Katharina von Genua: Mystikerin des Fegfeuers

Ansprache während der heutigen Generalaudienz

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ROM, 12. Januar 2011 (ZENIT.org).- Kraft und innere Erleuchtung durch innere Reinigung, die wie mit Feuer die Seele durchdringt. Diese Erfahrungen machen aus einem leichtlebigen Mitglied der mittelalterlichen Gesellschaft, Katharina von Genua (1447-1510), eine engagierte „Mutter Teresa" ihrer Zeit. Ihre mystische Erfahrung ist so stark, dass sie sogar ihren Ehemann überzeugen kann, ein mondänes Leben zugunsten eines ganz anderen Lebens aufzugeben.

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über eine andere Heilige sprechen, die den Namen Katharina trägt, genauso wie Katharina von Siena und Katharina von Bologna. Ich spreche von Katharina von Genua, die besonders wegen ihrer Vorstellung des Fegefeuers bekannt ist. Der Text, der ihr Leben und ihre Gedanken beschreibt, wurde in dieser ligurischen Stadt im Jahr 1551 veröffentlicht; er ist in drei Abschnitte eingeteilt: ihre „Vita" an sich, die „Dimostratione et dechiaratione del purgatorio" - später als „Traktat" (Trattato) bekannt - und der „Dialog der Seele mit dem Leib" - Dialogo tra l'anima e il corpo. Der Herausgeber war der Beichtvater Katharinas, der Priester Cattaneo Marabotto.

Katharina wurde in Genua im Jahr 1447 als jüngstes von fünf Kindern geboren. Sie verliert ihren Vater Giacomo Fieschi schon sehr jung und wird Waise. Die Mutter, Francesca di Negro, vermittelt ihr eine gute christliche Erziehung, so intensiv, dass eine der beiden Töchter sogar in den Orden eintritt. Im Alter von 16 Jahren wird sie mit einem von ihren Eltern ausgesuchten Adligen, Giuliano Adorno, verheiratet. Ein Mann, der sich nach einigen Erfahrungen als Händler und Soldat im Nahen Osten in Genua niederlässt. Das Eheleben war nicht einfach, weil der Ehemann sich leichtlebig auch im Spiel versuchte. Katharina versuchte sich anfänglich auf ein solches mondänes Leben einzulassen, fand aber ihren inneren Frieden nicht dabei. Nach etwa zehn Jahren war ihre Seele mit Bitterkeit erfüllt.

Ihre Bekehrung begann am 20. März 1473 dank einer einzigartigen Erfahrung. Als sie in der Kirche „San Benedetto" des Klosters von "Nostra Signora delle Grazie" Zuflucht nahm, um dort zu beichten, und sich vorstellte, sie stehe vor dem Priester, "empfing sie - wie sie schrieb - einen Strahl der unendlichen Liebe Gottes in ihrem Herzen", sie sah plötzlich in sich ganz klar das Ungenügen dieses Lebens und gleichzeitig die Güte Gottes, die sie umgab. Sie empfand ganz tief auf der einen Seite ihre Nachlässigkeit, ihre Armseligkeit, die Leere ihres Herzens, die dieser Güte Gottes gegenüberstand.

Aus dieser Erfahrung wurde eine Entscheidung geboren, die danach ihr ganzes Leben bestimmen sollte und in folgender Formel zusammengefasst ist: „Nicht mehr Weltlichkeit und nicht mehr Sünde (vgl. Vita mirabile, 3rv)". Katharina konnte in diesem Moment zuerst gar nicht beichten, sie ging wieder nach Hause, trat in ihr Zimmer und weinte lange.

In diesem Moment wurde sie innerlich im Gebet erleuchtet, und sie hatte einen Durchbruch zum Bewusstsein der unergründlichen Liebe Gottes, die sie durch die Erfahrung ihrer Sünde erlebte. Eine geistliche Erfahrung, die man schwerlich in Worten ausdrücken kann (vgl. Vita mirabile, 4r). Und bei dieser Gelegenheit erschien ihr der leidende Jesus, der unter der Last des Kreuzes litt, wie er in einem Bildnis der Heiligen dargestellt ist. Einige Tage später kehrte sie zum Priester zurück und legte schließlich eine gute Beichte ab. Damit begann ihr "Leben der Reinigung" , das ihr für lange Zeit einen bleibenden Schmerz für ihre begangenen Missetaten bescherte, und den sie als Buße und Opfer auf sich nahm, um Gott ihre Liebe zu zeigen.

Auf diesem Weg, der Katharina immer enger und näher zum Herrn brachte, trat sie schließlich in einen Zustand ein, den wir "vita unitiva" nennen, eine tiefe Gemeinschaft mit Gott. In ihrer „Vita" steht geschrieben, dass ihre Seele innerlich nur von der süßen Liebe Gottes geleitet war, die ihr alles gab, was sie zum Leben brauchte. Katharina hat sich ganz und gar Gott überlassen, und für rund 25 Jahre , wie sie schreibt „ hat mich niemand anders als nur Gott selbst geleitet und geführt" (Vita, 117r-118r). Sie nährte sich vor allem aus dem Gebet und der Heiligen Kommunion, die sie täglich empfing, was für ihre Zeit nicht normal war. Erst einige Jahre später schenkte der Herr ihr einen Priester, der ihr zum Seelenbeistand wurde.

Katharina war immer sehr zurückhaltend damit, ihre mystische Erfahrung der Vereinigung mit Gott zu verbreiten. Das lag vor allem an ihrer tiefen Demut, die ein Beweis für ihren Ursprung in der Gnade Gottes war. Nur die Aussicht, damit Gott größere Ehre zu erweisen und anderen auf dem geistlichen Weg zu unterstützen, brachten sie schließlich dazu, über all das zu sprechen, was sich vom Augenblick ihrer Bekehrung, dieser tiefen und einzigartigen Erfahrung, zugetragen hatte.

Der Ort, wo diese mystische Erfahrung sich konkretisieren sollte, wurde das Hospital von Pammatone. Es war eine sehr große Hospizeinrichtung in Genua, die sie schließlich leiten und voranbringen sollte. Während Katharina eine ganz aktive Existenz lebte, trug sie die Tiefe ihrers inneren Lebens.

In Pammatone bildete sich schließlich ein Kreis von Nachfolgern, Schülern und Mitarbeitern, die von dieser Form, Glaube und Caritas zu verbinden, fasziniert waren. Sogar ihr Ehemann, Giuliano Adorno, den sie davon überzeugte, sein oberflächliches Leben aufzugeben, wurde schließlich Franziskanertertiar in diesem Krankenhaus und hat bei der Krankenpflege mitgeholfen. Der Einsatz Katharinas für die Kranken war bis zu ihrem Tod am 15. September 1510 von unermüdlichem Engagement gekennzeichnet. Von ihrer Bekehrung bis zu ihrem Tod waren es nicht die außergewöhnlichen Ereignisse, die ihr Leben prägten, sondern Gott und der Nächste waren die beiden Pole, die ihr Leben ganz erfüllten, das sie fast ausschließlich in den Mauern des größten Krankenhauses von Genua verbracht hatte.

Liebe Freunde, je mehr der Mensch Gott liebt und in ständigem Gebet verharrt, desto mehr gelingt es ihm, wirklich den Nächsten zu lieben, da er auf diese Weise fähig ist, in jeder Person das Antlitz des Herrn zu erkennen, der ohne Grenzen und unterschiedslos liebt. Die heilige Katharina von Genua hat ein ganz aktives Leben gelebt, und dies trotz der Tiefe ihrer inneren Erfahrung. Zwei Elemente haben ihr Dasein geprägt: auf der einen Seite die mystische Erfahrung der tiefen Einheit mit Gott, auf der anderen ihre Hilfe für die Kranken, der Dienst am Nächsten und dabei besonders an den Ärmsten und Bedürftigsten. Die Mystik schafft keine Distanz zum anderen, sie führt nicht zu einem abstrakten Leben, sondern zur Freundschaft mit ihm, da sie mit den Augen und mit dem Herzen Gottes zu sehen beginnt.

Die Überlegungen Katharinas zum Fegefeuer, durch die sie insbesondere bekannt wurde, ist in dem Buch zusammengefasst, das ich eingangs erwähnt habe: dem „Traktat" über das Fegefeuer mit dem Titel: „Dialogo tra l'anima e il corpo". Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Katharina mit ihrer mystischen Erfahrung keine besondere Vorstellung vom Fegefeuer oder seinem Ort verband. Trotzdem haben die inspirierten Schriften unserer Heiligen im Vergleicht zum Kontext ihrer Zeit eine ganz besondere Art und Weise in der Beschreibung.

Der erste originelle Zug der Äußerungen betrifft den „Ort" der Läuterung der Seelen. Zu ihrer Zeit wurde dieser vor allem durch an Raumvorstellungen gebundene Bilder dargestellt. Man dachte an einen bestimmten Ort, an dem sich das Fegefeuer befand.

Bei Katharina aber präsentiert sich dagegen das Fegefeuer nicht als ein Element der Landschaft des Inneren der Erde. Für sie ist das Fegefeuer kein äußeres, sondern ein inneres Feuer. Die Heilige sprach vom Weg der Läuterung der Seele hin zur vollen Gemeinschaft mit Gott. Dabei geht sie von der Erfahrung des tiefen Schmerzes über die begangenen Sünden angesichts der unendlichen Liebe Gottes aus (vgl. Vita mirabile, 171v).

Wir haben gesehen, dass Katharina im Augenblick ihrer Bekehrung eine brennende Flamme in sich spürte, als sie die unendliche Distanz zwischen ihrem Leben und der Güte Gottes wahrnahm. Das ist die Flamme, die reinigt, die innere Flamme des Fegefeuers.

Auch dabei handelt es sich um etwas im Vergleich mit ihrer Zeit Originelles. Sie beginnt nicht etwa mit einem Jenseits, um die Qualen des Fegefeuers zu erzählen - wie es zu ihrer Zeit üblich gewesen war - und dann den Weg der Läuterung oder der Umkehr zu weisen. Vielmehr hebt unsere Heilige mit der inneren Erfahrung des Menschen an, der unterwegs zur Ewigkeit ist.

Die Seele - so erklärt es Katharina - präsentiert sich dort noch in dem Moment, da sie an das Verlangen und die Qual gebunden ist, die der Sünde entstammten. Dies macht es ihr unmöglich, in den Genuss der selig machenden Schau Gottes zu kommen.

Katharina bekräftigt, dass Gott so rein und heilig sei, dass sich die Seele nicht mit ihren Makeln der Sünde in Gegenwart der göttlichen Majestät zeigen kann (vgl. Vita mirabile, 177r). Aber auch wenn wir uns dieses Abstandes bewusst sind, solange wir noch von so vielem voll sind, können wir Gott nicht schauen. Die Seele ist sich der unendlichen Liebe und der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes bewusst und leidet folglich daran, dieser Liebe nicht in vollendeter Weise entsprochen zu haben. Gerade die Liebe Gottes aber läutert sie von den Schlacken der Sünde.

In Katharina spürt man die Gegenwart von theologischen und mystischen Quellen, die zu ihrer Zeit gängig waren. Insbesondere finden wir ein typisches Bild, das dem Denken des Dionysius Areopagita entstammt. Dabei handelt es sich um das Bild des goldene Fadens, der das Herz des Menschen mit Gott selbst so inniglich verbindet, dass der Mensch von „allem, was außer ihm ist, geläutert wird".

Wenn also das Herz des Menschen geläutert werde, so werde es von der Liebe Gottes erfüllt, der zum einzigen Führer und Motor seines Daseins wird (vgl. Vita mirabile, 246rv).

Diese Situation der Erhebung zu Gott und der Hingabe an seinen Willen, die mit dem Bild des Fadens zum Ausdruck gebracht wird, benutzt Katharina, um das Wirken des göttlichen Lichts auf die Seelen im Fegefeuer" zu verdeutlichen. Eines Lichts, das reinigt und zum Glanz der hellen Strahlen Gottes erhebt. (vgl. Vita mirabile, 179r).

Liebe Freunde, die Heiligen erlangen in ihrer Erfahrung der Einheit mit Gott ein derart tiefes „Wissen" um die göttlichen Geheimnisse, in dem sich Erkenntnis und Liebe durchdringen, dass sie so den Theologen in ihrem Engagement für das Studium, die „intelligentia fidei" der Vertiefung der Geheimnisse des Glaubens, so im Falle des Fegefeuers zur Hilfe werden.

Mit ihrem Leben hat Katharina uns gelehrt, dass wir um so tiefer in der Erkenntnis seiner Liebe und unseres Herzens fortschreiten, desto inniglicher wir im Gebet mit ihm verbunden sind. Indem sie über das Fegefeuer schreibt, hat unsere Heilige uns eine grundlegende Glaubenswahrheit in Erinnerung gerufen, die für uns zur Einladung wird, für die Verstorbenen zu beten, auf dass sie zur selig machenden Schau Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen gelangen (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1032). Der demütige, treue und großzügige Dienst im Hospiz Pammatone ist ein leuchtendes Beispiel der Liebe für alle und eine Ermutigung besonders für die Frauen, die für Gesellschaft und Kirche mit ihrem wertvollen Werk, das durch ihre Sensibilität und Aufmerksamkeit gegenüber dem Ärmsten und Bedürftigsten bereichert wird, einen wichtigen Beitrag leisten".

[Aus dem Italienischen übertragen von ZENIT © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]