Katholiken, Politik und die Neuevangelisierung

Christliche Soziallehre verwirklichen

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Von Salvatore Martinez

ROM, 4. November 2011 (ZENIT.org). – Der Präsident der Bewegung „Rinnovamento nello Spirito” (Erneuerung im Heiligen Geist), Salvatore Martinez, äußert sich mit diesem Beitrag zum Themenkomplex Katholiken, Politik und Neuevangelisierung.

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Ich möchte mit zwei grundlegenden Vorbemerkungen beginnen.

Die Kirche ist kein politisches Subjekt und könnte dies auch niemals werden. Wie vom Heiligen Vater Benedikt XVI. bekräftigt, würde „sie [die Kirche] ihre Unabhängigkeit und ihre moralische Autorität verlieren, wenn sie sich mit einem einzigen politischen Weg und mit diskutierbaren Parteipositionen identifizierte.“ [1]Die Kirche ist nicht zur Bildung von Parteien aufgerufen: Sie würde sich in eine bürgerliche Religion verwandeln. Stattdessen ist die christliche Gemeinschaft zur Bildung neuer Menschen in Christus aufgerufen, welche in der Lage sind auch die Politik zu erneuern; Männer und Frauen mit neuem Geist, die in der Lage sind den Geist der politischen Institutionen zu erneuern. 

Wenn „das Wort Fleisch geworden“ [2] ist,  gilt dieses „Gesetz der Liebe“ auch für die Politik und obliegt auch unserem Gewissen als weltliche Christen; es spornt uns an, unseren Glauben im sozialen Kontext, wo Christus fehlt, vernachlässigt oder gekränkt ist, mit neuer Liebe zu leben.

Im Übrigen ist Papst Benedikt XVI. sehr deutlich: „Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte. Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen.“ [3]

Folglich ist es an uns, eine Kultur der Liebe zu schaffen. Es ist unsere Aufgabe, den Samen des neuen Lebens, einer neuen Liebe Gottes, die „sich in der Verantwortung dem andern gegenüber“ [4] zeigt, „in die Vorgänge und Sorgen der menschlichen und der institutionellen Welt zu pflanzen.

Es ist unsere Aufgabe, zu erkennen, wie und was zu tun ist, damit die soziale Botschaft der Kirche, die christliche Soziallehre, nicht abgewertet oder ignoriert wird, vor allem was die Ausbildung vieler Christen anbelangt. In der katholischen Soziallehre finden wir einen einheitlichen Ausgangspunkt bezüglich der Beurteilung der sozialen Realität, ein Gedanken, der Glaube und Vernunft kraft der ihm innewohnenden Wahrheit miteinander verbindet.

Die Neuevangelisierung der Politik ist unumgänglich, um unser Zeitalter vom Geist des Irrtums zu befreien, der als Macht der Täuschung im Begriff steht, die göttliche Vorsehung des Menschen und seines ewigen Schicksals zu stören und unaufhörlich sündige Strukturen zu vermehren.

Ich sehe zwei große und grundlegende Herausforderungen für das politische Engagement der Katholiken:

Die erste Herausforderung der Neuvangelisierung der Politik besteht darin zu verhindern, dass unser christlicher Glauben aus dem öffentlichen Leben der Nationen ausgegrenzt wird. So hat Benedikt XVI. daran erinnert, dass „die Kirche keine technischen Lösungen anzubieten hat“ und keineswegs beanspruche „sich in die staatlichen Belange einzumischen.“[5] „Kirchliche Gemeinschaft“ und „politische Gemeinschaft“ sind in Wirklichkeit zwei unterschiedliche Dinge mit unterschiedlichen Vertretern, doch müssen sie wieder miteinander in Dialog treten. Wir können dazu beitragen, dass dieser Dialog, wo unterbrochen, wieder aufgenommen wird, fruchtbar und glaubwürdig wird, den Menschen wieder in den Mittelpunkt einer menschengerechte Gesellschaft stellt und so zu einer ganzheitlichen Entwicklung der Menschen beiträgt. Wir können nicht zulassen, dass unsere christliche Laizität zum Schweigen gebracht und in die Privatsphäre zurück gedrängt wird.  Der hl. Augustinus mahnt uns „das Evangelium nicht zu einer privaten Wahrheit herabzuwürdigen, um es nicht zu entbehren.“[6] Es ist unakzeptabel, dass in vielen Nationen „Gläubige einen Teil ihrer selbst, ihren Glauben, unterdrücken müssen, um aktive Bürger zu sein.“ [7] Es sollte niemals erforderlich sein, Gott zu leugnen, nur um die eigenen Rechte geltend zu machen: schlimmer noch wäre es „dem Kaiser zu geben, was Gottes ist!“

Die zweite Herausforderung der Neuevangelisierung der Politik ergibt sich aus den wirtschaftlichen und kaufmännischen Gesichtspunkten der Globalisierung. Indem man zu irrationalem Konsumdenken anregt, wird die materielle Seite des Menschen in den Mittelpunkt gestellt, und somit die Öffnung der Menschen zur Transzendenz und zu Gott beeinträchtigt. Man wünscht sich ein „praktisches Christentum“, das dazu nützlich wäre, die materiellen Probleme der Menschen zu lösen, doch wird dadurch die heilbringende Reichweite unseres Glaubens auf reinen Humanismus und atheistische Menschenliebe reduziert. Gott wird ins Jenseits und der Mensch in die Bedeutungslosigkeit verbannt.

Das aktuelle Geschichtsszenario befindet sich, wie wir wissen, in einer tiefen Krise, einer weltweiten Krise, die allem voran eine „spirituelle Krise“ ist. Die wirtschaftliche und politische Krise unserer Zeit ist eine Folge der spirituellen Krise, die viele Menschen, darunter auch viele Gläubige, durchleben. Genau darum haben wir die Pflicht, an eine Neuevangelisierung der Lebensstile und der Institutionen zu denken, die die Aufsicht über das Schicksal der Menschen und der Völker haben.

Der Diener Gottes Paul VI. lehnte diese Idee klar ab: „Für die Kirche geht es nicht nur darum, immer weitere Landstriche oder immer größere Volksgruppen durch die Predigt des Evangeliums zu erfassen, sondern zu erreichen, dass durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umgewandelt werden.“ [8]

Seit nunmehr drei Jahren ruft Papst Benedikt XVI. in regelmäßigen Abständen die neue Generation der in der Politik aktiven Katholiken zu Folgendem auf: „[Ich] unterstreiche […] die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Ausbildung gemäß dem Evangelium und der pastoralen Begleitung einer neuen Generation von Katholiken, die sich in der Politik engagieren: Sie sollen in Übereinstimmung mit ihrem Glauben handeln und sich durch hohe Sittlichkeit, kulturelle Urteilsfähigkeit, professionelle Kompetenz und Leidenschaft für den Dienst am Gemeinwohl auszeichnen.“ [9]

Der Beurteilung des Papstes zufolge sind es fünf Tugenden, Gesinnungen, welche unerlässlich sind für all jene, die sich durch politisches Engagement für den Dienst am Gemeinwohl einsetzen möchten:

„Übereinstimmung mit ihrem Glauben“, nicht mit ihren eigenen Ideen oder mit der öffentlichen Meinung;„hohe Sittlichkeit“, weil man den Ernst der „Frage der Moral“ auch unter Katholiken nicht mehr herunterspielen darf;„kulturelle Urteilsfähigkeit”, Unterscheidungsvermögen, das vom Lernen, von der Überlegung herrührt, die Fähigkeit, zwischen individuellem Wohl und Gemeinwohl zu differenzieren;„professionelle Kompetenz“, weil Politik eine Kunst, eine Berufung ist, und man nicht improvisieren kann;„Leidenschaft für den Dienst am Gemeinwohl“, und nicht für die persönliche Ehre oder die Befriedigung weniger.

Es ist ratsam zu betonen, dass der Papst von „Ausbildung gemäß dem Evangelium“ spricht, und nicht von politischer Ausbildung. Folglich muss man auf das Evangelium zurückkommen. Der selige Johannes Paul II. verkündete mit unbeirrbarem Weitblick: „Es [gibt] keine echte Lösung der sozialen Frage außerhalb des Evangeliums“. [10]

Das Evangelium stellt für die Menschheit die bestmögliche Laien-Schule dar, weil niemand es besser als Jesus den Menschen beibringen konnte, wie man lebt, wie man mit Taten Liebe schenkt, wie man sich für das Volk einsetzt, bis hin zum Opfern des eigenen Lebens für die Freunde.

Schließlich bin ich der Ansicht, dass es für eine neue Evangelisierung keinen günstigeren Zeitpunkt als diesen geben kann, nun, da sich nach dem Zusammensturz der großen Ideologien eine gewisse Leere eingestellt hat. „Unsere Welt muss mit Vertrauen auf den christlichen Gedanken neu erschaffen werden“ [11], äußerte der im Exil lebende Priester und Staatsmann Luigi Sturzo.

Wir sind die erste Generation des ersten Jahrhunderts des 3 Jahrtausends. Auf uns lastet eine einzigartige und große Verantwortung: Christus in dieses neue Jahrtausend der christlichen Geschichte ein zu lassen! Der hl. Johannes Chrysostomos ermahnt uns mit seinen  Worten: „Wenn du ein Christ bist, ist es unmöglich, dass du in der Welt keinen Eindruck hinterlässt; wenn du ein Christ bist, ist es unmöglich, dass du keine Auswirkungen erzielst. Es ist widersprüchlich zu behaupten, ein Christ könne für die Welt nichts tun, so als ob man behaupten würde, die Sonne könne kein Licht geben.“[12]

Es bedarf mehr Demut und mehr Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes. In Zeiten der Rezession befindet sich der Heilige Geist nicht in Rezession! Der Heilige Geist fordert uns nicht auf, mit Flucht ins Innere des Glaubens und auch nicht, mit haltlosem Enthusiasmus zu antworten. Es ist unsere Verantwortung des Glaubens, diese chaotische Welt im Geiste Gottes zu ordnen, und sie den wahren Bedürfnissen der Menschen entsprechend zu gestalten.

Unser Gebet und unsere Hingabe an den Willen Gottes mögen uns eine neue Evangelisierung des sozialen und politischen Wesens bringen, ein neues Pfingstfest der Liebe, das Wunder einer neuen Politik und neuer Politiker. 

[1] Eröffnungsansprache der V. Generalkonferenz der CELAM [Bischofskonferenzen Lateinamerikas und der Karibik], Aparecida, 14. Mai 2007. 

[2] Joh, 1,14.

[3] Deus caritas est, 28.

[4] Spe salvi, 28.

[5] Caritas in veritate, 7.

[6] Confessiones [Bekenntnisse], X, 23.

[7] Benedikt XVI., Besuch der UN-Vollversammlung, New York, 18. April 2008.

[8] Apostolisches Schreiben „Evangelii nuntiandi“, 19.

[9] Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für Laien, Vatikan, 15. November 2008.

[10] Centesimus annus, 3.

[11] The preservation of the faith, London, 1938.

[12] Acta Apost. Hom. 20, 4; PG 60, 162.

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen]