Kein Besitz, sondern kostbares Ziel: Der Friede mit sich selbst und den anderen hängt von der persönlichen Beziehung zum Schöpfer ab

Von Michaela Puzicha OSB

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WÜRZBURG, 27. April 2006 (ZENIT.org).- Der Friede gehört zu den zentralen Themen der Ansprachen Benedikts XVI. Sowohl als Hirte der katholischen Kirche als auch als Staatsoberhaupt, der im Dialog mit Politikern steht, unterstreicht der Papst immer wieder, welch hohes Gut der Friede ist. Was sagt der heilige Benedikt zu diesem Schlüsselbegriff? Ein Blick in seine Ordensregel gibt Aufschluss.



Über benediktinische Klosterpforten ist häufig das Wort "Pax" eingraviert, und viele Mönche und Nonnen schreiben an den Anfang ihrer Briefe: Pax – Friede. In der Benediktusregel findet sich das Wort auffallend selten. An ganz wenigen Stellen nur verwendet Benedikt es und doch ist seine Regel ein Zeugnis, das den Frieden als Vision, nicht als Utopie, als Prozess, nicht als Zustand in die Mitte des gemeinsamen Lebens stellt. Er schreibt er keine Abhandlung über den Frieden, siedelt ihn vielmehr unspektakulär im Alltag an. Die Benediktusregel geht von der Realität menschlichen Zusammenlebens aus, nicht von der idealtypischen Beschreibung einer heilen Welt. Benedikt kennt viele Formen des Unfriedens in der Gemeinschaft und beim Einzelnen. In seiner Regel lässt er kein Wort des lateinischen Konfliktvokabulars aus. Damit ist die Gemeinschaft stets auch als Ort von Spaltungen und Zwietracht, von Streit und Eifersucht gekennzeichnet, ja von Ärgernissen – "scandala", wie es ausdrücklich heißt. Sie ergeben sich durch die vielen Lebensweisen, die "Eigenarten der vielen" (RB 2, 31), das heißt die individuellen Interessen und charakterlichen Diversitäten der Einzelnen. Die Mönche werden in deutlichen Worten beschrieben als solche, "die keine Zucht kennen und keine Ruhe geben" (RB 2, 25), als "Boshafte, Hartherzige, Stolze und Ungehorsame" (RB 2, 28). Und auch von der Missgunst der Neider wird gesprochen (RB 55, 21). An vielen Stellen warnt die Benediktusregel vor Machtmissbrauch, Tyrannei, Kompetenzüberschreitung, Herablassung und Missachtung und mahnt zur Abwehr solcher Haltungen. Dies alles wahrzunehmen, ist ein wichtiger und notwendiger Schritt auf dem Weg zum Frieden. Es geht nicht darum, Konflikte zu verdrängen, sondern zu benennen und zu Konfliktlösungen zu finden.

Das Bestreben Benedikts ist es allerdings auch, Konflikte, so weit das möglich ist, von vornherein zu begrenzen. Seine geistliche Pädagogik möchte die Mönche friedensbereit und friedensfähig machen. Leben in Gemeinschaft bedeutet grundlegend Berufung zum Frieden. Bereits der Prolog der Benediktusregel ruft dazu auf: "Suche den Frieden und jage ihm nach" (Prol. 17; Ps 34,15). Friede ist kein Besitz, er muss immer wieder neu gesucht werden. Dieses Bemühen setzt beim Einzelnen an. Es kann nicht delegiert werden, sondern nimmt jeden in der Gemeinschaft in die Verantwortung für dieses Gut. Die Konsequenz ist ein Leben, das sich in dieser Friedenssuche bewährt, wie Benedikt es in der klaren Sprache des Psalms weiter beschreibt: "Bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Wende dich ab vom Bösen und tu das Gute" (RB Prol. 17; Ps 34,14).

