Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 1. Februar 2012

Gebet Jesu im Ölgarten Getsemani

| 1384 klicks

ROM, 1. Februar 2012 (ZENIT.org). - Die Generalaudienz von heute Morgen hat um 10:30 Uhr in der Aula Paolo VI stattgefunden, wo der Heilige Vater Gläubige und Pilger aus Italien und aus aller Welt empfangen hat. In seiner Ansprache hat der Papst das Gebet Jesu im Garten Getsemani (vgl. Mk 14,32-42) zum Mittelpunkt seiner Meditation gemacht. Nach einer Zusammenfassung seiner Katechese in verschiedenen Sprachen, hat der Heilige Vater Benedikt XVI. seinen Gruß an die anwesenden Pilgergruppen gerichtet. Die Generalaudienz endete mit einem gesungenen „Pater Noster“ und dem Apostolischen Segen.

[Wir dokumentieren seine Ansprache im Wortlaut in einer eigenen Übersetzung:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich zu euch über das Gebet Jesu im Ölgarten Getsemani sprechen. Das Bild, welches die Evangelien von diesem Gebet zeichnen, ist besonders bedeutungsvoll. Jesus begibt sich nach dem letzten Abendmahl zum Ölberg, während er mit seinen Jüngern betet. Der Evangelist Markus berichtet: „Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus“ (14,26). Die Andeutung bezieht sich vermutlich auf den Gesang einiger Psalmen des Hallel, mittels derer man Gott für die Befreiung des Volkes aus der Sklaverei dankt und Ihn um Hilfe in den immer neuen Schwierigkeiten und Gefahren der Gegenwart bittet. Auf dem Weg zum Getsemani lässt Jesus Worte fallen, die sein nahes Todesschicksal und die bevorstehende Versprengung der Jünger ahnen lassen.

Am Grundstück des Ölgartens angelangt, bereitet sich Jesus auch in dieser Nacht auf sein persönliches Gebet vor. Doch diesmal geschieht etwas Neues: es scheint, als wolle er nicht allein bleiben. Oft hatte Jesus sich von den Menschen und selbst von seinen Jüngern zurückgezogen, um „an einsamen Orten“ zu verweilen (vgl. Mk 1,35) oder „auf einen Berg“ zu gehen, erzählt Markus (vgl. Mk 6,46). Aber am Getsemani lädt er Petrus, Jakobus und Johannes ein, in seiner Nähe zu bleiben. Es sind dieselben Jünger, die er auch auf dem Berg der Verklärung bei sich haben wollte (vgl. Mk 9,2-13). Die Anwesenheit dieser drei während des Gebets am Getsemani ist vielsagend. Jesus wird auch in jener Nacht allein zum Vater beten, weil seine Beziehung zu Ihm ganz und gar einzigartig ist: es ist die Beziehung des Einzigen Sohnes. Man könnte sogar meinen, dass gerade in jener Nacht niemand sich wirklich dem Sohn zu nähern vermöchte, der hier in seiner ganz eigenen und ausschließlichen Identität vor den Vater tritt. Doch obgleich Jesus allein den Ort betritt, an dem er beten wird, will er, dass die drei Jünger zumindest in geringer Entfernung bleiben, in einer engeren Beziehung zu ihm. Es handelt sich um eine Bitte nach räumlicher Nähe, nach Anteilnahme im Augenblick, da er den nahen Tod spürt, aber es geht vor allen Dingen auch um eine Nähe im Gebet, um irgendwie Solidarität zu erfahren, jetzt, da er sich anschickt, den Willen des Vaters bis zum Schluss zu erfüllen. Es ist eine Einladung an alle Jünger, ihm auf dem Weg des Kreuzes zu folgen. Der Evangelist Markus berichtet: „Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!“ (14,33-34).

Für die Worte, mit denen er sich an die drei Jünger wendet, bedient Jesus sich noch einmal der Sprache der Psalmen: „Meine Seele ist betrübt“ ist ein Ausspruch aus Psalm 43 (vgl. Ps 43,5). Auch die feste Entschlossenheit „zum Tode“ erinnert an Situationen, die viele Gesandte Gottes im Alten Testament erleben und in ihrem Gebet zum Ausdruck bringen. Denn es kommt nicht selten vor, dass sie bei der Erfüllung der ihnen anvertrauten Mission auf Feindschaft, Ablehnung und Verfolgung stoßen. Moses hat ein dramatisches Empfinden für die Prüfung, die er erlebt, während er das Volk durch die Wüste führt, und so wendet er sich an Gott mit den Worten: „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer. Wenn du mich so behandelst, dann bring mich lieber gleich um, wenn ich überhaupt deine Gnade gefunden habe “ (Nm 11,14-15). Auch für den Propheten Elija ist es nicht leicht, seinen Dienst an Gott und an seinem Volk weiterzuführen. Im Ersten Buch der Könige heißt es: „Er ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben, denn ich bin nicht besser als meine Väter“ (19,4).

