Katechese von Papst Benedikt XVI. während der Generalaudienz am 16. Mai 2012

Gebet des hl. Paulus

| 1029 klicks

VATIKANSTADT, 16. Mai 2012 (ZENIT.org). – Im Rahmen seiner Katechesen über das Gebet in der Apostelgeschichte widmete Papst Benedikt XVI. seine heutige Ansprache dem Gebet des hl. Paulus. Der Völkerapostel zeige, dass das Gebet alle Ausdrucksformen vom Lob bis zur Anrufung umfasse und sich sowohl persönlich wie auch bei der Gemeinde in alle Lebenslagen einfüge. Das Gebet sei vor allem ein Werk des Heiligen Geistes an unserer Menschheit. Wenn wir den Heiligen Geist als Führer unseres Gebetes zuließen, hätte dies drei Auswirkungen: innere Freiheit, Annehmen des zu unserer Reife nötigen Leidens und Gemeinschaft mit den anderen.

[Wir dokumentieren die Katechese des Papstes im Wortlaut in einer eigenen Übersetzung:]

***

Liebe Brüder und Schwestern,

die vergangenen Katechesen standen im Zeichen einer Besinnung auf das Gebet in der „Apostelgeschichte“. Heute möchte ich damit beginnen, über das Gebet in den „Briefen“ des hl. Paulus, des Völkerapostels, zu sprechen. Es ist zunächst kein Zufall, dass seine Briefe mit Gebeten eingeleitet werden und schließen. Am Beginn stehen eine Danksagung und ein Lobpreis; am Ende der Wunsch, dass die Gnade Gottes die in dem Schriftstück angesprochene Gemeinde auf ihrem Weg führen möge. Zwischen der Einleitungsformel: „Zunächst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus“ (Röm 1,8) und dem abschließenden Wunsch: „Die Gnade Jesu, des Herrn, sei mit euch!“ (1 Kor 16,23) entwickeln sich die Themen der Apostelbriefe. Das Gebet des hl. Paulus ist durch einen großen Reichtum an Formen geprägt. Diese reichen von der Danksagung bis zur Segnung, vom Lobpreis bis zur Fürbitte, von der Hymne bis hin zur Anrufung. Diese Vielfalt an Ausdrucksformen lässt erkennen, wie sich das Gebet in alle Lebenslagen einfügt und diese durchdringt; sowohl die persönlichen als auch jene der angesprochenen Gemeinde.

Zuallererst legt der Apostel dar, dass das Gebet nicht lediglich als von uns verrichtetes gutes Werk für Gott, als von uns vollbrachte Tat, zu verstehen sei. Es handle sich um ein Geschenk, eine Frucht der lebendigen und lebendig machenden Gegenwart des Vaters und Jesu Christi in uns. Im „Brief an die Römer“ schrieb er: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8,26). Wir wissen um den Wahrheitsgehalt der Worte des Apostels: „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen“. Wir wollen zwar beten, doch Gott ist fern; uns fehlen die Worte, die Sprache, und selbst die Gedanken für ein Gespräch mit Gott. Wir können uns nur öffnen, Gott unsere Zeit zur Verfügung stellen, und erhoffen, dass er uns beim Aufbau eines wahren Dialogs behilflich sei. Der Apostel sagt uns: Gerade in diesem Mangel an Worten, in dieser Wortlosigkeit, der ein brennender Wunsch nach einer Kontaktaufnahme mit Gott gegenübersteht, liegt das Gebet, das vom Heiligen Geist nicht nur verstanden, sondern gedeutet und zu Gott hingetragen wird. Gerade unsere Schwäche verwandelt sich durch den Heiligen Geist in wahres Gebet, wahren Kontakt mit Gott. Der Heilige Geist fungiert gleichsam als Dolmetscher, der sowohl uns als auch Gott unsere Botschaft begreifbar macht.

Im Gebet erleben wir mehr als in anderen Dimensionen unserer Existenz unsere Schwäche, unsere Armut, unser Dasein als Kreaturen, denn es stellt uns vor die Allmacht und die Transzendenz Gottes. Je mehr wir unsere Fähigkeit zum Zuhören und zum Dialog mit Gott verfeinern, bis unser Gebet allmählich zum täglichen Atem unserer Seele wird, desto mehr verfeinert sich auch die Wahrnehmung unserer Grenzen; nicht nur in den konkreten Situationen unseres Alltags, sondern auch in unserer Beziehung zum Herrn. In uns wächst das Bedürfnis danach, uns anzuvertrauen. Wir möchten uns ihm immer mehr anvertrauen. Uns ist bewusst, dass wir nicht wissen „worum wir in rechter Weise beten sollen“ (Röm 8,26). In unserem Unvermögen hilft uns der Heilige Geist, der unseren Geist erleuchtet, unser Herz erwärmt und uns in unserer Hinwendung zu Gott Führung gibt. Für den hl. Paulus ist das Gebet vor allem ein Werk des Heiligen Geistes an in unserer Menschheit. Er nimmt sich unserer Schwäche an und verwandelt uns von Menschen, die an materielle Dinge gebunden sind,  in spirituelle Menschen. Im Ersten Korintherbrief führt Paulus aus: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist. Davon reden wir auch, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten“ (2,12-13). Indem er unsere menschliche Schwäche einkehrt, verändert uns der Heilige Geist; er tritt für uns ein und erhebt uns in die Höhen Gottes (vgl. Röm 8,26).

Durch die Gegenwart des Heiligen Geistes verwirklicht sich unser Einswerden mit Christus, denn es handelt sich um den Geist des Gottessohnes, in dem wir zu Kindern geworden sind. Der hl. Paulus spricht nicht nur vom Geist Gottes, sondern auch vom Geist Christi (vgl. Röm 8,9). Lasst uns dabei kurz verweilen: Wenn Christus der Sohn Gottes ist, dann ist sein Geist auch der Geist Gottes. Wenn also der Geist Gottes, der Geist Christi, ganz nahe bei uns zum Sohn Gottes und zum Menschensohn wurde, dann wird der Geist Gottes zum Geist des Menschen, von dem wir berührt werden. Wir können in die Einheit des Heiligen Geistes eintreten. Aus der Schrift des hl. Paulus geht gleichsam hervor, dass durch die Menschwerdung des Sohnes nicht nur Gott Vater sichtbar geworden ist, sondern dass sich auch der Geist Gottes durch das Leben und Wirken Jesu Christi manifestiert, der gelebt hat, gekreuzigt wurde, gestorben ist und von den Toten auferstand. Der Apostel ruft uns folgendes in Erinnerung: „keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3). Der Heilige Geist richtet unser Herz nach Jesus Christus, so dass „nicht mehr ich lebe, sondern Christus“ … in mir“ lebt (vgl. Gal 2,20). In der Betrachtung der Eucharistie in seinen „Catechesi sui Sacramenti“ (Katechesen über die Sakramente) legt der hl. Ambrosius  „Wer sich am Geist  berauscht, wird mit Christus verwurzelt“ (5, 3, 17: PL 16, 450 eigene Übersetzung des italienischen Originals).

Wenn all unser Handeln nicht mehr vom Weltgeist gesteuert wird, sondern vom Geist Christ, der zu unserem inneren Prinzip wird, so hat dies dreierlei Auswirkungen auf unser christliches Leben. Auf diese möchte ich nun zu sprechen kommen.

Das vom Heiligen Geist belebte Gebet bringt uns zunächst in die Lage, jede Form der Angst und der Sklaverei überwinden zu können, indem wir die wahre Freiheit der Kinder Gottes leben. Ohne das Gebet, das unser Leben in Christus täglich speist und uns ihm schrittweise annähert, befinden wir uns in der von Paulus im „Römerbrief“ geschilderten Lage: Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern das Böse, das wir nicht wollen (vgl. Röm 7,19). Er drückt damit die Entfremdung des Menschen aus, die Zerstörung unserer Freiheit aufgrund der Umstände unseres Seins im Zusammenhang mit der Erbsünde: Wir wollen das Gute, tun es jedoch nicht und tun das Böse; das, was wir nicht wollen. Der Apostel legt uns nahe, dass wir uns aus dieser Lage nicht so sehr mit Hilfe unseres Willes oder des Gesetzes befreien können, sondern vor allem mit Hilfe des Heiligen Geistes. Im Korintherbrief heißt es: „wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). Demnach erfahren wir mit dem Gebet die vom Heiligen Geist geschenkte wahre Freiheit, die uns vom Bösen und von der Sünde befreit und uns für das Gute, für das Leben und für Gott öffnet. Die Freiheit des Geistes, führt der hl. Paulus fort, erkenne sich weder in der Zügellosigkeit wieder, noch in der Möglichkeit, Entscheidungen für das Böse zu treffen. Sie verstehe sich vielmehr als „Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22). Die wahre Freiheit bestehe also darin,  wahrhaft dem Wunsch nach dem Guten, nach der wahren Freude, nach der Einheit mit Gott, zu folgen, ohne sich von den äußeren Umständen in andere Richtungen drängen zu lassen.

Eine zweite Veränderung, die wir in unserem Leben beobachten können, wenn wir den Geist Christi in uns wirken lassen, ist eine derart starke Vertiefung unserer Beziehung zu Gott, dass kein Ding und keine Situation sie mehr zu trüben vermag. Wir erkennen somit, dass uns das Gebet nicht von den Herausforderungen und vom Leid fernhält, dass wir diese jedoch in Einheit mit Christus, mit seinem Leiden, durchleben können mit der Aussicht, mit ihm auch verherrlicht zu werden (vgl. Röm 8,17). Oftmals bitten wir Gott in unserem Gebet darum, uns vom materiellen und geistigen Bösen zu befreien und legen dabei großes Vertrauen in ihn. Dennoch haben wir oft den Eindruck, kein Gehör zu finden. So fällt unsere Beharrlichkeit leicht der Entmutigung zum Opfer. In Wahrheit gelangt jeder Ruf des Menschen in Gott Ohr. Gerade im beständigen und treuen Gebet begreifen wir mit dem hl. Paulus, dass „die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). Das Gebet verschont uns nicht vor Prüfungen und der Erfahrung des Leidens. Laut dem  hl. Paulus, seufzen wir vielmehr „…in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm, 8,23).Er betont, dass das Gebet uns zwar das Leid nicht erspart, dass wir es dank des Gebetes jedoch mit einer neuen Kraft durchleben und bewältigen können, mit dem selben Vertrauen Jesu nach dem „Brief an die Hebräer“. Dort lesen wir: „Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“ (5,7). Die Antwort Gottes des Vaters auf die Bitte seines Sohnes, der laut schrie und weinte, war keine Befreiung vom Leiden, vom Kreuz, vom Tod, sondern eine viel umfassendere Wunscherfüllung, eine Antwort von viel größerer Tiefe. Durch das Kreuz und den Tod antwortete Gott mit der Auferstehung des Sohnes, mit dem neuen Leben. Dank des vom Heiligen Geist belebten Gebetes können auch wir jeden Tag auf dem Weg unseres Lebens mit seinen Prüfungen und seinem Leiden vorangehen; voller Hoffnung und im Vertrauen auf Gott, der uns wie seinem Sohn Antwort gibt.

Als dritten Punkt möchte ich das Gebet des Gläubigen anführen, das uns die Dimensionen der Menschheit und der gesamten Schöpfung eröffnet und sich der sehnsüchtigen Erwartung der ganzen Schöpfung „auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes“ (Röm 8,19) annimmt. Das  vom Geist Christi gestützte Gebet, das unser Innerstes offenbart, bleibt somit niemals in uns selbst verschlossen, es ist niemals nur für uns selbst gedacht. Es öffnet uns für die Teilhabe am Leiden unserer Zeit, am Leiden unserer Mitmenschen. Es wird zur Fürsprache für unsere Mitmenschen und somit zur Befreiung von uns selbst, zu einem Kanal der Hoffnung für die gesamte Schöpfung, zum Ausdruck jener Liebe, die Gott in unsere Herzen ausgießt durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (vgl. Röm 5,5). Gerade dies ist ein Zeichen des wahren Gebetes, das nicht in unserem Inneren verschlossen bleibt, sondern eine Hinwendung zu den anderen Menschen bewirkt und uns so befreit und zum Einsatz für die Erlösung der Welt wird.

Liebe Brüder und Schwestern, der hl. Paulus lehrt uns, dass wir uns in unserem Gebet für die Gegenwart des Heiligen Geistes öffnen sollen. Dieser betet in uns mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können und durch ihn gelangen wir zur Aufnahme in Gott mit unserem ganzen Herzen und unserem ganzen Leben. Der Geist Christi wird zur Kraft für unser „schwaches“ Gebet, zum Licht für unser „verloschenes“ Gebet, zum Feuer für unser „verdorrtes“ Gebet, indem er uns die wahre innere Freiheit schenkt und uns ein Leben lehrt, das sich den Herausforderungen stellt; in der Gewissheit, stets begleitet und getragen zu sein, und das sich auf die Horizonte der Menschheit und der Schöpfung, die „seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22) hin öffnet. Danke.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner ©2012 - Libreria Editrice Vaticana]