Katechese von Papst Benedikt XVI. über die Feste Allerheiligen und Allerseelen

Rein empirische Weltanschauung wird in Spiritismus fallen

| 1644 klicks

VATIKANSTADT, 2. November 2011 (ZENIT.org). – Während der heutigen Generalaudienz erläuterte der Papst die beiden Feste Allerheiligen und Allerseelen. Er erklärte, eine Weltanschauung, die versuche, den Menschen rein empirisch zu erklären, sei dazu verurteilt, dem Spiritismus zu verfallen. Er erinnerte alle Gläubigen daran, für ihre Verstorbenen zu beten und bei einem Friedhofsbesuch ihrer zu gedenken.

[Wir dokumentieren die Ansprache in einer eigenen deutschen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern!

Nachdem wir das Hochfest Allerheiligen gefeiert haben, lädt die Kirche uns heute ein, aller verstorbenen Gläubigen zu gedenken und unseren Blick den vielen Gesichtern zuzuwenden, die uns vorausgegangen sind und den irdischen Weg abgeschlossen haben. In der heutigen Audienz möchte ich euch daher einige einfache Gedanken über die Tatsache des Todes vorlegen, der für uns Christen von der Auferstehung Christi erleuchtet worden ist, um unseren Glauben an das ewige Leben zu erneuern.

Wie ich gestern beim Angelus bereits sagte, geht man hier in diesen Tagen zum Friedhof, um für die lieben Menschen, die uns verlassen haben, zu beten. Es ist beinahe wie ein Besuch bei ihnen, um ihnen noch einmal unsere Liebe zu zeigen und um sie noch nahe zu spüren. Und auf diese Weise erinnern wir auch an einen Artikel des Glaubensbekenntnisses: In der Gemeinschaft der Heiligen gibt es ein enges Band zwischen uns, die wir noch auf dieser Erde unterwegs sind, und den vielen Brüdern und Schwestern, die die Ewigkeit schon erreicht haben.

Schon immer hat der Mensch sich um seine Toten Sorgen gemacht und versucht, ihnen durch Aufmerksamkeit, Sorge und Liebe eine Art zweites Leben zu geben. Man möchte gewissermaßen ihre Lebenserfahrung bewahren. Wie sie gelebt haben, was sie geliebt haben, wovor sie Angst hatten, was sie gehofft und was sie verabscheut haben, entdecken wir paradoxerweise gerade an den Gräbern, an denen die Erinnerungen zusammenfließen. Sie sind so etwas wie ein Spiegel ihrer Welt.

Warum ist das so? Es ist so, weil der Tod, obwohl er ein fast verbotenes Thema in unserer Gesellschaft ist und der beständige Versuch besteht, allein schon den Gedanken an den Tod aus unserem Sinn zu entfernen, jeden von uns betrifft; er betrifft den Menschen aller Zeiten und Orte. Und vor diesem Geheimnis suchen wir alle - auch unbewusst - etwas, das uns zur Hoffnung einlädt, ein Zeichen, das uns Trost schenkt und einen Ausblick eröffnet, der noch eine Zukunft anbietet. Der Weg des Todes ist in Wirklichkeit ein Weg der Hoffnung. Und das Gehen über unsere Friedhöfe sowie das Lesen der Inschriften auf den Gräbern sind das Beschreiten eines Weges, der von der Hoffnung auf die Ewigkeit gekennzeichnet ist.

Aber wir fragen uns: Warum haben wir Angst vor dem Tod? Warum hat ein Großteil der Menschheit niemals aufgehört zu glauben, dass es darüber hinaus einfach nicht nur das Nichts gibt? Ich würde sagen, dass die Antworten vielfältig sind: Wir haben Angst vor dem Tod, weil wir Angst vor dem Nichts haben, vor diesem Aufbrechen zu etwas, das wir nicht kennen und das uns unbekannt ist. Und deshalb gibt es in uns ein Gefühl der Abwehr, weil wir nicht akzeptieren können, dass all das Schöne und Große, das während eines ganzen Lebens verwirklicht worden ist, plötzlich ausgelöscht wird und in den Abgrund des Nichts fällt. Wir spüren vor allem, dass die Liebe Ewigkeit verlangt und erbittet und dass es nicht möglich ist zu akzeptieren, dass sie durch den Tod in einem einzigen Augenblick zerstört wird.

Außerdem haben wir Angst vor dem Tod, weil wir ahnen, wenn wir uns am Ende des Lebens befinden, dass es ein Gericht über unsere Taten gibt, darüber, wie wir unser Leben geführt haben, vor allem über jene dunklen Punkte, die wir oftmals geschickt verdrängen können oder aus unserem Bewusstsein zu verdrängen versuchen. Ich würde sagen, dass der Sorge des Menschen aller Zeiten für die Verstorbenen und seiner Aufmerksamkeit gegenüber den Personen, die für ihn wichtig waren und ihm nicht mehr auf dem Weg des irdischen Lebens zur Seite stehen, gerade die Frage nach dem Gericht zugrunde liegt. In einem gewissen Sinne sind die Zeichen der Zuneigung und Liebe, die den Verstorbenen umgeben, eine Art Schutz für ihn in der Überzeugung, dass sie nicht ohne Wirkung auf das Gericht bleiben. Das können wir einem Großteil der Kulturen entnehmen, die die Menschheitsgeschichte geprägt haben.     

Heute ist die Welt, zumindest scheinbar, viel rationaler geworden, oder, besser gesagt, es hat sich die Tendenz verbreitet zu denken, dass jede Wirklichkeit mit den Kriterien der empirischen Wissenschaft konfrontiert werden muss und dass man auch bei der großen Frage nach dem Tod nicht so sehr mit dem Glauben antworten darf, sondern ausgehend von den empirischen, erfahrbaren Erkenntnissen. Hierbei berücksichtigt man nicht ausreichend, dass man gerade so bereit ist, in Formen des Spiritismus zu fallen, in den Versuch, Kontakt mit der Welt jenseits des Todes zu haben, indem man sich beinahe einbildet, dass es eine Wirklichkeit gibt, die am Ende eine Kopie der gegenwärtigen Wirklichkeit ist.

Liebe Freunde, das Hochfest Allerheiligen und das Gedenken an die verstorbenen Gläubigen sagen uns, dass nur derjenige, der im Tod eine große Hoffnung erkennen kann, auch ein Leben ausgehend von der Hoffnung leben kann. Wenn wir den Menschen ausschließlich auf seine horizontale Dimension beschränken, auf das, was man empirisch wahrnehmen kann, verliert das Leben selbst seinen tiefen Sinn. Der Mensch braucht Ewigkeit, und jede andere Hoffnung ist für ihn zu kurz und zu begrenzt. Der Mensch ist nur erklärbar, wenn es eine Liebe gibt, die jede Isolation – auch die des Todes – überwindet in eine Gesamtheit, die auch Raum und Zeit transzendiert. Der Mensch ist nur erklärbar und findet seinen tiefsten Sinn, wenn es Gott gibt. Und wir wissen, dass Gott aus seiner Ferne herausgetreten und nahe gekommen ist; er ist in unser Leben eingetreten und sagt uns: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben“ (Joh 11, 25-26).

Denken wir einen Augenblick an die Szene von Kalvaria, und hören wir erneut die Worte, die Jesus vom Kreuz herab zu dem gekreuzigten Verbrecher zu seiner Rechten sagt: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Denken wir an die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus, als sie, nachdem sie ein Stück des Weges mit dem auferstandenen Jesus zurückgelegt haben, ihn erkennen und unverzüglich nach Jerusalem aufbrechen, um die Auferstehung des Herrn zu verkünden (vgl. Lk 24,13-35). Mit erneuerter Klarheit kommen ihnen die Worte des Meisters in den Sinn: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um euch einen Platz vorzubereiten?“ (Joh 14,1-2). Gott hat sich wahrhaft gezeigt und ist zugänglich geworden. Er hat die Welt so sehr geliebt, „dass er seinen eingeborenen Sohn hingegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Und im höchsten Liebesakt des Kreuzes, als er sich in den Abgrund des Todes versenkt, hat er ihn besiegt, ist auferstanden und hat auch uns die Türen der Ewigkeit geöffnet. Christus hilft uns durch die Nacht des Todes, die er selbst durchschritten hat. Er ist der gute Hirte, dessen Führung man sich ohne jede Angst anvertrauen kann, weil er den Weg – auch durch die Dunkelheit – gut kennt.

Jeden Sonntag bestätigen wir diese Wahrheit, wenn wir das Credo beten. Und wenn wir zu den Friedhöfen gehen, um mit Liebe und Zuneigung für unsere Verstorbenen zu beten, sind wir noch einmal eingeladen, mutig und kräftig unseren Glauben an das ewige Leben zu erneuern, mehr noch, mit dieser großen Hoffnung zu leben und sie der Welt zu bezeugen: Hinter dem Gegenwärtigen steht nicht das Nichts. Gerade der Glaube an das ewige Leben gibt dem Christen den Mut, diese unsere Erde noch intensiver zu lieben und zu arbeiten, um ihr eine Zukunft zu schaffen und eine wahre und sichere Hoffnung zu geben. Danke.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Dr. Edith Olk © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]