers durch die Amerikaner am 29. April 1945 überlebte er zwar, doch nur um wenige Monate. Die Kranken mussten auch danach im Lager bleiben. Leisners Gesundheitszustand ließ aber keine weitere Verzögerung seiner Entlassung zu. Schließlich konnte er das Lager am 4. Mai 1945 mit dem Passierschein des Stadtpfarrers von St. Jakobus in Dachau, Prälat Friedrich Pfanzelt, verlassen: „Im Revier war sein Name durch den absolut treuen Oberpfleger, einen Barmherzigen Bruder aus Prag, aus der Liste gestrichen worden. Es gab keinen Häftling Nr. 22356 mehr; der Neupriester Karl Leisner war frei.“

Karl Leisner starb am 12. August 1945 in Planegg bei München und wurde auf dem Friedhof in Kleve bestattet. Seit dem 3. September 1966 ruhen seine Gebeine in der Krypta unter dem Dom zu Xanten. Er wurde am 23. Juni 1996 vom heiligen Johannes Paul II. im Berliner Olympiastadion seliggesprochen: „Diese Feier ist eine Gnadenstunde für die Kirche von Berlin und von Münster. Und sie ist auch eine Gnadenstunde für das ganze deutsche Volk. … Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg sind nicht Zeugen des Todes, sie sind Zeugen des Lebens: eines Lebens, das über den Tod hinausgeht. Sie sind Zeugen für Christus, der das Leben ist, und der gekommen ist, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh10, 10). In einer Kultur des Todes haben beide Zeugnis abgelegt für das Leben."

Das Heiligsprechungsverfahren wurde 2007 durch das Bistum Münster eingeleitet.