Katholische Kirchen in Polen und Ukraine setzen Zeichen der Versöhnung (zweiter Teil)

70 Jahre nach dem Massenmord in Wolhynien (heutige Ukraine)

Rom, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 820 klicks

Wiegt der Massenmord an der polnischen Bevölkerung seitens der ukrainischen Nationalisten heute noch auf den Beziehungen zwischen den beiden Ländern? 

Erzbischof Michalik: Es handelt sich um ein Problem, dessen wir uns bewusst sein müssen. Wir müssen die Kenntnis der Ereignisse jener Zeit vertiefen, denn nur die Wahrheit kann zur gegenseitigen Vergebung führen. Politik und öffentliche Meinung müssen eine Zusammenarbeit zwischen polnischen und ukrainischen Historikern fördern. Ohne diesen gemeinsamen Wunsch, die Wahrheit zu kennen und sich zu ihr zu bekennen, bleibt das Gefühl im Raum, die andere Seite wolle sich „herausreden“ und die ganze Schuld des Verbrechens auf uns abwälzen. 

Ich habe Freunde, die jene dramatischen Jahre in den betroffenen Gebieten überlebt haben; darunter Prof. Gabriel Turowski, Arzt und Freund Karol Wojtylas, des späteren Papstes Johannes Paul II. Turowski verbrachte seine Jugend in der Kriegszeit in Monastyryska und wurde Zeuge der Verbrechen gegen die Polen. Was sich jedoch in seinem Gedächtnis am tiefsten eingeprägt hat, ist das Massaker an der polnischen Bevölkerung der Ortschaft Krościatynie. Die Täter waren eine Einheit ukrainischer Nationalisten, die von einem griechisch-katholischen Priester angeführt wurden, einem gewissen Pałahycki. Sollte auch die griechisch-katholische Kirche über ihre Rolle bei den Morden nachdenken? 

Erzbischof Michalik: Beide Seiten müssen über das Geschehene nachdenken. Ich will daran erinnern, dass auch die vier Metropoliten die Aussöhnungserklärung unterschrieben haben. Wir müssen alle Opfer des Massakers von Wolhynien ehren und den Mut finden, unsere Schuld zu bekennen. Und mehr noch: Die Schuld vergeben, denn das ist nicht nur unsere Pflicht als Christen, sondern auch ein Zeugnis unseres Glaubens. 

Wie entwickelten sich die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche in Polen und der griechisch-katholischen Kirche nach dem Krieg? 

Erzbischof Michalik: Die Geschichte der Wiederversöhnung zwischen Polen und Ukrainern begann seitens der kirchlichen Behörden schon gleich nach Kriegsende. Schon 1945 traf Kardinal August Hlond in Rom mit dem griechisch-katholischen Bischof Ivan Buczko zusammen. 

Am 21. Juni 2001, anlässlich des Besuchs Papst Johannes Pauls II. in Lemberg, bat Kardinal Lubomir Husar, Großerzbischof von Lemberg, öffentlich um Verzeihung für die Fehler, die Angehörige seiner Kirche in der Vergangenheit begangen hatten. 

Am 19. Juni 2005 fand in Warschau, dann am 26. Juni auch in Lemberg, ein feierlicher Versöhnungsakt statt, bei dem auch ein gemeinsames Schreiben veröffentlicht wurde. Dieses Jahr, am 28. Juni 2013, wurde auf Wunsch des Großerzbischofs von Kiew-Halytsch, Swjatoslaw Schewtschuk, und der polnischen Bischofskonferenz eine gemeinsame Erklärung der katholischen und der griechisch-katholischen Kirche Polens und der Ukraine über die Vergebung der Verbrechen in Wolhynien unterzeichnet. Diese Erklärung wurde in unseren Kirchen verlesen mit dem Ziel, das Gewissen der Gläubigen zu erreichen. 

Diese von den Kirchen eingeleiteten Schritte zur Wiederversöhnung sind sehr wichtig. Aber können sie gewissen besorgniserregenden Entwicklungen in radikal-nationalistischen Kreisen der Ukraine entgegenwirken? Ein Beispiel: 1992 wurde in der Ukraine ein Liederbuch veröffentlicht, das  unter anderem den Text eines Liedes wiedergab, das während des Zweiten Weltkriegs bei den ukrainischen Nationalisten sehr beliebt war: „Tod den Polen; Tod dem jüdisch-moskauischen Kommunismus!“ 

Erzbischof Michalik: Wichtig ist, dass wir die Fähigkeit behalten, aus unserer dramatischen Geschichte zu lernen und fest im Willen bleiben, jede Provokation seitens gewisser Personengruppen abzulehnen. Im Inneren unserer Gesellschaft, irgendwo unter der Asche, kann noch immer eine gefährliche Glut glimmen. Die Welt muss wachsam bleiben, damit das Feuer des Hasses nie wieder entfacht wird.