„Katholiken sollten einfach mit vertrauensbildenden Schritten weitermachen“

Interview mit dem israelischem Historiker Aviad Kleinberg

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JERUSALEM, 19. Mai 2009 (ZENIT.org).- Mit dem Terminus „jüdisch-christliche Beziehungen" hat Aviad Kleinberg, Professor für Geschichte an der Universität von Tel Aviv und hervorragender Kenner des Christentums, so seine Probleme: „Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas wie ‚jüdisch-christliche' Beziehungen gibt. Sicherlich gibt es keine jüdische Führung, die alle Juden akzeptieren."

Dass sich Katholiken ausschließlich an Autoritäten des orthodoxen Judentums wenden, hält Kleinberg für einen Fehler: „Ich denke, Katholiken verstehen oft nicht, dass das orthodoxe Judentum noch immer in seiner ‚verneinenden' Phase ist. Es weigert sich, das Christentum als religiöses Phänomen ernst zu nehmen und ist nur willens, es als politische Realität zu akzeptieren. Zumindest in Israel hat keine größere orthodoxe Autorität irgendein Interesse an einem echten Dialog."

Was sollte die Kirche also tun? „Anstatt an geschlossene orthodoxe Türen zu klopfen, hätte die Kirche versuchen sollen, einen kulturellen Dialog mit säkularen Juden zu beginnen, die neugierig sind und im Allgemeinen vorurteilslos. Aber instinktiv suchen religiöse Menschen andere religiöse Menschen. In diesem konkreten Fall ist das ein Fehler."

Positiv beurteilt Aviad Kleiner die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Seiner Meinung nach sind große lehrmäßige Entscheidungen von Seiten der Kirche nicht mehr nötig: „Ich denke, die wichtigsten Schritte wurden gemacht. Unter Papst Johannes Paul II. hat die Kirche die theologischen Versprechen des Zweiten Vatikanischen Konzils vollständig erfüllt. Sie wies Antisemitismus in allen seinen Formen zurück, kehrte der so genannten ‚Substitutionstheologie' den Rücken zu, übernahm die Verantwortung für vergangene Beleidigungen und erkannte ihre Schuld für ihr jüdisches Erbe an, das nun als lebendiger Bund definiert wird und nicht als religiöses Relikt." Nach der „Substitutionstheologie" (auch: Ersetzungstheologie) war das von Gott erwählte Volk Israel für alle Zeiten von Gott verworfen und verflucht. Das Zweite Vatikanische Konzil wies diese Lehre zurück.

Freilich werde die Beziehung noch immer von einer schwierigen Vergangenheit belastet, weshalb eine anhaltende Zurückhaltung verständlich sei: „Mehr als tausend Jahre Verfolgung sind ein sehr guter Grund für Misstrauen. Juden sind oft übersensibel, aber sie haben gute Gründe dafür. An dieser Stelle scheint es, dass es keine größeren Schritte gibt, die Katholiken machen sollten. Sie sollten einfach mit vertrauensbildenden Schritten weitermachen."

Dass die Papstreise nach Israel von allzu großer Bedeutung für die jüdisch-christlichen Beziehungen sein wird, bezweifelt Kleinberg: „Auf lange Sicht wird der Besuch wenige oder keine Auswirkungen haben. Für Juden außerhalb Israels veränderte der Besuch nur wenig. Es gab keine wichtigen lehrmäßigen oder gar politischen Aussagen. Soweit es die meisten Israelis betrifft war der Besuch kein Erfolg. Das hängt mit der Rede des Papstes in Yad Vashem zusammen, die als zu undeutlich und zu universalistisch angesehen wurde." Freilich sei gerade diese Rede „ein vorzügliches Beispiel" für Missverständnisse im Dialog: „Der Papst machte eine spirituelle, vertrauliche Aussage. Sein Publikum erwartete etwas viel Konkreteres. Sie waren enttäuscht." Und: „Manche Menschen erwarteten von ihm, er würde ein weiteres Mal um Entschuldigung bitten - wir mögen dieses Ritual. Andere verstanden, dass er mit einem klaren Herzen kam." Darüber hinaus fehle aber Benedikt schlicht das Vermögen, „die Menschen so zu berühren wie sein charismatischer Vorgänger", meint Kleinberg.

Immer wieder hatte Papst Benedikt XVI. im Heiligen Land auf die spirituelle Dimension seiner Pastoralreise aufmerksam gemacht und bekräftigt, dass er als Pilger gekommen sei. Was die Beziehung zum Judentum angeht, hatte er das gemeinsame Erbe hervorgehoben und zur Überwindung alles Trennenden aufgerufen. Auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Rom hatte der Heilige Vater vor Journalisten seine drei stärksten Eindrücke des Heilig-Land-Besuchs zum Ausdruck gebracht. Besonders beeindruckt habe ihn die Tatsache, dass er überall, „unter Muslimen, Christen und Juden, den entschlossenen Willen zum interreligiösen Dialog, zur Begegnung, zur Zusammenarbeit zwischen den Religionen" angetroffen habe. Diesen allgemeinen Wunsch nach Frieden und nach Brüderlichkeit gelte es, zu betonen und sichtbar zu machen (vgl. Rückflug nach Rom).

Aviad Kleinberg hat Bücher über das Christentum verfasst, die in englischer Sprache erschienen sind, so etwa „Christianity from its Beginnings to the Reformation", "Prophets in Their Own Country: Living Saints and the Making of Sainthood in the Later Middle Ages" und "Flesh Made Word: Saints' Stories and the Western Imagination ". Gerade Kleinbergs Bücher über Heilige fanden auch unter Katholiken große Beachtung. Auf die Frage, ob er auch einen Lieblingsheiligen hat, zögert Kleinberg nicht lange: „Der heilige Hugo von Lincoln: Er hatte einen Hausschwan, liebte Kinder und hatte einen guten Sinn für Humor. Was mehr kann man sich wünschen?" Hugo von Lincoln lebte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. 1186 wurde er Bischof von Lincoln. Unter seiner Leitung erblühte die für viele Jahre verwaiste Diözese, der Bau der Kathedrale wurde in Angriff genommen.

Dass der Westen wesentlich vom Christentum geprägt ist, ist für den Historiker klar: „Er ist eine christliche Kultur, sogar in seinem entchristianisierten Zustand."

Von Stefan Beig