Katechese von Papst Benedikt XVI. während der Generalaudienz am 30. Mai 2012

Gebet des hl. Paulus

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VATIKANSTADT, 30. Mai 2012 (ZENIT.org). – In der Katechese während der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz führte der Papst seine Katechesenreihe über das Gebet in den Briefen des hl. Paulus fort. Im Zentrum seiner Betrachtungen stand das Thema: „Das treue „Ja“ Gottes in Jesus Christus und die Antwort des Glaubens durch das „Amen“ der Kirche (2 Kor 1,3-14.19-20).

[Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut in einer eigenen Übersetzung:]

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Liebe Brüder und Schwestern,

unsere gegenwärtigen Katechesen stehen im Zeichen einer Betrachtung des Gebetes in den Briefen des hl. Paulus. Wir versuchen, das christliche Gebet als eine wahre, persönliche Begegnung mit Gott Vater zu begreifen, den wir durch den Heiligen Geist in Christus erkennen. In der heutigen Begegnung treten das treue „Ja“ Gottes und das vertrauensvolle „Amen“ der Gläubigen miteinander in Dialog. Zur Schilderung dieser Dynamik möchte ich beim Zweiten Brief an die Gemeinde von Korinth verweilen. Diesen leidenschaftlichen Brief sendet der hl. Paulus an eine Kirche, die ihr Apostolat mehrmals in Frage gestellt hat. Er öffnet sein Herz, um die Empfänger seines Glaubens an Christus und an das Evangelium zu versichern. Am Beginn dieses Zweiten Briefes an die Gemeinde von Korinth steht ein Gebet, das einen der höchsten Lobpreise des Neuen Testamentes enthält. Es wird folgendermaßen gesprochen: „Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden“ (2 Kor 1,3-4).

So lebte Paulus in großer Sorge; er musste viele Schwierigkeiten und viel Leid erfahren. Da er aber von der Gnade und der Nähe des Herrn Jesus Christus gestützt wurde, gab Paulus sich nie der Entmutigung hin. Er legte sein ganzes Leben in die Hände Jesu und wurde so zu dessen Apostel und Zeugen. Gerade deshalb beginnt Paulus seinen Brief mit einem Lobpreis und einer Danksagung an Gott, denn in keinem Augenblick seines Lebens als Apostel Christi spürte er ein Nachlassen der Unterstützung des barmherzigen Vaters, des Gottes allen Trostes. Wie wir in diesem Brief erfahren, war sein Leiden furchtbar. Doch in jeder dieser zunächst ausweglos scheinenden Lagen erhielt er Trost und von Stützung von Gott. Obwohl Paulus aufgrund seiner Verkündigung Christi auch der Verfolgung zum Opfer fiel und wurde sogar eingekerkert wurde, fühlte er in seinem Inneren stets Freiheit, die lebendige Gegenwart Christi und den Wunsch, das Wort der Hoffnung des Evangeliums zu verkündigen. So schrieb er seinem treuen Mitarbeiter Timotheus aus dem Gefängnis. „das Wort Gottes ist nicht gefesselt. Das alles erdulde ich um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus und die ewige Herrlichkeit erlangen“ (2 Tim 2,9b-10). In seinem Leiden für Christus wird ihm der Trost Gottes zuteil. Wir lesen dazu folgendes: „Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil“ (2 Kor 1,5).

Den thematischen Schwerpunkt des Lobpreises am Beginn des Zweiten Korintherbriefes bildet neben der Betrübnis das Thema des Trostes, der hier nicht als einfache Stützung, sondern vor allem als Ermutigung und Ermahnung zu verstehen ist, sich nicht der Sorge und den Schwierigkeiten zu unterwerfen. Wir sind dazu eingeladen, uns in jedem Augenblick mit Christus zu vereinen, der alles Leid und alle Sünde der Welt auf sich lädt und uns Licht, Hoffnung und Erlösung schenkt. Auf diese Weise befähigt Jesus uns wiederum dazu, von Betrübnissen geplagten Menschen unseren Trost zu spenden. Die tiefe Einheit mit Christus im Gebet und das Vertrauen auf seine Gegenwart lassen die Bereitschaft zur Teilnahme am Leiden und an der Betrübnis unserer Mitmenschen entstehen. So schreibt Paulus: „Wer leidet unter seiner Schwachheit, ohne dass ich mit ihm leide? Wer kommt zu Fall, ohne dass ich von Sorge verzehrt werde?“ (2 Kor 11,29). Diese Teilnahme entspringt nicht dem reinen Wohlwollen; genauso wenig wurzelt sie ausschließlich in menschlicher Großzügigkeit oder im Geist des Altruismus; sie erwächst vielmehr dem Trost des Herrn, der unbeugsamen Stützung durch das „Übermaß der Kraft“, die „von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7).

Liebe Brüder und Schwestern, oft begegnen wir in unserem Leben und auf unserem christlichen Weg der Schwierigkeit, dem Unverständnis und dem Leiden. Dies ist uns allen bewusst. Durch die treue Beziehung zum Herrn im beharrlichen, täglichen Gebet können auch wir unmittelbar den göttlichen Trost empfangen. Dadurch wird unsere Glaube stärker, denn wir erfahren an uns selbst das „Ja“ Gottes zum Menschen, zu uns, zu mir, in Christus; wir spüren die Treue seiner Liebe bis zur Hingabe seines Sohnes am Kreuz. Der hl. Paulus findet dazu folgende Worte: „Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündigt wurde - durch mich, Silvanus und Timotheus -, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen“ (2 Kor 1,19-20). Das „Ja“ Gottes enthält keine Einschränkungen; es liegt nicht irgendwo zwischen „Ja“ und „Nein“, sondern ist ein einfaches und überzeugtes „Ja“. Dieses „Ja“ beantworten wir mit unserem „Ja“, mit unserem „Amen“, und gelangen so in die Geborgenheit des göttlichen „Ja“.

Der Glaube ist kein vordergründig menschliches Wirken, sondern ein Geschenk Gottes, das in seiner Treue, seinem „Ja“, wurzelt, das uns begreifen lässt, wie wir unser Leben in Liebe zu ihm und zu unseren Mitmenschen gestalten können. Die gesamte Heilsgeschichte ist trotz unserer Untreue und unserer Verleugnungen eine fortschreitende Offenbarung der göttlichen Treue, die von der Gewissheit getragen ist, dass die von Gott gewährte Gnade und Berufung unwiderruflich sind, wie es der Apostel im Brief an die Römer darlegte (vgl. Röm 11,29).

Liebe Brüder und Schwestern, das Handeln Gottes, das grundverschieden von unserem Handeln ist, schenkt uns Trost, Kraft und Hoffnung, denn Gott nimmt sein „Ja“ niemals zurück. Die Spannungen in den menschlichen Beziehungen und oft auch innerhalb der Familien führen oft dazu, dass wir vom Weg der Beständigkeit in der geschenkten Liebe, der Einsatz und Opfer erfordert, abkommen. Gott hingegen will sich nie von uns abwenden; er verliert niemals die Geduld mit uns. Mit seiner unendlichen Barmherzigkeit kommt er uns stets zuvor; er macht den ersten Schritt auf uns zu. Auf dieses „Ja“ Gottes können wir vollkommen vertrauen. Das Ereignis des Kreuzes lässt uns die Tiefe seiner nicht berechnenden, grenzenlosen Liebe erahnen. In seinem Brief an Titus schreibt der hl. Paulus dazu folgendes: „Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet“ (Tt 3,4). Damit dieses „Ja“ sich jeden Tag erneuere, ist Gott, „der uns alle gesalbt hat … es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat“ (2 Kor 1,21b-22).

