Katholische Kirche und Protestantismus

Ein kleiner geschichtlicher, theologischer und lehramtlicher Ausblick

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Von Jan Bentz

ROM, Freitag, 10. Juni 2011 (ZENIT.org). - Die katholische Kirche hat in ihrer Geschichte viele Abspaltungen erlebt, trotz derer sie die eine, heilige und katholische Kirche geblieben ist. Die größte Kirchenspaltung vor der Reformation ereignete sich im Jahre 1054, als sich die griechisch-orthodoxe Kirche von der römisch-katholischen Kirche abspaltete. Dieser folgten weitere Abspaltungen von Nationalkirchen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelte sich die so genannte Reformation, die die Welt und die Kirche erschütterte. Sie wurde ausgelöst durch Martin Luther, den deutschen Augustinermönch und Theologen, der der Überzeugung war, dass die Bibel alleinige Quelle der Offenbarung und der geistlichen Lehre sei. Als Beginn der Reformation wird traditionell der Tag Allerheiligen, der 31. Oktober 1517, bezeichnet, als Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg anschlug.  In Deutschland hatte die in Gang gesetzte Kirchenrevolution unter anderem die Bauernkriege zur Folge, der ungefähr 75.000 Menschen zum Opfer fielen. Am 15. Juni 1520 erließ Papst. Leo X. die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“, in der er 41 Thesen Luthers als Häresien (Häresie nennt man „eine nach der Taufe begangene beharrliche Leugnung einer mit göttlichem und katholischem Glauben zu glaubenden Wahrheit […]“[1]) verwarf. Es folgte der Europa verwüstende Dreißigjährige Krieg, der im Jahr 1648 mit dem „Westfälischen Frieden“ von Münster und Osnabrück beendet wurde.

Seit ihrer Abspaltung von der katholischen Kirche sind die Gemeinschaften, die sich auf Martin Luther berufen, durch viele weitere Aufsplitterungen untereinander bzw. wechselseitige Verwerfung ihrer Lehren gekennzeichnet.

Allgemeiner werden seit der Reformation entstandene Konfessionsrichtungen als protestantisch bezeichnet, die gleiche oder ähnliche Grundsätze wie die reformatorischen Kirchen vertreten.

In diesem Sinne wird auch die anglikanische Kirche zum Protestantismus gezählt. Die evangelischen Freikirchen gehören ebenfalls zum Protestantismus und sehen sich als Erben der Reformation. Dazu zählen unter anderem die Baptisten, die Methodisten, die Mennoniten, die Sieben-Tage-Adventisten und die Pfingstler (die in der katholischen Kirche präsente charismatische Erneuerung hatte im amerikanischen Protestantismus seine Wurzeln).

In neuer Zeit gibt es eine Strömung in der protestantischen Kirche Deutschlands, die den Papst für bestimmte Fragen als lehramtliche Autorität anerkennen wil.

Kennzeichnend für all diese Glaubensgemeinschaften ist die Konzentration auf die Bibel, Jesus Christus als unmittelbare Autorität für den einzelnen Gläubigen sowie die Lehre, dass der Mensch „allein aus Gnade“ – und nicht aufgrund eigenen Handelns – errettet wird. Nach Luther erfährt der Mensch seine „Rechtfertigung“ „allein durch den Glauben“. Die evangelische Lehre wird oft in den vier „Sola“ sola scriptura (allein durch die Schrift), solus Christus (allein Christus), sola gratia (allein durch die Gnade) und sola fide (allein durch den Glauben) zusammengefasst.

Als von Christus eingesetzte Sakramente gelten für sie die Taufe, Abendmahl und Konfirmation (in der katholischen Kirche neben der Taufe Ehesakrament, Priesterweihe, Eucharistie, Bußsakrament, Firmung, Krankensalbung). Luther hielt noch an der Beichte fest, sie gilt in der Regel jedoch offiziell nicht mehr als Sakrament, lediglich einige lutherische Kirchen erkennen der Beichte einen sakramentalen Charakter zu.

Im Laufe der langen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Konfessionen der Protestanten erließ die Kirche viele Dokumente. Die Lehre der Kirche in diesen Fragen wird auch in einigen Schriften des 2. Vatikanischen Konzils wieder aufgenommen und weitergeführt (Unitatis Redintegratio, Dei Verbum, Lumen Gentium).

Die katholische Kirche bestätigt darin, dass die Erlösung alleine durch Christus erwirkt werden kann: „Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15)“.[2]

Christus hat die Kirche als Heils-Institution auf Petrus gegründet, dessen Nachfolger die Päpste sind. Diese Institution ist heilsnotwendig. Die Nachfolger Christi wurden von Gott „[…] vorhergekannt und vorherbestimmt, sie werden gleichförmig dem Bild seines Sohnes, auf dass dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern" (Röm 8,29)“.[3]

Die Kirche ist der mystische Leib Christi. „Die aber an Christus glauben, beschloss er in der heiligen Kirche zusammenzurufen. Sie war schon seit dem Anfang der Welt vorausbedeutet; in der Geschichte des Volkes Israel und im Alten Bund wurde sie auf wunderbare Weise vorbereitet.“[4] Die Kirche stellt die Vereinigung der Christgläubigen als Volk Gottes dar. In „Lumen gentium“ wird daher die hierarchische Struktur der Kirche betont: „Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren, hat Christus, der Herr, in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt, die auf das Wohl des ganzen Leibes ausgerichtet sind. Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, stehen im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen. Diese Heilige Synode setzt den Weg des ersten Vatikanischen Konzils fort und lehrt und erklärt feierlich mit ihm, dass der ewige Hirt Jesus Christus die heilige Kirche gebaut hat, indem er die Apostel sandte wie er selbst gesandt war vom Vater (vgl. Joh 20,21)“.[5]

„In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden, die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt; in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten.“[6] Die angestrebte Einheit sei von der Einheit Christi (dann als mystischer Leib verstanden) inspiriert, der Einheit seines Leibes.

Davon leitet sich auch die hierarchische Gliederung der Kirche ab, denn das Haupt und die Gliedmaßen sind alle Teile des einen Leibes, haben aber jeweils eine andere Funktion.

Die katholische Kirche bestätigt den Glauben an die Erlösung allein durch Christus. Diese wird mithilfe von Sakramenten erwirkt. Die Sakramente sind sichtbare, von Christus eingesetzte Zeichen zur Vermittlung von Gnade.[7] Zur Spendung der Sakramente benötigt man  Priester, die durch ihre sakramentale Weihe von Bischöfen in „apostolischer Sukzession“ autorisiert sind, diese Sakramente zu verwalten. Demzufolge nimmt die katholische Kirche die „vier sola“ in ihre Lehre auf, trennt sie aber nicht voneinander, sondern versteht sie vielmehr als ein aufeinander gegründetes und sich vervollständigendes Ganzes.

Hinsichtlich der Ökumene verdient unter den kirchlichen Dokumenten „Unitatis Redintegratio“, das „Dekret über den Ökumenismus“ aus dem Jahre 1964, besondere Aufmerksamkeit. Inhaltlich hat das Dekret die oben zitierte Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ des Konzils als Grundlage. Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen sei eine der „Hauptaufgaben“ des ökumenischen 2. Vatikanischen Konzils. Im 3. Kapitel geht es vor allem auf die von Rom getrennten kirchlichen Gemeinschaften ein.

Zunächst werden hier die gemeinsamen Wurzeln betont, da die christlichen Konfessionen anfänglich noch viel von der Tradition der katholischen Kirche bewahrt hätten.[8] „Dabei muss jedoch anerkannt werden, dass es zwischen diesen Kirchen und Gemeinschaften und der katholischen Kirche Unterschiede von großem Gewicht gibt, nicht nur in historischer, soziologischer, psychologischer und kultureller Beziehung, sondern vor allem in der Interpretation der offenbarten Wahrheit“.[9] Ihrem Glauben an Christus und der Einheit seiner Lehre entsprechend, müssten alle Christgläubigen die Einheit mit ihm (mit seinem mystischen Leib – der katholischen Kirche) suchen.

„Während die von uns getrennten Christen die göttliche Autorität der Heiligen Schrift bejahen, haben sie jedoch, jeder wieder auf andere Art, eine von uns verschiedene Auffassung von dem Verhältnis zwischen der Schrift und der Kirche, wobei nach dem katholischen Glauben das authentische Lehramt bei der Erklärung und Verkündigung des geschriebenen Wortes Gottes einen besonderen Platz einnimmt.“

In der Interpretation der geoffenbarten Wahrheit sieht die katholische Kirche die Bibel nicht als alleinige Offenbarungsquelle, sondern betrachtet das geschriebene Wort Gottes, die Tradition und das Lehramt der Kirche als ein Ganzes, als drei Quellen, die immer in Verbindung stehen.[10]

„Die Einheitsbewegung, die man als ökumenische Bewegung bezeichnet, wird von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur einzeln für sich, sondern auch in ihren Gemeinschaften, in denen sie die frohe Botschaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche nennen. Da es zwischen ihnen und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist.“[11]

Zur Förderung der Einheit der Christen wurde die sogenannte ökumenische Bewegung ins Leben gerufen.  „Unter der ‚Ökumenischen Bewegung‘ versteht man Tätigkeiten und Unternehmungen, die je nach den verschiedenartigen Bedürfnissen der Kirche und nach Möglichkeit der Zeitverhältnisse zur Förderung der Einheit der Christen ins Leben gerufen und auf dieses Ziel ausgerichtet sind.“[12]

Die Grundlage des Ökumenismus, der Einheitsbewegung auf eine einzige Kirche hin, stützt sich auf die Erkenntnis, dass es auch außerhalb der Grenzen der sichtbaren katholischen Kirche Heilselemente geben kann: „Hinzu kommt, dass einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können: das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente“.[14]

Diese Elemente haben teil an der einen und einzigen Kirche Christi und wurzeln in ihr: „[…]; all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi.“[15]

Die Taufe, die von protestantischen Gruppierungen im Namen des dreifaltigen Gottes gespendet wird, erkennt die katholische Kirche an. Dadurch unterscheiden sich die Getauften von den Nichtchristen. „Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.“[16]

Ehen von katholischen Gläubigen und Protestanten werden als sogenannte „Mischehen“ verwaltet, der besonderen Sorge der Hirten anempfohlen und benötigen unter Umständen einen Dispens vom Ortsordinarius.[17]

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. riefen im Hinblick auf die Ökumene immer wieder in Erinnerung, dass die Gemeinsamkeit von nicht-katholischen und katholischen Christen nicht in einer gemeinsamen Eucharistiefeier möglich sei, sondern im gemeinsamen Zeugnis in der Gesellschaft liegen müsse. Hier sollten sie Vorbild für die christliche Nächstenliebe sein, Zeugnis geben für die christliche Ethik wie die Verteidigung der Menschrechte, den unabdingbaren Schutz des menschlichen Lebens in all seinen Phasen, für die Familie, basierend auf der gottgewollten Ehe zwischen Mann und Frau als Grundlage einer soliden Gesellschaftsordnung und durch das Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit, damit sich die immer mehr säkularisierte Welt durch dieses Beispiel zu Christus bekehrt.

Bibliographie:

Lumen Gentium

Unitatis Redintegratio

Ad Gentes

LORTZ, Joseph, Die Reformation in Deutschland, Herder, Freiburg 1982 (6)

BEER, Theobald, Der fröhliche Wechsel und Streit, Grundzüge der Theologie Martin Luthers, Johannes Verlag, Einsiedeln21980.

JOURNET, Charles, Theology oft he Church, Ignatius Press, San Francisco 2004.

[1] KKK, 2089.

[2] Lumen Gentium, 1.

[3] Ibid., 20.

[4] Ibid., 2.

[5] Ibid., III, 18.

[6] Unitatis Redintegratio, 18.             

[7] Vgl. KKK, 1084.

[8] Unitatis Redintegratio, 19.

[9] Ibid., 19.

[10] Vgl. Dei Verbum, 24; SCHMAUS, Michael, Katholische Dogmatik, I/1.

[11] Unitatis Redintegratio, 3.

[12] Ibid., 4.

[13] Ibid., 7.

[14] Ibid., 3.

[15] Ibid., 3.

[16] Ibid., 18.

[17] Vgl. KKK, 1633 ff.