Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 9. November über das Gebet: Psalm 119 (118)

Liebe zum Gesetz Gottes

| 1206 klicks

VATIKANSTADT, 9. November 2011 (ZENIT.org). – Die Katechesenreihe über das Gebet setzte Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz heute auf dem Petersplatz mit Psalm 119 (118) fort. Der Psalm stelle einen Lobgesang auf das Gesetz Gottes dar. Es helfe dem Menschen, in der Liebe zu Gott zu wachsen. Die Liebe für Gott und für das Wort Gottes führten ihn zur radikalen Entscheidung, den Herrn als einziges Gut zu besitzen, seine Worte als wertvollstes Geschenk, kostbarer als jegliches Erbe, als jeglicher Landbesitz, zu hüten. Eine der höchsten Lebensformen sei die des Priesters, der allein von Gott und seinem Wort leben solle, ohne andere Sicherheiten, mit Gott als einzigem Gut und als einzigem Quell des wahren Lebens.

[Wir dokumentieren den Wortlaut der Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

in den vergangenen Katechesen haben wir über einige Psalmen nachgesonnen, die Beispiele sind für typische Gebetsthemen: Klage, Vertrauen, Lobgesang. In der heutigen Katechese möchte ich einige Gedanken zu Psalm 119 nach hebräischer Tradition (bzw. Psalm 118 nach griechisch-lateinischer Tradition) vorlegen: ein sehr ungewöhnlicher und einzigartiger Psalm. Zunächst aufgrund seiner Länge: Er besteht nämlich aus 176 Versen, die in 22 Strophen zu je acht Versen unterteilt sind. Zudem weist er eine weitere Eigentümlichkeit auf, er stellt ein „alphabetisches Akrostichon“ dar: Er ist nach dem hebräischen Alphabet, das aus 22 Buchstaben besteht, aufgebaut. Jede Strophe entspricht einem Buchstaben des Alphabets, und mit dem jeweiligen Buchstaben beginnt das erste Wort jedes der acht Verse der Strophe. Es handelt sich um ein originelles und sehr aufwendiges literarisches Konstrukt, in dem der Urheber des Psalms all seine Bravour bewiesen hat.

Doch am wichtigsten ist das zentrale Themas dieses Psalms: Es handelt sich um einen eindrucksvollen und feierlichen Gesang auf die Torah des Herrn, d.h. auf sein Gesetz, ein Begriff, der in seiner weitesten und vollständigsten Bedeutung als Lehre, Anweisung, Lebenshilfe verstanden werden muss; die Torah ist Offenbarung, ist das Wort Gottes, der den Menschen befragt und als Antwort vertrauensvollen Gehorsam und großzügige Liebe hervorruft. Und so ist dieser Psalm von der Liebe zum Wort Gottes vollkommen durchdrungen, er feiert dessen Schönheit, dessen heilbringende Kraft und dessen Vermögen, Freude und Leben zu schenken. Denn das göttliche Gesetz ist keinesfalls ein schweres niederdrückendes Joch, das uns knechtet, sondern ein Geschenk der Gnade, das uns frei macht und zur Glückseligkeit führt. „Deiner Weisungen freue ich mich, und deine Worte vergesse ich nicht“ (V. 16), so der Psalmist, und weiter „Auf dem Pfade deiner Gebote führe mich, an ihm habe ich meine Lust“(V.35), sowie „Wie liebe ich dein Gesetz, o Herr, den ganzen Tag suchen es meine Gedanken“ (V.97). Das Gesetz des Herrn, sein Wort, ist der Mittelpunkt des Lebens des Betenden; in ihm findet er Trost, es ist Gegenstand seines Nachsinnens, er bewahrt es in seinem Herzen: „Im Herzen heg ich dein Wort, dass ich mich nie wider dich vergehe“ (V.11), darin liegt das Geheimns der Glückseligekit des Psalmisten; und schließlich „Die Stolzen sinnen Trug wider mich, ich aber achte auf deine Satzung mit ganzem Herzen“ (V.69).

Die Treue des Psalmisten ensteht aus dem Empfangen des Wortes, aus dem Bewahren im Innern; er sinnt darüber nach und gewinnt es lieb, genau wie Maria, die die Worte, die an sie gerichtet worden waren, und die wundersamen Ereignisse, in denen sich Gott ihr offenbart hatte, „in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte“ (vgl. Lk 2,19.51).  

Und wenn unser Psalm zu Beginn in den ersten Versen diejenigen als „selig“ ausruft, „die da wandeln im Gesetze des Herrn“ (V.1b) und „die seine Vorschriften befolgen“ (V.2a), so ist es erneut Maria, die das perfekte Wesen des Gläubigen, das vom Psalmisten beschrieben wird, zur Erfüllung bringt. Denn sie ist die wahre „Selige“, als solche von Elisabeth erklärt, weil sie „geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1,45), und Jesus selbst gibt Zeugnis ihres Glaubens als er der Frau, die rief: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen hat“, erwidert: „Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11, 27-28). Gewiss ist Maria selig, weil ihr Leib den Heiland geboren hat, aber besonders, weil sie die Botschaft Gottes empfangen hat, weil sie eine aufmerksame und liebevolle Hüterin seines Wortes ist.