Die Worte Jesu an die drei Jünger, die er während des Gebets im Getsemani in seiner Nähe wünscht, offenbaren, dass er in jener Stunde Angst, Todesangst spürt und die letzte tiefe Einsamkeit gerade dann erlebt, als der Plan Gottes sich verwirklicht. In dieser Todesangst Jesu ist das ganze Entsetzen des Menschen vor dem eigenen Tod zusammengefasst, die Gewissheit seiner Unausweichlichkeit genauso wie das Bewusstsein der Last des Bösen, das unser Leben berührt.

Nachdem er die drei Jünger aufgefordert hat, zu bleiben und im Gebet zu wachen, wendet sich Jesus allein an den Vater. Der Evangelist Markus berichtet: „Er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe“ (14,35). Jesus wirft sich auf die Erde: es ist ein Gebetsgestus, der Fügsamkeit unter den Willen des Vaters und vertrauensvolle Gehorsamkeit Ihm gegenüber ausdrückt. Es ist ein Gestus, der in der Kirche zu Beginn der Passionsfeier am Karfreitag und bei der Ordensprofess sowie bei den Diakons-, Priester- und Bischofsweihen wiederholt wird, um im Gebet auch körperlich die vollkommene Hingabe an Gott und das Vertrauen an Ihn zum Ausdruck zu bringen. Und in dieser Geste der Hingebung betet Jesus, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Es ist nicht nur die Angst des Menschen vor dem Tod, sondern die Bestürzung des Gottessohns, der die ungeheure Masse des Bösen sieht, die er auf sich nehmen muss, um es zu überwinden und ihm seine Macht zu nehmen.

Liebe Freunde, auch wir müssen fähig sein, im Gebet unsere Mühsal, das Leid mancher Tage und mancher Lagen, unseren täglichen Willen, Ihm zu folgen und Christen zu sein, aber auch die Last des Bösen das wir in und um uns herum entdecken, vor Gott zu bringen; auf dass er uns Hoffnung gebe, uns seine Nähe spüren lasse, uns etwas Licht auf unserem Lebensweg schenke.

Jesus fährt in seinem Gebet fort: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen“ (Mk 14,36). In dieser Anrufung gibt es drei wichtige Stellen. Am Anfang finden wir die Verdoppelung des Wortes, mit dem Jesus sich an Gott wendet: „Abba, Vater“ (Mk 14,36a). Wir wissen, dass das aramäische „Abba“ unserem Wort „Papa“ entspricht, mit dem sich Kinder an ihren Vater wenden. Es drückt daher das Verhältnis Jesu zu Gottvater aus: eine zärtliche, liebevolle, vertrauensvolle, hingebungsvolle Beziehung. Im mittleren Teil der Anrufung liegt das zweite Element: das Bewusstsein der Allmacht des Vaters - „alles ist dir möglich“ (Mk 14,36b) -, welches zu einer Bitte überleitet, die noch einmal das Drama des menschlichen Willen Jesu angesichts des Todes und des Bösen ahnen lässt: „Nimm diesen Kelch von mir!“. Aber dann ist da noch der dritte, entscheidende Ausruf in diesem Gebet Jesu, der Moment, in dem der menschliche Wille sich ganz in den göttlichen Willen fügt. Denn Jesus beendet sein Gebet, indem er mit Nachdruck sagt: „Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen“ (Mk 14,36c). In der Einheit der göttlichen Person des Sohnes findet der menschliche Wille seine vollkommene Erfüllung in der Hingabe des „Ich“ an das „Du“ des Vaters, den „Abba“. Der heilige Maximus Confessor sagt, dass seit dem Augenblick der Erschaffung Adams und Evas der menschliche Wille sich nach dem göttlichen sehnt und, dass gerade im Jasagen zu Gott der menschliche Wille seine vollkommenste Freiheit und Erfüllung findet. Leider hat sich aufgrund der Sünde diese Bejahung Gottes in Widerstand verwandelt: Adam und Eva haben geglaubt, die Verweigerung des Gehorsams gegen Gott sei der Gipfel der Freiheit, das wahre Sich-selbst-sein. Am Ölberg führt Jesus den menschlichen Willen zum vollkommenen „Ja“ zu Gott zurück; in Ihm ist der natürliche Wille voll in die Richtung integriert, welche die göttliche Person ihm verleiht. Jesus erlebt sein Leben aus der Perspektive des Gottessohns. Sein menschlicher Wille ist im Ich des Sohnes verankert, der sich ganz dem Vater hingibt. Damit sagt Jesus uns, dass der Mensch nur dann zu seiner vollen Höhe gelangt und „göttlich“ wird, wenn er seinen Willen dem Willen Gottes angleicht. Nur wenn wir aus uns herausgehen und zu Gott „Ja“ sagen, verwirklicht sich der Wunsch Adams und unser aller, der Wunsch nach vollkommener Freiheit. Das ist es, was Jesus im Getsemani vollbringt: indem er den menschlichen Willen in den Willen Gottes verlegt, kommt der wahre Mensch zur Welt, und wir sind erlöst.

