Katholisch-Islamisches Forum nimmt seine Arbeit auf

Historische interreligiöse Begegnung im Vatikan

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ROM, 4. November 2008 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag haben die Arbeiten des Katholisch-Islamischen Forums („Catholic-Muslim Forum“) begonnen, die am kommenden Donnerstag, 6. November, ihren Abschluss finden werden.



Das Forum wurde vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und von Vertretern des Islams einberufen. Es ist kam nach dem offenen Brief zustande, den 138 muslimische Persönlichkeiten am 13. Oktober 2007 an den Papst und andere christliche Hirten gesandt hatten. Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone antwortete im Namen Benedikts XVI. am 19. November 2007 auf dieses Schreiben (vgl. Antwort).

Das Thema des Studienseminars im Vatikan lautet: „Gottesliebe, Nächstenliebe“. Während der erste Tag den „theologischen und geistlichen Grundlagen“ gewidmet ist, werden die Arbeiten des zweiten Tages das Thema „Würde des Menschen und gegenseitiger Respekt“ beleuchten. Zu beiden Themen werden die katholische und die muslimische Seite je ein Gutachten vorlegen. Sie sollen als Diskussionsgrundlage dienen.

Am dritten Tag, das heißt am kommenden Donnerstag, werden die Teilnehmer des Gesprächsforums von Papst Benedikt XVI. in Audienz empfangen werden. Am Nachmittag desselben Tages ist für 16.30 Uhr in der Päpstlichen Universität Gregoriana eine öffentliche Sitzung geplant, in deren Verlauf eine gemeinsame Erklärung vorgestellt werden soll. Ein katholischer und ein muslimischer Teilnehmer des Forums werden bei dieser Gelegenheit auf alle Frage eingehen, die mit der Thematik des Seminars zu tun haben. Insgesamt werden 29 Spezialisten, religiöse Autoritäten und Berater am Forum teilnehmen.

Die muslimische Gruppe setzt sich aus renommierten Intellektuellen und geistlichen Würdenträgern der islamischen Welt zusammen. Zu ihnen gehören Vertreter der Schia, der Sunniten und des Sufismus.

Der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, führt den Vorsitz des Forums. Im Vorfeld der Tagung hatte Tauran gegenüber „Radio Vaticana“ und der französischen Zeitung „La Croix“ mit Blick auf historische Treffen erklärt: „Wir sind zum Dialog verurteilt.“ Die Begegnung im Vatikan sei kein Anfang, da die Kirche seit mehr als 1.400 Jahren in einem Dialog stehe. „Seit dem Konzil besitzen wir das Dokument ,Nostra Aetate’, das einen Weg im Dialog geebnet hat. Ich würde sagen, dieses Treffen ist ein neues Kapitel in einer langen Geschichte.“

Man dürfe keine Angst davor haben, die Verletzung der Menschenrechte anzuprangern, damit die Wahrheit und nicht die Gewalt siege beziehungsweise damit das Gesetz und nicht das Recht des Stärkeren herrsche.

Bei der Begegnung werde kein theologischer Dialog im eigentlichen Sinn geführt, auch wenn theologische Fragen mitbedacht würden. Es gehe vielmehr darum, in ethischen und geistigen Fragen einen Konsens zu finden und bei humanitären Katastrophen zusammenzuarbeiten.

Kardinal Tauran bekräftigte, dass es wichtig sei, trotz aller Schwierigkeiten und Krisen miteinander zu sprechen. Die Beziehung zwischen Katholiken und Muslimen sei oft von der politischen Situation in den Ländern mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung abhängig. „In der islamischen Welt identifiziert man das Christentum mit der westlichen Welt. Das ist eine sehr gefährliche Vermischung, denn wenn die Führer der westlichen Staaten Entscheidungen treffen, die von den islamischen Ländern nicht geteilt werden, heißt es: Die Christen waren es, sie greifen uns an und provozieren uns. Das ist eine Vermischung, die meines Erachtens immer wieder zu Spannungen führt.“

Einem Dialog nach der Logik des „do ut des“, also des Entgegenkommens, wenn entsprechende Gegenleistungen erbracht würden, erteilte der Kurienkardinal eine Absage. So etwas widerspreche dem christlichen Glauben, betonte der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialig gegenüber der französischen Zeitung „La Croix“.

Der Direktor des vatikanischen Presseamtes, P. Federico Lombardi SJ, sprach mit Blick auf die muslimisch-katholischen Arbeitsgespräche die Hoffnung aus, dass solche Initiativen des Dialogs im Kielwasser des Zweiten Vatikanischen Konzils, Johannes Pauls II. und nun auch Benedikts XVI. dazu beitragen mögen, immer entschlossener zu bekräftigen, dass im Namen Gottes nicht getötet und gehasst werden dürfe. Es sei immer jeder Mensch zu achten, so Lombardi unter Bezugnahme auf die jüngsten Christenverfolgungen in Indien und im Irak.

Ibrahim Kalin, Sprecher des muslimischen Delegation und Direktor der „Seta Foundation“ in Ankara (Türkei) sowie Professor an der Georgetown University (USA), erklärte im Hinblick auf das Forum, dass unter den Christen wie auch unter den Muslimen eine skeptische Haltung gegenüber dieser neuen Initiative festzustellen sei. Gerade aus diesem Grund sei ein Fortschritt auf dem Weg des Dialogs geboten, so Kalin gegenüber der vatikanischen Zeitung „Osservatore Romano“. Das Forum sei Ausdruck einer „vernünftigen Hoffnung“, auch wenn eine gewisse Dosis an Realismus Pflicht sei. Kalin sprach sich dafür aus, Misstrauen zu überwinden und „über die Toleranz hinaus zu gehen“.

Zu den Mitgliedern der katholischen Delegation gehören die Jesuiten Samir Khalil Samir und Christian Troll sowie der Dekan des Päpstlichen Instituts für Arabische und Islamische Studien, Miguel Angel Ayuso Guixot.

Der Islamist P. Khalil Samir SJ wies auf die Tatsache hin, dass in der islamischen Welt jene verachtet und als Apostaten benachteiligt seien, die sich zum Christentum bekehrten. Sie würden als Verräter gesehen und nicht als Menschen, die die Wahrheit suchten.

Gegenüber „Asia News“ erklärte der Gelehrte, dass der jetzt aufgrund der Inspiration Papst Benedikts XVI. neu aufgenommene Dialog fruchtbar werden könne, wenn er drei Dimensionen respektiere. Er müsse jetzt aufgenommen und die kommenden Jahre fortgeführt werden. Als Ergebnis der Begegnungen müssten konkrete gemeinsame Dokumente formuliert werden, die dann so umfangreich wie möglich Verbreitung finden sollten. Zum dritten müsste diesen Dokumenten eine maximale Autorität zuerkannt werden. Letzteres erfordere vor allem, dass es auf Seiten des Islams eine Übereinkunft unter den religiösen und politischen Autoritäten gebe. „Die Gesetze, die die Religionsfreiheit beschränken“, so Khalil, „stammen von islamischen Regierungen, nicht von den muslimischen Gelehrten.“

Jeder, der an den Dialogforen teilnehme, müsse bei der Rückkehr in sein Land mit der Regierung und den muslimischen Vereinigungen in Kontakt treten. P. Khalil schlug diesbezüglich auch vor, dass die Entscheidungen der Dialogforen nicht nur den Staaten, sondern vor allem der „Organisation der Islamischen Konferenz“, einer zwischenstaatlichen internationalen Organisation von derzeit 57 Staaten, in denen der Islam Staatsreligion, Religion der Bevölkerungsmehrheit oder Religion einer großen Minderheit ist, vorgelegt und von dieser angenommen werden müsse. Die Autorität derartiger Dokumente sei von größter Bedeutung.

Das Entscheidendste ist für den Jesuiten aber die Religionsfreiheit. Dabei handle es sich um ein geistiges Prinzip, das die Würde des Menschen berühre. Zugleich sei die Religionsfreiheit ein theologisches Prinzip, da es mit dem Grundsatz des von Gott nach seinem Ebenbild geschaffenen Menschen zu tun habe, der frei sei und daher auch die Freiheit besitze, zu irren. P. Khalil äußerte die Hoffnung, dass dem jetzigen Forum bald ein gemeinsames Dokument zur Religionsfreiheit folgen möge.