Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 22. Februar 2012

Beginn der österlichen Bußzeit

| 1338 klicks

VATIKANSTADT, 22. Februar 2012 (ZENIT.org). – Im Zeichen der heute beginnenden Fastenzeit stand die Katechese während der heutigen Generalaudienz.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

in dieser Katechese möchte ich kurz auf die Fastenzeit eingehen, die heute mit der Liturgie am Aschermittwoch beginnt. Es handelt sich um einen 40 Tage dauernden Weg, der uns zum österlichen Triduum führen wird, dem Gedächtnis des Leidens, des Todes und der Auferstehung des Herrn, dem Kern des Mysterium unserer Erlösung. In den ersten Jahrhunderten des Bestehens der Kirche war dies die Zeit, zu der diejenigen, die die Botschaft Christi gehört und aufgenommen hatten, Schritt für Schritt ihren Weg des Glaubens und der Bekehrung begingen, um zum Sakrament der Taufe zu gelangen. Es war eine Annäherung an den lebendigen Gott und eine Einweihung in den Glauben, die sich nach und nach durch eine innere Wandlung der Katechumenen vollzog, das heißt der Menschen, die den Wunsch hatten, Christen zu werden und in Christus und in die Kirche aufgenommen zu werden.

Später wurden auch die Büßer und dann alle Gläubigen dazu eingeladen, diesen Weg der geistlichen Erneuerung zu erleben, um das eigene Sein immer mehr an die Existenz Christi anzugleichen. Indem die ganze Gemeinschaft zusammen an den verschiedenen Etappen auf dem Weg der Fastenzeit teilnimmt, wird dadurch eine wichtige Dimension der christlichen Spiritualität unterstrichen: Die Erlösung steht dank des Sterbens und der Auferstehung Christi nicht nur einigen wenigen, sondern allen zu. Daher wussten sowohl jene, die den Weg des Glaubens als Katechumenen betraten, um die Taufe zu empfangen, als auch diejenigen, die sich von Gott und der Gemeinschaft des Glaubens entfernt hatten und nach Versöhnung suchten, und schließlich auch jene, die ihren Glauben in voller Gemeinschaft mit der Kirche lebten, dass die Zeit vor Ostern eine Phase der "metanoia" ist, das heißt eine Zeit der inneren Wandlung, der Buße. Eine Zeit, die unser menschliches Leben und unsere ganze Geschichte als einen Prozess der Umkehr identifiziert, der sich nun in Bewegung setzt, um dem Herrn am Ende der Zeit zu begegnen.

Mit einem in der Liturgie oft verwendeten Ausdruck bezeichnet die Kirche die Zeit, in die wir heute eintreten, als Quadragesima, eine Zeitspanne von 40 Tagen, und führt uns mit klarem Bezug auf die Heilige Schrift in einen bestimmten spirituellen Kontext ein. Vierzig ist in der Tat eine symbolische Zahl, die im Alten und im Neuen Testament in Zusammenhang mit den wichtigsten Glaubenserfahrungen des Volkes Gottes vorkommt. Es ist eine Zahl, die eine Zeit des Wartens zum Ausdruck bringt, eine Zeit der Reinigung, der Rückkehr zum Herrn, dem Bewusstsein, dass Gott seinen Verheißungen treu ist. Diese Zahl stellt keine exakte chronologische Zeit dar, unterteilt in die Summe der Tage. Vielmehr verweist sie auf ein geduldiges Ausharren, eine lange Bewährungszeit, eine ausreichend lange Zeit, um das Werk Gottes zu erkennen, eine Zeitspanne, innerhalb derer man entscheiden muss, sich den eigenen Verantwortlichkeiten ohne weiteren Aufschub zu stellen. Es ist eine Zeit reifer Entscheidungen.

Die Zahl 40 erscheint erstmals in der Geschichte Noahs. Dieser gerechte Mann verbringt aufgrund der Sintflut 40 Tage und vierzig Nächte in der Arche, zusammen mit seiner Familie und den Tieren, die Gott ihm aufgetragen hatte mitzunehmen. Und nach der Flut wartet er weitere 40 Tage, bevor er das Festland betritt, das von Zerstörung verschont geblieben ist (vgl. Gen 7,4.12; 8,6). Die nächste Etappe: Vierzig Tage und vierzig Nächte lang bleibt Moses auf dem Berg Sinai, wo er Gott begegnet und die Gebote erhält. Während all dieser Zeit fastete er (vgl. Ex 24,18). Vierzig Jahre dauert die Wanderung des jüdischen Volkes von Ägypten ins Gelobte Land, eine angemessene Zeit, um die Treue Gottes zu erleben. „Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat. […] Deine Kleider sind dir nicht in Lumpen vom Leib gefallen, und dein Fuß ist nicht geschwollen, diese vierzig Jahre lang“, sagt Moses im Deuteronomium am Ende dieses 40 Jahre währenden Auszugs (Dtn 8,2.4). Die Friedenszeit, die Israel unter den Richtern genießt, währt 40 Jahre (vgl. Ri 3,11.30), doch nach dieser Zeit setzen das Vergessen um die Gaben Gottes und die Rückkehr zur Sünde ein. Der Prophet Elija benötigt 40 Tage, um den Berg Horeb zu erreichen, wo er Gott begegnet (vgl. 1 Kön 19,8). Vierzig Tage hat die Bevölkerung der Stadt Ninive Zeit, um Buße zu tun und Gottes Vergebung zu erlangen (vgl. Gen 3,4). Vierzig sind auch die Regierungsjahre von Saul (vgl. Apg 13,21), David (vgl. 2 Sam 5,4-5) und Salomo (vgl. 1 Kön 11,41), den ersten drei Königen Israels. Auch die Psalmen spiegeln die biblische Bedeutung der Zahl 40 wider, wie zum Beispiel in Psalm 95, aus dem wir einen Vers gehört haben: „Ach, würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören! «Verhärtet euer Herz nicht wie in Meríba, wie in der Wüste am Tag von Massa! Dort haben eure Väter mich versucht, sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten doch mein Tun gesehen. Vierzig Jahre war mir dies Geschlecht zuwider und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht; denn meine Wege kennen sie nicht“ (Verse 7c-10). Im Neuen Testament zieht sich Jesus vierzig Tage lang ohne zu essen und zu trinken in die Wüste zurück, bevor er sein öffentliches Leben und Wirken beginnt (vgl. Mt 4,2): Er nährt sich vom Wort Gottes, das er als Waffe benutzt, um den Teufel zu besiegen. Die Versuchungen Jesu erinnern an die Versuchungen, die das Volk Israel in der Wüste ausgefochten hatte, jedoch nicht überwinden konnte. Nach seiner Auferstehung gibt Jesus seinen Aposteln 40 Tage lang Weisungen, bevor er zum Himmel auffährt und den Heiligen Geist aussendet (vgl. Apg 1,3).

Mit dieser wiederkehrenden Zahl 40 wird ein spiritueller Bezug beschrieben, der noch immer aktuell und gültig ist, und die Kirche beabsichtigt, gerade mittels der Tage der Fastenzeit den fortdauernden Wert zu erhalten und uns dessen Wirksamkeit zu vergegenwärtigen. Die christliche Liturgie hat während der Fastenzeit das Ziel, angesichts dieser langen biblischen Erfahrung einen Weg spiritueller Erneuerung zu begünstigen und uns vor allem beizubringen, Jesus nachzuahmen, der uns in den 40 in der Wüste verbrachten Tage lehrte, jegliche Versuchung mit dem Wort Gottes zu überwinden. Die 40 Jahre dauernde Wanderung Israels durch die Wüste gibt ambivalente Einstellungen und Situationen wider. Einerseits ist es der Zeitabschnitt der ersten Liebe zu Gott sowie zwischen Gott und seinem Volk, so sprach er zu dessen Herz und wies ihm immer den rechten Weg. Gott wohnte sozusagen inmitten des Volkes Israels, ging ihm als Wolke oder in einer Feuersäule voraus, sorgte jeden Tag für Nahrung, indem er Manna vom Himmel herabsinken und Wasser aus dem Felsen hervorsprudeln ließ. Daher kann man die Jahre, die Israel in der Wüste verbrachte, als eine Zeit der besonderen Erwählung Gottes und der Verbindung zu ihm von Seiten des Volkes sehen: Eine Phase der ersten Liebe. Andererseits zeigt die Bibel auch ein anderes Bild der Wüstenwanderung Israels auf: Es ist ebenfalls die Zeit der größten Versuchungen und Gefahren, so als Israel gegen seinen Gott murrt und lieber zum Heidentum zurückkehren würde, als es seine eigenen Götzenbilder errichtet, da es die Notwendigkeit verspürt, einen näheren und greifbareren Gott zu verehren. Es ist auch eine Zeit der Rebellion gegen den großen und nicht sichtbaren Gott.

