"Katechese in und für die Familie": Theologische Betrachtung von Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg

Vortrag bei der 45. Weltvideokonferenz der Kongregation für den Klerus (28. März 2006)

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REGENSBURG, 6. April 2006 (Zenit.org).- "Für die gesamte Menschheitsfamilie ist die Familie als 'Wiege des Lebens' die Keimzelle guten und am Menschen orientierten Zusammenlebens", erklärt Bischof Gerhard Ludwig Müller von Regensburg in dem Vortrag, den er für die letzte Videokonferenz der Kongregation für den Klerus zum Thema "Priestertum und Familienpastoral" vorbereitete.



Nach einer theologischen Betrachtung des Ehebundes und der Familie weist er darauf hin, dass diese Keimzelle der Gesellschaft "vom Staat besonders geschützt werden" müsse. "Der Verzicht auf eine gesellschaftliche Positionierung der Familie würde den Verlust an primären Strukturen zur Folge haben, die eine Gesellschaft braucht, um zu gelingen." Die Familie erweise der Gesellschaft einen grundlegenden Dienst, "wenn sie soziales Verhalten, ein Einordnen in menschlich-familiäre Abläufe und den verantwortlichen Umgang mit Eigentum… zu Lerninhalten macht. Wir profitieren alle davon, wenn die Familie den hohen Stellenwert einnimmt."

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Ehe und Familie sind zunächst primäre Formen menschlichen Zusammenlebens und sind somit Thema der christlichen Heilsbotschaft. Bereits im Alten Testament sind Ehe und Familie durch die Erwählung Israels zum auserwählten Volk mit einbezogen in den Heilswillen Gottes: Der Segen für sein Volk liegt nicht zuletzt begründet in der Zusage von Nachkommen (Gen 1, 27) und der natürlichen, auf Nachkommenschaft ausgerichteten, Gemeinschaft von Mann und Frau, der ehelichen Treue, die zum Bund Jahwes mit Israel in Beziehung gesetzt wird.
Die Nähe zum schöpferischen Handeln Gottes wird hier deutlich: Wenn die Genesis vom Menschen spricht, der als Mann und Frau geschaffen worden ist, so entspricht die Zuordnung aufeinander dem schöpferischen Willen Gottes, der aus der Fülle seiner Liebe heraus, auch den Menschen zu einem Geschöpf der Liebe bestimmt hat.

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Wer die Ehe verstehen möchte, darf sich nicht leiten lassen von einer reinen soziologischen Vorstellung eines Vertrages, mit dem zwei Menschen ihre gemeinsame Zukunft zu regeln versuchen. In der Ehe wird der Mensch zum Abbild des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen sowie zwischen Jesus Christus und der Kirche. Keine staatsrechtliche Vorgabe kann hier den eigentlichen Wert und den Inhalt der Ehe neu definieren oder zu den eigenen Bedingungen verändern. Das II. Vatikanische Konzil weist in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" in Nr. 48 ausdrücklich darauf hin, wenn es sagt: "Die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe wurde vom Schöpfer begründet und mit eigenen Gesetzen geschützt... Gott selbst ist Urheber der Ehe."

Bereits 1999 haben die deutschen Bischöfe festgehalten: "Das Höchste, was die Bibel über den Ursprung und das Ziel des Menschen sagen kann, nämlich dass er von Gott kommt und auf das Bild seines Schöpfers hin geschaffen ist, sagt sie von Mann und Frau gemeinsam aus. Mehr noch: beide bilden das Geheimnis ihres Schöpfers auch in ihrer Beziehung und durch ihre Beziehung nach, nicht jeder für sich allein oder die Menschheit als ganze, sondern Mann und Frau, indem sie füreinander da sind. Weil Gott nach biblischem Verständnis nicht als ein einsam verschlossenes Wesen gedacht werden kann, sondern in sich selbst Leben und Austausch, Beziehung und Liebe ist, sind auch wir Menschen auf Liebe hin geschaffen und zur Liebe bestimmt" (DBK, Ehe und Familie – in guter Gesellschaft (pdf-Format), 1999).

Und Christifideles laici, 40: "Die soziale Dimension des Menschen findet ihren ersten und ursprünglichen Ausdruck im Ehepaar und in der Familie... Ihre Verbindung schafft die erste Form personaler Gemeinschaft."

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Die Berufung zur Ehe liegt schon in der Natur des Mannes und der Frau, die als Menschen nach dem Bild Gottes erschaffen wurden. Die Heilige Schrift sagt, dass Mann und Frau füreinander geschaffen sind: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt" (Gen 2, 18). Die Frau ist "Fleisch von seinem Fleisch" (Gen 2, 23). Konkret bedeutet dies, sie ist sein Gegenüber, ihm ebenbürtig und ihm nahe. Dies bedeutet eine unauflösliche Einheit des Lebens beider, woran Jesus selbst erinnert, wenn er sagt, was der Plan Gottes am Anfang war: "Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins" (Mt 19, 6).

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Damit ist auch klar, dass es zu einem wirklichen Verstehen der Ehe nur auf dem Weg der Theologie, der Schöpfungslehre, der Sakramentenlehre und der Anthropologie kommen kann. Zwei Menschen, die sich im Angesicht Gottes da Jawort geben, müssen auch daran denken, welche Verpflichtungen sie damit eingehen. Verpflichtungen, die sich zunächst immer auch auf die Kinder beziehen. Ihnen die ersten Lehrer zu sein, sie zu Gott und in die Kirche zu führen – hier ist auch die Rückbindung an das christliche Menschenbild angesiedelt. "Als Eltern empfangen die Eheleute von Gott die Gabe einer neuen Verantwortung. Ihre elterliche Liebe ist dazu berufen, für die Kinder zum sichtbaren Zeichen der Liebe Gottes selbst zu werden" (Familiaris consortio, 14).

Kinder sind nicht reiner Selbstzweck, sondern als personale Geschöpfe von Gott gewollt und geliebt. So sind die Eltern sowohl für deren körperliche aber auch geistige und religiöse Bildung verantwortlich. Sie geben ihnen als Mann und Frau, als Vater und Mutter, eben jene Rückbindung, die aus der natürlichen Übereinstimmung der beiden Eltern hervortritt. Einem christlichen Menschenbild läuft es völlig quer, wenn der Mensch sich selbst zum "Schöpfer" machen möchte und der natürlichen Zeugung und der Erziehung der Kinder entgegenhandelt.

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Die Herkunft der ehelichen Verbindung aus dem Willen Gottes führt die Familie gleichsam hinaus aus der Welt. Ihre Grundlagen befinden sich nicht in der gesellschaftlichen Konvention, sondern in der schöpfungstheologischen-natürlichen Anziehung von Mann und Frau. Diese Keimzelle der Gesellschaft (vgl. auch Christifideles laici: "Wiege des Lebens"), die an erster Stelle die Erziehungs- und Bildungsarbeit leistet, muss aber von daher vom Staat besonders geschützt werden. Der Verzicht auf eine gesellschaftliche Positionierung der Familie, würde den Verlust an primären Strukturen zur Folge haben, die eine Gesellschaft braucht, um zu gelingen. Die Familie leistet schließlich auch den ersten – grundlegenden – Dienst an der Gesellschaft, wenn sie soziales Verhalten, ein Einordnen in menschlich-familiäre Abläufe und den verantwortlichen Umgang mit Eigentum... zu Lerninhalten macht. Wir profitieren alle davon, wenn die Familie den hohen Stellenwert einnimmt.