Psalm 119 ist folglich ganz von diesem Wort des Lebens und der Seligkeit durchwoben. Während die Hauptthemen das „Wort“ und das „Gesetz“ des Herrn sind, findet man neben diesen Begriffen in beinahe allen Versen auch Synonyme wie „Regeln“, „Anordnungen“, „Gebote“, „Lehren“, „Versprechen“, „Urteile“; außerdem auch viele daran geknüpfte Verben wie beachten, bewahren, verstehen, erkennen, lieben, nachsinnen, leben. Das ganze Alphabet entfaltet sich durch die 22 Strophen dieses Psalms, sowie auch der Wortschatz der vertrauensvollen Beziehung des Gläubigen zu Gott; wir finden Lob- und Danksagung sowie Gottvertrauen, aber auch Anrufung und Klage, jedoch stets durchwirkt von der Gewissheit der göttlichen Gnade und der Macht des Wortes Gottes. Auch die Verse, die hauptsächlich von Schmerz und von Dunkelheit geprägt sind, bewahren Hoffnung und sind von Glauben durchdrungen. „Im Staube liegt meine Seele: Belebe mich wieder nach deinem Wort!“ (V.25), betet der Psalmist voller Vertrauen; „Einem Kruge gleiche ich, von Staub bedeckt, und habe doch deine Weisungen nicht vergessen“ (V.83) ist der Aufschrei des Gläubigen. Seine Treue, auch wenn sie auf die Probe gestellt wird, schöpft neue Kraft aus dem Wort Gottes: „Dann kann ich dem, der mich schmäht, erwidern; denn ich vertraue auf dein Wort.“ (V.42), erwidert er entschieden; und selbst angesichts der beängstigenden Nähe des Todes stellen die Gebote des Herrn seinen Orientierungsanker und seine Hoffnung auf Triumph dar: „Sie hätten mich fast in Grund und Boden gedrückt, doch deine Satzung habe ich nicht verlassen“ (V.87).

Das göttliche Gesetz, Gegenstand der leidenschaftlichen Liebe des Psalmisten und jedes Gläubigen, ist der Quell des Lebens. Der Wunsch, es zu verstehen, es zu beachten, das ganze eigene Sein danach auszurichten, zeichnet den rechten und gottestreuen Menschen aus, der darüber „nachsinnt bei Tag und bei Nacht“, wie es in Psalm 1 (V.2) heißt; das Gesetz Gottes soll „auf dem Herzen geschrieben stehen“, wie es im wohlbekannten Text des Schma Israel im Deuteronomium geschrieben steht:

„Höre, Israel! […] Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.“ (Dtn 6,4,6-7)

Als Mittelpunkt der Existenz verlangt das Gesetz Gottes, auf das Herz zu hören, was nicht aus unterwürfigem Gehorsam erfolgt, sondern aus kindlicher, vertrauensvoller und bewusster Folgsamkeit.

Das Hören des Wortes Gottes ist eine persönliche Begegnung mit dem Herrn des Lebens, eine Begegnung, die in konkrete Entscheidungen münden und zum Weg und Wegweiser werden muss. Als Jesus gefragt wird, was man tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen, zeigt er den Weg zur Beachtung der Gebote auf und weist darauf hin, was zu tun ist, um das Gesetz vollkommen zu erfüllen: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21). Die Erfüllung des Gesetzes ist es, Jesus zu folgen, auf dem Pfad Jesu zu wanden, gemeinsam mit Jesus.

Psalm 119 bringt uns folglich zur Begegnung mit dem Herrn und lenkt uns auf das Evangelium hin. Es gibt einen Vers, auf den ich genauer eingehen möchte, es ist V.57: „Herr, ich sage: Mein Anteil ist, deinen Worten gehorsam zu sein“. Auch in anderen Psalmen äußert der Betende, dass der Herr sein „Anteil“ sei, sein Erbe: „Der Herr ist mein Erbe und Kelch“, heißt es in Psalm 16 (V.5a), „Gott aber ist meines Herzens Fels, mein Anteil in Ewigkeit“, so die Aussage des Gläubigen in Psalm 73 (V.25b), und ferner in Psalm 142 spricht der Psalmist zum Herrn: „Meine Zuflucht, sag ich, bist du, mein Anteil in der Lebendigen Land“(V.6b).

Das Wort „Anteil“ erinnert an die Stämme Israels, wie sie das verheißene Land in Besitz nahmen und jeder sein Landstück bekam und damit fest zum Erbe Gottes gehörte, indem er ein Erbe im Land hatte. Den Leviten und damit der Priesterschaft wurde kein Land zugeteilt. Ihr Erbanteil, ihr Land war Gott selbst. Zwei Texte des Pentateuch sind diesbezüglich sehr deutlich und verwenden den Begriff folgendermaßen: „Der Herr sprach zu Aaron: Du sollst in ihrem Land keinen erblichen Besitz haben. Dir gehört unter ihnen kein Besitzanteil; ich bin dein Besitz und dein Erbteil mitten unter den Israeliten“(Num 18,20), heißt es im Buch Numeri, und auch das Deuteronomium bekräftigt: „Deshalb erhielt Levi nicht wie seine Brüder Landanteil und Erbbesitz. Der Herr ist sein Erbbesitz, wie es der Herr, dein Gott, ihm zugesagt hat“ (Dtn 10,9; vgl. Dt 18,2; Gs 13,33; Ez 44,28).

Die Priesterschaft, die dem Stamm Levi angehört, kann keinen Anteil besitzen am Land, das Gott dem eigenen Volk hinterlassen und somit das Versprechen, das er Abraham gab, erfüllt hat (vgl. Gen 12,1-7). Land zu besitzen war ein grundlegendes Zeichen für Stabilität und ermöglichte das Überleben, es war ein Zeichen des Segens, weil es die Möglichkeit barg, ein Haus zu errichten, Kinder darin groß zu ziehen, Felder zu bestellen und von den Gaben der Erde zu leben. Die Leviten, Botschafter des Heiligen und des göttlichen Segens, können nicht wie die anderen Israeliten dieses äußere Zeichen des Segens, diese Existenzgrundlage besitzen. Sie geben sich ganz dem Herrn hin und müssen daher nur von ihm leben, seiner fürsorglichen Liebe und der Großzügigkeit der Brüder überlassen, ohne ein Erbe zu besitzen, denn Gott ist ihr Erbanteil, Gott ist ihr Land, der ihnen ein erfülltes Leben gibt.

Und nun wendet der Betende des Psalms 119 diese Wirklichkeit auf sich selbst an: „Mein Anteil ist der Herr“. Seine Liebe für Gott und für das Wort Gottes führen ihn zur radikalen Entscheidung, den Herrn als einziges Gut zu besitzen, seine Worte als wertvollstes Geschenk, kostbarer als jegliches Erbe, als jeglicher Landbesitz, zu hüten. Unser Vers besitzt in der Tat eine zweite Übersetzung und könnte auch dermaßen wiedergegeben werden: „Ich habe gesagt: Herr, das soll mein Erbe sein, dass ich deine Worte halte“. Die beiden Übersetzungen wiedersprechen sich nicht, vielmehr ergänzen sie einander: Der Psalmist betont, dass sein Anteil der Herr ist, aber auch dass es sein Erbe ist, die göttlichen Worte zu bewahren und zu hüten, was er auch in V.111 wiederholt: „Ewiges Erbe sollen mir deine Ordnungen sein, denn sie sind meines Herzens Lust.“ Darin liegt die Glückseligkit des Psalmisten: Ihm wie auch zuvor den Leviten ist das Wort Gottes als Erbe zuteil geworden.

Liebe Brüder und Schwestern, diese Verse sind auch heute für uns alle von größter Bedeutung. Vor allem für die Priester, die berufen sind, ausschließlich von Gott und dem Wort Gottes zu leben, ohne andere Sicherheiten, mit Gott als einzigem Gut und als einzigem Quell des wahren Lebens. Vor diesem Hintergrund begreift man die freie Wahl des Zölibats für das Himmelreich, das es in seiner Schönheit und Stärke zu entdecken gilt. Doch sind diese Verse auch für alle Gläubigen wichtig, die als Volk Gottes einzig ihm gehören, „eine königliche Priesterschaft“ für den Herrn (vgl. 1 Petr 2,9;Offb 1,6; 5,10) bilden, berufen zur Radikalität des Evangeliums, Zeugen des Lebens Christi, der sich als neuer und endgültiger „Hoherpriester“ zur Rettung der Welt geopfert hat (vgl. Hebr 2,17; 4,14-16; 5,5-10; 9,11ff). Der Herr und sein Wort: Dies ist unser „Land“, auf dem wir in Gemeinschaft und Freude leben.

Möge uns der Herr diese Liebe für sein Wort in unsere Herzen pflanzen und uns die Gabe schenken, ihn und seinen heiligen Willen immer im Mittelpunkt unseres Seins zu wissen. Wir bitten, dass unser Gebet und all unser Leben vom Wort Gottes erhellt werden, Leuchte bei all unseren Schritten und Licht auf unserem Pfad sei, wie Psalm 119 (vgl. V.5) in Erinnerung ruft, so dass wir auf sicherem Weg in der Welt der Menschen wandeln. Möge uns Maria, die das Wort empfangen und hervorgebracht hat, lenken und uns Trost spenden, unser Leitstern auf dem Weg zur Glückseligkeit sein.

So können auch wir uns in unserem Gebet wie der Betende in Psalm 16 an den unerwarteten Gaben des Herrn und an der unverdienten Erbschaft, die uns zuteil geworden ist, erfreuen:

„Der Herr ist mein Erbe und Kelch:Du hältst meine Lose in deiner Hand. […] Und meines Erbes bin ich überaus froh" (Ps 16,5.6).

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals von Sabrina Toto - © Libreria Editrice Vaticana]