Diese Ambivalenz, Zeit der besonderen Nähe zu Gott – Zeit der ersten Liebe, und Zeit der Versuchung- Versuchung der Rückkehr zum Heidentum, finden wir überraschenderweise im irdischen Wandelns Jesu wieder, natürlich ohne jegliches Zugeständnis an die Sünde. Nach der Bußtaufe im Jordan, in der er sein Schicksal als Diener Gottes auf sich nimmt und sich selbst aufgibt, um für die anderen zu leben, und sich zu den Sündern gesellt, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen, ging Jesus 40 Tage lang in die Wüste, um in tiefer Einheit mit dem Vater zu verweilen. Darin wiederholt sich die Geschichte Israels, der wiederkehrende Rhythmus von 40 Tagen oder Jahren, die ich bereits erwähnt habe.

Diese Dynamik ist eine Konstante im irdischen Leben Jesu, der immer Augenblicke der Einsamkeit sucht, um zu seinem Vater zu beten und in vertrauter Gemeinschaft mit ihm in tiefer Einsamkeit, in ausschließlicher Einheit zu verweilen, um dann wieder zu den Menschen zurückzukehren. Aber in dieser Zeit der Wüste und der besonderen Begegnung mit dem Vater ist Jesus Gefahren ausgesetzt und wird von Versuchungen und Verführungen durch den Teufel heimgesucht, der ihm einen anderen messianischen Weg anbietet, fern von Gottes Plan, denn auf seinem Weg sieht er Macht, Erfolg und Herrschaft vor und nicht etwa die völlige Hingabe am Kreuz. Dies ist die Alternative: ein Messianismus von Macht und Erfolg oder aber ein Messianismus voller Liebe und Selbsthingabe.

Diese ambivalenten Verhältnisse beschreiben auch den Zustand der Kirche, die die „Wüste" der Welt und der Geschichte durchwandert. In dieser „Wüste" haben wir Gläubigen sicherlich die Gelegenheit, eine tiefe Erfahrung Gottes zu erleben, die den Geist stärkt, den Glauben bestätigt, die Hoffnung nährt und die Nächstenliebe beseelt; eine Erfahrung, die uns mit dem am Kreuz erbrachten Opfer der Liebe am Sieg Christi über die Sünde und über den Tod teilhaben lässt. Doch ist die „Wüste" auch der negative Aspekt der Realität, die uns umgibt: die Gefühllosigkeit und Leere in den Worten des Lebens und der Werte, der Säkularismus und die materialistische Kultur, die den Menschen auf einen weltlichen Horizont beschränken und ihm jeglichen Verweis auf Transzendenz entziehen. Es ist auch der Umstand, wenn der Himmel über uns verdunkelt ist, weil er von Wolken des Egoismus, des Unverständnisses und der Täuschung bedeckt ist. Trotz allem kann sich auch für die moderne Kirche die Zeit der Wüste in eine Zeit der Gnade verwandeln, da wir die Gewissheit haben, dass Gott selbst aus dem härtesten Gestein lebendiges Wasser, das erfrischend und labend ist, hervorquellen lassen kann.

Liebe Brüder und Schwestern, in diesen 40 Tage, die uns auf Ostern und auf die Auferstehung zuführen, können wir neuen Mut schöpfen, um mit Geduld und Glauben jedwede Situation von Mühsal, Kummer und Erprobung zu akzeptieren, wohl wissend, dass der Herr aus der Dunkelheit einen neuen Tag erstrahlen lässt. Und wenn wir Jesus treu auf dem Weg des Kreuzes gefolgt sind, wird uns die erhellte Welt Gottes, die Welt des Lichts, der Wahrheit und der Freude wieder gegeben werden: Es wird der Anbruch eines neuen Tages sein, von Gott selbst geschaffen. Ich wünsche euch allen auf dem Weg der Fastenzeit alles Gute!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sabrina Toto © Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana]