Karmelitinnen in Tanger

Die Muslime haben große Ehrfurcht vor uns Schwestern

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 1023 klicks

Fast alle Einwohner Marokkos sind Muslime. Katholische Ordensfrauen der Karmelitinnen und Klarissen haben sich dennoch im Land niedergelassen. „Kirche-in-Not“-Mitarbeiter Oliver Maksan hat sie besucht.

Ein kontemplatives Klausurkloster inmitten eines islamischen Landes? Schwester Maria kennt diese Frage. „Ich werde oft von Mitschwestern in Europa gefragt, welchen Sinn es hat, in einem zu 99 Prozent islamischen Land einen Karmel zu errichten“, sagt sie und lacht. Die junge Spanierin ist seit drei Jahren Mitglied im Kloster der Karmelitinnen von Tanger. Zuvor lebte sie in jenem Karmel, den Johannes Paul II. im Vatikan errichten ließ. „Ich wundere mich, ehrlich gesagt, über diese Fragen. Das Gebet kennt bekanntlich keine Grenzen. Und wenn wir durch unsere bloße Anwesenheit unseren islamischen Freunden noch ein Zeugnis geben, umso besser.“

Sieben Nonnen sind es, die im 1934 gegründeten Kloster zur Heiligen Familie und zur heiligen Therese in der nordmarokkanischen Hafenstadt in strenger Klausur leben. Im Juli vergangenen Jahres erst kamen drei neue Schwestern zur Verstärkung an. Der Erzbischof selbst hat sie am Hafen abgeholt. Schwester Maria Isabella lebt und betet hier seit vierzig Jahren und steht der Gemeinschaft heute als Oberin vor. In der Kapelle, dem Herz des Hauses, wo die Schwestern die Messe hinter Gittern mitfeiern, erläutert sie die geistliche Sendung ihrer Gemeinschaft: „Unsere Mission ist eine des Friedens. Wir beten für den Frieden in Marokko und Spanien und die Ausbreitung des Reiches Gottes.“

Neben diesen großen Anliegen haben die Schwestern aber auch kleine Sorgen des Alltags. Das Kloster selbst ist baulich in einem guten Zustand. Eine Laune des Architekten macht den teilweise nicht mehr ganz jungen Schwestern aber zu schaffen: Treppen und Stufen sind ungünstig im ganzen Haus verteilt. „Ein kleiner Aufzug oder Treppenlift würde uns das Leben hier sehr erleichtern“, sagt die Oberin, die sich auf ihren Stock gestützt die Treppen hochquält. Das Hilfswerk “Kirche in Not” hat dafür Hilfe zugesagt.

Auf die Frage, ob es nicht schwierig sei, inmitten eines islamischen Landes kontemplativ zu leben, schüttelt die Spanierin den Kopf. „Unsere Nachbarn, alles Muslime, haben große Ehrfurcht vor uns Schwestern. Stille und Zurückgezogenheit werden von ihnen sehr geschätzt.“ Maria, die jüngste der Schwestern, nickt. „Wir haben keine Probleme mit unseren islamischen Nachbarn. Im Gegenteil: Sie bringen uns während des Fastenmonats Ramadan nach Sonnenuntergang sogar Speisen vorbei.“

Das gute Einvernehmen zwischen Klausurnonnen und ihren islamischen Nachbarn scheint nicht nur in Tanger zu herrschen. Auch die Klarissen von Casablanca wissen von guten Erfahrungen mit Muslimen zu berichten. 1989 kamen fünf Schwestern in die quirlige Millionenstadt am Atlantik. Neun mexikanische Schwestern bilden heute den Konvent „Unserer Lieben Frau von Guadalupe“. „Der heilige Franziskus ist schon nach Marokko gekommen, um mit den Sarazenen zu sprechen. Warum nicht heute auch wir Schwestern?“, sagt Schwester Manuela. „Es ist wirklich ein herzliches Einvernehmen mit den Leuten im Viertel. Wir werden sogar zum Couscous-Essen eingeladen. Die Marokkaner sind sehr gläubige Menschen, die Gott suchen.“ Einmal habe ein kleiner Junge an die Tür geklopft. Er wolle Jesus sehen. „Ich wusste erst nicht so recht, was ich tun sollte. Ich habe ihn dann in die Kapelle geführt und ihm gesagt, dass Jesus im Tabernakel wohnt. Das hat den Jungen beeindruckt, und er ist lange geblieben.“

Einmal sei ein Muslim zu ihr gekommen und habe gesagt: Jetzt verstehe ich eure Berufung. Ihr seid wie die Jungfrau Maria in der Stille. „Das hat mir sehr imponiert. Man muss wissen, dass Maria im Koran eine sehr große Bedeutung hat.“ Schwester Maria stimmt zu: „Die Marokkaner haben vor Priestern und Ordensleuten viel Respekt. Sie sehen sie als Männer und Frauen Gottes an. Viele sind zudem in die katholischen Schulen gegangen. Sie wissen deshalb, dass wir es gut mit ihnen meinen.“

Dennoch gibt es Grenzen. Wenn die Schwestern in die Stadt gehen, verbergen sie das Kreuz, das an ihren Rosenkränzen hängt. „Es gibt immer wieder Leute, die sich dadurch provoziert fühlen. Die muss man nicht noch unterstützen“, sagt Schwester Manuela. Sie fühlt sich dennoch wohl in der islamischen Millionenstadt. „Als ich zum ersten Mal auf unserer Terrasse hier stand und mich umsah, wusste ich: Hier bin ich zu Hause. Ich habe meinem Bischof, als er mich fragte, warum ich nach Marokko gehen will, gesagt, dass ich ein religiöses Abenteuer suche. Das habe ich hier gefunden.”