Katholische Kirchen in Polen und Ukraine setzen Zeichen der Versöhnung (erster Teil)

70 Jahre nach dem Massenmord in Wolhynien (heutige Ukraine)

Warschau, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 909 klicks

Während des Zweiten Weltkriegs verbündeten sich die ukrainischen Nationalisten mit den Nazis in der Hoffnung, einen ukrainischen Staat gründen zu können, den es damals noch nicht gab. Der Westen der heutigen Ukraine gehörte damals zu Polen. 

Leider spukte in den Köpfen der Nationalisten die Idee eines „rein“ ukrainischen Staates herum, in dem für anderssprachige Minderheiten kein Platz war. Um alle Nichtukrainer (überwiegend Polen) auszurotten, entbrannte in der Region Wolhynien, aber auch in anderen Teilen des Landes, eine blutige Verfolgung, der Zehntausende von Menschen zum Opfer fielen. Der Höhepunkt des Mordens wurde am 11. Juli 1943, einem Sonntag, erreicht. 

Seit jenem blutigen Kapitel der europäischen Geschichte sind nun exakt 70 Jahre verstrichen. Aus diesem Anlass haben die katholische Kirche in Polen und die griechisch-katholische Kirche der Ukraine am 28. Juni 2013 eine gemeinsame Erklärung über die Vergebung der Verbrechen in Wolhynien unterzeichnet. 

Um mehr darüber zu erfahren führte ZENITein Interview mit Msgr. Józef Michalik, Erzbischof von Przemyśl und Vorsitzender der PolnischenBischofskonferenz. 

In Polen hat die Kirche aktiv am Gedenktag anlässlich der 70 Jahre des Massenmordes an den ukrainischen Polen teilgenommen. Es handelt sich um ein Drama, das die Öffentlichkeit weltweit kaum kennt. Können Sie unseren Lesern erklären, was sich in jenen tragischen Jahren des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine zutrug? 

Erzbischof Michalik: Um die Ereignisse zu verstehen, die sich damals zutrugen, muss man etwas weiter in der Geschichte zurückgehen. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gab es die Ukraine als Staat nicht. Ein Teil des Gebiets, das heute die Ukraine ist, gehörte zur Zweiten Polnischen Republik. In diesen Gebieten entstand 1929 die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), mit dem Ziel, einen unabhängigen ukrainischen Staat zu gründen. 

Leider träumte die OUN, den Ideen Dmytro Dontsows folgend, von einem Staat nur für Ukrainer, in dem für Angehörige anderer Nationen kein Platz war. In der Region Wolhynien bildeten die Polen etwa 10-15 Prozent der Bevölkerung, aber es lebten hier auch Juden, Tschechen und Armenier. Schlimm war auch, dass die ukrainischen Nationalisten die Vorstellung des „schöpferischen Gebrauchs von Gewalt“ entwickelten und die sogenannten „Zehn Gebote des Nationalisten“ ausarbeiteten, die das exakte Gegenteil der christlichen Gebote waren. 

Die Politik dieser fanatischen Nationalisten führte demnach zum Massaker an der polnischen Bevölkerung? 

Erzbischof Michalik: Die Ermordung der Polen in Wolhynien war das Ergebnis eines langen Prozesses, der lange vor 1943 eingeleitet wurde. Schon 1941 ergingen Appelle an die ukrainische Bevölkerung, die in Wolhynien die Mehrheit bildete, das „Problem“ der ethnischen Minderheiten, darunter auch die polnische, zu „lösen“. Diese Steigerung des Hasses zerstörte das ehemals friedliche Zusammenleben. 

Was genau geschah 1943? 

Erzbischof Michalik: Im Februar 1943 beschloss die dritte Versammlung der Organisation Ukrainischer Nationalisten, alle Nichtukrainer, die auf Gebieten lebten die als ukrainisch betrachtet wurden, zu beseitigen. Dazu gehörte auch Wolhynien. Schon am 9. Februar töteten die Nationalisten 155 Polen in der Ortschaft Parośla. Im Sommer 1943 kam es dann zu zwei Ermordungswellen, die insgesamt 99 Städte betrafen. 

Am Sonntag, dem 11. Juli, erreichte das Blutbad seinen Höhepunkt. Deswegen ist dieses Datum zum symbolischen Jahrestag des ganzen Geschehens geworden. Insgesamt wurden 60.000 Polen getötet (andere Historiker sprechen von 120.000 Toten). Darunter waren zahlreiche Kinder. 

Ukrainische Historiker setzen die Zahl der Toten mit etwa 40.000 an. Darunter waren auch viele Ukrainer, die versucht hatten, ihre polnischen Nachbarn zu retten, ihnen zu helfen oder sie zu warnen. 

Leider endete das Massaker nicht mit den Ereignissen von 1943… 

Erzbischof Michalik: Die Geschichte wiederholte sich 1944 in Ostgalizien (heute teils zur Ukraine, teils zu Polen gehörend). Historiker haben berechnet, dass die nationalistischen Banden in diesem Gebiet mindestens 35.290 Polen ermordeten. Diese Zahl ist dennoch erheblich niedriger als in Wolhynien, und das ist auch auf den verbitterten Widerstand zurückzuführen, den die Polen in Ostgalizien leisteten. Aus demselben Grund starben hier aber viel mehr Ukrainer in den Auseinandersetzungen. 

Deshalb spricht man in der Ukraine oft von den Tausenden von Ukrainern, die von den Polen ermordet wurden… 

Erzbischof Michalik: Es waren unmenschliche Zeiten des Kriegs und des nationalen Hasses, die viel Leid herbeigeführt haben. Der Versuch, die in diesen Gebieten lebenden Polen auszurotten, führte dazu, dass viele Polen – sei es aus Gegenwehr oder aus Rache – ihrerseits Tausende von Ukrainern ermordeten. Wir dürfen auch jene Ukrainer nicht vergessen, die von ihren eigenen Landsleuten getötet wurden, weil sie versucht hatten, ihren polnischen Nachbarn zu helfen. Diese Menschen sind es, auf die die Ukraine stolz sein kann; deshalb muss man sie erwähnen und Gott dafür danken, dass er uns solche Zeugen der Menschlichkeit geschenkt hat. 

(Der zweite und letzte Teil des Interviews folgt morgen)