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Deshalb ist es auch für den Priester von großer Bedeutung, wenn er Zeit und Energie in die Katechese für die Familie investiert. Neben der Bindung der Familien mit ihren Kindern an die Kirche ist es das Wissen über den eigenen Glauben und die Orientierung an den Lebensvollzügen der Kirche, die ihnen mit auf den Weg gegeben werden. Nehmen wir als Beispiel die Sakramentenkatechese: Sie verknüpft das Leben der Familien und der Kinder auf sichtbare Weise mit dem universalen Heilswillen Gottes und fördert eine echte Einbindung in die kirchliche Gemeinschaft. Kirche lebt von dieser gemeinsamen Verantwortung für die Erziehung und Bildung der Kinder in ihren Familien. Christliche Wertvorstellungen, Wissen über den Glauben und das Leben aus dem Glauben sind Elemente, die durch den Pfarrer ihren Weg in die Familie finden. Darüber hinaus ist der persönliche Kontakt mit einer Familie Zeichen der Wertschätzung für die Familie.

Die Kirche ist ja vom Zweiten Vatikanischen Konzil auch als "Familie Gottes" bezeichnet worden. Familienpastoral hat deshalb für den Pfarrer in seiner Pfarrei einen sehr hohen Stellenwert. Katechese bedeutet in diesem Fall zugleich, der Kirche und dem Glauben eine Zukunft zu gestallten.

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Auch für die gesamte Menschheitsfamilie ist die Familie als "Wiege des Lebens" die Keimzelle guten und am Menschen orientierten Zusammenlebens: Die Familie kann hier gegen die zunehmende Vereinzelung und oft gefährliche Individualisierung der Menschen ankämpfen. Leben wir alle zwar in einem bevölkerungsreichen Land, so zeigt dennoch das Gemeinschaftsgefüge ein starkes Defizit. Kaum wird Verantwortung außerhalb der eigenen Lebenssegmente übernommen. Soziales Engagement – wenn es nicht als großes medienwirksames Ereignis für die Massen inszeniert wird – wie z.B. der Besuch von Kranken, Nachbarschaftshilfe usw. sind doch nur als wichtig und notwendig erkennbar, wenn die Familie gleichsam als Schutzraum für die Alten und Kranken erfahrbar geworden ist. Wo sollte der Mensch diese zutiefst humane Einstellung erlernen, wenn nicht im Zusammenspiel der Generationen in einer Familie. (vgl. Familiaris consortio, 44: "Die Familien können und müssen sich deshalb – einzeln oder im Verband – vielfältigen gesellschaftlichen Aufgaben widmen, vor allem im Dienst an den Armen und allgemein an jenen Personen und Lebenssituationen, welche die öffentliche Organisation der Vorsorge und Fürsorge nicht zu erreichen vermag.")

Das Aufgabenfeld für die Katechese innerhalb der Familie ist breit gefächert. Zurecht weist das Schreiben der Kleruskongregation (vgl. "Der Priester, Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der Gemeinde für das dritte Jahrtausend" aus dem Jahr 1999 darauf hin, dass der Maßstab für die Katechese die gesunde Theologie, geistliches Studium, die gewählte Sprache und die neuen Kommunikationsmittel sind (II. Kapitel). Es wäre wünschenswert, wenn gerade in der Katechese für die Familien diese Hinweise Berücksichtigung fänden. Neu-Evangelisierung beginnt bei jedem einzelnen Menschen – besonders bei den Familien, die mit ihren Kindern der Zukunft ein Gesicht geben.

Schließen möchte ich mit einem Zitat aus Familiaris consortio, 43: "Auf diese Weise ist die Familie... der ursprüngliche Ort und das wirksamste Mittel zur Humanisierung und Personalisierung der Gesellschaft; sie wirkt auf die ihr eigene und tiefreichende Weise mit bei der Gestaltung der Welt, indem sie ein wahrhaft menschliches Leben ermöglicht, und das vor allem durch den Schutz und die Vermittlung von Tugenden und Werten."

[Von der Kongregation für den Klerus veröffentlichtes Original]