In Wahrheit ist es der Heilige Geist, der das „Ja“ Gottes in Jesus Christus stets vergegenwärtigt und mit Leben erfüllt und in unserem Herzen den Wunsch entstehen lässt, ihm nachzufolgen, um an jenem Tag, da wir eine nicht von Menschenhand gebaute Wohnung im Himmel bekommen, ganz in seine Liebe einzutreten. Die Treue dieser Liebe ist derart, dass sie sich auch um jene sorgt, die sie mit dem „Nein“ der Ablehnung oder der Hartherzigkeit hartnäckig zurückweisen. Jeder Mensch wird von ihr erreicht und angerufen.

Gott erwartet uns; er sucht uns immer und will uns in die Einheit mit ihm aufnehmen, um jedem von uns die Fülle des Lebens, der Hoffnung und des Friedens zuteilwerden zu lassen.

In das treue „Ja“ Gottes fügt sich das „Amen“ der Kirche ein, das in jedem Bestandteil des liturgischen Wirkens vernehmbar wird: „Amen“ ist die Antwort des Glaubens. Es bildet immer den Abschluss unseres persönlichen oder gemeinsamen Gebetes und ist Ausdruck unseres „Ja“ zur Initiative Gottes. Oft sprechen wir unsere Antwort „Amen“ im Gebet aus Gewohnheit, ohne deren tiefe Bedeutung zu ergründen. Das Wort stammt von „‘aman“ ab und bedeutet im Hebräischen und Armenischen „stabilisieren“, „festigen“ und im weiteren Sinne „gewiss sein“, „die Wahrheit sagen“. Bei einer Betrachtung der Heiligen Schrift erkennen wir, dass das „Amen“ am Ende der Segnungs- und Lobpreispsalmen steht. So finden wir es beispielsweise im Psalm 41: „Weil ich aufrichtig bin, hältst du mich fest und stellst mich vor dein Antlitz für immer. Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen, ja amen“ (Psalm 41,13-14). Ebenso bringt es in jenem Moment, da das Volk Israel voll Freude aus dem Babylonischen Exil zurückkehrt und zu Gott und zum Gesetz „Ja“, „Amen“, sagt, die Zustimmung zu Gott zum Ausdruck. Das Buche Nehemia enthält folgende Erzählung: „Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen!“ (Neh 8,5-6).

Seit ihren Anfängen haben die ersten christlichen Gemeinden das „Amen“ der jüdischen Liturgie als ihr „Amen“ verwendet. Das herausragende Buch der christlichen Liturgie, die Offenbarung des Johannes, beginnt mit dem „Amen“ der Kirche: „Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (Offb 1,5b-6). Obiges Zitat entstammt dem ersten Kapitel der Offenbarung. Das Buch endet mit folgender Anrufung „Amen. Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,21).

Liebe Freunde, das Gebet ist eine Begegnung mit einer lebendigen Person, die zu uns spricht, und mit der wir in Dialog treten können; wir begegnen Gott, der seine unerschütterliche Treue erneuert, sein „Ja“ zum Menschen, zu jedem von uns. Dadurch umgibt er uns inmitten der Stürme unseres Lebens mit seinem Troste und schenkt  uns in der Einheit mit ihm ein Leben voll der Freude und voll des Guten, dessen Vollendung wir im ewigen Leben erfahren.

Wir sind in unserem Gebet dazu aufgerufen, „Ja“ zu Gott zu sagen, mit dem „Amen“ der Zustimmung, der Treue unseres ganzen Lebens zu antworten. Diese Treue vermögen wir nicht aus eigener Kraft zu erobern; sie ist nicht nur die Frucht unseres täglichen Bemühens; sie kommt von Gott und liegt im „Ja“ Christi begründet, der folgendes sagt: Meine Speise ist es, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34). In dieses „Ja“, in das „Ja“ Christi, in die Zustimmung zum Willen Gottes, müssen wir eintreten, um mit dem hl. Paulus zur Einsicht zu gelangen, dass wir nicht selbst leben, sondern durch Christus, der in uns lebt. Das „Amen“ unseres persönlichen und gemeinsamen Gebetes umgibt uns und verwandelt unser ganzes Leben in ein von göttlichem Trost erfülltes Leben, das tief in der ewigen und unbesiegbaren Liebe verankert ist. Danke.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner© 2012 - Libreria Editrice Vaticana]