Friede ist für Benedikt immer auch gefährdet und bedroht, so dass er grundsätzlich gesichert werden soll. Die Sorge für den Frieden zeigt sich an einem zentralen Begriff der Benediktusregel, dem des "ordo" (urspr.: die Fäden im Gewebe; griechisch: "kosmos" oder "taxis"). Nur unzureichend mit Ordnung übersetzt meint "ordo" keinen Zustand, sondern den Prozess, der allen und allem den angemessenen Platz im Gefüge des Ganzen zukommen lässt. Das betrifft zum einen die Ordnung des Tages. Die geregelte Abfolge von Gebet, Lesung, Arbeit in RB 48 hat weniger disziplinären Charakter, sondern dient der Konzentration auf das Wesentliche. Der Einzelne ist entlastet und muss nicht stets neu entscheiden, was zu tun ist. Durch die Zuordnung ist ferner der betreffende Zeitraum geschützt und kann nicht durch anderes belegt werden. So ist es für Benedikt grundlegendes Prinzip, dass "alles zur rechten Zeit geschieht" (RB 47, 1) und sichergestellt, dass keine Unruhe entstehen kann durch Unklarheit über das, was zu geschehen hat. Das Miteinander der Mönche ist geregelt durch die Ordnung der Gemeinschaft, wo es nach dem Eintrittsalter erste und letzte Plätze gibt (RB 63, 8), aber jeder seinen ihm zukommenden und zustehenden Platz hat.

Die Regelung durch das objektive Kriterium des Eintritts ermöglicht eine Sicherung des Friedens, da jeder seinen Platz nicht nach Begünstigung und persönlicher Einschätzung, nicht nach dem Ansehen der Person, nach Bevorzugung und Fähigkeiten erhält. Damit ist ein Streit oder der Kampf um den "Platz", letztlich um Ansehen, Bedeutung und Einfluss abgewehrt. Entscheidend ist allein die Stunde der Berufung. Zur Sicherung des Friedens gehört die Frage, wie mit Störenfrieden umzugehen ist. Auch dies geschieht unter dem Leitmotiv des "ordo". Wenn von einer Strafordnung in der Regel gesprochen wird, dann weisen die so genannte Strafkapitel deutlich aus, dass es nicht um Vergeltung geht. Das Anliegen dieser differenziert geschriebenen Kapitel (RB 23 - 30) zeichnet einen Prozess nach, in dem der schuldige Bruder in den Frieden zurückgeholt werden kann. Ziel ist es, ihn wieder in die Gemeinschaft einzugliedern, nicht ihn draußen zu lassen.

Das setzt andererseits die Bereitschaft voraus, das Angebot des Friedens anzunehmen. Mit einer einzigartigen Formulierung stellt Benedikt den Aufbau von Frieden in das Zentrum der Gemeinschaft: "zur Bewahrung des Friedens und der Liebe" (RB 65, 11). Bewahren heißt nichts anderes, als über den Frieden zu wachen und ihn zu gestalten. Er hat für Benedikt als grundsätzliche Voraussetzung die Gerechtigkeit. Sie meint nicht: für alle dasselbe, sondern orientiert sich an dem, was jeder braucht und wie es ein jeder nötig hat. Das kann nach Maß und Inhalt sehr unterschiedlich sein. Erziehung zum Frieden heißt daher für ihn: alle müssen verantwortlich mit dem umgehen, was sie brauchen, müssen wissen und abschätzen, was sie nicht brauchen und es doch den anderen zugestehen. "So werden alle miteinander im Frieden sein" (RB 34, 5). Benedikt gibt damit eine Vision des gemeinsamen Lebens über alle konkreten Anlässe hinaus. Wenn Benedikt dies im Futur formuliert, drückt das keinen Zweifel aus, wohl aber das ständige Bemühen. Eine Gemeinschaft lebt nur im Frieden, wenn sie ihn jeden Tag neu einübt. Ist dieser Friede gestört, liegt es in der Verantwortung des Einzelnen, ihn wieder herzustellen und sich selbst diesem Prozess zu stellen: "Bei einem Streit mit jemandem noch vor Sonnenuntergang in den Frieden zurückkehren." In Anlehnung an Eph 4,26 will Benedikt mit dieser eindrücklichen Formulierung keine Tageszeit bestimmen, sondern den Weg der Rückkehr in den Frieden absehbar und überschaubar halten. Beide Kontrahenten stehen unter der Weisung, sich diesem Prozess zu stellen. Benedikt ermutigt weiter dazu, den ersten Schritt zur Klärung zu tun, wenn ein Bruder merkt, dass ein anderer innerlich aufgebracht sein könnte (RB 71, 8). Mit einer starken Geste, dem Niederfallen, soll ein Zeichen der Friedensbereitschaft gegeben werden. Dieser erste Schritt gibt die Chance, dass der Friede wiederhergestellt wird.

Ein wesentliches Element bildet der Dialog. In einem eigenen Kapitel (RB 3) bezeugt Benedikt die Notwendigkeit, einen Gesprächs- und Entscheidungsprozess mit der ganzen Gemeinschaft zu ermöglichen, was unterschiedliche Meinungen mit einschließt. Durch die gemeinsame Beratung wird Unruhe ausgeschlossen, die durch die Unsicherheit entsteht. Dies ist eine der wichtigsten Regelungen zur Gestaltung des Friedens. Alle sind zum Gespräch aufgerufen, auch und gerade die Jüngsten. Damit der Dialog nicht selber zum Ort des Streites und der Zwietracht wird, charakterisiert Benedikt seine Erwartung für den konstruktiven Gesprächsverlauf, wenn er ihn in den Dienst des Friedens stellt. Die große Vision dieses Friedens legt Benedikt in seinem geistlichen Testament, dem 72. Kapitel seiner Regel dar. Grundsätzliche Weisungen auf der Grundlage der Heiligen Schrift geben seiner Gestaltung ihr geistliches Profil: "Einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen mit unerschöpflicher Geduld ertragen; im gegenseitigen Gehorsam miteinander wetteifern; keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen" (RB 72, 4 - 7). Den Zustand eines Menschen, der mit sich selbst in Unfrieden lebt – und für Benedikt heißt das immer auch: mit Gott – macht er klar mit der Mahnung an den Abt: "Er sei nicht stürmisch und nicht ängstlich, nicht maßlos und nicht engstirnig, nicht eifersüchtig und allzu argwöhnisch, sonst kommt er nie zur Ruhe" (RB 64, 16). Mit der Ruhe ist nichts anderes gemeint als der Friede des Herzens. Deshalb kann er den Mönch ermutigen, zufrieden zu sein. Dies ist keine Frage der Mentalität, ist vielmehr wesentliche Haltung und Einstellung zum Leben: "Wenn er mit der Lebensweise, die er dort antrifft, zufrieden ist..." (61, 2.3).

Es geht weniger um den materiellen Lebenszuschnitt als um die innere Zustimmung zum monastischen Leben und zu seinen Anliegen. Das kann Benedikt ganz drastisch formulieren: "Der Mönch ist zufrieden mit dem Allergeringsten und Letzten" (RB 7, 49). Es geht nicht nur um die Genügsamkeit des Lebensstils, sondern um das Annehmen der äußeren und inneren Situation. "Zu-Frieden-Sein" bedeutet für Benedikt Zustimmung zur Realität des jeweiligen Klosters, ohne auf Veränderung zu verzichten, und innerlich einverstanden zu sein mit der Situation, so wie sie ist, ohne der Gestaltung abzusagen. Die Zielsetzung seiner Weisung ist eine existenzielle und geistliche. Zufriedensein meint letztlich, im Frieden sein mit Gott und deutet die Beziehung zum Herrn.

Wie sehr es um Bewusstmachung geht, dass Friede nicht selbstverständlich ist, zeigt die Regelung, das Vaterunser zweimal an jedem Tag in Laudes und Vesper laut zu beten. Ausdrücklich sagt Benedikt in diesem Zusammenhang: "Denn immer wieder gibt es Ärgernisse, die wie Dornen verletzen. Wenn die Brüder beten und versprechen: 'Vergib uns, wie auch wir vergeben', sind sie durch dieses Wort gebunden und reinigen sich von solchen Fehlern" (RB 13, 12f). Benedikt geht es um die Weisung des Evangeliums zur Versöhnung in der Gemeinschaft, die täglich verkündet, gehört und erfüllt werden muss. Das Gebet des Herrn ist Appell zum Frieden und Verheißung des Friedens zugleich und soll in den Brüdern wirksam werden. Der Abt trägt das Gebet zwar vor, doch die Mönche sprechen es selber im Herzen mit. Damit gehen sie die Selbstverpflichtung ein, das gehörte Wort zu verwirklichen. Das Gebet des Herrn hat die geistliche Macht, Frieden zu stiften und ihn dauerhaft zu leben.

[© Die Tagespost vom 27.04.2006]