Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 2. Mai 2012

Gebet in der Apostelgeschichte: Stephanus, der erste Märtyrer

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VATIKANSTADT, 2. Mai 2012 (ZENIT.org). - Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz hat Papst Benedikt  XVI. seine Katechesen über das Gebet in der Apostelgeschichte fortgesetzt. Im Zentrum seiner Betrachtungen stand das Gebet des heiligen Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers (vgl. Apg 7,53-60).

[Wir dokumentieren seine Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern,

in den vergangenen Katechesen erfuhren wir, dass die Lektüre und die Betrachtung der Heiligen Schrift im persönlichen und gemeinsamen Gebet unsere Ohren für das Wort Gottes öffnen, und uns mit jenem Licht erfüllen, das uns die Gegenwart begreifen lässt. Heute möchte ich über das Zeugnis und das Gebet des ersten Märtyrers der Kirche sprechen, des heiligen Stephanus, der einer der sieben Auserwählten für den Dienst der Barmherzigkeit an den Bedürftigen war. Sein Martyrium nach der Apostelgeschichte verdeutlicht uns einmal mehr die fruchtbare Beziehung zwischen dem Wort Gottes und dem Gebet.

Stephanus wird zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Synhedrium geführt, wo man ihn beschuldigt, Folgendes gesagt zu haben:  „Jesus, der Nazaräer, wird diesen Ort zerstören und die Bräuche ändern, die uns Mose überliefert hat“ (Apg 6,14). Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem war von Jesus während seines öffentlichen Lebens tatsächlich angekündigt worden: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“ (Joh 2,19). Dennoch schreibt der Apostel Johannes: „Er aber meinte den Tempel seines Leibes. Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte“ (Joh 2,21-22).

Die Verteidigungsrede des Stephanus, die längste Rede in der Apostelgeschichte, knüpft genau an diese Prophezeiung Jesu an, dem neuen Tempel, der den neuen Kult einführt und durch die Hingabe seiner selbst am Kreuz alle früheren Opfer ersetzt. Stephanus will die Haltlosigkeit der gegen ihn vorgebrachten Beschuldigung, das Gesetz Mose umgestürzt zu haben, unter Beweis stellen. Er versucht dies anhand einer Darstellung seiner Sicht der Heilsgeschichte, der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Er durchwandert erneut alle Stationen der biblischen Geschichte in der Heiligen Schrift, um zu zeigen, dass diese an den „Ort“ der endgültigen Gegenwart Gottes führt. Dieser Ort ist  Jesus Christus und insbesondere seine Passion, sein Tod und seine Auferstehung. Aus dieser Perspektive erläutert Stephanus auch sein Existenz als Jünger Jesu, der ihm bis zum Martyrium gefolgt ist. Über die Betrachtung der Heiligen Schrift begreift er seine Mission, sein Leben, seine Gegenwart. Dabei erfährt er Führung durch das Licht des Heiligen Geistes und seine enge Beziehung mit dem Herrn, sodass den Mitgliedern des Synedriums sein Gesicht „wie das Gesicht eines Engels“ erscheint (Apg 6,15). Dieses Zeichen göttlichen Beistandes erinnert an das strahlende Gesicht des Mose, als er nach der Begegnung mit Gott vom Berg Sinai herabsteigt (vgl. Ex 34,29-35; 2 Kor 3,7-8).

Stephanus beginnt in seiner Rede mit dem Ruf an Abraham, dem Pilger auf dem Weg in das von Gott verheißene Land, dessen Besitz ihm nur versprochen wird; er geht dann über zu Josef, der von seinen Brüdern verkauft und schließlich von Gott gerettet und befreit wird; schließlich gelangt er zu Moses, der zum göttlichen Werkzeug wird, um dessen Volk zu befreien, aber oft auf Ablehnung in den eigenen Reihen stößt. In diesen Schilderungen erweist Stephanus sich als religiöser Zuhörer der Heiligen Schrift. In den Episoden aus der Bibel kommt stets Gott zum Vorschein. Er wird es nicht müde, trotz häufiger und hartnäckiger Widerstände auf den Menschen zuzukommen. Das gesamte Alte Testament betrachtet er somit als die Vorankündigung der Geschichte von Jesus selbst, dem Fleisch gewordenen Sohn Gottes, der ebenso wie die alten Väter Hindernissen, Ablehnung und dem Tod begegnet. Stephanus bezieht sich also auf Josua, David und Salomon, die durch den Bau des Tempels in Jerusalem vereint werden, und schließt mit den Worten des Propheten Jesaia (66,1-2): „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen?, spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? Hat nicht meine Hand dies alles gemacht?“ (Apg 7,49-50). In seinen Betrachtungen des göttlichen Handelns in der Heilsgeschichte wirft Stephanus Licht auf die ständige Versuchung, Gott und sein Handeln abzulehnen, und beschreibt Jesus als den von den Propheten verheißenen Gerechten: In ihm hat Gott sich einzigartig und endgültig vergegenwärtigt. Jesus ist der „Ort“ des wahren Kultes. Stephanus erkennt die Bedeutung des Tempels für einen bestimmten Zeitraum durchaus an, hält jedoch folgenden Einwand entgegen: „Doch der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist, wie der Prophet sagt:“ (Apg 7,48). Der neue wahre Tempel, in dem Gott wohnt, ist sein Fleisch gewordener Sohn, die Menschlichkeit Christi, des Auferstandenen, der die Völker versammelt und im Altarssakrament in Christi Leib und Blut vereint. Eine Erwähnung des „nicht von Menschenhand gemachten“ Tempels findet sich auch in der Theologie des Apostels Paulus, in dessen „Brief an die Hebräer“: Der Leib, den Christus angenommen hat, um als Opfer für die Tilgung der Sünden zu dienen, ist der neue Tempel Gottes; der Ort der Gegenwart des lebendigen Gottes; in ihm ist Gott Mensch, Gott und die Welt kommen tatsächlich miteinander in Berührung. Jesus lädt die Schuld der ganzen Menschheit auf sich und legt sie in die Liebe Gottes, in deren Feuer sie „verbrennen“. Wenn wir uns dem Kreuz nähern und in die Gemeinschaft mit Christus eingehen, beginnt unsere Verwandlung. Wir nehmen Kontakt mit Gott auf, wir treten ein in den wahren Tempel.

Das Leben und die Verteidigungsrede des Stephanus werden mit der Steinigung jäh unterbrochen, doch gerade sein Martyrium bringt sein Leben und seine Botschaft zur Vollendung: Stephanus wird zu einer Einheit mit Christus. So wird seine Betrachtung des göttlichen Handelns in der Geschichte, des göttlichen Wortes, das in Jesus zu seiner vollen Entfaltung kommt, zu einer Teilnahme am Gebet am Kreuz. So ruft Stephanus vor seinem Tod: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ (Apg 7,59), in Anlehnung an Psalm 31 v. 6) und wiederholt die letzte Geste Jesu auf dem Kreuzweg: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46); Am Ende rief er ebenso wie Jesus mit lauter Stimme vor jenen, die ihn steinigten: „ Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60). Daraus wird erkennbar, dass Stephanus zwar das Gebet Jesu aufnimmt, sich jedoch an einen anderen Adressaten wendet. Die Anrufung richtet sich an den Herrn selbst: an Jesus, den Gepriesenen zur Rechten des Vaters: „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,55).

Liebe Brüder und Schwestern, das Zeugnis des hl. Stephanus enthält einige wertvolle Anleitungen für unser Gebet und für unser Leben. Wir können uns folgende Frage stellen: Aus welcher Quelle schöpfte dieser erste christliche Märtyrer die Kraft, mit der er sich seinen Verfolgern stellte und bis zur Hingabe seiner selbst gelangte? Die Antwort ist einfach: Aus seiner Beziehung zu Gott, aus der Gemeinschaft mit Christus, aus der Betrachtung der Heilsgeschichte, aus dem Wahrnehmen der Taten Gottes, der in Jesus Christus seinen Triumph vollzieht. Auch unserem Gebet soll das Hören auf das Wort Gottes in der Einheit mit Jesus und seiner Kirche Nahrung geben.

Noch ein zweites Element sei erwähnt: Für den hl. Stephanus ist die Geschichte der Liebesbeziehung zwischen Gott und dem Menschen eine Prophezeiung der Figur und der Mission Jesu. Er, der Sohn Gottes, ist der „nicht von Menschenhand gemachte“ Tempel, in dem die Gegenwart Gottes des Vaters so greifbar ist, dass sie in unser menschliches Fleisch eindringt und uns zu Gott führt, uns Tore des Himmels öffnet. Unser Gebet soll eine Betrachtung Jesu zur Rechten Gottes sein; Jesu als dem Herrn unseres täglichen Lebens. In ihm können auch wir uns unter der Führung des Heiligen Geistes an Gott wenden, einen realen Kontakt mit Gott aufnehmen, im kindlichen und hingebungsvollen Vertrauen einem Vater gegenüber, dessen Liebe zu uns unendlich ist. Danke.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner © 2012 - Libreria Editrice Vaticana]