Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 14. März 2012

Gebet in der Apostelgeschichte und den Paulusbriefen

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VATIKANSTADT, 16. März 2012 (ZENIT.org). - Bei der Generalaudienz am Mittwochvormittag auf dem Petersplatz begann Papst Bendikt ein neues Kapitel seiner Katechesen über das Gebet: das Gebet in der „Apostelgeschichte“ und in den „Paulusbriefen“, wobei sein Augenmerk heute besonders der betenden Gegenwart der Jungfrau Maria unter den Jüngern, dem ersten Kern der entstehenden Kirche, galt.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

Mit der heutigen Katechese möchte ich beginnen, über das Gebet in der „Apostelgeschichte“ und in den „Paulusbriefen“ zu sprechen. Wie wir wissen, hat Lukas uns eines der vier Evangelien geschenkt, das dem irdischen Leben Jesu gewidmet ist; aber er hat uns auch ein Buch hinterlassen, das man als das erste Geschichtsbuch der Kirche bezeichnet hat: die „Apostelgeschichte“. In seinen beiden Werken ist gerade das Gebet ein oft wiederkehrendes Thema: das Gebet Jesu und Mariens, der Jünger, der Frauen und der christlichen Gemeinde. Die ersten Schritte der Kirche sind gekennzeichnet vom Wirken des Heiligen Geistes, der die Apostel in Zeugen des Auferstandenen verwandelt bis zur Hingabe ihres Lebens, und von der schnellen Ausbreitung des Wortes Gottes vom Orient ins Abendland. Aber noch bevor sich die Frohe Botschaft verbreitet, erzählt uns Lukas von der Himmelfahrt des Auferstandenen (vgl. Apg 1,6-9). Den Jüngern hinterlässt der Herr den Auftrag ihres Lebens, die Evangelisierung, mit den Worten: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). In Jerusalem sind die Apostel, nach dem Verrat durch Judas Ischariot jetzt zu elft, zu Hause versammelt, um zu beten, und betend erwarten sie den Heiligen Geist, die Gabe, die der Auferstandene Christus verheißen hatte. In diesem Klima betender Erwartung, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, erwähnt Lukas zum letzten Mal Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder (vgl. Apg 1,14). Ihr hatte er den Anfang seines Evangeliums gewidmet, von der Verkündung durch den Engel bis zur Geburt und Kindheit des Gottessohns, der Mensch geworden war. Maria stand am Beginn des irdischen Lebens Jesu, und mit ihr nehmen auch die ersten Schritte der Kirche ihren Anfang; in beiden Momenten herrscht ein Klima der inneren Sammlung und des Hörens auf Gott vor. Deshalb will ich heute von dieser betenden Gegenwart der Jungfrau im Kreis der Jünger sprechen, die den ersten Kern der entstehenden Kirche bilden. Maria hat in Stille den ganzen Weg ihres Sohnes während seines öffentlichen Lebens mitverfolgt, bis an den Fuß des Kreuzes, und im stillen Gebet verfolgt sie nun den Weg der Kirche weiter. Bei der Verkündung in ihrem Haus zu Nazareth empfängt Maria den Engel des Herrn, lauscht aufmerksam seinen Worten, nimmt sie in sich auf und reagiert auf die Pläne Gottes mit voller Bereitschaft: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (vgl. Lk 1,38). Gerade wegen ihrer inneren Haltung stillen Zuhörens ist Maria in der Lage, ihre Geschichte zu deuten und mit Demut zu erkennen, dass der Herr derjenige ist, der handelt. Als sie ihre Verwandte Elisabeth besucht, bricht sie in ein freudiges Lobgebet aus, in eine Lobpreisung der göttlichen Gnade, die ihr Herz und ihr Leben erfüllt hat, indem sie sie zur Mutter Gottes machte (vgl. Lk 1,46-55). Lobpreisung, Dank, Freude: Im Gesang des „Magnificat“ schaut Maria nicht nur auf das, was Gott in ihr gewirkt hat, sondern auch auf sein fortwährendes Wirken in der Menschheitsgeschichte. In einem berühmt gewordenen Kommentar zum „Magnificat“ fordert der heilige Ambrosius uns auf, in demselben Geiste zu beten, und schreibt: „Möge ein jeder in seiner Seele wie Maria sein und den Herrn lobpreisen; möge ein jeder im Geiste wie Maria sein, um in Gott zu jubeln“ („Expositio Evangelii secundum Lucam“ 2, 26: PL 15, 1561).

Auch im Abendmahlssaal zu Jerusalem, im „Obergemach, wo sie [die Jünger Jesu] nun ständig blieben“ (vgl. Apg 1,13), ist sie dabei, in einem Klima des Zuhörens und des Gebets, bevor die Türen sich öffnen und die Apostel hinausgehen, um allen Völkern Christus, den Herrn, zu verkünden und sie zu lehren, seine Gebote zu beachten (vgl. Mt 28,19-20). Die Etappen im Lebensweg Mariens, vom Haus zu Nazareth bis in jenes zu Jerusalem, über das Kreuz, wo der Sohn ihr den Apostel Johannes anvertraut, sind gezeichnet von ihrer Fähigkeit, die innere Sammlung zu bewahren, um jedes Ereignis in der Stille ihres Herzens, vor Gott zu meditieren (vgl. Lk 2,19-51) und durch die Meditation vor Gott auch Gottes Willen zu begreifen und fähig zu werden, ihn innerlich zu akzeptieren. Die Gegenwart der Muttergottes bei den elf Aposteln, nach Christi Himmelfahrt, ist daher mehr als eine geschichtliche Anekdote; sie ist von hoher Bedeutsamkeit, weil sie mit den Aposteln das Kostbarste teilt, was es gibt: die lebendige Erinnerung an Jesus im Gebet; sie teilt mit ihnen eine von Jesus anvertraute Mission: die Erinnerung an Jesus und damit seine Gegenwart aufrecht zu erhalten.

Die letzte Erwähnung Mariens in den beiden Schriften von Lukas bezieht sich auf einen Samstag: den Tag, an dem Gott nach der Erschaffung der Welt ruhte; der Tag der Stille nach dem Tode Jesu, in Erwartung seiner Auferstehung. In dieser Episode wurzelt die Tradition des Gedächtnisses der seligen Jungfrau Maria am Samstag. Zwischen der Himmelfahrt des Auferstandenen und dem ersten christlichen Pfingstfest versammeln sich die Apostel mit Maria, um gemeinsam die Gabe des Heiligen Geistes zu empfangen, ohne den man nicht Zeuge werden kann. Sie, die ihn schon empfangen hat, um das menschgewordene Wort zu gebären, teilt mit der ganzen Kirche die Erwartung dieser selben Gabe, damit im Herzen jedes Gläubigen „Christus Gestalt annimmt“ (vgl. Gal 4,19). Wenn es ohne Pfingsten keine Kirche gibt, gibt es ohne Maria kein Pfingsten, denn sie hat auf einzigartige Weise erlebt, was die Kirche jeden Tag unter der Wirkung des Heiligen Geistes erfährt. Der heilige Chromatius von Aquileia schreibt über diesen Passus der „Apostelgeschichte“: „So versammelte sich also die Kirche im Zimmer im Obergeschoss zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern. Man könnte sie nicht Kirche nennen, wenn nicht Maria zugegen wäre, die Mutter des Herrn… Die Kirche Christi ist dort, wo die Menschwerdung Christi aus der Jungfrau verkündet wird; und wo die Apostel verkünden, dort hört man das Evangelium“ (Sermo 30,1: SC 164, 135). Das Zweite Vatikanische Konzil hat auf besondere Weise diese Beziehung hervorheben wollen, die im gemeinsamen Beten von Maria und den Aposteln deutlich wird, die zusammen am selben Ort auf den Heiligen Geist warten. Die dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ erklärt: „Da es aber Gott gefiel, das Sakrament des menschlichen Heils nicht eher feierlich zu verkünden, als bis er den verheißenen Heiligen Geist ausgegossen hatte, sehen wir die Apostel vor dem Pfingsttag ‚einmütig in Gebet verharren mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern‘ (Apg 1,14) und Maria mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes erflehen, der sie schon bei der Verkündigung überschattet hatte“ (Nr. 59). Der bevorzugte Ort Mariens ist die Kirche, wo sie „als überragendes und völlig einzigartiges Glied… wie auch als ihr Typus und klarstes Urbild im Glauben und in der Liebe“ anerkannt ist (ebd., Nr. 53).

Die Mutter Jesu in der Kirche verehren bedeutet daher, von ihr zu lernen, betende Gemeinschaft zu sein: Dies ist eines der wesentlichen Merkmale der ältesten Beschreibung der christlichen Gemeinde, wie sie in der „Apostelgeschichte“ enthalten ist (vgl. 2,42). Oft entspringt das Gebet schwierigen Lebenslagen oder persönlichen Problemen, die uns dazu bewegen, uns in der Suche nach Erleuchtung, Trost und Hilfe an den Herrn zu wenden. Maria lehrt uns, den Horizont unseres Betens zu erweitern, uns nicht nur in der Not und für uns selber an Gott zu wenden, sondern gemeinschaftlich, beharrlich, treu, „ein Herz und eine Seele“ mit der Gemeinde (vgl. Apg 4,32).

Liebe Freunde, das Leben des Menschen durchläuft verschiedene Übergangsphasen, die oft schwierig sind und unumgängliche Entscheidungen, Verzichte und Opfer erfordern. Die Mutter Jesu wurde vom Herrn in entscheidende Momente der Heilsgeschichte hineinversetzt und hat es immer verstanden, sich bereitwillig zur Verfügung zu stellen, und das dank ihrer tiefen Verbindung mit Gott, die im beständigen und intensiven Gebet herangereift war. Zwischen dem Freitag der Passion und dem Sonntag der Auferstehung war ihr der geliebte Jünger anvertraut worden, und mit ihm die ganze Gemeinde der Jünger (vgl. Joh 19,26). Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten befindet sie sich „mit“ und „in“ der Kirche im Gebet (vgl. Apg 1,14). Als Mutter Gottes und Mutter der Kirche übt Maria ihre Mutterschaft bis ans Ende der Geschichte aus. Ihr wollen wir jede Übergangsphase unseres persönlichen und kirchlichen Lebens anvertrauen, nicht zuletzt unseren letzten Übergang. Maria lehrt uns die Notwendigkeit des Gebets und zeigt uns, dass wir nur durch eine fortwährende, tiefe, liebevolle Beziehung zu ihrem Sohn aus „unserem Haus“, aus uns selbst herausgehen können, um bis an die Grenzen der Welt zu gehen und überall den Herrn Jesus Christus zu verkünden, den Erlöser der Welt. Danke.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Alexander Wagensommer © Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana]