Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 12. September 2012

Das Gebet im Buch der Offenbarung des Johannes Teil 2

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VATIKANSTADT, 12. September 2012 (ZENIT.org). – Die Katechesenreihe über das Gebet setzte Papst Benedikt XVI. bei der heutigen Generalaudienz in der Aula Pauls VI. mit dem Gebet im zweiten Teil der Apokalypse, dem "Buch der Offenbarung" des hl. Johannes fort. Der Heilige Vater war im Hubschrauber von seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo angereist. Anlässlich seiner bevorstehenden Apostolischen Reise in den Libanon sprach sich der Papst in seinen Grüßen für den Frieden und die Brüderlichkeit im gesamten Mittleren Osten aus.

[Wir dokumentieren die offizielle deutsche Zusammenfassung der Katechese:]

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Lieber Brüder und Schwestern,

die Katechese des vergangenen Mittwochs stand im Zeichen des im ersten Teil der Offenbarung enthaltenen Gebetes. Heute möchten wir den zweiten Teil des Buches betrachten. Während der erste Teil sich dem Gebet im innerkirchlichen Leben zuwendet, ist der zweite Teil der gesamten Welt gewidmet; So lebt die Kirche in der Geschichte und ist gemäß dem göttlichen Plan ein Teil von ihr.  Als die Versammlung die vom Vorleser dargebrachte Botschaft des hl. Johannes hörte, erinnerte sie sich an ihre Aufgabe, am Aufbau des Reichs Gottes als „Priester Gottes und Christi“ (Offb 20,6; vgl. 1,5; 5,10) mitzuwirken und begann sich für die menschliche Welt zu öffnen. An dieser Stelle werden zwei in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehende Lebensarten erkennbar: zunächst zeigt sich das „System Christi“, dem die Versammlung mit Freude angehört; die zweite Art ist das „irdische, dem Reich Gottes entgegengesetzte System und die Gegen-Allianz des Bösen“, das die Menschen hinters Licht führt und auf die Erschaffung einer Welt abzielt, die den Willen Christi und jenen Gottes keineswegs erfüllt (vgl. Pontificia Commissione Biblica, „Bibbia e Morale. Radici biblicke dell’agire cristiano, 70) (Päpstliche Bibelkommission. „Bibel und Moral. Biblische Wurzeln des christlichen Handelns“).  So muss die Versammlung ihre eigene Geschichte in aller Tiefe begreifen und mit dem Glauben die Geschehnisse  erkennen, um kraft ihres Wirkens am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Dieses Lesen und Erkennen ist ebenso wie das Wirken selbst, mit dem Gebet verbunden.

Nach dem eindringlichen Aufruf Christi, der im ersten Teil der „Offenbarung“ sieben Male sprach: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (vgl. Offb 2,7.11.17.29; 3,6.13.22), wird die Versammlung zunächst in den Himmel emporgesandt, um die Wirklichkeit mit den Augen Gottes zu sehen; dabei begegnen uns drei Symbole, die als Ausgangspunkte für ein Lesen der Geschichte herangezogen werden können.  Es handelt sich um den Thron Gottes, das Lamm und das Buch (vgl. Offb 4,1-5,14).

Wenden wir uns zunächst dem  ersten Symbol, dem Thron, zu. Auf diesem Thron sitzt eine von Johannes nicht näher charakterisierte Gestalt, die alle Möglichkeiten der menschlichen Darstellung übersteigt. Johannes kann lediglich das erhabene Gefühl von Schönheit und Freude beschreiben, das er empfand, als er vor ihn hintrat. Diese geheimnisvolle Gestalt ist Gott, der Allmächtige, der nicht fern im Himmel blieb, sondern sich dem Menschen näherte und mit ihm ein Bündnis einging. Gott lässt seine Stimme geheimnisvoll aber tatsächlich in der Geschichte vernehmen. Die Symbole dafür sind die Blitze und Donner. Verschiedene Elemente wie die vierundzwanzig Ältesten und die vier Lebewesen, die dem einzigen Herrn in der Geschichte stets ihre Ehre erweisen, werden rund um den Thron Gottes erkennbar.

Als zweites Symbol möchten wir nach dem Thron unsere Aufmerksamkeit nun auf das Buch lenken. Dieses Buch enthält den Plan Gottes für die Ereignisse und die Menschen. Es ist von sieben Siegeln hermetisch verschlossen und niemand vermag es zu lesen. Die Einsicht, dass der Verstand des Menschen die Pläne Gottes nicht durchdringen kann, löst tiefe Trauer in Johannes aus und bringt ihn  zum Weinen. Aus der Verwirrung, in die das Mysterium der Geschichte den Menschen bringt, gibt es jedoch einen Ausweg: jemanden, der das Buch öffnen und dessen Sinn entschlüsseln kann.

Nun erscheint uns das dritte Symbol, Christus, das Lamm, das dem Kreuz geopfert wurde, aber zum  Zeichen der Auferstehung aufrecht steht.  Gerade das Lamm steht für den gestorbenen und auferstandenen Christus, der nach und nach die Siegel öffnet und den Plan Gottes, den tiefen Sinn der Geschichte, enthüllt.

Welche Botschaft enthalten diese Symbole für uns? Sie erinnern uns an den rechten Weg zum Lesen der geschichtlichen Ereignisse und jener unseres eigenen Lebens. Wenn wir in unserer beständigen Beziehung mit Christus den Blick zum Himmel Gottes erheben und ihm unser Herz und unseren Geist im persönlichen und gemeinsamen Gebet öffnen, so erlernen wir, die Dinge neu zu sehen und die tiefste Wahrheit zu schauen. Das Gebet ist gleichsam ein offenes Fenster, durch das wir unseren Blick stets auf Gott gerichtet halten können. Auf diese Weise können nicht nur wir unser Ziel stets im Auge behalten; auch Gottes Willen kann so den Weg unserer irdischen Wanderschaft erleuchten und uns dabei zu helfen, ein erfülltes und von Einsatz geprägtes Leben zu führen.

Wie führt der Herr die christliche Gemeinde nun zu einem tieferen Verständnis der Geschichte? Zunächst lädt er sie dazu ein, ihre Gegenwart realistisch zu betrachten. Das Lamm öffnet daraufhin die ersten vier Siegel des Buches, wodurch sich der Kirche die Welt, in der sie sich befindet, offenbart; eine Welt, die verschiedene negative Elemente enthält.  So gibt es das Böse des Menschen wie die Gewalt, die dem Streben nach Besitz entspringt, nach dem Herrschen über die jeweils anderen. Diese führt zum Töten (das zweite Siegel); oder zur Ungerechtigkeit, denn die Menschen achten die gegebenen Gesetze nicht (drittes Siegel). Hinzu kommen die vom  Menschen erlittenen Übel wie Tod, Hunger und Krankheit (viertes Siegel). Angesichts der oft dramatischen Lagen, mit denen sie konfrontiert wird, ist die kirchliche Gemeinde dazu aufgerufen, niemals die Hoffnung zu verlieren, und zum festen Glauben, dass die scheinbare Allmacht des Bösen auf die wahre Allmacht Gottes tritt. In dem vom Lamm gelösten ersten Siegel ist genau diese Botschaft enthalten. So berichtet der hl. Johannes: „Da sah ich ein weißes Pferd; und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ein Kranz wurde ihm gegeben und als Sieger zog er aus, um zu siegen“ (Offb 6,2). In der Geschichte des Menschen hat sich das Einwirken der göttlichen Kraft ereignet. Diese Kraft vermag es, das Böse nicht nur aufzuheben, sondern es sogar zu besiegen; die weiße Farbe erinnert an die Auferstehung: Gottes Nähe zu uns ist so groß, dass er in die Dunkelheit des Todes hinabstieg, um sie mit dem Glanz seines göttlichen Lebens zu erleuchten; er nahm das Leiden der Welt auf sich, um es mit dem Feuer seiner Liebe zu reinigen.

Wie können wir in unserer christlichen Sichtweise der Realität wachsen? Die „Offenbarung“ lehrt uns, dass die Nahrung für diese von Licht erfüllte und von Hoffnung durchdrungene Betrachtungsweise in jedem einzelnen von uns sowie in unseren Gemeinschaften das Gebet ist. Es ruft uns dazu auf, uns nicht durch das Böse besiegen zu lassen, sondern das Böse durch Gutes zu besiegen, auf Jesus den Gekreuzigten und Auferstandenen zu schauen, der uns an seinem Sieg teilhaben lässt. Die Kirche, die in der Geschichte lebt, ist nicht in sich selbst verschlossen. Sie geht ihren Weg durch Schwierigkeiten und durch das Leiden mit Mut und mit der festen Überzeugung, dass das Böse am Ende der Kraft des Guten unterliegen wird, dass die Herrlichkeit Gottes die Dunkelheit überstrahlen wird. Dieser Gedanke ist besonders erhellend für uns. Als Christen können wir keine Pessimisten sein. Wir wissen, dass Gewalt, Lüge, Hass und Verfolgung uns oft auf unserem Lebensweg begegnen, doch das soll uns nicht entmutigen. Vor allem das Gebet lehrt uns, die Zeichen Gottes, seine Gegenwart und sein Wirken zu erkennen und uns selbst als Lichter des Guten zu begreifen, die Hoffnung verbreiten und Boten für den Sieg Gottes sind.

Diese Betrachtungsweise entspringen eine Danksagung und ein Lobpreis an Gott und an das Lamm. Die vierundzwanzig Ältesten und die vier Lebewesen singen gemeinsam den „neuen Gesang“ zur Feier des Werks des Lammes Christi, das alles neu macht (vgl. Offb 21,5). Diese Erneuerung ist jedoch zuallererst die Bitte um ein Geschenk. Das führt uns zu einem weiteren Element, das unser Gebet auszeichnen soll: das inständige Anrufen des Herrn, auf dass sein Reich komme, das Herz des Menschen sich der Herrschaft Gottes fügsam erweise und unser Leben und das Leben der Welt von seinem Willen gelenkt werden. Dieses Gebet der Frage ist in der „Offenbarung“ an einer sehr zentralen Stelle besonders eindrucksvoll dargestellt: „Die vierundzwanzig Ältesten“ und „die vier Lebewesen“ halten in ihren Händen nicht nur die Harfe zur Begleitung ihres Gesanges, sondern auch „goldene Schalen voll von Räucherwerk“ (5,8a). Diese sind dem Text zufolge „Gebete der Heiligen“ (5,8b); Gebete jener, die bereits zu Gott gelangt sind, aber auch all jener, die sich auf ihrem Weg befinden. Vor dem Thron Gottes erkennen wir einen Engel. Dieser Engel hält eine goldene Räucherpfanne in seiner Hand, die er stets mit Weihrauch, also unseren Gebeten, füllt.  Der liebliche Duft wird mit den aufsteigenden Gebeten vor Gott getragen (vgl. Offb 8,1-4). Diese Symbolik ist Ausdruck dafür, dass alle unsere Gebete, auch wenn sie ein Spiegel unserer Grenzen, Mühe, Armut, Kargheit und unserer Mängel sind, eine beinahe vollständige Reinigung erfahren und in das Herz Gottes gelangen. Wir müssen von der Gewissheit erleuchtet sein, dass es keine überflüssigen und unnötigen Gebete gibt. Kein einziges Gebet soll verloren gehen. Unsere Gebete werden Antwort erhalten, auch wenn diese manchmal geheimnisvoll erscheinen mag, denn Gott ist unendliche Liebe und Barmherzigkeit. Die Botschaft des hl. Johannes enthält folgende Beschreibung des Engels: „Dann nahm der Engel die Räucherpfanne, füllte sie mit glühenden Kohlen, die er vom Altar nahm, und warf sie auf die Erde; da begann es zu donnern und zu dröhnen, zu blitzen und zu beben“ (Offb 8,5). Die Bedeutung dieses Bildes ist, dass Gott nicht unempfänglich für unsere Bitten ist, sondern eingreift und seine Stärke und seine Stimme in der Welt wirksam werden lässt. Er lässt das System des Bösen erzittern und zum Einsturz bringen. Oft fühlen wir uns machtlos angesichts des Bösen, doch gerade unser Gebet ist die erste und wirksamste Antwort darauf. Sie wird unser tägliches Bemühen um die Verbreitung des Guten bestärken. Die Kraft Gottes wird sich unserer Schwachheit annehmen (vgl. Röm 8,26-27).

Zum Abschluss möchte ich die abschließende Mahnung (vgl. Offb 22,6-21) noch kurz beleuchten. Jesus spricht darin mehrmals die Worte: „Siehe, ich komme bald“ (Offb 22,7.12). Mit diesem Satz bezieht sich Jesus nicht nur auf das Ende der Zeit, sondern ebenso auf die Gegenwart, denn er kommt, bezieht Wohnung in den Herzen jener, die an ihn glauben, und nimmt sie auf. Die vom Heiligen Geist geführte Versammlung richtet mehrmals die dringende Bitte an Jesus, stets näher zu kommen: „Komm!“ (Offb 22,17a). Sie verhält sich wie die „Braut“ (22,17), die von der brennenden Sehnsucht nach der Hochzeit erfüllt ist. Beim dritten Mal lautet die Anrufung: „Amen. Komm, Herr Jesus!“ (22,20b); in der abschließenden Äußerung des Vorlesers wird einem Gefühl von der Gegenwart Jesu Ausdruck verliehen: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (22,21).

Trotz der Komplexität ihrer Symbolik lässt uns die „Offenbarung“ in ein sehr schönes und vielschichtiges Gebet eintreten. So hören, danken, preisen und betrachten auch wir den Herrn und bitten ihn um Vergebung. Aufgrund seiner Struktur als gemeinschaftliches Großes Gebet der Liturgie ist es einem aufrüttelnden Appell zu einer Wiederentdeckung jener außerordentlichen und verwandelnden Lebendigkeit, die der Eucharistie innewohnt. Ganz besonders möchte ich dazu aufrufen, der Heiligen Messe am Sonntag, dem Tag des Herrn, treu zu bleiben. Sie ist der Mittelpunkt der Woche! Der Reichtum des Gebetes der „Offenbarung“ erinnert an einen Dynamit, der faszinierende und vielfältige Eigenschaften aufweist, dessen Kostbarkeit jedoch in der Reinheit des einzigen im Zentrum liegenden Kerns besteht. Die beeindruckenden Formen des Gebetes, denen wir in der „Offenbarung“ begegnen, lassen die einzigartige und unaussprechliche Kostbarkeit und Jesu Christi aufleuchten. Danke.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]