Das „Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche“ lehrt uns: „Das Gebet Jesu während seiner Todesangst im Garten von Getsemani und seine letzten Worte am Kreuz offenbaren die Tiefe seines Betens als Sohn: Jesus erfüllt den Ratschluss der Liebe des Vaters und nimmt alle Ängste der Menschen, alles Flehen und Bitten der Heilsgeschichte auf sich. Er bringt sie zum Vater, der sie annimmt und über alle menschliche Hoffnung hinaus erhört, indem er ihn von den Toten auferweckt“ (Nr. 543). Wir schauen wirklich in keinem anderen Passus der Heiligen Schriften so tief in das innere Geheimnis Jesu, wie im Gebet am Ölberg (vgl. Jesus von Nazareth II, 177).

Liebe Brüder und Schwestern, jeden Tag sagen wir dem Herrn im Gebet des Vaterunser: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde“ (Mt 6,10). Wir bekennen damit, dass es einen Willen Gottes gibt, der mit uns und für uns da ist; einen Willen Gottes über unser Leben und, dass sich unser eigener Wille täglich immer mehr nach diesem göttlichen Willen richten muss. Wir bekennen ferner, dass Gottes Wille „im Himmel“ geschieht und, dass die Erde nur dann zum Himmel, zum Ort der Liebe, Güte, Wahrheit und Schönheit Gottes wird, wenn auf ihr der Wille Gottes geschieht. Im Gebet Jesu zum Vater, in jener schrecklichen und wunderbaren Nacht im Getsemani, ist die „Erde“ zum „Himmel“ geworden; die „Erde“ seines menschlichen, von Angst und Schrecken geplagten Willens, wurde von seinem göttlichen Willen zum Himmel erhoben, so dass Gottes Wille sich auf der Erde verwirklichen konnte. Das ist auch für unser Gebet wichtig: wir müssen lernen, uns stärker der göttlichen Vorsehung anzuvertrauen und Gott um die Kraft bitten, aus uns selbst herauszugehen, um ihm unser „Ja“ zu erneuern, um ihm zu wiederholen: „Dein Wille geschehe“, um unseren Willen dem Seinen anzugleichen. Es ist ein Gebet, dass wir täglich sprechen müssen, denn es ist nicht immer leicht, sich dem Willen Gottes anzuvertrauen und das „Ja“ Jesu, das „Ja“ Mariens zu wiederholen. Der Bericht der Evangelien zeigt uns auf schmerzliche Weise, dass die drei Jünger, die Jesus auserwählt hatte, um Ihm nah zu sein, sich als unfähig erwiesen, mit Ihm zu wachen, sein Gebet und seine Hingabe an Gott zu teilen. Sie wurden vom Schlaf übermannt. Liebe Freunde, lasst uns den Herrn bitten, dass wir fähig sein mögen, mit Ihm im Gebet zu wachen, den Willen Gottes Tag für Tag zu befolgen, auch wenn er zu uns vom Kreuze spricht, und in immer größerem Einklang mit dem Herrn zu leben, auf dass wir ein wenig von Gottes „Himmel“ auf diese „Erde“ bringen können. Danke.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Alexander Wagensommer © Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana]